Im Kino
Kain und Abel im Pott
Die Filmkolumne. Von Benjamin Moldenhauer
02.07.2025. Schön drauflos gesplattert und geprügelt wird in Damian John Harpers Duisburg-Gangsterfilm "Frisch". Nur, wenn die Leute den Mund aufmachen, merkt man gelegentlich, warum Genrekino in Deutschland oft einen schweren Stand hat.
Jeder Genrefilm, der es in Deutschland von der Idee über das Förderantragswesen in die Realisierung und dann auch noch in die Kinos schafft, wird begleitet von der Klage, dass es hierzulande eigentlich kein Genrekino mehr gibt. Im Fall von "Frisch" zuletzt zum Beispiel in der taz und jetzt auch hier. Es stimmt ja auch. Das deutsche Förderwesen befördert nach eher dunklen Kriterien Filme in die Lichtspielhäuser, die das Feld des Unguckbaren meist nur knapp umfahren. Da freut man sich natürlich über alles, was Zuschauerin und Zuschauer rustikal einen mitgeben will und eher aufs Reptilienhirn zielt.
Trotzdem bleibt die Frage, wozu man überhaupt ein genuin "deutsches" Genrekino braucht, wenn man Zugriff hat auf das US- und das britische Kino und auf Filme aus EU-Ländern, die das inzwischen besser hinbekommen (Schweden, Dänemark, Frankreich, eigentlich alle; außerdem Südkorea). Es ist eh mehr da, als man in einem Leben sehen kann. Und die Geschichten sind ja auch, weil gerne im Mythos fundiert, wiederholte.
So auch bei "Frisch": Kain und Abel im Pott, hier Kai und Mirko: zwei ungleiche Brüder, der eine, kleine, tendenziell nicht ganz lebenstüchtig, aber eher gutartig, der andere ein manischer Soziopath. Der große Bruder kommt aus dem Knast zurück, der kleine hat die paar Tausend Euro für seine Frau (man will ja auch was bieten) und für eine notwendige OP an seiner Tochter rausgehauen. Das gibt natürlich Ärger mit dem älteren, dessen Lunte kurz und Jähzorn groß sind. Mirko schlägt gerne alle zusammen und versucht auch schon mal, sich auf Kais Frau Ayse zu werfen. Kai weiß sich nicht zu wehren und auch sonst niemand (ein Nebenbuhler Mirkos wird von ihm in einer besonders drastischen Szene vergewaltigt, Kai steht versteinert im Nebenzimmer und kann nicht hinsehen, als Sperma und Blut herauslaufen).

Überhaupt, die Drastik. Regisseur Damian John Harper haut hier nach dem eher harmlosen Kinder/Jugend-Fantasyfilm "Woodwalkers" mit spürbarer Lust auf die Pauke. Alles soll dreckig und fies und traurig sein in einer Stadt, durch die immer wieder Nebel schwebt. Die literarische Vorlage, der Roman "Fresh" des schottischen Autors Mark McNay, wurde von einer englischen Kleinstadt nach Duisburg verlegt. Sehr schön, dass hier alle Ruhrpottdialekt sprechen, in Deutschland seit Schimanski Signifikant für "Hier geht es jetzt zur Sache". Und auch ein Punkt, bei dem man merkt, das Genrekino ist einem hier zumindest räumlich näher. Kain und Abel und die Geschichte vom Bruder, der nicht seines Bruders Hüter sein möchte oder kann, funktioniert in Duisburg zumindest potenziell genauso gut wie in Brooklyn.
Zur Sache jedenfalls geht es: Kai arbeitet im Schlachthof und die Kamera fährt immer wieder kurz auf zerlegte Tierkörper, ein Auge wird rausgedrückt usw, Gewalt Gewalt. Dann haut sich wieder wer aufs Maul, auch in den dramaturgisch leider reichlich diffusen Rückblenden, die Gewalterziehung kommt vom Onkel, bei Kai verfängt sie nicht, er bleibt in der Opferposition, bis kurz vor Schluss, Mirko wird Täter und bleibt Täter. Toxisch ist das alles natürlich, jede Beziehung unter Männern kaputt und destruktiv und zu den Frauen auch.
Um das alles mit Wucht rüberzubringen, setzt Damian John Harper auf schnelle Schnitte und ab der Hälfte auf ein stark gesteigertes Tempo. Und auf die Macht der Straße. Wo alle Proll-Slang sprechen, wird es echt. Nur meldet sich leider außerdem ein großes Mankos des Genrekinos, insbesondere im deutschen Gangster- bzw. Kleingangsterfilm, zu Wort. Die Figuren reden wieder einmal, als seien sie auf Theaterbretter genagelt worden. Auch wenn einer einen totschlagen will und ihn entsprechend zusammenschreit, lässt man sich ausreden, hin und wieder ist gar noch Zeit für bedeutsame Pausen zwischen den Sätzen. Trotzdem aber schön, wie schlechtgelaunt und fatalistisch und mies gelaunt drauflos gesplattert und geprügelt wird. Da steckt schon mehr Elend, aber auch Leben drin, als in den meisten Förderantragsfilmen sonst.
Benjamin Moldenhauer
Frisch - Deutschland 2025 - Regie: Damian John Harper - Darsteller: Louis Hofmann, Franz Pätzold, Sascha Alexander Geršak, Canan Kir, Pinar Erincin - Laufzeit: 99 Minuten.
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