Im Kino

Metamorphosen

Die Filmkolumne. Von Carolin Weidner
29.05.2024. Die eine Frau flüchtet sich vor ihrer skandalösen Vergangenheit in Kuchenkreationen und Blumenarrangements. Die andere giert nach der Wahrheit, geht aber gleichzeitig auch den eigenen Gelüsten nach. In Todd Haynes' "May December" befindet man sich durchweg auf schwankendem Boden.

"How many pineapple upside down cakes can a family eat?" - eine berechtigte Frage, mit der Elizabeth (Natalie Portman) in einem Restaurant konfrontiert wird. Kuchen, die nicht sie selbst wie getrieben anfertigt, sondern Gracie (Julianne Moore), derentwegen sie nach Savannah, Georgia, gekommen ist. Gracie ist eine begnadete Bäckerin. Und auch Elizabeth darf in ihre Schule gehen. Dort wird ihr etwa erklärt, wie man Kirschen auf dem Kuchenboden sorgfältig verteilt (denn es zählt, wie Dinge aussehen). Das Backen hält Gracie "busy". Man könnte auch sagen, die Stunden in der Küche sind die ideale Ablenkung für eine Frau, die hin und wieder Pakete mit Kot zugesandt bekommt, und die sich mit den Hintergründen dieser üblen Sendungen lieber nicht befassen möchte. Wird einer der bestellten Kuchen einmal nicht wie erwartet abgeholt, bricht für Gracie eine Welt zusammen.

Elizabeth wiederum, Schauspielerin mit einem gewissen Bekanntheitsgrad, ist in Todd Haynes "May December" nach Savannah gekommen, um Gracie und ihre Familie zu studieren. Für eine Indie-Produktion soll sie das ungefähr zwanzig Jahre jüngere Abbild Gracies geben, deren Verhältnis mit dem damals 13-jährigen Joe Yoo landesweit für Schlagzeilen sorgte. Mittlerweile führen Joe (Charles Melton) und Gracie ein verhältnismäßig ruhiges Leben, die Affäre hat sich zu einer Ehe mit drei Kindern gewandelt, von denen die beiden jüngsten gerade ihren High-School-Abschluss gemacht haben. Mit Mitte Dreißig stellt Joe verwundert fest, dass aus seinem und Elizabeths Heim (ein recht opulentes Anwesen mit direktem Zugang zum Savannah River) ein "empty nest" geworden ist. Zeit für einen Neuanfang?

Elizabeth betritt die Bildfläche zu einem Zeitpunkt, an dem sich Joe gelegentlich in einem potenziell pikanten Nachrichtenaustausch mit einer Unbekannten verliert: Geht es vordergründig um die Rettung einer bestimmten Schmetterlingsgattung, deren Puppen in Joes und Gracies Wohnzimmer gemütlich ihrer Metamorphose nachgehen, fließt auch mal ein unschuldiger Hinweis auf ein bevorstehendes Schaumbad ein. Momente, die in der Rückschau allesamt mit dem unheilvoll-dramatischen Musikthema unterlegt scheinen, das Marcelo Zarvos ein bisschen unverfroren direkt aus Michel Legrands Kompositionen für "The Go-Between" (1971) übernommen hat.


Es sind Details, die in "May December" den Eindruck eines stets wankenden Bodens herstellen, einer Realität, die durch Kleinigkeiten direkt an Stabilität verlieren kann. Zumindest ist dies die Arbeitsthese Elizabeths, die sich durchaus obsessiv in jene "grey area" begibt, die Gracie so sorgfältig mit Ananasscheiben auskleidet und mit nahezu zwanghaft gestalteten Blumenarrangements dekoriert. Wer ist diese Frau, die sich einfach eine zweite Familie aufbauen konnte und ihr erstes Kind mit Joe im Gefängnis gebar? Eine skrupellose Sexualstraftäterin? Eine Romantikerin, die lediglich ihren Gefühlen folgt und dabei nichts auf gesellschaftliche Konventionen gibt? Elizabeth giert nach der "truth", die sie darin zu finden hofft, sich mehr und mehr in Gracie zu verwandeln. Plötzlich beginnt sie zu lispeln, trägt die gleiche Lippenstiftfarbe, räkelt und stöhnt in jener Tierhandlung, in der Joes and Gracies Beziehung ihren Anfang nahm.

Für Haynes wird Elizabeth zum Katalysator einer Erotik und Sinnlichkeit, mit der sich Gracie einst strafbar machte. Sie reinszeniert, kapert und geht auf diese Weise auch eigenen Gelüsten nach. In den Augen Joes erscheint sie hingegen wie jemand, der sich aufrichtig für ihn und seine Gefühlswelt interessiert. Elizabeth aber changiert, wähnt sich zu verstehen. Und begibt sich damit vermeintlich in den Kern des Skandalösen.

"May December" handelt vom Wechselspiel zwischen jenen, die Scheiße am Schuh haben, und anderen, die sich wie Mistkäfer magisch vom Geruch angezogen fühlen. Wahre Sympathie lässt Haynes lediglich für Joe aufkommen, der sich wie seine Puppen in einem Zwischenstadium befindet und beinahe reglos seines Schicksals harrt. Seinen sanften Zuckungen folgt man dafür umso gebannter. Und nichts wünscht man ihm mehr, als baldigst starke Flügel, die ihn weit, weit forttragen. Am besten an einen Ort ohne pineapple upside down cakes.

Carolin Weidner

May December - USA 2023 - Regie: Todd Haynes - Darsteller: Natalie Portman, Julianne Moore, Charles Melton, Andrea Frankle, Gabriel Chung u.a. - Laufzeit: 117 Minuten.