Im Kino
Angemessen hochgeschraubt
Die Filmkolumne. Von Rajko Burchardt
02.07.2024. Neonlichter, Retrowave-Klänge und schmierige Privatdetektive gibt es in Ti Wests "MaXXXine" zu bestaunen. Der vorläufige Abschluss der "X"-Trilogie um Hauptdarstellerin Mia Goth setzt den am Reißbrett entworfenen Kinouniversen der Blockbusterkonkurrenz Stilbewusstsein und ungezügelte Gestaltungslust entgegen.
Sie werde nur ein Leben akzeptieren, das sie auch verdiene, schwor sich Maxine Minx (Mia Goth) im Vintage-Slasher "X". Aus dem Mund der Porno- und späteren Horrordarstellerin klangen diese Worte der Selbstversicherung schon angsteinflößend, bevor sie als einzige Überlebende eines gründlich aus dem Ruder gelaufenen Filmdrehs zur blutigen Vergeltungstat schritt. Wie die Fortsetzung von "X" jetzt noch einmal in Erinnerung ruft, war es ihr als Fernsehprediger auftretender Vater, der Maxine solche Grundsätze eingebläut hatte. Zwar konnte die Tochter des evangelikalen Patriarchen ihrer Herkunftsfamilie entfliehen und im kalifornischen Sexgewerbe unterkommen (eines von mehreren Plotelementen, das Paul Schraders "Hardcore" entlehnt ist). Den autoritären Geist der Sekte, in die sie hineinwuchs, scheint Maxine jedoch nachhaltig verinnerlicht zu haben: Der Nachwuchsstar strebt nach Berühmtheit um jeden Preis - die ganze Welt werde einmal ihren Namen kennen, schrie es am Ende des Vorgängers aus Maxine heraus.
"MaXXXine", so der zwangsläufig auf Maximum gehende Titel des Sequels, verlegt das posttraumatische Geschehen ins Los Angeles des Jahres 1985. Hier erhofft sich die sichtlich gezeichnete Maxine einen Absprung vom Pornozug, um stattdessen im florierenden Horrormarkt als zweite Jamie Lee Curtis durchstarten zu können. Ihre Verstrickung ins "Texas Porn Star Massacre", wie die Presse das Blutbad aus "X" betitelte, hält sie gegenüber Agenturen und Kollegenschaft geheim. Maxines Bemühungen, die Ereignisse buchstäblich zu überpinseln, werden von regelmäßigen Flashbacks und spontanen Wutausbrüchen durchkreuzt - der ständig zugekokste Superstar in spe agiert aus einer emotionalen Schräglage heraus, die mit den Bedingungen der US-Filmmetropole problemlos vereinbar scheint: Als sich permanent selbst in Szene setzende Kunstfigur kommt Maxine - der energische Tollkopf mit den riesigen Fönwellen, die ungezügelte Krawallbürste mit dem "X-Faktor" - überhaupt nur in einer von Scheinwerferlichtern erstrahlten Welt gebührend zur Geltung.
Hollywood also: "Tinseltown, Kalifornien", verrät die Einblendung zu Beginn. Schöner noch als Filme über das "La La Land", in denen hinter die Kulissen geschaut und verstohlen durch Schlüssellöcher geblickt werden darf, sind Hollywood-Geschichten, die auch das Schamlose und Voyeuristische dieser Beschäftigung mit dem eigenen Milieu auskosten. Tatsächlich entwerfen viele Tinseltown-Thriller den Handlungsort als einen Kulminationspunkt alles modernen gesellschaftlichen Übels, das für die Stoffe der sogenannten Traumfabrik lediglich von der Straße aufgelesen werden muss. In solchen genregerechten Übertreibungen, der betriebsblinden Mischung aus Nostalgie und Verdammung, bekommen diese Filme etwas zu fassen, das einem ungetrübten Blick möglicherweise entgehen würde - spezifische Beobachtungen über die Stadt, in der sie spielen, und über die Verhältnisse, von denen sie erzählen.

Produktive Trübung kann dabei die Ästhetik sex- und gewalthaltiger Schmuddelproduktionen schaffen, in die von Hollywoodverbrechen vielfältigster Art handelnde A-Filme mit B-Movie-Aura wie Brian De Palmas "Body Double" oder Wes Cravens "Scream 3" genüsslich eintauchen - weil sie für ihre mit der Filmindustrie mehr oder weniger freiwillig verzahnten Heldinnen und Helden neben großen Gefahren auch überwältigende Chancen birgt. Ti West, der kulturhistorische Sentimentalist unter den Genrefilmemachern der Gegenwart, scheint eben darin den speziellen Reiz seiner Vorbilder ausgemacht zu haben. "MaXXXine" begreift die erbarmungslose Ökonomie des Unterhaltungsgeschäfts im Allgemeinen und der Exploitation-Filmproduktion im Besonderen nicht nur als dekorativen Kontext angeranzter Hollywood-Folklore, sondern als einen Nistplatz hemmungslos dramatischer Gesten und angemessen hochgeschraubter Gefühle.
Für Maxine Minx führen die gigantischen Schiebetüren der Studiobühnen, die sie in der großartigen ersten Einstellung des Films mühsam aufschiebt, um für eine Horrorfilmfortsetzung vorzusprechen, zu den Brettern, die die Welt bedeuten. Slasher-Sequels garantierten in den 1980er Jahren selbst namhaften Produzenten volle Kassen und boten zahlreichen angehenden Kinostars ein Karrieresprungbrett, wenngleich Horrorfilme dabei auch die ungeliebten Kinder im Hollywood jener Zeit waren: Ein von der Kritik verachtetes Medium der vermeintlichen Verrohung, das im aufkeimenden Geschäft mit Videokassetten selbst vor heimischen Wohnzimmern nicht Halt zu machen drohte. Befeuert wurden die seinerzeit hysterisch geführte Diskussionen um Gewaltverherrlichung und Jugendschutz von der "Satanic Panic", einer besonders in den USA grassierenden Angst vor rituellen Gräueltaten, für deren Zunahme die damalige Film- und Musikindustrie mitverantwortlich gewesen sei.
Ti West positioniert die Titelfigur gezielt in den Spannungsfeldern dieser aufgeheizten Ära, von deren Absonderlichkeiten und Widersprüchen er fasziniert ist, ohne gleich in sehnsuchtsvolle Affirmationsgebärden zu verfallen. Worin "MaXXXine" ein wenig Quentin Tarantinos "Once Upon a Time in Hollywood" ähnelt: Der Film bewahrt sich eine charmante, der Verbundenheit zum Material geschuldete Naivität, die ästhetische Evokation nicht mit besinnungsloser Retrophilie verwechselt. So bekommt es Maxine im Laufe der Handlung mit einem Serienmörder in Giallo-Montur zu tun, der um ihr dunkles Geheimnis zu wissen scheint, muss sich mit Ermittlern des LAPD sowie einem lästigen Privatdetektiv herumschlagen (hinreißend schmierig: Kevin Bacon), während die Regisseurin des Horrorfilms, für den sie engagiert wurde, keinerlei Interesse für die Probleme ihres Stars zeigt. Maxine wandelt allein durch eine Welt, deren Ruchlosigkeit auch die größten Nostalgiker nicht übersehen können.
Nach "X" und dessen zwischengeschobenem Prequel "Pearl" ist "Maxxxine" der vorläufige Abschluss einer Filmreihe, die von zwei scheinbar gegensätzlichen Frauen zusammengehalten wird. "Pearl" war ein schamloses Vergnügen, das seine mörderische Titelfigur als verhinderte Showgröße und durchgeknalltes Landei präsentierte - eine Leinwandkreation, die im völlig entfesselten Spiel Mia Goths sowohl Aversion als auch Mitgefühl hervorzurufen verstand. "X" wiederum ließ die nunmehr greise Pearl auf ihr jüngeres Ebenbild Maxine treffen, in deren sexueller Ungezwungenheit sie noch einmal alle Chancen auf Glanz und Gloria zu erkennen glaubte, die ihr selbst geraubt worden waren. Wo "X" zeitgenössischem Porno Chic sowie körniger Terrorkino-Ästhetik huldigte und "Pearl" als derangiertes Technicolor-Melodram daherkam, leuchtet ""MaXXXine" in Neonlichtern zu Retrowave-Klängen auf. Drei Filme als munterer Tummelplatz von Farben und Formen, über den zwei der absonderlichsten Erscheinungen der jüngeren Filmgeschichte blutrote Spuren ziehen.
Mögliche Ideen für weitere Kapitel schwirrten ihm bereits im Kopf herum, versicherte Ti West noch vor dem Kinostart von "MaXXXine". In gewisser Weise liefert er mit seinem eigentümlichen "X"-Franchise eine Antwort auf den leidigen Kino- und Fernsehtrend des in sich verflochtenen Uni- bzw. Multiversums. Zwar bilden auch "Pearl", "X" und "MaXXXine" eine mehrere Epochen umspannende Quererzählung, die immer wieder beherzt auf sich selbst verweist. An die Stelle von Einheitlichkeit und Stringenz jedoch, wie sie beim Franchise-Comicriesen Marvel oder auch in seriellen Horrorfilmprojekten wie dem "Conjuring Universe" selbstverpflichtendes Konzept sind, treten genrefilmhistorisch geschultes Stilbewusstsein sowie zügellose Gestaltungslust. Anders gesagt: In der unberechenbaren Mischung aus Schund und Schönheit des "X"-Universums ist tonale Divergenz ein Feature und kein Bug.
Rajko Burchardt
MaXXXine - USA 2024 - Regie: Ti West - Darsteller: Mia Goth, Elizabeth Debicki, Moses Sumney, Michelle Monaghan, Bobby Cannavale, Kevin Bacon - Laufzeit: 104 Minuten.
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