Im Kino
Wie können wir auch so fröhlich sein?
Die Filmkolumne. Von Fabian Tietke
13.11.2025. Wie das private Glück genießen, wenn man allseits von moralisch Verlotterten umgeben ist? Nadav Lapids "Yes" ist einer der drängendsten Filme des Jahres.
Der wirbelnde Farbstrudel einer Party eskaliert schnell in eines der verstörendsten Wettsingen der Filmgeschichte: Während Yasmine und ihr Tanzpartner Y, kurz nachdem er beinahe im Pool ertrunken ist, auf einem Tisch tanzend die Party zum aus den Boxen dröhnenden "Be My Lover" von La Bouche wiederaufnehmen wollen, drängt die Partycrowd, angeführt vom Generalstabschef der israelischen Armee, drohend heran und gröhlt "Love Me Tender" wie eine Horde Männer auf einem Junggesellenabschied. Die Kamera wechselt zwischen dem Partypaar und der grölenden Menge. Erst als Yasmine Y auffordert, den Generalstabsschef gewinnen zu lassen, weicht das Gegröle Elvis Presleys sanft schmalziger Originalversion. Die Kamera verharrt auf dem Paar, das ganz in die Zärtlichkeit füreinander versunken ist. Dann folgt ein Schnitt auf ein aufgeschlagenes Buch mit einem Ausschnitt von George Grosz' Gemälde "Die Stützen der Gesellschaft" von 1926. Schon die Eingangsszene zu Nadav Lapids virtuoser, bildgewaltiger Auseinandersetzung mit der israelischen Gegenwart wirkt wie eine Film gewordene Adorno-Paraphrase: "Es gibt kein richtiges Leben in Flaschen".
In ihrer Laszivität verkörpern Yasmine (Efrat Dor) und Y. (Ariel Bronz) den kalkulierten Exzess einer selbstherrlichen, saturierten Gesellschaft, die längst nicht mehr über das Meer aus geschwenkten Fahnen hinausschauen kann, mit dem sie sich fortwährend umgibt. Die Party hat dank ihnen den Charakter einer Orgie, in der sich die sexuelle Aufladung entlädt, die der Machtgeilheit der übrigen Partygäste entspringt. Das Partypaar wird von einer älteren Frau von der Party weg in ihre Villa abgeschleppt. Während die Frau sich auf eine Nacht voller Sex vorbereitet, streift Y durch ihr Haus, schießt mit einer Pistole aus ausgestreckten Fingern auf ein Foto der Familie der Frau und wird im Treppenhaus von den philippinischen Haushaltshilfen verwundert zur Kenntnis genommen.
Lapids Film verweigert sich konsequent jenem Oberflächenkino, zu dem die Satire im aktuellen Autorenfilm oft verkommen ist. Stattdessen setzt er unablässig auf Brüche bis hin zu Abgründen im Bild, in den Figuren und in der Gestaltung des Films insgesamt. Eines der zentralen Stilmittel seines Films sind Reißschwenks, in denen die Welt vor der Linse der Kamera verschwimmt. Sie verbannen die Umwelt aus dem Blick und gewähren den beiden Protagonisten eine kurze, kostbare Flucht in ihre eigene Innenwelt.

Jenseits von Parties ist das Partypaar nur eines von vielen jungen Paaren in Tel Aviv. Die beiden leben mit ihrem Sohn Noah, geboren einen Tag nach dem Massaker der Hamas, in der Altstadt von Tel Aviv, mit viel Freude und Liebe. Doch immer wieder bricht der Alltag des Kriegs und des Mordens im Gazastreifen in das ungestörte Leben. Das Handy pingt und Meldungen von getöteten Palästinensern bringen den Alltag für einen kurzen Moment zum Einsturz. Doch beide haben lange schon beschlossen, sich dem Willen zur Ausblendung, der die Eintrittskarte zur israelischen Elite ist, nicht zu widersetzen. In einem der Momente, die Y. mit dem gemeinsamen Sohn verbringt, rät er ihm, so früh wie möglich zu kapitulieren.
Die Selbstunterwerfung erreicht eine neue Dimension, als Y. das Angebot erhält, eine patriotische Hymne zu komponieren. Schon bevor sich das Leben der beiden grundlegend ändert, sind die Begegnungen mit dem Establishment in ihrer Mischung aus Selbstverliebtheit und Abgestumpftheit von beeindruckender Widerwärtigkeit. "Yes" ist ein wütender Film, der die Verkommenheit eines Teils der israelischen Gesellschaft unerbittlich ins Bild rückt und zugleich deutlich macht, wie omnipräsent die Konfrontation mit diesem ist. Y. und Yasmine mögen im Privaten ihr Glück leben, doch um Geld zu verdienen, sind sie auf eben diese moralisch Verlotterten angewiesen. Der Spagat zwischen dem Brechreiz, den die Außenwelt hervorruft und der Zärtlichkeit, die die Momente der Zweisamkeit prägt, wird immer schwerer aufrechtzuerhalten.
Nadav Lapids Film feierte im Frühsommer auf dem Filmfestival in Cannes Premiere - doch nicht im Wettbewerb wie man es nach "Aheds Knie", der 2021 in Cannes im Wettbewerb lief, und "Synonymes", der 2019 in Berlin den Goldenen Bären gewann, hätte erwarten können. Stattdessen wurde einer der drängendsten Filme des Jahres in die Nebenreihe Quinzaine des cinéastes abgeschoben, was Spekulationen über einen stillen Boykott des Films befeuerte.
Etwa zur Hälfte des Films sitzen Yasmine und Y. in einem edlen Restaurant an der Promenade von Tel Aviv. Y. blickt hinaus aufs Meer, auf einen Frachter, auf dem Partybeleuchtung glüht. "Wie können wir auch so fröhlich sein?" Was diese einfache Szene auf den Punkt bringt: Wenn das Leben auf einem Frachter unter den Arbeitsbedingungen, die im globalisierten Kapitalismus herrschen, zur Utopie wird, ist etwas grundlegend verkehrt.
"Yes" ist in seiner Kritik am real existierenden Israels, seiner Politik, seinem Hurra-Patriotismus unerbittlicher und präziser als nahezu jede der mittlerweise fast unvermeidlich ins Ressentiment abdriftenden Auseinandersetzungen mit Israel, mit denen man sich in Europa herumschlagen muss. Wichtiger noch ist jedoch eine andere Differenz: "Yes" ist unübersehbar geprägt von einer Trauer über die Zustände in Israel und so melancholisch, dass das Weinen oft direkt neben dem Lachen liegt. In seiner Kombination von politischer Analyse, Positionierung und einem Bekenntnis zu der ganzen Bandbreite von filmischen Gestaltungsmöglichkeiten ist "Yes" noch etwas anderes: ein unzweifelhafter Höhepunkt des Kinos der Gegenwart.
Fabian Tietke
Yes - Israel 2025 - Regie: Nadav Lapid - Darsteller: Ariel Bronz, Efrat Dor, Naama Preis, Alexei Serebrjakow u.a. - Laufzeit: 150 Minuten.
Kommentieren



