Magazinrundschau

Etwas Süßes dazu wäre wahnsinnig gut

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
14.04.2026. HVG kann es noch kaum fassen: Viktor Orban ist abgewählt! New Lines kostet gebratenen Fisch nach Lahori-Art. La Regle du Jeu erinnert daran, wie Marcel Reich-Ranicki einen unbekannten spanischen Autor berühmt machte. Tablet untersucht den Beitrag der Rechten zur Dritte-Welt-Bewegung. Aktualne schwärmt von den Fotos des Philosophen Miloslav Kubeš, der das Prager Alltagsleben der 60er-Jahre einfing. Der New Yorker verzeifelt in einer Ausstellung über New Humans. Die NYT sucht immer noch den Erfinder des Bitcoin.

HVG (Ungarn), 14.04.2026

Viktor Orbán wurde am Sonntag nach 16 Jahren Regierungszeit abgewählt. Árpád W. Tóta kann es in der Online-Ausgabe von HVG noch kaum fassen: "Es wird Phasen geben wie bei einer Trauer. Ungläubigkeit. Der Verdacht, dass es doch nicht wahr ist, dass wir doch wieder aufwachen werden. Angst, denn wir haben uns schon daran gewöhnt. Wir haben uns gewehrt, aber wir haben uns eingerichtet. Wir hatten Strategien, Geschäftspläne und Witztechniken dafür. Ein metastasierender Krebs verschwindet, der sich in jeder Faser und jedem Innersten festgesetzt hat. Wir wissen gar nicht mehr, wie gut es ohne ihn ist. Wir können gar nicht aufzählen, was sie alles gestohlen, zerstört und unter ihren Arsch gesteckt haben. Denn so ist die Staatspartei, und so war Fidesz. Wirtschaft, Kultur, Schule, Presse, Glaube, Straßenbild, unsere Außen- und Bündnisbeziehungen, unser Schlafzimmer. Es war ein ständiger Kampf, sich ihrer Sprache und ihrer engstirnigen Weltanschauung zu entziehen. (…) Die Vernichtung ist vollständig. Orbán und seine Bande erzählen seit Jahrzehnten, dass sie die Nation seien. Und seit Jahrzehnten erklären wir ihnen, dass das nicht stimmt. Die Nation ist größer und vielfältiger als jede Partei. Für Argumente und Logik waren sie taub. Es bedurfte einer emotionalen Wende um zu beweisen: Sie sind ganz sicher nicht die Nation. Höchstens eine seltsame Subkultur davon."
Archiv: HVG

Magyar Narancs (Ungarn), 14.04.2026

Noch kurz vor den Wahlen versuchte die Publizistin Emese F. Szabó sich nach 16 Jahre Fidesz-Regierung keine großen Hoffnungen zu machen: "Im Frühjahr 2026 werde ich 45 Jahre alt sein, mein Kind 14, und es will nach dem Abitur aus diesem Land wegziehen. Vielleicht würden vier Jahre ohne die NER seine Meinung ändern, vielleicht auch nicht. Ich veranstalte wieder eine Party, um auf die Ergebnisse zu warten, größtenteils mit denselben Leuten wie vor acht Jahren. Größtenteils, denn einige leben nicht mehr hier. Wir werden sicher etwas trinken, aus dem einen oder anderen Grund. (...) Auch beim Marathon hatte ich das Ziel erst dann in der Tasche, als nur noch zweihundert Meter übrig waren und ich die Ziellinie schon sah, also mache ich mir jetzt auch keine voreiligen Hoffnungen, egal was wer misst oder erwartet. Ich möchte mich einmal freuen, aber dann richtig, und ich möchte nicht noch einmal enttäuscht werden. Und was auch immer passieren mag, ich möchte nicht über die verlorenen 16 Jahre jammern, denn damit würde ich nur weitere Minuten unnötig verschwenden wegen Menschen, die nichts verdienen. Keiner von uns hat Minuten zu verschwenden. Nur das Jetzt zählt, aber etwas Süßes dazu wäre wahnsinnig gut."
Archiv: Magyar Narancs

New Lines Magazine (USA), 13.04.2026

"Ungarn ist für China das Tor zum Kontinent und zur Europäischen Union geworden", erklärt Lili Rutai, und zwar durch die Elektro-Mobilitätsbranche: "Zwischen 2014 und 2025 entwickelte sich Ungarn, ein kleines Land mit 9,5 Millionen Einwohnern, nach Indonesien zum zweitgrößten Empfänger chinesischer Direktinvestitionen in die Elektromobilität weltweit. Insgesamt flossen in diesem elfjährigen Zeitraum 18 Milliarden Dollar an Investitionen nach Ungarn - mehr als die gesamten chinesischen Investitionen in Nordamerika und Australien im selben Zeitraum." Während die EU den wirtschaftlichen Einfluss Chinas im Westbalkan nach mehreren Unfällen, wie dem Einsturz des Bahnhofsdaches in der serbischen Stadt Novi Sad (unser Resümee), und Korruptionsvorwürfen gesetzlich eingedämmt hat, bleiben chinesische Technologien im Bereich "Grüne Energie" dominant, sie werden für die Energiewende als unerlässlich angesehen - und führen dabei nicht selten zu Umweltkatastrophen, so Rutai: "Im Februar enthüllte das ungarische Medienunternehmen Telex, dass den Behörden gravierende Umweltverschmutzungen in einer Samsung-Batteriefabrik in God, einer Stadt 22 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, bekannt waren. Die Bevölkerung vor Ort und unabhängige Medien schlugen wiederholt Alarm. Dennoch unternahmen die ungarische Regierung und die lokalen Behörden nichts, um Samsung zur Einhaltung der Gesetze oder zur Einstellung des Betriebs zu zwingen. Sie befürchteten, dass eine strengere Durchsetzung der Gesetze Batteriehersteller davon abhalten könnte, in Ungarn zu investieren." 

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Surbhi Gupta applaudiert jungen pakistanischen Gastronomen und Gastronominnen, die der pakistanischen Küche in den USA zu mehr Sichtbarkeit verhelfen. Auch Kochbücher spiegeln die neu entdeckte Vielfalt wieder, wie zum Beispiel Maryam Jillanis Buch "Pakistan", das pakistanische Rezepte mit einer Kulturgeschichte des Landes verbindet: "In ihrem Buch über die pakistanische Diaspora argumentiert sie, dass ein Grund für die mangelnde Sichtbarkeit der pakistanischen Küche in ihrer häufigen Verwechslung mit indischem Essen liegt. Viele Restaurants in den USA, die von Pakistanern geführt werden, wurden als indisch vermarktet, da die Kundschaft zwar ein gewisses Verständnis der indischen Küche hatte, nicht aber der pakistanischen. Das bedeutete, dass ihre Speisekarten indische Gerichte wie Butter Chicken und Chana Masala (Kichererbsencurry) enthielten, nicht aber pakistanische wie beispielsweise gebratenen Fisch nach Lahori-Art (paniert mit einer Gewürzmischung aus Ajowan, Kreuzkümmel und Koriandersamen) oder Haleem, einen dicken Rindfleisch-Gersten-Linsen-Brei mit gebratenen Zwiebeln, Ingwerstreifen und Zitronensaft. Jillani erkennt zwar die Überschneidungen zwischen den Küchen aufgrund der gemeinsamen Geschichte der Länder an, argumentiert aber, dass die übermäßige Betonung dieser Ähnlichkeiten auf Kosten der pakistanischen Küche aus Provinzen und Gebieten wie Belutschistan, Khyber Pakhtunkhwa und Gilgit-Baltistan ging und die Entwicklung der Küche seit der Teilung vernachlässigte. So findet sich beispielsweise wenig Literatur über das gesalzene Lammgericht - am Spieß auf einem Holzkohlegrill oder in einem großen, geschwärzten Wok über Tomatensoße gebraten -, das vom Shinwari-Stamm stammt, der sowohl in Pakistan als auch in Afghanistan ansässig ist. Ebenso wenig findet sich etwas über die Fischergemeinden im Süden Pakistans, die Krabben, Garnelen und Dutzende von Fischsorten grillen, braten oder in reichhaltig gewürzte Currys einarbeiten. In Karatschi, Pakistans größter Stadt, gibt es Nihari, den langsam geschmorten Fleischeintopf, oder unzählige Biryani-Varianten, die die Geschichten verschiedener Migrantengemeinschaften erzählen, die die Stadt ihr Zuhause nennen." Guten Appetit!

La regle du jeu (Frankreich), 13.04.2026

Es gibt Leute, die bezeichnen es als eine "Debatte über Literaturkritik", wenn darüber diskutiert wird, dass Denis Scheck ein Buch von Ildikó von Kürthy in die Mülltonne geworfen hat. Da mag es passen, dass der bekannte Autor Arturo Pérez-Reverte im Gespräch mit Daniel Ramírez sich einer anderen Episode aus der Geschichte der deutschen Literaturkritik entsinnt. Er erinnert daran, dass der Ruf Javier Marias' in Deutschland (mit großem Widerhall in anderen Ländern) durch eine enthusiastische Besprechung seines Romans "Mein Herz so weiß" von Marcel Reich-Ranicki im "Literarischen Quartett" geradezu geschaffen wurde. "Es war ein deutscher Kritiker, der den Stein ins Rollen brachte, indem er Marias' Werk im Fernsehen in den höchsten Tönen lobte. Das war landesweit ein riesiger Erfolg. Diese Art der Literaturkritik war normativ und zudem fundiert, was das Wesentliche ist. Die Kritiker verfügten über eine erstklassige Bildung." Dieser Typus des Kritikers ist heute laut Pérez-Reverte verschwunden. Dass heutige Kritiker diesen Status nicht mehr erreichen ist nicht ihre Schuld, so der Autor: "Ich glaube, das hat eher mit dem Kontext zu tun. Die heutige Gesellschaft schafft keine prestigeträchtigen Kulturikonen mehr. Kulturikonen, die heute entstehen, sind in der Regel Wegwerfware. Früher hatte ein Literaturkritiker einen klaren Lebensplan. Er war jemand, der sich schon sehr früh auf die Kritik konzentrierte: Er kannte die Klassiker und das, was man als neue Erzählformen bezeichnete. Ein echter Spezialist. Sie schrieben sehr fundierte, kanonische Kritiken. Wenn der Kritiker eine Diskussionsrunde betrat, verstummten die Leute. Das war der beste Ausdruck seines Einflusses. Die sozialen Netzwerke haben die Literaturkritik demokratisiert. Und das hat die Kritiker zerschlissen. Es hat ihre Einflussmöglichkeiten beschnitten. Und auch die der Autoren selbst."

Hier die Diskussion über Javier Marias aus dem "Literarischen Quartett" von vor dreißig Jahren. Eingeführt wird der Roman "Mein Herz so weiß", der sich nach der Sendung 600.000 mal verkaufte, vom Dlf-Kritiker Hajo Steinert.

Archiv: La regle du jeu

Tablet (USA), 13.04.2026

Marc Weitzmann, ein bekannter französischer Radiojournalist, der lange eine Gesprächssendung bei France Culture hatte, sucht nach Bezugspunkten des russischen rechtsextremenen Theoretikers Alexander Dugin in Frankreich. Und er findet eine Menge: Dugin hat sich schon sehr früh dem legendenumwobenen Gründer der Neuen Rechten Alain de Benoist angenähert, und von hier aus ergeben sich überraschend vielfältige Verzweigungen in den Rechtsextremismus, aber auch nach ganz links und in den Islamismus. Verküpfungen ergeben sich aber auch schon in der Mitte, denn Frankreich spielte in der intellektuellen Geschichte der Nachkriegszeit eine besondere Rolle durch seinen Antiamerikanismus, der sowohl rechte als auch linke Denker bewegte. Und Charles de Gaulle! Dugin selbst schrieb: "Das gaullistische Projekt war ein Versuch, ein von den Vereinigten Staaten unabhängiges Europa zu schaffen." Dieser Analyse kann Weitzmann nur zustimmen: "1966 zog De Gaulle Frankreich aus dem integrierten Kommando der NATO zurück, und ein Jahr später, während des Sechstagekrieges, kündigte er mit seiner berühmten Bemerkung über die Juden - 'dieses herrschsüchtige und selbstbewusste Volk' - das Bündnis Frankreichs mit Israel auf und wandte sich den arabischen Ländern zu … Zwar ist es wahr, dass Paris zwischen den 1950er und 1970er Jahren zur Wiege dessen wurde, was heute als 'Dritte-Welt-Bewegung' bekannt ist, doch der Beitrag der Rechten zu dieser Geschichte ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Ja, in den Cafés von Saint-Germain-des-Prés, in denen sich die Ho Chi Minh, Frantz Fanon und Ben Barka tummelten, wurde von engagierten marxistischen Aktivisten lebhaft über Kolonialisierung diskutiert. Doch der erste europäische Aktivist, der 1968 mit der Waffe in der Hand für die palästinensische Sache starb, war keiner von ihnen. Es war ein Faschist namens Roger Coudroy, ein Mitglied von 'Jeune Europe', der seit seiner Konversion zum Islam als As Saleh bekannt war."
Archiv: Tablet

Aktualne (Tschechien), 07.04.2026

Jan Bezucha empfiehlt wärmstens die Fotografie-Ausstellung "Mensch, wer bist du?" des Philosophen und Amateurfotografen Miloslav Kubeš (1927-2008), die noch bis zum 20. April in der Leica Gallery Prague läuft: Seine Bilder fingen Menschen auf natürliche Weise ein, "wie sie, in sich selbst versunken, die Umgebung nicht wahrnehmen. (…) Seine Hauptthemen sind die Einsamkeit inmitten der Masse, die Langeweile inmitten von Vergnügungen", und die Aufnahmen reichen von der Kindheit bis ins hohe Alter. "Auf eine absolut zeitlose Weise fing Kubeš den 'Homo consumens' ein, den von der Konsumgesellschaft absorbierten Menschen, und er kommentierte ironisch: 'Haben heißt Sein.' Seine Fotografien suchen Antworten auf die ewigen Fragen: Lassen sich die menschlichen Werte, Gefühle und Beziehungen im Bruchteil einer Sekunde einfangen? Kann die Fotografie Hass, Liebe, Einsamkeit oder Neid ans Tageslicht bringen?" Die Niederschlagung des Prager Frühlings hatte zur Folge, dass Kubeš' Aufnahmen lange in Kisten verborgen blieben, und die meisten von ihnen wurden nie publiziert oder ausgestellt. Dennoch haben sie mit ihrem sehr eigenen, rohen und zugleich poetischen Stil die Zeit überdauert bzw. seien ihrer Zeit voraus gewesen, versichert Bezucha. "Kubeš hat das Prager Alltagsleben der 60er-Jahre mit seiner unverwechselbaren Atmosphäre eingefangen und vervollständigt die neu entdeckte Geschichte der tschechischen Fotografie."
Archiv: Aktualne

New Statesman (UK), 14.04.2026

Marc Bennetts war lange Jahre Russlandkorrespondent für die Times, in seinem Buch "The Descent" geht es unter anderem um den Weg des Landes in die Autokratie. Wie konnte es dazu kommen? Natürlich spielt der staatliche Terror gegen die Opposition eine wichtige Rolle, lernt Grigor Atanesian. Doch daraus folge nicht, dass das System Putin von der Bevölkerung aktiv gestützt wird. So verweise Bennetts "auf das nahezu vollständige Fehlen von spontanen, regierungsfreundlichen oder - seit 2022 - kriegsbefürwortenden Kundgebungen. Um eine einigermaßen große Beteiligung zu erreichen, mussten sowohl die zentralstaatliche als auch die lokalen Regierungen entweder Beschäftigte im öffentlichen Dienst zur Teilnahme zwingen - oder zufällige Personen dafür bezahlen. Bennetts erzählt eine faszinierende Geschichte von einer pro-Putin-Veranstaltung im Jahr 2018 in Tjumen in Westsibirien. Sie wurde von lokalen Oppositionsaktivisten organisiert, die herausfinden wollten, wie viele Menschen teilnehmen würden, wenn weder Bestechungsgelder angeboten noch Druck ausgeübt wird. In einer Stadt mit über 800.000 Einwohnern erschienen lediglich sieben Männer." Wie kann man dann erklären, dass sich das System ohne große Widerstände an der Macht hält? "Man gewinnt den Eindruck, dass dies eine Folge der tiefen Armut ist, in die Millionen Menschen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gestürzt wurden. Der erste berufliche Kontakt des Autors in Russland im Jahr 1997 war eine Frau mit 'einem Schal, der um die untere Hälfte ihres Gesichts gewickelt war'. Später stellte er fest, dass 'es ihr peinlich gewesen war, dass ein Ausländer ihre geschwärzten, bröckelnden Zähne sieht'. Und während sich das Leben in den Großstädten allmählich verbesserte - und es in Moskau in den letzten zwei Jahrzehnten manchen sehr gut ging -, hat sich für einen großen Teil Russlands nur sehr wenig verändert. Doch so gering die Verbesserungen im Alltag auch gewesen sein mögen, sie schienen Grund genug sein, die Herrschaft Putins zu akzeptieren. Der Autor fasst diese Logik so zusammen: 'Was waren schon ein paar gestohlene Stimmen im Vergleich zu einer Garantie für Wärme und Strom?'"

Außerdem: Für John Gray hat Donald Trump mit dem Irankrieg das Ende des amerikanischen Imperiums eingeleitet.
Archiv: New Statesman
Stichwörter: Russland, Putinismus

Seznam Zpravy (Tschechien), 04.04.2026

Anna Hrdinová unterhält sich mit dem russischen, im Londoner Exil lebenden Schriftsteller Boris Akunin über die Situation für Künstler im Putin-Russland. Der Kreml, so Akunin, habe sich stets mehr für populäre Sänger oder Schauspieler interessiert als für Schriftsteller. "Zum Glück für uns Schriftsteller denken diese Leute, dass Literatur nicht wirklich wichtig sei." Entsprechend sei die Buchbranche noch lange eine realitiv freie Zone geblieben, als die meisten anderen Kulturbereiche schon geschlossen wurden. "Ich erinnere mich, dass in den Jahren 2022-2023 meine Theaterstücke eins nach dem anderen zensiert wurden, und zwar auf eine bizarre Weise - indem man einfach den Autornamen von den Plakaten entfernte. Meine Bücher konnte man allerdings weiterhin überall kaufen." Der Bruch sei dann im Dezember 2023 gekommen, als seine Bücher verboten wurden und zunehmend auch die Bücher anderer Autoren. Nun gelte er als das verkörperte Böse, als "ausländischer Agent" und "Terrorist", und sei in Abwesenheit zu 15 Jahren strengster Haft verurteilt worden. Akunin ist überzeugt, dass man mit der Unterstützung der freien russischen Kultur dem Regime schaden könne. Sein Hoffnungsschimmer sei, "dass die meisten talentierten und kulturell bedeutsamen Künstler - Theater- und Filmregisseure, Musiker, Schriftsteller, Journalisten, Youtuber usw. - sich gegen das Regime aussprechen. Auch wenn die meisten von uns sich jetzt außerhalb von Russland befinden, haben wir unser Publikum auch innerhalb des Landes, manche sogar ein riesengroßes Publikum." Über die von Akunin mitgegründete Plattform Babook seien Bücher des freien Russland zu haben - über zwanzig unabhängige Verlage seien daran beteiligt, und ihre Anzahl steige. "Jeden Tag kommen neue Manuskripte an, auch aus Russland (meist unter Pseudonym). Wenn ein Russe sich in einer schwierigen Situation befindet, schreibt er ein Buch."
Archiv: Seznam Zpravy

New York Times (USA), 08.04.2026

Die Frage, wer der Erfinder von Bitcoin ist - angeblich ein Japaner namens Satoshi Nakamoto, sorgt bis heute für Kopfzerbrechen. Die HBO-Dokumentation "Money Electric" meinte, einen kanadischen Software-Entwickler entlarvt zu haben. Aber John Carreyrou mag in einem epischen Artikel nicht daran glauben und hat einen anderen Vorschlag: Es handelt sich um den 50-jährigen Briten Adam Back, der auch in der Doku interviewt wurde. Carreyrou erzählt, wie er ihm auf die Spur kam: Er las die Texte in alten Cypherpunk-Foren, die sich noch vor dem WWW in Mailing-Listen tummelten, suchte hier nach bestimmten Schlagworten, und glich diese Schlagworte wiederum mit Äußerungen einiger Verdächtiger auf Twitter ab. Die bei weitem größte Häufung von Schlagworten wie wie "abandonware", "hand tuned" und "a menace to the network" fand er bei Adam Back, der auf Twitter 830.000 Follower hat und im Bitcoin-Bereich unternehmerisch tätig ist. Carreyrou erzählt, wie er Back auf einer Konferenz in Las Vegas ansprach, wo dieser offen aus seiner Geschichte erzählte: "Back erzählte, dass er sich im Alter von 11 Jahren auf einem Timex-Sinclair-PC das Programmieren selbst beigebracht habe und sich in der High School für Kryptografie zu interessieren begann. An der Universität Exeter entwickelte sich daraus eine Leidenschaft, als ein Kommilitone Back, der gerade seinen Doktor in Informatik machte, auf 'P.G.P.' aufmerksam machte - ein kostenloses Verschlüsselungsprogramm, das von Anti-Atomkraft-Aktivisten und Menschenrechtsgruppen genutzt wurde, um ihre Dateien und E-Mails vor staatlicher Überwachung zu schützen. Back war von den Anwendungsmöglichkeiten von PGP - kurz für 'Pretty Good Privacy' - so begeistert, dass er nach eigenen Angaben den Großteil seiner Promotionszeit damit verbrachte, 'tief in den Kaninchenbau der Kryptografie einzutauchen'. Er habe sich so sehr davon ablenken lassen, erinnert er sich, dass er seine Dissertation in die letzten sechs Monate an der Universität quetschen musste und verglich sich dabei mit einem Piloten, der ein Flugzeug notlandet." Falls Back Nakamoto ist, wäre er eine gute Partie: Nakamoto hat am Anfang von Bitcoin 1,1 Millionen Bitcoin "geschöpft", die heute 118 Milliarden Dollar wert wären.
Archiv: New York Times

Guardian (UK), 14.04.2026

Das britische Universitätswesen ist inzwischen krass unterfinanziert, was an fehlenden staatlichen Investitionen und vergleichsweise niedrigen Studiengebüren für britische Studenten liegt. Damit nicht alles zusammenbricht, setzen Universitäten seit geraumer Zeit auf ausländische Studenten vor allem aus Indien, China und Nigeria, berichtet Samira Shackle. Gleichzeitig allerdings versucht die Politik, Migration zu erschweren, was dazu führt, dass die meisten internationalen Studenten keine Chance haben, nach dem Abschluss im Land einen Job zu finden. Außerdem ist ein System von Bildungsagenturen entstanden, die im Auftrag der Universitäten gezielt potentielle ausländische Studenten anwerben - mit oft fragwürdigen Methoden. Shackle unterhält sich unter anderem mit Priya Kapoor, einer ehemaligen Mitarbeiterin einer dieser Agenturen: "Als die Fristen im Januar näher rückten, schrieb Kapoor bis zu 20 Bewerbungen pro Tag. Sie musste Prioritäten setzen. Je besser die Universität, desto mehr Zeit nahm sie sich. Als Faustregel galt: Für Bewerbungen an Universitäten der Russell Group nahm sie sich etwa eine halbe Stunde. Die niedriger eingestuften Universitäten, die den Großteil von Kapoors Arbeitsaufwand ausmachten, erhielten im Durchschnitt jeweils 15 Minuten ihrer Zeit. 'Einige von ihnen waren nicht die besten, aber das spielte keine Rolle, weil wir wussten, dass die Kandidaten durchkommen würden', sagte sie. ... Mit der Zeit fühlte sich Kapoor in ihrer Rolle in diesem System immer schlechter. 'Ich wusste, wenn ich an 100 Bewerbungen arbeitete, würden 98 davon den Bewerbern in ihrem Leben nicht helfen', sagte sie. 'Ich meine, ich bin aufgewacht und habe angefangen zu lügen, dann bin ich lügend eingeschlafen, und ich bin nur aufgewacht, um wieder zu lügen.'"
Archiv: Guardian

Elet es Irodalom (Ungarn), 14.04.2026

Im Gespräch mit Nikolett Antal erklärt die Kunsthistorikerin Rita Halász, warum es für sie manchmal schwierig ist, Bilder zu sehen statt zu lesen: "Das ist für mich ein Problem, denn ich betrachte Bilder zuerst aus kunsthistorischer Sicht, und diese Herangehensweise führt zu einer Kategorisierung. Ich interpretiere das Gesehene sofort anhand von Geschichten. Ich nenne ein Beispiel: Da ist in der Landschaft ein halbnackter Mann um die dreißig, mit Pfeilen in der Brust, da gibt es keinen Zweifel, ich weiß, dass es der Heilige Sebastian ist. Zwei leicht bekleidete Frauenfiguren umarmen sich in einer mythischen Landschaft, ich sehe sie und weiß, dass es Diana und Callisto sind. Ich verbinde Namen und Geschichten mit dem Gesehenen, und ich denke, man kann das als Lesen bezeichnen, denn ich sehe nicht unbedingt das Bild, sondern die Geschichte schaltet sich sofort ein. (…). Wenn ich es nicht weiß, nervt mich das furchtbar, und ich will der Sache sofort auf den Grund gehen. Wenn keine Figuren dargestellt sind, sondern ich ein Stillleben oder eine Landschaft sehe, dann gibt mir mein kunsthistorisches Wissen ebenfalls Anhaltspunkte. Das ist jedoch in gewisser Weise eine Fessel, denn ich sehne mich danach, einfach nur zu schauen und das Bild nicht sofort wie eine Geschichte zu lesen. Ich möchte es entdecken. ... Seit fünfundzwanzig Jahren betrachte ich Bilder professionell; wenn man so will, habe ich gelernt, sie zu lesen, was einem Kunsthistoriker oder einem Kurator sehr hilft. Ich hingegen ermutige meine Schüler immer wieder, zu versuchen, nicht nach ihren gewohnten Schemata zu schauen, sondern anders. So hilft es oft, das Bild einfach auf den Kopf zu stellen."
Stichwörter: Halasz, Rita

LA Review of Books (USA), 14.04.2026

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Der amerikanische Biophysiker Joseph Osmundson denkt anhand von Texten von Anne Carson und Richard Siken darüber nach, was es bedeuten muss, als Dichter seine Sprache zu verlieren. Carson reflektierte aufgrund ihrer Parkinson-Erkrankung bereits vergangenen Monat in der London Review of Books über den Verlust ihrer Handschrift. Siken erzählt in seinem Gedichtband "I Do Know Some Things", wie er die Sprache nach einem Schlaganfall neu erlernen musste. Osmundson kann nicht nur den Schrecken über den Sprachverlust nachvollziehen, sondern auch das kindliche Gefühl, keine Worte zu kennen, mit denen man die Welt um sich herum beschreiben kann: "Siken erschafft das Wort und die Welt aus dem Nichts neu und hält dies schriftlich fest. Ein Dichter kann uns alltägliche Wörter mit neuen Augen sehen lassen, indem er die Sprache, die uns gegeben ist, hinterfragt und aufbricht. Sikens Buch erweitert also diese Arbeit des Dichters - oder untergräbt sie. ... Es fragt, ob Wörter den Verlust von Bedeutung beschreiben und festhalten können. Wörter über den Verlust von Wörtern, Sprache über den Verlust von Sprache. In dem Gedicht 'Metonymy' schreibt Siken: 'Ich sagte schwarzer Baum, als ich Nacht meinte.' In 'Bed' schreibt er: 'Es gab nur wenige Substantive. Sie wollten sich nicht verbinden. Ich kannte das Wort Ventilator nicht. […] Es wäre lustig gewesen, wenn da nicht das Geschrei gewesen wäre.'"
Stichwörter: Siken, Richard, Carson, Anne

New Yorker (USA), 13.04.2026

Andro Wekua, Untitled, from Some Pheasants in Singularity, 2014. © Andro Wekua. Courtesy the artist, Gladstone Gallery and Sprüth Magers. Photo: Stephen White


Das New Yorker New Museum hat mit einem Erweiterungsbau von Rem Koolhaas und Shohei Shigematsu neu eröffnet und Zachary Fine erfasst für den New Yorker das Gruseln in der Ausstellung "New Humans: Memories of the Future". Heute Mensch sein heißt, immer schon schauerliche Symbiosen mit der Technik eingehen zu müssen, menschlich ist daran wenig, denkt er sich: "Die verstörendste Figur ist ein blondes Püppchen, bei dem es so aussieht, als würde es sich mit einem Spiegel erhängen statt mit einem Strick. Sie hat einen bionischen Arm, trägt silberne Nikes und ein Schweißband und ist in eine Steckdose gestöpselt, weshalb ihre rechte Hand in regelmäßigen Abständen zuckt. Irgendwie ist der 'Gläserne Mensch' (1935), eine Leihgabe des Deutschen Hygiene-Museums in Dresden, dessen innere Organe alle sichtbar sind, am Ende das wohltuendste Exponat im Raum. Der tschechische Philosoph Vilém Flusser hat einmal die These aufgestellt, dass 'die Linse' - vom Teleskop bis zur Kamera - in Teilen für den Niedergang des Humanismus verantwortlich ist. Sie hat uns erlaubt, große Dinge, die weit weg waren, nah erscheinen zu lassen, und kleine Dinge, die nah waren, groß. Das hat unseren Sinn für unseren Ort im Universum verdreht. Ich hätte mir eine Version von 'New Humans' vorstellen können, die versucht hätte, Dinge zu reparieren, anstatt die verschiedenen Arten und Weisen zu katalogisieren, wie wir schrumpfende Ergänzungen zu unseren Maschinen werden. Aber vielleicht gehört die Zukunft nicht mehr der Kunst. Was ist der Untertitel der Schau - 'Memories of the Future' - wenn nicht eine Elegie?"

Außerdem: Ronan Farrow und Andrew Marantz fragen sich, ob man Sam Altman trauen kann. Kelefa Sanneh hört ohne jede Berührungsängste das neue Album von Kanye West. Justin Chang sah Steven Soderberghs "The Christophers" im Kino. In der neuen Ausgabe porträtiert Rebecca Mead den rumänischen Filmregisseur Radu Jude. Und David Remnick zeichnet in einem Kommentar Donald Trump als Irren, der die USA und die Welt in den Abgrund zu reißen droht.
Archiv: New Yorker