Magazinrundschau
Etwas Süßes dazu wäre wahnsinnig gut
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
14.04.2026. HVG kann es noch kaum fassen: Viktor Orban ist abgewählt! New Lines kostet gebratenen Fisch nach Lahori-Art. La Regle du Jeu erinnert daran, wie Marcel Reich-Ranicki einen unbekannten spanischen Autor berühmt machte. Tablet untersucht den Beitrag der Rechten zur Dritte-Welt-Bewegung. Aktualne schwärmt von den Fotos des Philosophen Miloslav Kubeš, der das Prager Alltagsleben der 60er-Jahre einfing. Der New Yorker verzeifelt in einer Ausstellung über New Humans. Die NYT sucht immer noch den Erfinder des Bitcoin.
HVG (Ungarn), 14.04.2026
Viktor Orbán wurde am Sonntag nach 16 Jahren Regierungszeit abgewählt. Árpád W. Tóta kann es in der Online-Ausgabe von HVG noch kaum fassen: "Es wird Phasen geben wie bei einer Trauer. Ungläubigkeit. Der Verdacht, dass es doch nicht wahr ist, dass wir doch wieder aufwachen werden. Angst, denn wir haben uns schon daran gewöhnt. Wir haben uns gewehrt, aber wir haben uns eingerichtet. Wir hatten Strategien, Geschäftspläne und Witztechniken dafür. Ein metastasierender Krebs verschwindet, der sich in jeder Faser und jedem Innersten festgesetzt hat. Wir wissen gar nicht mehr, wie gut es ohne ihn ist. Wir können gar nicht aufzählen, was sie alles gestohlen, zerstört und unter ihren Arsch gesteckt haben. Denn so ist die Staatspartei, und so war Fidesz. Wirtschaft, Kultur, Schule, Presse, Glaube, Straßenbild, unsere Außen- und Bündnisbeziehungen, unser Schlafzimmer. Es war ein ständiger Kampf, sich ihrer Sprache und ihrer engstirnigen Weltanschauung zu entziehen. (…) Die Vernichtung ist vollständig. Orbán und seine Bande erzählen seit Jahrzehnten, dass sie die Nation seien. Und seit Jahrzehnten erklären wir ihnen, dass das nicht stimmt. Die Nation ist größer und vielfältiger als jede Partei. Für Argumente und Logik waren sie taub. Es bedurfte einer emotionalen Wende um zu beweisen: Sie sind ganz sicher nicht die Nation. Höchstens eine seltsame Subkultur davon."Magyar Narancs (Ungarn), 14.04.2026
Noch kurz vor den Wahlen versuchte die Publizistin Emese F. Szabó sich nach 16 Jahre Fidesz-Regierung keine großen Hoffnungen zu machen: "Im Frühjahr 2026 werde ich 45 Jahre alt sein, mein Kind 14, und es will nach dem Abitur aus diesem Land wegziehen. Vielleicht würden vier Jahre ohne die NER seine Meinung ändern, vielleicht auch nicht. Ich veranstalte wieder eine Party, um auf die Ergebnisse zu warten, größtenteils mit denselben Leuten wie vor acht Jahren. Größtenteils, denn einige leben nicht mehr hier. Wir werden sicher etwas trinken, aus dem einen oder anderen Grund. (...) Auch beim Marathon hatte ich das Ziel erst dann in der Tasche, als nur noch zweihundert Meter übrig waren und ich die Ziellinie schon sah, also mache ich mir jetzt auch keine voreiligen Hoffnungen, egal was wer misst oder erwartet. Ich möchte mich einmal freuen, aber dann richtig, und ich möchte nicht noch einmal enttäuscht werden. Und was auch immer passieren mag, ich möchte nicht über die verlorenen 16 Jahre jammern, denn damit würde ich nur weitere Minuten unnötig verschwenden wegen Menschen, die nichts verdienen. Keiner von uns hat Minuten zu verschwenden. Nur das Jetzt zählt, aber etwas Süßes dazu wäre wahnsinnig gut."New Lines Magazine (USA), 13.04.2026
"Ungarn ist für China das Tor zum Kontinent und zur Europäischen Union geworden", erklärt Lili Rutai, und zwar durch die Elektro-Mobilitätsbranche: "Zwischen 2014 und 2025 entwickelte sich Ungarn, ein kleines Land mit 9,5 Millionen Einwohnern, nach Indonesien zum zweitgrößten Empfänger chinesischer Direktinvestitionen in die Elektromobilität weltweit. Insgesamt flossen in diesem elfjährigen Zeitraum 18 Milliarden Dollar an Investitionen nach Ungarn - mehr als die gesamten chinesischen Investitionen in Nordamerika und Australien im selben Zeitraum." Während die EU den wirtschaftlichen Einfluss Chinas im Westbalkan nach mehreren Unfällen, wie dem Einsturz des Bahnhofsdaches in der serbischen Stadt Novi Sad (unser Resümee), und Korruptionsvorwürfen gesetzlich eingedämmt hat, bleiben chinesische Technologien im Bereich "Grüne Energie" dominant, sie werden für die Energiewende als unerlässlich angesehen - und führen dabei nicht selten zu Umweltkatastrophen, so Rutai: "Im Februar enthüllte das ungarische Medienunternehmen Telex, dass den Behörden gravierende Umweltverschmutzungen in einer Samsung-Batteriefabrik in God, einer Stadt 22 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, bekannt waren. Die Bevölkerung vor Ort und unabhängige Medien schlugen wiederholt Alarm. Dennoch unternahmen die ungarische Regierung und die lokalen Behörden nichts, um Samsung zur Einhaltung der Gesetze oder zur Einstellung des Betriebs zu zwingen. Sie befürchteten, dass eine strengere Durchsetzung der Gesetze Batteriehersteller davon abhalten könnte, in Ungarn zu investieren." 
La regle du jeu (Frankreich), 13.04.2026
Es gibt Leute, die bezeichnen es als eine "Debatte über Literaturkritik", wenn darüber diskutiert wird, dass Denis Scheck ein Buch von Ildikó von Kürthy in die Mülltonne geworfen hat. Da mag es passen, dass der bekannte Autor Arturo Pérez-Reverte im Gespräch mit Daniel Ramírez sich einer anderen Episode aus der Geschichte der deutschen Literaturkritik entsinnt. Er erinnert daran, dass der Ruf Javier Marias' in Deutschland (mit großem Widerhall in anderen Ländern) durch eine enthusiastische Besprechung seines Romans "Mein Herz so weiß" von Marcel Reich-Ranicki im "Literarischen Quartett" geradezu geschaffen wurde. "Es war ein deutscher Kritiker, der den Stein ins Rollen brachte, indem er Marias' Werk im Fernsehen in den höchsten Tönen lobte. Das war landesweit ein riesiger Erfolg. Diese Art der Literaturkritik war normativ und zudem fundiert, was das Wesentliche ist. Die Kritiker verfügten über eine erstklassige Bildung." Dieser Typus des Kritikers ist heute laut Pérez-Reverte verschwunden. Dass heutige Kritiker diesen Status nicht mehr erreichen ist nicht ihre Schuld, so der Autor: "Ich glaube, das hat eher mit dem Kontext zu tun. Die heutige Gesellschaft schafft keine prestigeträchtigen Kulturikonen mehr. Kulturikonen, die heute entstehen, sind in der Regel Wegwerfware. Früher hatte ein Literaturkritiker einen klaren Lebensplan. Er war jemand, der sich schon sehr früh auf die Kritik konzentrierte: Er kannte die Klassiker und das, was man als neue Erzählformen bezeichnete. Ein echter Spezialist. Sie schrieben sehr fundierte, kanonische Kritiken. Wenn der Kritiker eine Diskussionsrunde betrat, verstummten die Leute. Das war der beste Ausdruck seines Einflusses. Die sozialen Netzwerke haben die Literaturkritik demokratisiert. Und das hat die Kritiker zerschlissen. Es hat ihre Einflussmöglichkeiten beschnitten. Und auch die der Autoren selbst."Hier die Diskussion über Javier Marias aus dem "Literarischen Quartett" von vor dreißig Jahren. Eingeführt wird der Roman "Mein Herz so weiß", der sich nach der Sendung 600.000 mal verkaufte, vom Dlf-Kritiker Hajo Steinert.
Tablet (USA), 13.04.2026
Aktualne (Tschechien), 07.04.2026
New Statesman (UK), 14.04.2026
Marc Bennetts war lange Jahre Russlandkorrespondent für die Times, in seinem Buch "The Descent" geht es unter anderem um den Weg des Landes in die Autokratie. Wie konnte es dazu kommen? Natürlich spielt der staatliche Terror gegen die Opposition eine wichtige Rolle, lernt Grigor Atanesian. Doch daraus folge nicht, dass das System Putin von der Bevölkerung aktiv gestützt wird. So verweise Bennetts "auf das nahezu vollständige Fehlen von spontanen, regierungsfreundlichen oder - seit 2022 - kriegsbefürwortenden Kundgebungen. Um eine einigermaßen große Beteiligung zu erreichen, mussten sowohl die zentralstaatliche als auch die lokalen Regierungen entweder Beschäftigte im öffentlichen Dienst zur Teilnahme zwingen - oder zufällige Personen dafür bezahlen. Bennetts erzählt eine faszinierende Geschichte von einer pro-Putin-Veranstaltung im Jahr 2018 in Tjumen in Westsibirien. Sie wurde von lokalen Oppositionsaktivisten organisiert, die herausfinden wollten, wie viele Menschen teilnehmen würden, wenn weder Bestechungsgelder angeboten noch Druck ausgeübt wird. In einer Stadt mit über 800.000 Einwohnern erschienen lediglich sieben Männer." Wie kann man dann erklären, dass sich das System ohne große Widerstände an der Macht hält? "Man gewinnt den Eindruck, dass dies eine Folge der tiefen Armut ist, in die Millionen Menschen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gestürzt wurden. Der erste berufliche Kontakt des Autors in Russland im Jahr 1997 war eine Frau mit 'einem Schal, der um die untere Hälfte ihres Gesichts gewickelt war'. Später stellte er fest, dass 'es ihr peinlich gewesen war, dass ein Ausländer ihre geschwärzten, bröckelnden Zähne sieht'. Und während sich das Leben in den Großstädten allmählich verbesserte - und es in Moskau in den letzten zwei Jahrzehnten manchen sehr gut ging -, hat sich für einen großen Teil Russlands nur sehr wenig verändert. Doch so gering die Verbesserungen im Alltag auch gewesen sein mögen, sie schienen Grund genug sein, die Herrschaft Putins zu akzeptieren. Der Autor fasst diese Logik so zusammen: 'Was waren schon ein paar gestohlene Stimmen im Vergleich zu einer Garantie für Wärme und Strom?'"Außerdem: Für John Gray hat Donald Trump mit dem Irankrieg das Ende des amerikanischen Imperiums eingeleitet.
Seznam Zpravy (Tschechien), 04.04.2026
New York Times (USA), 08.04.2026
Guardian (UK), 14.04.2026
Elet es Irodalom (Ungarn), 14.04.2026
Im Gespräch mit Nikolett Antal erklärt die Kunsthistorikerin Rita Halász, warum es für sie manchmal schwierig ist, Bilder zu sehen statt zu lesen: "Das ist für mich ein Problem, denn ich betrachte Bilder zuerst aus kunsthistorischer Sicht, und diese Herangehensweise führt zu einer Kategorisierung. Ich interpretiere das Gesehene sofort anhand von Geschichten. Ich nenne ein Beispiel: Da ist in der Landschaft ein halbnackter Mann um die dreißig, mit Pfeilen in der Brust, da gibt es keinen Zweifel, ich weiß, dass es der Heilige Sebastian ist. Zwei leicht bekleidete Frauenfiguren umarmen sich in einer mythischen Landschaft, ich sehe sie und weiß, dass es Diana und Callisto sind. Ich verbinde Namen und Geschichten mit dem Gesehenen, und ich denke, man kann das als Lesen bezeichnen, denn ich sehe nicht unbedingt das Bild, sondern die Geschichte schaltet sich sofort ein. (…). Wenn ich es nicht weiß, nervt mich das furchtbar, und ich will der Sache sofort auf den Grund gehen. Wenn keine Figuren dargestellt sind, sondern ich ein Stillleben oder eine Landschaft sehe, dann gibt mir mein kunsthistorisches Wissen ebenfalls Anhaltspunkte. Das ist jedoch in gewisser Weise eine Fessel, denn ich sehne mich danach, einfach nur zu schauen und das Bild nicht sofort wie eine Geschichte zu lesen. Ich möchte es entdecken. ... Seit fünfundzwanzig Jahren betrachte ich Bilder professionell; wenn man so will, habe ich gelernt, sie zu lesen, was einem Kunsthistoriker oder einem Kurator sehr hilft. Ich hingegen ermutige meine Schüler immer wieder, zu versuchen, nicht nach ihren gewohnten Schemata zu schauen, sondern anders. So hilft es oft, das Bild einfach auf den Kopf zu stellen."LA Review of Books (USA), 14.04.2026

New Yorker (USA), 13.04.2026

Außerdem: Ronan Farrow und Andrew Marantz fragen sich, ob man Sam Altman trauen kann. Kelefa Sanneh hört ohne jede Berührungsängste das neue Album von Kanye West. Justin Chang sah Steven Soderberghs "The Christophers" im Kino. In der neuen Ausgabe porträtiert Rebecca Mead den rumänischen Filmregisseur Radu Jude. Und David Remnick zeichnet in einem Kommentar Donald Trump als Irren, der die USA und die Welt in den Abgrund zu reißen droht.
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