Spätaffäre - Archiv

Für Sinn und Verstand

95 Presseschau-Absätze - Seite 8 von 10

Spätaffäre vom 24.02.2014 - Für Sinn und Verstand

Für die Reiseausgabe des New York Times Magazine besucht Jon Mooallem den Mittelpunkt der Erde. Der liegt auf halber Strecke zwischen San Diego und Phoenix, Arizona, und ist Teil des steingewordenen Wolkenkuckucksheims des Milliardärs Jacques-André Istel. Istels Wüstenstadt "Felicity" ist eine Ansammlung monumentaler Gebäude und erdbebensicher verankerter Granitblöcke, in die ein Künstler seit 13 Jahren die Geschichte der Menschheit einmeißelt: "Ein Verzeichnis menschlicher Erfolge, Verrücktheiten und Gewalt. Van Goghs 'Sternennacht', das erste Polospiel 600 vor Christus, die Ausbreitung des Islam, H. G. Wells, Laotse, der Hamburger... Und weil Istel nicht vorhersehen kann, wie der künftige Besucher all dessen aussehen wird, vermittelt er fundamentale Wahrheiten, als wären sie eben erst entdeckt worden: 'Schön und romantisch anzuschauen, beeinflusst der Mond die Menschen aufs Tiefste.'" Istel hat Millionen in sein Lebensprojekt gesteckt, erhält aber bislang nur wenig Aufmerksamkeit. Werbung macht er keine, er hat ja Zeit. Seine "Felszeichnungen" sollen mindestens 4000 Jahre überdauern.

La vie des idees stellt ein neues Buch des polnischen Fotografen Tomasz Kizny und der Journalistin Dominique Roynette vor, das die Epoche des Großen Terror respektive der gigantischen "Säuberungswelle" in der Sowjetunion in den Jahren 1937 und 1938 aufarbeitet. Es umfasst Textbeiträge, unter anderem des russischen Historikers und Menschenrechtlers Arseni Roginski sowie des französischen Historikers Nicolas Werth, der schon 2009 eine historische Analyse (L'Ivrogne et la marchande de fleurs. Autopsie d'un meurtre de masse. 1937-1938) dieser Epoche vorlegte, vor allem jedoch lange unter Verschluss gehaltene Porträtfotos von Verhafteten, die das stalinistische Regime laut Kizny prinzipiell aufnahm, damit es bei späteren Exekutionen nicht zu "Verwechslungen" kam. "Häufiger jedoch wurden sie erst kurz vor der Erschießung aufgenommen, bevor sie in die Geheimarchive des NKWD wanderten. Mit ihrer Veröffentlichung gibt das Buch den Opfern ein starkes und einzigartiges Bild zurück, aus dem einfachen Grund, dass jede Fotografie eine ganze Seite einnimmt, und der Schwerpunkt auf einer Gegenüberstellung mit einer Reihe von Informationen aus Akten des NKWD liegt."


Stichwörter: Großer Terror, Werther

Spätaffäre vom 21.02.2014 - Für Sinn und Verstand

Jessica Sequeira führt für die Boston Review ein faszinierendes Gespräch über die jüngere argentinische Geschichte mit dem Journalisten Uki Goñi, der nur seine Lebensgeschichte erzählen muss, um uns in die Abgründe, die da gähnen, hineinzuversetzen. Um 1980 arbeitete er beim englischsprachigen Buenos Aires Herald, der einzigen argentinischen Zeitung, die überhaupt über die Mütter von der Plaza de Mayo berichtete - unter großer Gefahr und zum allgemeinen Desinteresse der Argentinier. Dank eines seiner Bücher ist der Foltergeneral Alfredo Astiz verurteilt worden. In einer Szene schildert Goñi die Atmosphäre in Argentinien zur Zeit der Diktatur: "Wir waren damals zufällig zusammen auf einer Party und tanzten zu 'The Last Train to London' von ELO. Ich zog den Hausherren zur Seite und fragte ihn: 'Weiß du, wer hier ist?' Er sagte: 'Ja, Alfredo Astiz'. Ich sagte: 'Der Mörder der französischen Nonnen und des schwedischen Mädchens.' Und er: 'Nein, der Held der Falklands'. Darauf ich: 'Sag ihm nicht, dass ich für den Herald schreibe.' Ich fragte mich, ob ich auf der Party bleiben soll, und ich blieb und tanzte mit Astiz Seite an Seite."

Josh Roiland sieht sich für einen sehr schönen und lerreichen Artikel für Literary Journalism Studies, den er bei Longreads online stellte, die nicht-fiktionalen Texte von David Foster Wallace an, die man dennoch nicht als journalistisch definieren kann. Eines seiner Beispiele ist ein Text ("Roger Federer as Religious Experience"), den Wallace für die New York Times über Roger Federer schrieb und für den er Federer in Wimbledon traf. Tennis war bekanntlich eine wichtige Sache für Wallace. Roiland liest sich Wallace' Notizen zum Interview durch: "Wahrnehmung war wie immer sein großes Thema. Seine spezielle Herangehensweise war Wallace bewusst. Deutlich machte er sie, indem er seine neun Fragen mit einer gedruckten Überschrift versah: 'Nicht-journalistische Fragen'. Jede Frage ist einen Absatz lang, voller Abschweifungen, Nebenbemerkungen und Definitionen; manche haben handgeschriebene Zusätze. Kurz, sie lesen sich wie David Foster Wallace. Er fragt Roger Federer, ob er sich seiner Größe bewusst sei, ob ihm das Medienmikroskop bewusst sei, unter dem er operiert, ob er wisse, zu welchem Grad von Schönheit sein Athletismus imstande sei und wie großartig seine Bälle wirkten. Er schrieb sogar: 'Wieviel bemerken sie von den Balljungen?', strich diese Frage aber durch."

Spätaffäre vom 20.02.2014 - Für Sinn und Verstand

Parmy Olson erzählt in Forbes die Rags-to-Riches-Story des Ukrainers Jan Koum und seiner 19-Milliarden-Dollar-Erfindung WhatsApp. Obwohl sich der Dienst, der ursprünglich zur Übermittlung von Statusmeldungen - nicht Nachrichten - konzipiert war, nach der Gründung im Jahr 2009 rasant verbreitete, waren die Anfänge doch so hart, wie es sich für ein Startup gehört: "Durch Beziehungen, die sie noch aus ihrer Zeit bei Yahoo hatten, kamen sie an ein paar Büroräume, die das IT-Unternehmen Evernote in einer umgebauten Lagerhalle untervermietete. Sie arbeiteten an billigen Ikea-Tischen und wickelten sich gegen die Kälte in Decken ein. Ein WhatsApp-Schild an der Tür gab es nicht. 'Ihre Anweisungen lautete: Finde das Evernote-Gebäude. Gehe ums Gebäude herum. Finde eine ungekennzeichnete Tür. Klopfe.', erinnert sich Michael Donohue, einer von WhatsApps ersten Programmierern, an sein Vorstellungsgespräch."

Für das Magazin der NYTimes liefert Mac McClelland einen interessanten Bericht aus dem von der türkischen Regierung in Eigenregie betriebenen Flüchtlingslager in Kilis an der Grenze zu Syrien. Das Camp mit 14.000 "Gästen", wie es laut des von der Türkei unterzeichneten Flüchtlingsabkommens von 1951 heißt, ist sauber und ordentlich wie eine Vorortsiedlung. Es verfügt über reichlich Straßenlaternen, Supermarkt, Satellitenfernsehen, Internet, Kindergarten und Spielplätze, die wie von McDonald's hingestellt aussehen. Ein Ort zum Glücklichsein? Die ideale Lösung? Weder noch. Eher noch erleichtern solche Camps die staatliche Kontrolle: "Massive Integrationsprobleme sind der wahre Grund, warum viele Flüchtlinge in den Camps bleiben. Hier wird ihnen geholfen. Allerdings können sie auf andere Weise 'verloren gehen'; sie leben in einem dauernden Zustand der Unsicherheit … Je länger ein Flüchtling in einem Camp bleibt, desto prekärer die psychologische Situation … Andererseits lässt der relative Komfort es weniger dringend erscheinen, nach sinnvollen und nachhaltigen Lösungen zu suchen." Laut besagtem Abkommen soll eine solche Lösung u. a. das Recht auf Arbeit, Obdach, Reisefreiheit und staatliche Fürsorge beinhalten.

Spätaffäre vom 19.02.2014 - Für Sinn und Verstand

(via 3 quarks daily) Westliche Kritiker und Akademiker lieben es, Rap in islamischen Ländern als politisch, klassenbewusst und kontrovers zu beschreiben - so wie er in den Achtzigern in Amerika von Ice Cube, NWA oder Public Enemy produziert wurde. Alles Quatsch, meint der pakistanische Autor Hamzah Saif in Chapati Mystery, der mit einer Reihe von Rappern gesprochen hat. Pakistans Rapper lieben kommerziellen Rap und ihr Held heißt Eminem. Das lag vor allem an seiner direkten Sprache, glaubt Saif und verweist auf den Erfolg des ersten kommerziellen Albums von Bohemia, das 2006 erschien. Auf Punjabi! "Wenn Urdu die Sprache der Macht und Privilegien ist, dann ist Punjabi die machtvolle Sprache der Straße. Und die Straße war der Ort, wo Lyrics den Rap platzierten. Für viele Jugendliche aus der Mittelklasse, denen der mit Urdu verbundene Elitismus nichts bedeutet, ist Punjabi nicht nur die einzige Sprache, die zu Hause gesprochen wird, sondern auch der Slang unter ihren Freunden und die Wortgeplänkel mit dem Obstverkäufer und dem Busfahrer. Und diesen Teil der Bevölkerung erreichte Bohemias Punjabi, seine Lyrics eigneten sich gut für die wachsende Punjabiness-Bewegung in Pakistan, vor allem die hypermaskulinen Geschichten."

Hier ein Video von Bohemia:



Simon Schama hat für die Financial Times zwei neue Bücher über Israel gelesen: Anita Shapiras "wichtige, erschöpfende und gedankenreiche" Geschichte Israels, die leider, so Schama, in grauenvoll akademischer Prosa geschrieben ist, und Ari Shavits "My Promised Land: The Triumph and Tragedy of Israel", das Schama mit glühenden Ohren anpreist: "Selbst wenn Ihnen die Juden und die Araber bis hier stehen: dieses Buch wird Sie von den Füßen fegen mit seiner erzählerischen Kraft. Es wird Sie nicht loslassen, bis Sie es zu Ende gelesen haben. Es erinnert uns daran, dass die erste Pflicht des Historikers Selbstkritik ist und die zweite, philosophisch angereicherte Erzählkunst. Wie selten wird dieses Ziel erreicht."

Spätaffäre vom 18.02.2014 - Für Sinn und Verstand

Günter Seufert wirft in Le Monde diplomatique einen Blick auf die immer mächtiger werdende Bewegung des Fethullah Gülen, die islamische Frömmigkeit und säkulare Bildung verbindet. Dass die Bewegung in Justiz und Verwaltung so viel Einfluss gewinnen und etwa die Korruptionsermittlungen gegen Erdogans Regierung durchführen konnte, erklärt Seufert denn auch mit der viel besseren Ausbildung ihrer Kader. "Die aktuelle Auseinandersetzung hat zwei Dimensionen. Sie ist vor allem eine Konkurrenz um von der Regierung zu verteilende Ressourcen, also um Posten in Bürokratie und Parlament, um Staatsaufträge, Bauland und wirtschaftliche Subventionen. Zugleich treten politische Differenzen zwischen der AKP und der Gülen-Bewegung immer klarer zutage, vom Umgang mit der Kurdenfrage bis zur Außenpolitik. Gut und Böse sind bei dieser Konfrontation schwer zu bestimmen. Auf der einen Seite steht eine demokratisch gewählte und damit politische legitime Regierung, die dabei ist, alle rechtsstaatlichen Grundsätze über Bord zu werfen; auf der anderen Seite die klandestin organisierten Kader einer Bewegung, die mit der Aufdeckung von Korruptionsfällen und prowestlicher Rhetorik punkten will."

Außerdem gibt Kenan Malik in der Diplo zu bedenken, dass vielleicht nicht die Einwanderung den sozialen Zusammenhalt gefährdet, wie britische Konservative glauben machen wollen, sondern dreißig Jahre neoliberale Politik. Gérard Prunier berichtet aus dem Südsudan, der seine Hoffnung auf eine demokratische Entwicklung gerade beerdigen kann.

Vor einigen Tagen lasen wir, dass der Verlag Penguin India nach jahrelangen massiven Protesten nationalistischer Hindus, die Beleidigung ihrer religiösen Gefühle geltend machten, Wendy Donigers "Alternative Geschichte" des Hinduismus zurückzieht. Im Independent hat Arundhati Roy gegen diese Entscheidung protestiert. Was an dem Buch so verstörend für orthodoxe Hindus ist, erfährt man aus einer 2010 im Magazin Himal erschienenen Kritik des Forschers und Filmemacher Diwas Kc: "Donigers Buch ist ein gewaltiger Tribut an die Pluralität des Hinduismus [...] Aufmerksam vor allem gegenüber der seltenen Präsenz von Frauen, Dalit, Adivasis und anderen Parias in der vorherrschenden Auffassung des Hinduismus, behauptet Doniger, dass deren Sichtweisen nicht nur in den verschiedenen Texten seit den Vedas gefunden werden können, sondern dass sie manchmal sogar die Stimme eines brahmanischen Autors kapern - durch seltsame Umstände von kulturellem Bauchreden. Mit anderen Worten, die Überzeugungen der Männer aus gehobener Kaste, die uns überliefert wurden, und die Perspektiven der 'Subalternen', die verborgen bleiben, überlappen sich oftmals, sind Hybride, wobei die letzteren oftmals durch die Stimmen der ersteren 'sprechen'."

Spätaffäre vom 17.02.2014 - Für Sinn und Verstand

Aaron Gilbreath ist ein großer Jazzfreund und ein großer Freund der Romane von Haruki Murakami, der ebenfalls ein großer Jazzfreund ist und über Jahre in Tokio einen Jazzclub betrieb. Vor einer Tokio-Reise hat Gilbreath die Adresse dieses Clubs gesucht, die nicht einfach zu finden war! "Leider schien niemand die Adresse zu kennen", erzählt er in harpers.org, "weder Murakamis Übersetzer noch der Fan, der das Blog Haruki Murakami Stuff betreibt. Ich verglich die Google-Map-Bilder von Zentral-Tokio mit einem Satellitenbild einer japanischen Website. Ich klickte zu Street View und suchte Block für Block ab, um das Gebäude zu finden, dessen Foto ich in dem Blog A Geek in Japan gesehen hatte. Endlich war es da - ein düsteres dreistöckiges Gebäude..."

Zum Jazz bekehrt wurde Murakami durch ein Konzert Art Blakeys und seiner Jazz Messengers in Tokio - und zwar in jenem Line Up, in dem die Band auch in San Remo auftrat:




Hazem Kandil versucht in der LRB zu rekapitulieren, wie sich Ägypten drei Jahre nach der Revolution, nach der Herrschaft der Muslimbrüder und dem Putsch des Militärs zum härtesten Polizeistaat seit Nasser entwickeln konnte: "Ägyptens für kurze Zeit machtvolle Bürger mussten erleben, wie ihre Intervention beinahe den Weg zu einem islamischen Faschismus geebnet hätten, und nun, da das Desaster abgewendet ist, lassen sie die politischen Machthaber lieber unkontrolliert agieren. Mubarak warnte, dass die Alternativen zu seiner Herrschaft Islamismus oder Chaos sein würden. Beides wurde ausprobiert und abgelehnt. Die Leute wollten Brot, Würde und Freiheit, deshalb scheuten sie vor den Tagträumern von 2011 zurück und hefteten ihre Hoffnungen auf einen Nasser vom Nil. Wenn nur Abdel Fattah al-Sisi als Präsident installiert werden könnte, wären all ihre Probleme vorbei. Die Krönung eines Feldmarschalls wurde zu der Schlacht, die die Bürger entschlossen waren zu gewinnen."

Außerdem in der LRB: Daniel Soar liest mit Angehaltenem Atem den Bericht des Guardian-Reporters Luke Harding über die "Snowden Files" und lernt, warum sich die Briten nicht über die Affäre aufregen und wie die iPhone-Plugins heißen, mit denen die Geheimdienste übers Handys Gespräche abhören. Mary Beard erzählt, wie Frauen in der Öffentlichkeit zum Schweigen gebracht wurden, seit Penelope in der "Odyssee" von ihrem Sohn Telemach den Mund verboten bekommen hat.

Spätaffäre vom 14.02.2014 - Für Sinn und Verstand

Die Journalistin Masha Gessen hat offen wie kaum jemand anderes in Russland Kritik an Putin und der Regierung geübt. Als im vergangenen Jahr die Gesetzte gegen "homosexelle Propaganda" verabschiedet wurden, entschied sich Gessen jedoch, von Moskau nach New York zu ziehen - als lesbische Mutter hätte ihr das Sorgerecht für ihre drei Kinder entzogen werden können. Im Interview mit Meara Sharma berichtet sie in Guernica, wie diese Gesetze das gesellschaftliche Klima verändern: "Sie zementieren soziale Ungleichheit, weil sie es illegal machen, soziale Gleichheit einzufordern. Die Verbraucherbehörde, die für die Durchsetzung der Gesetze zuständig ist, hat eine Broschüre herausgebracht, wie sie zu interpretieren sind. Demzufolge ist jede neutrale oder positive Darstellung von homosexuellen Beziehungen oder nichttraditionellen Familien verboten. Genauso verboten - und das ist interessant - ist die negative Darstellung von heterosexuellen Beziehungen. Ganz nebenbei hat das Gesetz damit also auch jegliche Diskussion über häusliche Gewalt abgewürgt."

In The New Republic erzählt Paul Berman die erstaunliche Geschichte der ersten schwarzen Sklavin, die eine Autorin wurde. Ihr Buch, "The Bondwoman's Narrative", trug die Unterzeile: von "Hannah Crafts, einer Sklavin, die kürzlich aus North Carolina geflohen war." Das Originalmanuskript war 2002 von Henry Gates jr. ersteigert und - mit einem ausführlichen Vorwort versehen - veröffentlicht worden. Inzwischen hat ein Professor namens Gregg Hecimovich Dokumente gefunden, die nahe legen, dass die Autorin Hannah Bond hieß, Sklavin der Wheeler Familie in North Carolina war und nach ihrer Flucht bei einer Familie namens Crafts lebte. Berman ist entzückt: "Zusätzliche Informationen über die Autorin und ihre Lebensumstände werden zweifellos noch erscheinen. Ich kann zu meiner Freude mitteilen, dass mir einige dieser Informationen zufällig vor die Füße fielen, wie Kokosnüsse oder Mangos. Das war vor Jahren, als ich noch Reporter in Nicaragua war. Diese Informationen betreffen Hannah Bonds letzten Sklavenhalter, John Hill Wheeler, und nach meiner Einschätzung liefern sie einen Einblick in den mysteriösesten Teil ihrer Großtat: Wie konnte jemand, der aus so bescheidenen Verhältnissen kommt, die literarische Finesse und den Ehrgeiz entwickeln, 'The Bondwoman's Narrative' zu schreiben? Diese Frage betrifft jeden einzelnen zum Erzähler gewordenen Sklaven, auch wenn vielleicht nie so dramatisch wie in diesem besonderen Fall."

Spätaffäre vom 13.02.2014 - Für Sinn und Verstand

Bernd Leukert führte ein Gespräch mit dem ukrainischen Schriftsteller Juri Andruchowytsch. Er war am 5. Februar 2014 zusammen mit seinen Kollegen Tanja Maljartschuk, Jurko Prochasko und Serhij Zhadan bei einem Leseabend an der Frankfurter Goethe-Universität. Sie kamen dirket aus den Auseinandersetzungen auf dem Majdan in Kiew. "Die Oppositionspolitiker brauchen uns natürlich ab und zu", sagte Juri Andruchowytsch. "Die sind darauf angewiesen, solche Leute in der Nähe zu haben, die in der Gesellschaft als öffentliche Persönlichkeiten bekannt sind. Und ab und zu kommunizieren wir auch miteinander. Aber das ist immer so ein Moment, wo diese Grenze, nach der man plötzlich zum Politiker wird, überschritten werden kann. Das ist sehr gefährlich." Er sei kein Politiker, aber er sei "in der Politik! (Er sei) die ganze Zeit involviert." Politiker sei nicht nur der, "der ein Parteimitglied ist und etwas im Parlament macht".

Michel Houellebecq gab dem "Magazin für politische Kultur" Cicero ein kurzes Interview über Kino, Hass & Demokratie. Anlass war die Premiere des Films "L' enlèvement de Michel Houellebecq" von Guillaume Nicloux, in dem er gekidnappt wird (hier unsere Besprechung). Houellebecq spielt sich selbst. "Kino ermöglicht eine visuelle Beschreibung deiner Umwelt. Aber ich gehe nicht oft ins Kino. Ich gehe nicht gerne aus dem Haus, sondern bleibe lieber zuhause. Doch der Film eröffnet grundsätzlich andere Möglichkeiten, beispielsweise, Dinge zu tun, die man ich echten Leben nicht machen würde," merkt dazu der Selbstdarsteller an und fügt hinzu: "Depressiv, besoffen und autistisch ist nichts Schlechtes. Diese Klischees sind Teil meiner selbst, Aspekte meiner Identität." - Eine Kritik des Films ist u. a. auch im Blog intellectures.de zu lesen.

Weltschmerz, Zeitgeist, Schadenfreude, Fahrvergnügen - die erfolgreichsten Exporte der deutschen Sprache sind Komposita. Der britische Autor Ben Schott hat sich für die New York Times eine Reihe von Begriffen ausgedacht, die nur auf Deutsch so prägnant ausgedrückt werden können - so beschreibt beispielsweise "Mundphantom" das Gefühl im Mundraum nach oralem Fiebermessen.

Spätaffäre vom 12.02.2014 - Für Sinn und Verstand

Wenn Evgeny Morozov den Typus des permanenten Technotrolls verkörpert, der jeden Elan herunterredet, dann ist Kevin Kelly der Typus des permanenten Technovisionärs, der den Fortschritt stets auf dem Weg zum Gutem sieht - und ehrlich gesagt: Er liest sich weit anregender. In Edge antwortet er ausführlich auf eine ganze Menge Fragen und weicht auch der großen, von Sascha Lobo benannten narzisstischen Kränkung durchs Netz nicht aus. Das Netz will kopieren, sagt Kelly, und das Netz will beobachten. Beides gehört zu seinen innersten Regungen und lässt sich nicht abstellen, also muss man damit arbeiten: "Das ist es, was die NSA und andere Geheimdienste gerade erleben. Sie versuchen, geheim zu sein, aber du kannst nicht geheim sein, denn das Internet will das Zeug kopieren." Als Antwort auf Überwachung schlägt Kelly Symmetrie vor. Die NSA solle mit Wikileaks kooperieren. "Wir wollen gegenseitige Beobachtung statt Überwachung. Wir wollen unsere Beobachter beobachten, tracken, wer uns trackt." Und der NSA will er sagen: "Ok, du trackst uns, aber du musst Rechenschaft ablegen. Es kann nicht geheim und außerhalb jeder Rechenschaftspflicht stattfinden."

"Wenn einer von uns an einer Überdosis stirbt, hält er wahrscheinlich zehn andere davon ab", zitiert der Drehbuchautor Aaron Sorkin den an einer Heroin-Überdosis gestorbenen Schauspieler Philip Seymour Hoffman. Ob sich Hoffmans Prognose bewahrheitet, hängt davon ab, welche Schlüsse aus seinem Tod gezogen werden, schreibt Christopher Glazek in n+1. Um den gegenwärtigen Heroin-Boom - die Zahl der Konsumenten hat sich in den USA seit 2007 fast verdoppelt und ist so hoch wie nie zuvor - in den Griff zu kriegen, plädiert Glazek gegen eine härtere Drohenpolitik und für die Betreuung von Heroinsüchtigen mit geeigneten Ersatzstoffen: "Viele betreute Opiatabhängige erfahren eine geringere Zerrüttung ihres täglichen Lebens als Konsumenten von Chemikalien wie Crack und Meth, die zwar weniger tödlich sind, aber stärker verrückt machen. Selbst mit unkontrollierter Abhängigkeit und schwankender Versorgung mit Opiaten gelang es Hoffman, einen Zeitplan einzuhalten und eine Produktivität an den Tag zu legen, die für viele nüchterne Menschen eine Herausforderung wäre. Darin liegt jedoch das große Paradox von Heroin: Wer es einnimmt, geht im Vergleich zu anderen Drogen ein geringeres Risiko ein, sich durch unberechenbares Verhalten als Süchtiger zu stigmatiseren. Aber er geht ein höheres Risiko ein, von der Droge getötet zu werden."

Spätaffäre vom 11.02.2014 - Für Sinn und Verstand

Erfahrung und Spinoza sagen uns, dass die romantische Liebe nicht andauern kann. Irgendwann erlischt sie, das geht unehelichen Paaren ebenso wie verheirateten, heterosexuellen ebenso wie homosexuellen oder lesbischen. Daher war es eine kleine Überraschung, als eine wissenschaftliche Untersuchung von Liebesbeziehungen 2012 herausfand, dass zwischen 30 und 40 Prozent der Befragten, die alle länger als zehn Jahre verheiratet waren, sich für 'sehr verliebt' erklärten. Das wiederum hat den israelischen Philosophieprofessor Aaron Ben-Zeev jetzt dazu gebracht, im Aeon Magazine darüber nachzudenken, wie man die romantische Liebe erhalten kann. "Ich begann mein Gedankenexperiment damit, heftige Emotionen wie Wut mit Gefühlen wie Trauer zu vergleichen. Ein Gefühl besteht nicht nur daraus, dass man eine heftige Emotion wieder und wieder spürt - es formt auch dauerhaft unsere Einstellung und unser Verhalten. Ein Wutanfall kann vielleicht einige Minuten oder länger dauern, aber Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen hallt ständig nach, sie färbt unsere Stimmungen, unser Verhalten und die Art, wie wir Raum und Zeit verstehen. Ebenso können wir auf dem Gebiet der Liebe zwischen zwei Phänomenen unterscheiden: romantischer Intensität und romantischer Tiefgründigkeit. Romantische Intensität zeigt ihren momentanen Wert in der heftigen Emotion. Romantische Tiefgründigkeit verkörpert über eine lange Zeit wiederholte heftige Anfälle intensiver Liebe zusammen mit Lebenserfahrung, die in allen Dimensionen mitschwingt, und den Individuen hilft zu wachsen und zu gedeihen. Aber es geht bei romantischer Tiefgründigkeit nicht nur um Dauer, es geht auch um Komplexität. Eine Analogie dazu findet man in der Musik..."

In einem 13 Seiten langen Artikel erklärt George Packer im New Yorker das radikale und radikal neue Geschäftsmodell hinter Amazon, welches mit der simplen und nicht im Geringsten bibliophilen Einsicht begann, dass Bücher leicht zu versenden und nicht zerbrechlich sind. "Über den Bücherverkauf sammelte Amazon die Daten wohlhabender, gebildeter Käufer, denen man schließlich alles Mögliche andrehen konnte, vom Rasenmäher bis zum Dildo." Dass Amazon dennoch den Buchmarkt grundlegend verändert, steht für Packer außer Zweifel: "Oberflächlich betrachtet geht es um die Frage, wie gelesen wird, auf Kindle oder iPad. Eigentlich aber geht es um Kulturmonopolismus. All die kleinen Torhüter, Journalisten, Kritiker und Buchhändler, wirken als Barrieren gegen die totale Kommerzialisierung von Ideen. Sie bieten frischen Talenten Raum sich zu entwickeln und um auch unbequeme Wahrheiten mitzuteilen. Wenn es nur noch einen Torhüter gibt, wird es Amazon kümmern, ob ein Buch gut ist?"
Stichwörter: Buchmarkt, Intensität, Kindle