In den letzten Tagen kursierte in den Medien eine Meldung, dass es vor einer Synagoge in Gelsenkirchen zu "
antiisraelischen"
Kundgebungen gekommen sei. Die Medien übernahmen die Formulierungen der Polizei, die "Tod den Juden"-Rufe wurden nicht mal erwähnt. Wie 2014, als es in Israel zuletzt zu Gewalt kam, wurde
islamistischer Antisemitismus hier nicht benannt,
schreibt die Islamismusforscherin Sigrid Herrmann-Marschall in ihrem Blog: "Neu ist im Vergleich zu 2014 nur, dass sich die jetzige schwarz-gelbe Landesregierung medial und verbal klar auf die Seite Israels sowie der in Deutschland lebenden Juden stellt. Wenn es jedoch darum geht, den islamistischen Anteil solcher 'Kundgebungen', die in Wahrheit ein Angriff auf Synagogen und damit auf Juden sind, unter den Tisch zu kehren, steht auch diese Landesregierung ganz
eindeutig in der Tradition ihrer rot-grünen Vorgängerregierung."
Es sind ganz
unterschiedliche Gruppen, die vor den Synagogen demonstrieren, schreibt Ronen Steinke in der
SZ: "Der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Thomas Haldenwang, spricht schon seit längerer Zeit von einer '
verbindenden Klammer' des Antisemitismus. Egal ob bei der schiitischen Hisbollah oder dem ultrasunnitischen 'Islamischen Staat': Der Judenhass sei ein gemeinsamer Nenner für sie. Judenfeindlichkeit werde 'von
praktisch allen nennenswerten islamistischen Organisationen vertreten, die in Deutschland aktiv sind', auch der Muslimbruderschaft und Milli-Görüs."
Jürgen Kaube attackiert in der
FAZ, ohne sie namhaft zu machen, jene mächtige Fraktion deutscher Intellektueller und höchster Kulturfunktionäre, die jüngst noch forderte,
BDS-Sympathisanten auftreten lassen zu dürfen, ohne persönliche Karrierenachteile befürchten zu müssen. Diese Fraktion insistierte in ihren Aufrufen der "Initiative GG 5.3 Weltoffenheit" und ihrer "Jerusalem Declaration", dass der Antisemitismus von rechts der einzig relevante sei, erinnert Kaube: "Der '
israelbezogene Antisemitismus', hieß es unlängst, sei eine Erfindung zur Verteidigung der
Kolonialpolitik Israels. Jetzt, da sich eine Form des manifesten Antisemitismus vor den heimlichen, 'codierten' geschoben hat, schweigen aber viele der soeben noch vor allem um BDS-Sympathisanten Besorgten vernehmlich. Womöglich, weil sie es
zu mühevoll finden, sich der Geschichte Israels zu erinnern, und es lieber 'politisch' finden, sich auf eine Seite der Auseinandersetzung in Palästina zu schlagen, die dann selbstverständlich als Seite der Opfer bezeichnet werden muss."
In der
Jüdischen Allgemeinen wird gemeldet, dass die
Stadt Hagen die israelische Fahne vor dem Rathaus abgehängt hat und kommunziert, dass dieser Schritt "ausschließlich der
Deeskalation" gedient habe. Mit dem Hissen der Fahne sollte an die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel am 12. Mai 1965 erinnert werden.
Die antisemitischen Demos vor den Synagogen haben immerhin in Medien und Politik weithin für Empörung gesorgt. Dennoch bleibt ein
beschämender Umstand, den der Religionshistoriker
Alfred Bodenheimer in der
NZZ benennt. Bodenheimer ist Bürger
Basels, wo die Juden der Stadt von der Stadtverwaltung gerade aufgefordert worden, sich in
bestimmten Stadtvierteln besser nicht aufzuhalten. Aber viele Juden, so Bodenheimer, vermeiden so schon jede Kenntlichkeit: "Der Umstand, dass jüdische Menschen Angst haben auf Europas Straßen, wird längst in Kauf genommen, und der Aufruf der Basler Gemeinde ist bloß ein besonders schrilles Signal dafür. Während über Denkmäler, Straßenbenennungen, Gendergerechtigkeit und Mikroaggressionen gestritten wird,
verschwindet eine Minderheit unbemerkt aus dem Bild der Öffentlichkeit. Wie immer wird man das Verschwinden erst dann bemerken, wenn nichts mehr da ist."
Die Grünen-Politikerin
Aminata Touré ist schwarz. Im Interview mit Marija Barisic und Johannes Korsche in der
SZ erklärt sie, was sie an der Frage stört,
woher sie kommt: "Dass es in dieser Debatte immer um die Person geht,
die fragt. Immer stehen ihre Absichten und Gefühle im Fokus. Ich glaube aber, wir sollten als Menschen in der Lage sein, uns mal in die anderen hineinzuversetzen, die diese Frage immer wieder in den
unmöglichsten Situationen gestellt bekommen."