9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.05.2021 - Gesellschaft

In einem epischen Welt-Essay nimmt Jan Grossarth das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Klimaschutz auseinander, das er "epochal merkwürdig" nennt. Was sich in der Corona-Politik bereits abzeichnete - die Infragestellung sicher geglaubter, verfassungsgeschützter Freiheiten durch die "radikale Wissenschaftsorientierung der Politik" - setze sich hier fort. Das Gericht hebt "die moralische Verdammung CO2 emittierender Verhaltensweisen" auf Verfassungsebene, meint er: "Die Berufung auf Lebensstile hat Konsequenzen. Mit dem Urteil ist - wenn es sich auch auf Regierungshandeln bezieht - gewissermaßen auch der persönliche Kohlenstoffausstieg zum Gebot verfassungstreuer Lebensführung erklärt. 'Du fliegst? Damit trägst du zur Unterdrückung anderer bei' - das ist jetzt die letztgültige Verfassungsauslegung: Individuelle Freiheiten, die gelegentlich Emissionen kosten, können nun wohl als Verletzung des Bürgerrechts auf die Freiheit (anderer) gelten."

Nicht geklärte antisemitische Straftaten werden in den Statistiken, wie sie Innenminister Seehofer erst jüngst wieder präsentierte (mehr hier), automatisch dem Rechtsextremismus zugeordnet. So macht sich die Öffentlichkeit Sorgen über einen steigenden Rechtsextremismus, ohne die Ursachen tatsächlich differenzieren zu können, legt Thomas Thiel in der FAZ dar. "Das BKA geht davon aus, dass die Motivation der Täter in der Regel klar erkennbar ist. Das ist in der Praxis jedoch oft nicht gegeben. So komme es beispielsweise dazu, dass der von der Terrormiliz Hisbollah regelmäßig genutzte Hitlergruß auf einem Al-Quds-Marsch als rechtsradikale Straftat gewertet werde, sagt Benjamin Steinitz vom Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus. Die Polizeistatistik ist schon lange umstritten, weil das Ergebnis in auffallendem Kontrast zu Opferbefragungen steht."

Das Ende der Coronakrise und eine neue Normalität zeichnen sich ab. Man kann schon bilanzieren. Deutschland hat sich in der Krise ganz klar als Gerontokratie erwiesen, konstatiert Sascha Lobo in seiner Spiegel-online-Kolumne: "In Sachen Corona haben sich Scharen junger Menschen in den Zwangsdeal gefügt, über ein Jahr ihres Lebens zu opfern, vorrangig, um Ältere zu schützen. Im Gegenzug bekamen sie wenig, ergänzt um schlechten Empfang und herablassende Boomer-Erzählungen davon, wie gut ihnen bekommen würde, auch mal zu verzichten, so wie sie selbst damals im Krieg, den sie nicht erlebt haben." Die neue Normalität wird nicht die alte sein, schreibt Klaus Hillenbrand indes in der taz: "Die Gesellschaft wird sich an neue Maßstäbe gewöhnen müssen wie regelmäßiges Nachimpfen, Hygiene und Masketragen."

Weiteres: Vor allem in den Debatten um sexuelle Gewalt gilt immer seltener die Unschuldsvermutung, stattdessen findet eine Vorverurteilung in den sozialen Medien statt, meint der Journalist Marcel Peithmann in der Welt, er nennt unter anderem den Fall Woody Allen als Beispiel: "Rechtsstaatliche Standards werden von vielen (…) nur akzeptiert, solange sie nicht mit den eigenen Ansichten kollidieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2021 - Gesellschaft

In der FR wirft Stephan Anpalagan in einem sehr langen Artikel Politikern, Behörden und vor allem der Polizei vor, sie würde rechte Demonstranten schonen, während sie auf linke sofort loschlage: "Die Vorzugsbehandlung von rechten Demonstrationen und die Verharmlosung derjenigen, die dem rechten Rand mindestens nahestehen, ist keineswegs eine besondere Eigenart der Polizei. Auch Politiker und Politikerinnen haben sich in den vergangenen Jahren mit ihrer besonderen Nähe zu rechten Gruppierungen hervorgetan. Vielfach begegneten sie all jenen, die rassistische, rechtsextreme oder schlicht verfassungsfeindliche Thesen vertraten, mit besonderem Wohlwollen und offenem Verständnis. Erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang beispielsweise die Pegida-Aufmärsche, die sogenannten Anti-Merkel-Demonstrationen oder die Protestformen an der Bundesstraße B96 bei Bautzen."

Außerdem: In der NZZ denkt Florian Coulmas darüber nach, was heute eigentlich noch "Normalität" ist.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.05.2021 - Gesellschaft

Neben dem Staat trägt vor allem eine Bevölkerungsgruppe die Kosten der Corona-Pandemie - die Selbständigen, schreibt der Filmregisseur Achim Michael Hasenberg in der taz. Den Festangestellten wurde dagegen kein Haar gekrümmt. Anders als im ersten Lockdown gibt es auch sehr viel weniger Kurzarbeit. Der öffentliche Dienst gönnte sich mit Hinweis auf seine Systemrelevanz sogar eine Gehaltserhöhung von fünf Prozent. Hasenberg schlägt einen Soli für Selbständige vor: "Gerechter wäre es, wenn jede und jeder Erwerbstätige, egal ob Angestellte oder Selbstständiger, sich prozentual gleich an den Kosten der Pandemie beteiligen und einen niedrigen einstelligen Prozentsatz vom Einkommen abgeben würde. Dieser Pandemiebeitrag würde über die Steuererklärung abgerechnet. Wer starke Verluste während der Pandemie erlitten hat, zahlt einen geringen Prozentbetrag, bekäme aber aus dem gemeinsamen Topf einen größeren Anteil zurück, bis in einer Höhe von 90 Prozent des Einkommens aus dem Jahr 2019 und bis zum Erreichen eines gewissen Gesamteinkommens. So würde verhindert, dass ein gering verdienender Angestellter eine sehr gut verdienende Selbstständige finanziert."

Das islamische Kopftuch ist nicht neutral, darauf besteht Ahmad Mansour im Tagesspiegel: "Nicht immer verbirgt sich ein drohender Vater, Bruder oder Ehemann hinter der Entscheidung für die Verhüllung. Aber immer ein strafender, patriarchaler Gott. Sollte eine Frau bewusst entscheiden, ihr Kopftuch abzulegen, drohen Ausgrenzung und manches Mal der Kontaktabbruch. Dass Religionsfreiheit auch die Freiheit von Religion bedeutet, wird in diesem Kontext häufig vergessen. Das ist mit den Grundprinzipien einer aufgeklärten Gesellschaft, mit dem Recht auf Selbstentfaltung nicht vereinbar."

Der Tagesspiegel hat kürzlich ganze vier Reporter angesetzt für eine lange, aber niemanden wirklich dinghaft machen könnende Recherche in alten Twitterfeeds und Facebookeintragungen der "Hintermänner" und Beteiligten von #allesdichtmachen. Am Sonntag hat er mit einem zweiten, fast ebenso langen Artikel über "Verwerfungen innerhalb der Filmbranche und einen ominösen Drahtzieher aus dem Querdenker-Milieu" nachgelegt. Geschrieben haben das Andreas Busche, Hannes Soltau und "Journalist:innen des Recherchenetzwerk Antischwurbler". Mit dem "Drahtzieher" ist wohl Paul Brandenburg gemeint, der am 20. März bei "Kaiser TV" saß, "einem YouTube-Talkformat des Autors Gunnar Kaiser. Unter dem Sendungstitel 'Es ist eine Katastrophe!' sprechen sie über die 'Lust an Grundrechtseinschränkung' in der Pandemie. Was wie ein netter Plausch unter Gleichgesinnten wirkt, ist ein weiteres Indiz dafür, dass die Aktion #allesdichtmachen von langer Hand geplant war und von Beginn an eine politische Agenda verfolgte. Brandenburg ist Notfallmediziner, Unternehmer und Begründer der Initiative '1bis19', zu deren Hunderten von Unterstützer:innen auch der Schauspieler Volker Bruch und Regisseur Dietrich Brüggemann gehören. Sein Gesprächspartner Kaiser gibt auf Facebook mit Suggestivfragen schon mal einen scharfen Ton vor: 'Haben ältere Menschen, die das (Anm.: die Corona-Maßnahmen) hinnehmen und freudig akzeptieren für ein paar eigene Lebensjahre mehr, diese Lebensjahre dann verdient?' Auf diesen Punkt läuft es bei Kaiser und Brandenburg oft hinaus: Menschenleben werden gegen Freiheitsrechte ausgespielt."

In der Welt ist Regisseur Thomas Bohn sichtlich angewidert von dieser Art der Berichterstattung, die ihn an die McCarthy-Ära erinnert: In dem Artikel reihe sich "eine Vermutung an die andere. Von 'Verwerfungen' in der Branche ist die Rede, von 'munkeln' über 'größere Namen', die beteiligt seien, wird berichtet. Aber 'niemand möchte namentlich genannt werden', weil sich eben 'niemand traut'. Dafür traut sich aber der Tagesspiegel. Um Moritz Bleibtreu 'verdichten sich die Hinweise', dass er 'zu einem frühen Zeitpunkt in die Aktion eingebunden war'. Und dann erzählt eine geheime 'Quelle' dem Tagesspiegel wirklich Böses: Nämlich dass es niemand in der Szene wagen würde, Bleibtreu als 'aktiven Rekrutierer' der Aktion zu nennen. Begründung: 'Der lässt dich dann eventuell aus dem nächsten Projekt kicken, wo er besetzt ist.' So etwas nennt man im Volksmund Rufmord."

In netzpolitik meldet Daniel Laufer: Babylon-Star Volker Bruch habe einen Mitgliedsantrag bei der Querdenkerpartei "Die Basis" gestellt. "netzpolitik.org konnte eine auf Mitte April datierte Mitgliederliste einsehen, die vorläufige Mitgliedsnummer des Schauspielers endet auf '967'. Als Eintrittsdatum wird der 13. März 2021 genannt. Laut dem Medienbeauftragten der Partei David Claudio Siber ist Bruchs Eintrittsverfahren noch nicht abgeschlossen, da seine Identität noch entsprechend einem parteiinternen Prozess verifiziert werden müsse. Neumitglieder müssten demnach zunächst ihren Personalausweis vor einer Webcam zeigen. Es klingt, als sei das bei Bruch aber eher eine Formalie. Siber sagt, man könne bereits mit Gewissheit sagen, dass es sich bei dem Antragsteller tatsächlich um den Schauspieler handele. Die Mitgliederliste stammt aus einem massiven Leck, das im vergangenen Monat bekannt wurde."

In der Welt unterhalten sich außerdem der Beamte Gunnar Kaiser und seine Schwester, die Unternehmerin Heike-Melba Fendel auf einer ganzen Seite über die Corona-Maßnahmen (sie sind da geteilter Meinung) und auch über #allesdichtmachen. Fendel sagt in wenigen Sätzen alles, was dazu gesagt werden muss: "Ich halte die Aktion für eitel und dumm und in ihrer verunsichernden Wirkung für äußerst destruktiv. Nicht allein für meine ohnehin hysterieaffine Branche, sondern auch für eine Gesellschaft, die bereit ist, Prominente ernster zu nehmen, als es deren intellektuelles Format erlaubt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.05.2021 - Gesellschaft

Liest man einen Artikel dreier Forscher in der FAZ, stellt man sich die Frage, ob die Coronakrise auch hierzulande je vorübergehen wird. Sie lehnen höhere Freiheitsrechte für Geimpfte ab, denn "die Schutzwirkungen der Impfungen für andere .. lassen sich noch nicht bei allen Impfstoffen verlässlich bewerten. Die Frage, inwieweit die Impfungen die Infektiosität der Geimpften reduzieren, sollte geklärt werden, ehe man die dem Schutz Dritter dienenden Beschränkungen für Geimpfte aufgibt. Allerdings gibt es, soweit ersichtlich, in dieser Beziehung deutliche Unterschiede zwischen verschiedenen Impfstoffen."

Mit der Freiheit ist es sowieso nicht mehr so weit her, meint Wolfram Eilenberger im Gespräch mit Elisabeth von Thadden in Zeit online: "Wir erleben die Corona-Krise auch als Erfahrung eines harten Eingriffs in unsere Freiheitsrechte, gerade darin ist sie eine Art Vorbote für Einschränkungen und einen Verzicht, die nötig sein werden. Das Medium des Rechts, das Urteil des Verfassungsgerichts vor wenigen Tagen zeigt es, wird hier eine wesentliche Rolle spielen - und ein bisher leitendes Freiheitsverständnis wohl zur Ablösung bringen."

In der NZZ sieht der Schriftsteller Giuseppe Gracia sich schon von Verboten umringt. Haben wir verlernt, die Freiheit zu lieben, fragt er. Ihm kommt es vor, als erlägen wir "einer langen, kollektiven Adoleszenz. Das passt zu manchen links-grünen Programmen, die so klingen, als kämen sie aus der Gedankenlandschaft von Jugendlichen, die im Heim ihrer wohlbestallten, kapitalistischen Eltern wohnen, wo sie alle Privilegien und Vorteile genießen - und deshalb keine Hemmungen haben, anderen, weniger behüteten Mitmenschen Verzicht und Verbote aufzuerlegen. Jugendliche, die zugleich ihre erfolgreichen Eltern anklagen und verantwortlich machen für ein unmoralisches Leben. Statt auszuziehen und ein eigenes, besseres Heim zu bauen, ruft man dann folgerichtig nach neuen, besseren Eltern, das heißt: nach einem neuen, besseren Staat."

In den Verschwörungstheorien von QAnon spielen Fantasien von Kindesmissbrauch eine große Rolle. Der Erziehungswissenschaftler Till Kössler stellt diese Fantasien auf geschichtedergegenwart.ch in eine uralte Tradition vor allem rechtsextremer, aber auch linker Mythen, die oft antisemitisch waren, sich aber auch gegen Institutionen und Eliten allgemein richten konnten. Diese Mythen schwingen auch in scheinbar harmlosen Erzeugnissen der Popkultur mit, so Kössler: "Auch gut gemeinte Fernsehfilme wie etwa 'Operation Zucker' (2012) oder der Tatort 'Abgründe' (2014), die über sexuellen Missbrauch aufklären wollen, präsentieren einflussreiche 'Pädophilenringe' aus Politikern, Staatsanwälten, Bauunternehmern und Militärs als hauptsächliche Gewaltakteure, denen nur durch den unerschrockenen Einsatz einfacher Ermittler das Handwerk gelegt werden kann. Diese Darstellung erscheint jedoch problematisch. Anstatt Gewalt gegen Kinder erklären zu helfen..., verstellen diese kulturellen Repräsentationen den Blick auf Kindesmissbrauch: Indem sie nebulöse Netzwerke mächtiger Männer und Frauen für Missbrauch und Gewalt verantwortlich machen, exotisieren sie diese zugleich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.04.2021 - Gesellschaft

Die Deutsche Islam-Konferenz hat den Alltag von MuslimInnen in Deutschland untersuchen lassen, meldet Ursula Rüssmann in der FR und erkennt in der Studie: "Die Community ist jung, divers und besser integriert als viele meinen. (…) Die Daten zur Integration zeichnen ein Gegenbild der Normalität zu den in der Öffentlichkeit oft dominierenden Warnungen vor sogenannten 'Parallelgesellschaften', Islamismus oder Fernsteuerung aus dem Ausland." In einem weiteren FR-Kommentar greift Rüssmann dann das Thema "Kopftuch" heraus, das nur eine "Minderheit" der MuslimInnen trage. Entsprechend hält sie die Debatte um Kopftuchverbote für "deplatziert und anachronistisch": "Wer glauben und das auch nach außen zeigen will, muss das weiterhin dürfen, auch wenn er oder sie zu einer immer kleineren Minderheit gehört."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.04.2021 - Gesellschaft

Thea Dorn, Juli Zeh und Daniel Kehlmann unterhalten sich in der Zeit, moderiert von Adam Soboczynski, über Politik und Wissenschaft. Alle drei sehen die Behauptung, die Politik lasse sich in der Coronakrise von Wissenschaft leiten, skeptisch. Kehlmann sagt: "Als Gesellschaft treffen wir doch ständig kollektive Vorentscheidungen, welche Maßnahmen wir überhaupt für diskutabel halten. Es ist unbestritten, dass Männer häufiger an Covid-19 sterben als Frauen. Man würde die Pandemie schneller besiegen, wenn man erst die Männer, dann die Frauen in jeder Altersgruppe impfen würde. Aus nachvollziehbaren gesellschaftlichen Gründen wird das in keinem demokratischen Land auch nur diskutiert." Und für Juli Zeh ist Wissenschaft oft nur eine Schutzbehauptung: "Die Politik ist verantwortungsscheu geworden, das geht schon lange so. Sie arbeitet im Absicherungsmodus. Das zeigt sich in der Bürokratieverliebtheit, die uns ausbremst - bloß keinen Fehler machen, alles kleinteilig regeln! Aber es zeigt sich auch darin, politische Entscheidungen als wissenschaftliche Zwangsläufigkeiten zu präsentieren. Letzteres ist enorm problematisch."

In der FR schlägt die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr vor, durch Corona-Bürgerräte einen "Ausgleich zwischen einem Durchregieren der politischen Exekutive und einem Populismus zu finden, der sich selbst zur Stimme des Volkes und die Medien zum Sprachrohr des Kanzleramts erklärt. Beide haben in den unterschiedlichen Phasen der Corona-Krise immer aufs Neue die Grundlagen unserer liberalen Demokratie untergraben."

Natalie Grams, eine Kritikerin "alternativer" Medizin, fordert bei hpd.de viel mehr Aufklärungskampagnen zu Corona. Die Coronaskepsis verortet sie inzwischen vor allem rechts, aber nicht nur: "Hierzulande ist die Homöopathie ein sehr prominenter Zweig der Wissenschaftsleugnung - des hartnäckigen Bestreitens längst unbestreitbarer wissenschaftlicher Evidenz oder des 'denialism', wie man in den USA sagt. Die Szene schert sich nicht darum, dass ein überwältigender wissenschaftlicher Konsens Homöopathie als spezifisch unwirksame Scheintherapie einstuft, die in der medizinischen Versorgungspraxis eines öffentlichen Gesundheitswesens nichts verloren hat."

Andrea Dernbach fürchtet im Tagesspiegel, dass Beamtinnen künftig kein Kopftuch tragen dürfen. "In aller Stille" sei das Bundesgesetz "zur Regelung des Erscheinungsbilds von Beamtinnen und Beamten" erlassen worden - mit dem Ziel, "dass Polizisten oder Richterinnen nicht zum Beispiel Tattoos verfassungsfeindlichen Inhalts tragen und womöglich sogar zeigen. Doch das federführende Bundesinnenministerium hielt die Gelegenheit offenbar für günstig, das alte Projekt weiterzutreiben und gleich auch 'nicht neutrale' religiöse Kleidung von Staatsdienerinnen und -dienern in den Entwurf zu schreiben. Im Text geht es auch ums christliche Kreuz und die jüdische Kippa, in der GroKo schwört man, das sei - nach acht Ländergesetzen - keine Lex Kopftuch bundesweit, und es sei ja auch klargestellt, dass Religiöses nur verboten sei, wenn es 'objektiv' neutrale Amtsführung gefährde." Aber das besänftigt Dernbachs Zorn nicht. Die "Anti-Kopftuch-Front" habe dazu gelernt: "Heute anerkennt man die Religionsfreiheit im Grundgesetz, erwähnt die Urteile und führt die Attacke versteckt, ohne Plenardebatte, unter einer Flagge, unter der sich alle sammeln können. Geht doch um Nazi-Tattoos, wer wollte dagegen sein?"

Es ist überhaupt nicht rassistisch zu benennen, dass Menschen mit Migrationshintergrund häufiger von Corona betroffen sind, sagt die CDU-Politikerin Serap Güler im Gespräch mit Reiner Burger von der FAZ: "Wir müssen das Phänomen im sozialen Kontext sehen. In sozial schwachen Gegenden leben mehr Menschen auf beengtem Raum. Viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte arbeiten zudem in der Industrie oder in der Pflege, als Reinigungskraft, als Kassiererin, sie können sich nicht ins Homeoffice zurückziehen. Die Einwanderungsgeschichte ist also nicht der entscheidende Faktor, vielmehr geht es vor allem um die soziale Herkunft."

Der Tagesspiegel hat vier Autoren auf #allesdichtmachen angesetzt (Unsere Resümees) - mit der Frage, wer genau hinter der ihrer Ansicht nach "perfiden" Aktion steht. Es sind neben dem Filmproduzenten Bernd Katzmarczyk die (Tatort-)Regisseure Dietrich Brüggemann und Thomas Bohn, die im eigenen (Tatort-)Umfeld "rekrutierten", so der Tagesspiegel. Katzmarcyk sei durch Querdenker-Sprüche aufgefallen, Bohn und Brüggemann wollten sich gegenüber dem Tagesspiegel nicht äußern. Aber gerade Brüggemann gerate immer wieder in die Nähe der Querdenker, so die vier in ihrer kilometerlangen Recherche: "Bis vor kurzem fand sich auf Soundcloud noch ein Song mit den Zeilen 'Steckt euch euren Polizeistaat in den Arsch, steckt euch eure Maskenpflicht in den Arsch …'- inzwischen ist er gelöscht. Das Stück stammt von Brüggemann, der unter dem Pseudonym Noisy Nancy produziert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.04.2021 - Gesellschaft

In der Schweiz schlagen die Wellen hoch, nachdem sich der 86-jährigen Schriftsteller Adolf Muschg zu der Äußerung hat hinreißen lassen, die Cancel-Culture, die Menschen nach einem falschen Wort abschreibe, sei "im Grunde eine Form von Auschwitz". In der NZZ hält Manuel Müller das schon für recht unbedacht, nimmt den mittlerweile zerknirschten Muschg aber auch in Schutz: "Der Schriftsteller kritisiert das Inhumane, das darin zum Ausdruck komme, dem Gegenüber nicht mehr zuzuhören, es stillstellen zu wollen. 'Man stempelt Leute ab, und von da an kommen sie als Gesprächspartner nicht mehr infrage.' Der Andere erscheine so nur noch als Feind, schreibt er in einer Stellungnahme. Richtig ist, dass das Phänomen der Cancel-Culture nach genauer Analyse und präziser Kritik verlangt. Mit Dämonisierung ist jedoch niemandem geholfen. Vor allem aber: Der Vergleich von Cancel-Culture und Auschwitz bleibt ein krasser Missgriff." Auf Vox lästert James Carville, einst einflussreicher Manager der Demokraten in Washington, über Wokeness, Cancel Culture und akademischen Jargon.

Haben wir schon automatisch recht, weil die anderen so komplett daneben liegen? In der taz begutachtet Georg Diez den Schaden, den Corona bisher angerichtet hat: die vernichteten Existenzen einerseits, die brutalen Debatten andererseits: "Menschen brechen. Und das erzeugt scheinbar irrationale Reaktionen. Es erzeugt eine Wut, die sich ihr Gegenüber sucht. Es erzeugt ein toxisches gesellschaftliches Klima, wenn das alles im Schema von Freund und Feind gesehen wird... Der Punkt ist: Das ist erst der Anfang. Wenn der Schock nachlässt und damit die Anspannung, die bislang verhindert hat, dass das Ausmaß der individuellen Verwüstungen deutlich wird, dann wird sich das alles wiederholen, tausendfach, hunderttausendfach. Und ich frage mich: Sind wir dafür bereit? Haben wir die Zeit, die Aufmerksamkeit, haben wir die Strukturen und die Ressourcen, um diesen gesellschaftlichen Totalschaden erst einmal zu sehen, wahrzunehmen, anzunehmen - und dann miteinander ins Gespräch kommen über das, was da passiert ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.04.2021 - Gesellschaft

Die Frage, ob tatsächlich mehr Menschen mit Migrationshintergrund erkranken, wird von den Medien kaum thematisiert, obwohl sich eine Bemerkung Lothar Wieles vom Robert-Koch-Institut so verstehen ließ. Auch bei einer Analyse der möglichen Gründe wird zu kurz gegriffen, findet Ahmad Mansour in der taz: "Aspekte wie die engen Familienstrukturen, die in normalen Zeiten Rückhalt geben, sich nun aber zum Nachteil entwickeln können, wurden nicht beleuchtet. Natürlich kann man hier nicht verallgemeinern, allerdings mehren sich Berichte aus Krankenhäusern, die dramatischer nicht sein könnten. Auch in Israel war beispielsweise während der Pandemie deutlich zu beobachten, dass die Hälfte der schwersterkrankten Covid-19-Patienten arabischer Herkunft waren, obwohl nur etwa 20 Prozent der Israelis arabisch sind. Ebenso zeigen sich statistisch relevante Unterschiede in Bezug auf Vorerkrankungen wie Diabetes und Adipositas, die bei bestimmten Communitys öfter auftreten, aufgrund ihres Essverhaltens und bewegungsarmen Lebensstils."

Den "Tatort"-Regisseur Dietrich Brüggemann identifiziert Daniel Laufer bei netzpolitik.org als den Spritus Rector der shitumstormten #allesdichtmachen-Aktion, von der sich ein Drittel der beteiligten Schauspieler inzwischen distanziert habe. Brüggemann habe viele Texte der Videos geschrieben. Und er bleibt bei der Sache: "Brüggemann dagegen teilt gegen Kritiker:innen weiter aus. Er schimpft, die Leute verlören jedes Maß, im Prinzip sei es ein Lynchmob, der sich da zusammenrotte, und Leute privat und beruflich fertigmachen wolle. 'Das ist in der Struktur faschistoid.' Auf Twitter teilte er die Behauptung, '#allesdichtmachen' sei viel weniger Kritik an den Maßnahmen und der Regierung, als an denen, die laut und entrüstet bellten."

Auf der Seite der Aktion gibt es inzwischen ein etwas unklares Statement zur Aktion und zum gewaltigen Shitstorm, der über sie hinwegfegte: "Nicht alle in dieser Gruppe sind Gegner eines wie auch immer gearteten Lockdowns. Einige schon. Aber darum geht es nicht." Und übrigens: "Wenn Videos von dieser Seite verschwinden, dann heißt das nicht zwingend, dass die jeweiligen Leute sich distanzieren. Es kann genausogut bedeuten, dass jemand sich einfach nicht in der Lage sieht, diesen Shitstorm auszuhalten, oder seine Familie schützen will."

Von dem Vorwurf der AfD-Nähe will er sich nicht einschüchtern lassen, sagt Brüggemann im Interview mit Nicole Ankelmann von ntv.de: "Das heißt doch, dass wir dieses Thema der AfD dringend wieder wegnehmen müssen. Die Diskussion, wie viel Lockdown verhältnismäßig ist und wie viel wir kaputt machen in unserer Gesellschaft - das kann man doch nicht der AfD überlassen. Und den Prozess dann stigmatisieren und jedem, der protestiert, sagen: 'Du vertrittst jetzt hier AfD-Positionen.' Das ist doch totalitär. Damit ist das ganze Thema im Keim erstickt."

In der SZ fragt Cerstin Gammelin, warum ausgerechnet ein Schauspieler wie Jan Josef Liefers, der bei der Demo am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz großen Mut bewiesen hatte, sich jetzt an der Aktion #allesdichtmachen beteiligt hat: "Sein Beitrag und die anderen Videos von #allesdichtmachen haben, trotz aller Ironie, die sie verwenden, eine ganz andere Wirkung. Sie spalten die ohnehin aufgeregte Gesellschaft, weil sie Wissenschaftler, Ärzte und Medien mit dem Prädikat regierungstreu versehen und gegeneinander ausspielen. Er sei doch bei den Verunsicherten, Eingeschüchterten, Verstummten, legte Liefers auf Twitter nach. Echt jetzt? Tatsächlich ähnelt der Ton, den er gerade draufhat, eher dem von Professor Boerne, der sich kurz aufregt, bevor er zum Golfen oder Tauchen abgeholt wird. Ja, das nervt. Gerade bei jemandem, der erlebt hat, was Diktatur ist. Ein Aufruf zum Miteinander wie 1989 wäre dagegen eine feine Sache gewesen."

In der Welt geht Andreas Rosenfelder die unisono geäußerte Kritik an der Aktion zunehmend auf die Nerven: "Wer, wofür es gute wissenschaftliche Gründe gibt, an Notwendigkeit und Wirksamkeit der autoritären Regierungsmaßnahmen zur Pandemiebekämpfung zweifelt, der wird behandelt, als wolle er Menschen sterben lassen. Aus dieser absurden Logik gibt es keinen Ausweg, sie verunmöglicht Kritik."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.04.2021 - Gesellschaft

In einem sehr lesenswerten Interview mit Peter Unfried in der taz spricht der Soziologe Hartmut Rosa über den rasenden Stillstand, in den uns die Corona-Pandemie versetzt hat: "Die Zeit ist da, aber die Muße fehlt. Diese Rastlosigkeit, die wir spüren, die kommt eben nicht nur von außen, wie wir dachten. Sie kommt auch von innen, was man genau daran sieht, dass wir anstatt eine Wagner-Oper zu hören oder Thomas Mann zu lesen, doch durch die sozialen Medien surfen oder Netflix anwerfen. Wir tun also Dinge, die kurzgetaktete hohe Stimulationsdichte bei niedrigem Resonanzwert liefern... Das ist der Zwiespalt der Moderne: Der Beschleunigungsdruck kommt nicht einfach nur von außen und das Resonanzverlangen nicht nur von innen. Sofern der Kapitalismus am Hamsterrad schuld ist, ist er auch in uns. Theoretisch war mir das klar, aber ich habe es nie so deutlich erfahren wie jetzt. Aber es gibt einen anderen Aspekt, den ich früh thematisiert hatte: Es entsteht nicht nur Aggressivität, sondern eine Art von Lethargie und Erschöpfung. Ich habe gerade ein Seminar gemacht über die Frage: Wo kommt Energie her? Ich beziehe mich da stark auf den Soziologen Randall Collins. Wir haben immer geglaubt, Energie sei eine individuelle und psychische Eigenschaft."

In die große Aufregung um die Video-Reihe #allesdichtmachen steigt nur die Welt voll ein, sogar mit einem Pro und Contra. Andreas Rosenfelder jubelt: "Es ist eine Zäsur in der Kulturgeschichte der Pandemie: Ein Berufsstand, dem die Politik durch die dauerhafte Schließung von Theatern und Kinos offiziell Überflüssigkeit bescheinigt hat, meldet sich ungefragt zurück - und hält der mit sich selbst beschäftigten Krisengesellschaft den Spiegel vor." Jan Küveler findet die "süffisanten Selbstgefälligkeiten" dagegen degoutant, mit denen sich die SchauspielerInnen aus ihren Villen zu Wort meldet: "Am Anfang seines Auftritts zitiert Ulrich Tukur achselzuckend Rilke: 'Der Tod ist groß/ Wir sind die Seinen/ lachenden Munds.' Tukur sagt 'wir', meint aber die anderen."

Auch Alexander Gorkow und Willi Winkler kauen in der SZ etwas lustlos auf der verpatzten Aktion herum, für die offenbar der Berliner Regisseur Dietrich Brüggemann und der Münchner Werbefilmer Bernd K. Wunder verantwortlich zeichnen: "Die traurige, gehirnzersetzende Wahrheit hinter #allesdichtmachen ist ja viel profaner, als man denken sollte bei dem Lärm. Mitunter ist etwas nicht nationalsozialistisch, sondern nur dumm, im Sinne von richtig toll doof." Nach einigem Kopfkratzen findet Richy Müller sein eigenes Video jetzt auch ein bisschen geschmacklos, wie er auf NTV bekundet. Und im Freitag misstraut Michael Angele den allgemeinen Abwehrreflexen. Er zumindest spürte den "Kloß im Hals": "Ich habe aber immer mehr den Eindruck, dass viele Leute das nicht wahrhaben wollen. Sie versuchen lieber, den Kloß auszuspucken, als zu fragen, woher er kommt."

Ein weiterer Shitstorm hat zwei Gründer getroffen, die in der Vox-Show "Die Höhle des Löwen" pinke Einweghandschuhe zur Entsorgung von Tampons vermarkten wollten, wie uns die Schriftstellerin Nele Pollatschek in der SZ ausführt. Einfach abstoßend findet sie die Häme, die über die beiden ausgeschüttet wurde: "Was sich anfühlt wie Kampf für Feminismus und Nachhaltigkeit, ist stellvertretende Rache an zweien, die nicht die Mittel haben, sich zu wehren. In der gerechten Wut fällt der klassistische Beigeschmack kaum auf." Sie waren nicht schlimmer als die anderen, erkennt Pollatschek, die sich an einen Schulhof erinnert fühlt, nur schwächer.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2021 - Gesellschaft

Eine Gruppe bekannter Fernsehstars wie Nadja Uhl, Wotan Wilke Möhring, Ulrich Tukur, Heike Makatsch, Meret Becker und Volker Bruch macht in einer Videoreihe unter dem Titel "Alles dicht machen" (Hashtag  #allesdichtmachen) Stimmung gegen die Coronapolitik der Bundesregierung - und stößt eher nicht auf die Begeisterung von Imre Grimm bei rnd.de: "Das Ergebnis ist eine Katastrophe für die Solidargemeinschaft Deutschland. Und es ist eine Unverschämtheit. In 53 kurzen Videos lästern die Damen und Herren zu leiser Klaviermusik über die Angst vor dem Virus. Sie raunen Wirres. Sie machen sich lustig über Menschen, die vor Erschöpfung am Gitterbett ihres Kindes hängen und weinen. Sie mokieren sich voller Häme über jene, die die Maßnahmen gegen Corona möglicherweise auch nicht durchgehend logisch, verständlich, supertoll und wirkungsvoll finden, die aber immerhin bereit sind, ihr Ego für ein paar Monate zurückzustellen." Mehr bei den Salonkolumnisten.

Hier das zweifelhaft humorige Video von Jan Josef Liefers:



Inzwischen gibt es schon eine Gegenaktion unter dem Titel "Alles schlicht machen" berichtet Kurt Sagatz im Tagesspiegel. "'Ich bin fassungslos', reagierte Alexandra Maria Lara ('Der Untergang''). Die Schauspielerinnen Sandra Hüller und Laura Tonke wandten sich ebenfalls gegen die #allesdichtmachen-Aktion." Und Heike Makatsch hat ihr #allesdichtmachen-Video auch schon wieder zurückgezogen. Mehr auch bei turi2, das demnächst sicher ein Liveblog eröffnet, um mit den Entwicklungen Schritt zu halten.

Deutschlands Corona-Politik ist ein "Anschlag auf die Vernunft" und auf die moderne liberale Demokratie, ärgert sich der Philosoph Markus Gabriel in der Welt. Wissenschaftliche Fragen, wie man die Pandemie "differenziert und interdisziplinär" bewältigen könne, interessieren die "postfaktisch" agierende Politik nicht, meint er: "Es werden Maßnahmen zur Beeinträchtigung des menschlichen Lebens getroffen, ohne dass erläutert wird, wie man diese Maßnahmen sinnvoll (also unter Berücksichtigung der viralen Gefahr) wieder aufheben kann. Dazu reicht die Befristung eines Gesetzes nicht, es bedarf vielmehr einer echten, durchdachten Langzeitstrategie, die bereits jetzt die postpandemische Ordnung mit in Betracht zieht. Ob auf dem Weg in eine postpandemische Ordnung eine Strategie des kontrollierten Öffnens (die ich präferiere) oder ein kurzer, wirklich scharfer, aber für alle gut begründeter und mit Eigenverantwortung umzusetzender Lockdown besser ist, steht auf einem anderen Blatt - beide sind jedenfalls besser als dieser faule, mut- und perspektivenlose Kompromiss."

Die Pandemie hat die soziale Ungleichheit noch verschärft, sagt der Armutsforscher Christoph Butterwegge im SZ-Gespräch mit Alex Rühle. Laut dem deutschen Institut für Wirtschaftsforschung gehört den reichsten zehn Prozent der Bevölkerung inzwischen mehr als 67 Prozent des Nettogesamtvermögens, dagegen haben laut Statistischem Bundesamt "15,9 Prozent ein Einkommen, das geringer als 60 Prozent des mittleren Einkommens ist. Demnach verfügen 13,2 Millionen Menschen in Deutschland über weniger als 1074 Euro im Monat. Die Armut frisst sich mittlerweile in die Mitte der Gesellschaft hinein, und das wird durch den zweimaligen Corona-Lockdown verstärkt. Kurzarbeiter, Soloselbständige, Kleinunternehmer sind an den Rand des Ruins geraten, was beim Gang durch die Stadt am wachsenden Leerstand zu erkennen ist."

Auf Zeit Online versucht die Schriftstellerin Nele Pollatschek zwischen Anhängern der Identitätspolitik und deren Kritikern, die sie die Universalisten nennt, zu vermitteln. Den Universalisten stellt sie die Frage, wie soziale Gerechtigkeit denn anders als durch Sichtbarmachung geschafft werden soll, aber auch die Gegenfrage an die Identitätspolitik müsse erlaubt sein: "Wenn auch die kleinsten Identitäten benannt sind, wenn jeder mit Geschlecht, sexueller Orientierung, race, Behinderung und so weiter beschriftet wurde und ihr es also geschafft habt, dass alles feinst säuberlich quotiert und dadurch vielleicht sogar gerecht ist, was dann? Soll das dann so bleiben?"

Außerdem: Für die Welt hat sich die Diplombiologin Rieke Hümpel drei Gesetzesentwürfe zu Geschlechtsumwandlungen und -identitäten bei Minderjährigen durchgelesen und ärgert sich besonders darüber, dass hier von "Geschlecht" statt von "gefühlter Geschlechtszugehörigkeit" gesprochen werden.