9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.04.2021 - Gesellschaft

In einem sehr lesenswerten Interview mit Peter Unfried in der taz spricht der Soziologe Hartmut Rosa über den rasenden Stillstand, in den uns die Corona-Pandemie versetzt hat: "Die Zeit ist da, aber die Muße fehlt. Diese Rastlosigkeit, die wir spüren, die kommt eben nicht nur von außen, wie wir dachten. Sie kommt auch von innen, was man genau daran sieht, dass wir anstatt eine Wagner-Oper zu hören oder Thomas Mann zu lesen, doch durch die sozialen Medien surfen oder Netflix anwerfen. Wir tun also Dinge, die kurzgetaktete hohe Stimulationsdichte bei niedrigem Resonanzwert liefern... Das ist der Zwiespalt der Moderne: Der Beschleunigungsdruck kommt nicht einfach nur von außen und das Resonanzverlangen nicht nur von innen. Sofern der Kapitalismus am Hamsterrad schuld ist, ist er auch in uns. Theoretisch war mir das klar, aber ich habe es nie so deutlich erfahren wie jetzt. Aber es gibt einen anderen Aspekt, den ich früh thematisiert hatte: Es entsteht nicht nur Aggressivität, sondern eine Art von Lethargie und Erschöpfung. Ich habe gerade ein Seminar gemacht über die Frage: Wo kommt Energie her? Ich beziehe mich da stark auf den Soziologen Randall Collins. Wir haben immer geglaubt, Energie sei eine individuelle und psychische Eigenschaft."

In die große Aufregung um die Video-Reihe #allesdichtmachen steigt nur die Welt voll ein, sogar mit einem Pro und Contra. Andreas Rosenfelder jubelt: "Es ist eine Zäsur in der Kulturgeschichte der Pandemie: Ein Berufsstand, dem die Politik durch die dauerhafte Schließung von Theatern und Kinos offiziell Überflüssigkeit bescheinigt hat, meldet sich ungefragt zurück - und hält der mit sich selbst beschäftigten Krisengesellschaft den Spiegel vor." Jan Küveler findet die "süffisanten Selbstgefälligkeiten" dagegen degoutant, mit denen sich die SchauspielerInnen aus ihren Villen zu Wort meldet: "Am Anfang seines Auftritts zitiert Ulrich Tukur achselzuckend Rilke: 'Der Tod ist groß/ Wir sind die Seinen/ lachenden Munds.' Tukur sagt 'wir', meint aber die anderen."

Auch Alexander Gorkow und Willi Winkler kauen in der SZ etwas lustlos auf der verpatzten Aktion herum, für die offenbar der Berliner Regisseur Dietrich Brüggemann und der Münchner Werbefilmer Bernd K. Wunder verantwortlich zeichnen: "Die traurige, gehirnzersetzende Wahrheit hinter #allesdichtmachen ist ja viel profaner, als man denken sollte bei dem Lärm. Mitunter ist etwas nicht nationalsozialistisch, sondern nur dumm, im Sinne von richtig toll doof." Nach einigem Kopfkratzen findet Richy Müller sein eigenes Video jetzt auch ein bisschen geschmacklos, wie er auf NTV bekundet. Und im Freitag misstraut Michael Angele den allgemeinen Abwehrreflexen. Er zumindest spürte den "Kloß im Hals": "Ich habe aber immer mehr den Eindruck, dass viele Leute das nicht wahrhaben wollen. Sie versuchen lieber, den Kloß auszuspucken, als zu fragen, woher er kommt."

Ein weiterer Shitstorm hat zwei Gründer getroffen, die in der Vox-Show "Die Höhle des Löwen" pinke Einweghandschuhe zur Entsorgung von Tampons vermarkten wollten, wie uns die Schriftstellerin Nele Pollatschek in der SZ ausführt. Einfach abstoßend findet sie die Häme, die über die beiden ausgeschüttet wurde: "Was sich anfühlt wie Kampf für Feminismus und Nachhaltigkeit, ist stellvertretende Rache an zweien, die nicht die Mittel haben, sich zu wehren. In der gerechten Wut fällt der klassistische Beigeschmack kaum auf." Sie waren nicht schlimmer als die anderen, erkennt Pollatschek, die sich an einen Schulhof erinnert fühlt, nur schwächer.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2021 - Gesellschaft

Eine Gruppe bekannter Fernsehstars wie Nadja Uhl, Wotan Wilke Möhring, Ulrich Tukur, Heike Makatsch, Meret Becker und Volker Bruch macht in einer Videoreihe unter dem Titel "Alles dicht machen" (Hashtag  #allesdichtmachen) Stimmung gegen die Coronapolitik der Bundesregierung - und stößt eher nicht auf die Begeisterung von Imre Grimm bei rnd.de: "Das Ergebnis ist eine Katastrophe für die Solidargemeinschaft Deutschland. Und es ist eine Unverschämtheit. In 53 kurzen Videos lästern die Damen und Herren zu leiser Klaviermusik über die Angst vor dem Virus. Sie raunen Wirres. Sie machen sich lustig über Menschen, die vor Erschöpfung am Gitterbett ihres Kindes hängen und weinen. Sie mokieren sich voller Häme über jene, die die Maßnahmen gegen Corona möglicherweise auch nicht durchgehend logisch, verständlich, supertoll und wirkungsvoll finden, die aber immerhin bereit sind, ihr Ego für ein paar Monate zurückzustellen." Mehr bei den Salonkolumnisten.

Hier das zweifelhaft humorige Video von Jan Josef Liefers:



Inzwischen gibt es schon eine Gegenaktion unter dem Titel "Alles schlicht machen" berichtet Kurt Sagatz im Tagesspiegel. "'Ich bin fassungslos', reagierte Alexandra Maria Lara ('Der Untergang''). Die Schauspielerinnen Sandra Hüller und Laura Tonke wandten sich ebenfalls gegen die #allesdichtmachen-Aktion." Und Heike Makatsch hat ihr #allesdichtmachen-Video auch schon wieder zurückgezogen. Mehr auch bei turi2, das demnächst sicher ein Liveblog eröffnet, um mit den Entwicklungen Schritt zu halten.

Deutschlands Corona-Politik ist ein "Anschlag auf die Vernunft" und auf die moderne liberale Demokratie, ärgert sich der Philosoph Markus Gabriel in der Welt. Wissenschaftliche Fragen, wie man die Pandemie "differenziert und interdisziplinär" bewältigen könne, interessieren die "postfaktisch" agierende Politik nicht, meint er: "Es werden Maßnahmen zur Beeinträchtigung des menschlichen Lebens getroffen, ohne dass erläutert wird, wie man diese Maßnahmen sinnvoll (also unter Berücksichtigung der viralen Gefahr) wieder aufheben kann. Dazu reicht die Befristung eines Gesetzes nicht, es bedarf vielmehr einer echten, durchdachten Langzeitstrategie, die bereits jetzt die postpandemische Ordnung mit in Betracht zieht. Ob auf dem Weg in eine postpandemische Ordnung eine Strategie des kontrollierten Öffnens (die ich präferiere) oder ein kurzer, wirklich scharfer, aber für alle gut begründeter und mit Eigenverantwortung umzusetzender Lockdown besser ist, steht auf einem anderen Blatt - beide sind jedenfalls besser als dieser faule, mut- und perspektivenlose Kompromiss."

Die Pandemie hat die soziale Ungleichheit noch verschärft, sagt der Armutsforscher Christoph Butterwegge im SZ-Gespräch mit Alex Rühle. Laut dem deutschen Institut für Wirtschaftsforschung gehört den reichsten zehn Prozent der Bevölkerung inzwischen mehr als 67 Prozent des Nettogesamtvermögens, dagegen haben laut Statistischem Bundesamt "15,9 Prozent ein Einkommen, das geringer als 60 Prozent des mittleren Einkommens ist. Demnach verfügen 13,2 Millionen Menschen in Deutschland über weniger als 1074 Euro im Monat. Die Armut frisst sich mittlerweile in die Mitte der Gesellschaft hinein, und das wird durch den zweimaligen Corona-Lockdown verstärkt. Kurzarbeiter, Soloselbständige, Kleinunternehmer sind an den Rand des Ruins geraten, was beim Gang durch die Stadt am wachsenden Leerstand zu erkennen ist."

Auf Zeit Online versucht die Schriftstellerin Nele Pollatschek zwischen Anhängern der Identitätspolitik und deren Kritikern, die sie die Universalisten nennt, zu vermitteln. Den Universalisten stellt sie die Frage, wie soziale Gerechtigkeit denn anders als durch Sichtbarmachung geschafft werden soll, aber auch die Gegenfrage an die Identitätspolitik müsse erlaubt sein: "Wenn auch die kleinsten Identitäten benannt sind, wenn jeder mit Geschlecht, sexueller Orientierung, race, Behinderung und so weiter beschriftet wurde und ihr es also geschafft habt, dass alles feinst säuberlich quotiert und dadurch vielleicht sogar gerecht ist, was dann? Soll das dann so bleiben?"

Außerdem: Für die Welt hat sich die Diplombiologin Rieke Hümpel drei Gesetzesentwürfe zu Geschlechtsumwandlungen und -identitäten bei Minderjährigen durchgelesen und ärgert sich besonders darüber, dass hier von "Geschlecht" statt von "gefühlter Geschlechtszugehörigkeit" gesprochen werden.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.04.2021 - Gesellschaft

Denis Gießler spricht für die taz mit der Zeithistorikerin und Autorin des Buchs "Avantgarde der Computernutzung: Hackerkulturen der BRD und DDR" Julia Gül Erdogan über die Geschichte des Hackens in Deutschland: "Die linke Szene spielte eine wichtige Rolle. Auch wegen der Räumung besetzter Häuser kam sie im September 1981 in Berlin zum 'Tuwat-Kongress' zusammen. In den Redaktionsräumen der taz trafen sich Computeramateure, woraus der Chaos Computer Club (CCC) hervorging. Wau Holland, einer der Gründer, verstand es, das Image des guten Hackers zu etablieren, der sich für Datenschutz einsetzt und Sicherheitslücken aufspürt."

"Das Niveau der Auseinandersetzung hat einen Tiefpunkt erreicht", kommentiert Andreas Platthaus in der FAZ knapp die Meldung, dass auf das Buchhaus Loschwitz in Dresden ein Buttersäure-Attentat verübt wurde. Dort leben auch die Inhaberin Susanne Dagen und ihre Familie. Dagen, die auch Monika Maron verlegt hat, wird beschuldigt, der AfD nahezustehen. In der FAZ meldet Gina Thomas auch, dass Richard Dawkins den Titel "Humanist des Jahres" verliert, weil er mit einem Tweet die Transgemeinde gegen sich aufgebracht hat.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.04.2021 - Gesellschaft

Es ist nicht so, dass es übermäßig viele rechtsextreme Polizisten gibt, sagt Aiko Kempen, Autor des Buchs "Auf dem rechten Weg? Rassisten und Neonazis in der deutschen Polizei", im Gespräch mit Constanze Kurz von Netzpolitik, es ist nur so, dass sie sich von der Mehrheit der Polizisten nicht behindert fühlen. Und die Politik scheut das Thema: es gehe "nicht mehr darum, einzelne schwarze Schafe zu etikettieren. Es geht tatsächlich darum, wie es sein kann, dass sich Menschen mit rechten Einstellungen in der Polizei wohlfühlen können. Liegt dann die Verantwortung gar nicht mehr bei der Polizei, sondern auf einer politischen Ebene? Und dann trifft diese Verantwortung natürlich die Innenminister, die dann möglicherweise selbst in der Kritik stehen und mehr Verantwortung übernehmen müssten."

Auf Zeit online erzählt Frida Thurm an zwei Beispielen - den einen Beamten nennt sie "Müller - wie schwierig es für Polizisten sein kann, sich von rassistischen Kollegen zu distanzieren oder diese zu kritisieren. Dabei entscheide sich an kritischen Beamten, "wie mächtig rechtsradikale Kollegen im Dienstalltag werden können. Die Müllers sind überall. Wenn ein Polizist einen rassistischen Witz im Chat postet, liest Dienstgruppenkollegin Müller mit. Wenn eine Beamtin einen Schwarzen bei einer Festnahme absichtlich härter behandelt als notwendig, sieht das Streifenkollege Müller. Solche Beamte sind also entscheidend für die Prävention, sagt etwa der Antirassismustrainer Jürgen Schlicher, der auch schon die hessische Polizei coachte. Nehmen sie das unwidersprochen hin, werden die Grenzen des Sag- und Machbaren immer weiter verschoben. Schreiten sie ein, werden sie zwar die Gesinnung des Kollegen nicht ändern. Aber ein Klima schaffen, in dem er seinem Rassismus nicht freien Lauf lassen kann."

In der Welt warnt Remko Leemhuis, Direktor des American Jewish Committee in Berlin, vor dem Islamischen Zentrum Hamburg (IZH), das ein direkter Ableger des iranischen Regimes sei und den iranischen Quds-Brigaden nahe stehe. Sein Leiter werde direkt vom politischen und religiösen Oberhaupt des Iran ernannt, so Leemhuis. Deshalb ist es für ihn ein "Skandal", dass die Hamburger Regierung an ihrem seit 2012 bestehenden Staatsvertrag mit den islamischen Gemeinden und damit auch mit dem IZH festhält "und auch die anderen muslimischen Organisationen sich offenbar nicht an der Agenda des IZH stören. Im Umgang mit dem IZH geht es auch umpolitische Glaubwürdigkeit. Niemand würde in Hamburg auf die Idee kommen, mit Rechtsextremisten zu kooperieren. Warum beim IZH ein anderer Maßstab gilt, darauf bleiben die Verantwortlichen in Hamburg bisher eine Antwort schuldig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.04.2021 - Gesellschaft

Der Weg zur Nachhaltigkeit produziert Kollateralschäden, wie diese Meldung aus golem.de zeigt: "Qualmendes Bürgermeister-Elektroauto im Wassertank gelöscht - Der BMW i3 des Bürgermeisters von Alpen hat nur noch Schrottwert. Weil der Akku qualmte, versenkte die Feuerwehr das Elektroauto in einem Tank."
Stichwörter: Elektroautos, Nachhaltigkeit

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.04.2021 - Gesellschaft

Die obere Mittelklasse wird selbst in den Wahlprogrammen von Grünen, SPD und Linken noch zu sehr geschont, findet Barbara Dribbusch in der taz. Sie wollen gerade mal eine Vermögenssteuer von einem Prozent auf Vermögen von über einer Million Euro erheben. Viel stärker gerupft gehören für Dribbusch dagegen all jene, die sich etwa durch ein Erbe eine schöne Eigentumswohnung in den Metropolen leisten können. Besonderen Handlungsbedarf sieht sie bei der Erbschaftssteuer: "Für Kinder besteht bei der Erbschaftsteuer ein Freibetrag von 400.000 Euro - pro Elternteil. Der überschießende Teil wird mit einem Steuersatz ab 7 Prozent versteuert. Wer etwa von den Eltern nach dem Tod von Vater und Mutter in zwei Schritten ein Vermögen von 1 Million Euro erbt, muss dafür nicht einmal 20.000 Euro Erbschaftsteuer entrichten... Eine Absenkung der Freibeträge und eine Erhöhung der Erbschaftsteuersätze sind daher überfällig, davon findet sich aber nichts Konkretes in den Parteiprogrammen."

Die Petition "Europas Freiheit schützen - Politischen Islam stoppen!", die unter anderm von bekannten Religionskritikerinnen wie Necla Kelek und Mina Ahadi, aber auch etwa von Helke Sander, Lale Akgün oder Lea Rosh unterzeichnet wurde, ist auf der Plattform change.org wegen "impliziter Hassrede" gelöscht worden, berichtet Daniela Wakonigg bei hpd.de. In der Petition wird eine strikte Trennung von Staat und Religion gefordert, sie spricht sich aber auch gegen das Kopftuch für Mädchen und Beamtinnen aus. Wakonigg hat ein Statement von change.org erhalten: "Auf Change.org verstehen wir unter Hassrede jeden Inhalt, der direkt oder indirekt eine ganze Gruppe von Menschen wegen einer Eigenschaft, die sie gemeinsam haben, angreift. Die betreffende Petition kann so interpretiert werden, dass sie das Tragen von Kopftüchern gleichsetzt mit Gewalt, die von islamistischen Extremisten begangen wird." Auf der Seite, wo die Petition stand, gibt es von change.org allerdings nur noch Leere und keine Erklärung.

Wakonigg kommentiert die Äußerung von change.org so: "Nun ist die Sache mit dem Kopftuch eine kniffelige Angelegenheit. Selbstverständlich ist das Tragen des Kopftuchs von einer Muslima nicht gleichzusetzen mit einem islamistischen Mordanschlag. Doch ist andererseits nicht wegzureden, dass der Kampf um die Stärkung des Politischen Islams in Europa tatsächlich zu einem nicht unwesentlichen Teil auf den Köpfen von Frauen ausgetragen wird. Obwohl von einer Verschleierung weiblicher Kinder in islamischen Schriften nicht die Rede ist, setzen Verfechter des Politischen Islams ein Zeichen für ihre Ideologie, indem sie bereits weibliche Kleinkinder verschleiern." Die Petition kann man nun bei "openPetition" nachlesen und unterzeichnen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.04.2021 - Gesellschaft

"Ich glaube nicht einen Moment lang, dass Foucault pädophil war", sagt der französische Essayist Pascal Bruckner, der Foucault gut kannte, im NZZ-Interview mit Claudia Mäder (Unsere Resümees). Aber Foucault leistete wie viele andere Linke in und nach den 68ern "intellektuelle Schützenhilfe für pädophile Verhaltensweisen", räumt er ein. Über die aktuellen Identitätsdebatten wäre Foucault entsetzt, glaubt er: "Dass Foucault, Deleuze, Derrida und zu Teilen auch Roland Barthes das amerikanische 'woke'-Denken inspiriert haben, ist eine Tatsache. Nur sind die Ideen dieser Denker auf eine Art und Weise interpretiert worden, die man durchaus absurd finden kann. Die Amerikaner haben eine stark kommunitaristische, auf einzelne Gruppen fokussierte intellektuelle Tradition, und in diesen Rahmen sind die französischen Theorien eingepasst worden. Ich glaube, dass die Urheber der sogenannten French Theory einigermaßen entsetzt wären, wenn sie sähen, was in Amerika aus ihren Werken wurde. Namentlich die Überbetonung sexueller oder rassischer Identitäten dürfte sie schockieren, da sie selber für die Auflösung jeder Identität eintraten."

"Das Wohnen ist die soziale Frage der Gegenwart", konstatiert Gerhard Matzig in der SZ. Der nun gekippte Berliner Mietendeckel hätte am Wohnungsmangel nichts geändert, fährt er fort. Er macht sechs Vorschläge, etwa "das Privatisieren des sozialen Wohnungsbaus" einzustellen. Außerdem: "Die zeitliche Befristung dieses geförderten Wohnungsbaus (Mietpreisbindung) als das begreifen, was es ist, nämlich Unsinn. Viertens: Die Förderung, die zuletzt eher den Banken und der Immobilienwirtschaft zugutekam, endlich auf die Basis der Gemeinnützigkeit umstellen. Fünftens: Die Baupreise reduzieren, indem der Norm-Furor eingehegt wird. Sechstens: Das Wohnen in Teilen zur Staatsaufgabe machen. Das geht auch ohne Plattenbauweise. Dafür mit Ministerium."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.04.2021 - Gesellschaft

Die Politik ist weit davon entfernt, während der Pandemie die "Macht an sich zu reißen", konstatiert Thomas Schmid in der Welt: "Keineswegs nur in Reaktion auf den Nationalsozialismus ist das politische System der Bundesrepublik auf Beschränkung, Teilung und Bremsung von Macht ausgerichtet worden. Der Föderalismus gehört genauso dazu wie die Kompliziertheit des Verfahrens, einen Regierungswechsel durch Misstrauensvotum zu bewerkstelligen." Nun aber sei es "hohe Zeit, nicht nur das 'Format' der Ministerpräsidentenkonferenz zu überdenken. Die Corona-Pandemie macht es nötig, das staatliche Gefüge insgesamt einer strengen und grundsätzlichen Inspektion zu unterziehen. Den Föderalismus neu zu gewichten. Der Bürokratie ihre Allmacht in Routine und Stillstand zu rauben."

Matthias Meisner hat mit "Fehlender Mindestabstand" ein erstes Buch über die Coronaleugnerszene vorgelegt, die häufig mit antisemitischen und rassistischen Verschwörungstheorien operiert. Meisner beobachtet im  Gespräch mit Eugen El von der Jüdischen Allgemeinen eine schwache Reaktion der Behörden auf die Querdenker-Demonstrationen: "Es ist wichtig, dass Menschen in einer Demokratie ihren Unmut zum Ausdruck bringen können. Aber es darf nicht sein, dass Coronaleugnerinnen und Coronaleugner den Behörden auf der Nase herumtanzen. Das ist zum Beispiel in München geschehen, als ein Querdenken-Protest als Gottesdienst deklariert wurde und so die Auflagen ausgehebelt wurde. Die Schlupflöcher der freiheitlich-demokratischen Grundordnung werden zum Teil schamlos ausgenutzt."

Der Deutsche Ärztetag soll im Mai darüber entscheiden, ob der Satz "Ärzte dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten" aus der Musterberufsordnung gestrichen wird, schreibt Karin Dalka in der FR und ergänzt: "Klingt selbstverständlich, längst überfällig im Sinne der Berufs- und Gewissensfreiheit. Aber dass der Ärztetag so entscheidet, ist längst nicht ausgemacht - obgleich niemand, wirklich niemand die Medizinerinnen und Mediziner zur Sterbehilfe verpflichten will. Auch in der Ärzteschaft werden die Stimmen lauter, die die vermeintlichen Gewissheiten einer bevormundenden Medizin infrage stellen. Etwa dass bei einer flächendeckenden Palliativversorgung der Wunsch nach Sterbehilfe gar nicht erst aufkomme. Oder dass fast jeder Suizidwunsch auf eine psychische, meist depressive Störung zurückgehe."

Es gibt eine unschöne Tradition der Päderastie unter französischen Intellektuellen in Bezug auf den Maghreb, schreibt Iris Radisch in der Zeit mit Blick auf die Debatte um Michel Foucault, dem Verfehlungen in Algerien vorgeworfen werden (unsere Resümees) Man habe sich Knaben im Bordell gekauft und dann geglaubt, dem Mythos zu begegnen: "Der koloniale Hintergrund solcher im Bordell gewonnenen Einblicke ins Heilige, die auch Foucault begeisterten, weil sie 'das Nachdenken über Gott und das Nachdenken über die Sexualität zu einer gemeinsamen Form verbinden', wurde diskret übergangen. Das gilt auch für die französische Umdeutung der nordafrikanischen Kolonien zu einer Wellnesszone des sonnigeren, authentischeren Lebens, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts von jungen intellektuellen Algerienfranzosen unter dem Schlagwort Mittelmeerkultur propagiert wurde."

Außerdem: Im großen NZZ-Interview mit Rene Scheu kritisiert der Virologe Hendrik Streeck Medien und Journalismus, aber auch Politik und Wissenschaft. Er fordert mehr Interdisziplinarität in der Debatte: "Die Virologen sollten nicht die Macht übernehmen, und die Politiker sollten sich nicht hinter den Virologen verstecken." Wenn es um Diversität geht, sind Juden meist nicht mit gemeint, stellt Andreas Schreiner in der NZZ fest und leitet daraus ab, linke Identitätspolitik habe eine Antisemitismus-Problem.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.04.2021 - Gesellschaft

Unser Gesundheitssystem erstickt in Bürokratie, warnt in der SZ der Internist Berndt Birkner, der auch nicht begreift, dass die Hausärzte so spät in die Corona-Impfstrategie einbezogen wurden. "Die Steigerung der täglichen Corona-Impfrate um 50 Prozent durch die Beteiligung niedergelassener Ärzte macht dieses Systemversagen nur allzu deutlich. Unser Gesundheitssystem ist veraltet. Die Digitalisierung hat dort keinen Einzug gehalten. Der ursprüngliche Ansatz, Menschen davor zu schützen, durch Krankheit in die Armut abzugleiten und gerade den bodenständigen Hausärztinnen und -ärzten ein halbwegs leistungsgerechtes Honorar zu garantieren, ist durch die überbordende Entwicklung von Gesetzen, Verordnungen, einer insgesamt schlicht obszönen Bürokratie pervertiert worden. Was keinen niedergelassenen Arzt mit etwas Erfahrung wundern wird, weil sie oder er es aus eigener Erfahrung wissen: Der ursprüngliche zeitliche Anteil zur Versorgung der Kranken durch Ärzte von 70 Prozent ist auch seriösen Erhebungen zufolge zu Lasten der Patienten auf 30 Prozent geschrumpft, dafür aber ist der Zeitanteil zur Bewältigung der Bürokratie auf umgekehrt 70 Prozent gewachsen."

Dazu passt die Meldung bei Zeit online, dass die Arztpraxen offenbar sehr viel weniger BioNTech-Dosen bekommen als vorgesehen, "'weil der Impfstoff offensichtlich vorrangig an die Impfzentren geht', sagte Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), der Neuen Osnabrücker Zeitung. 'Die Zuteilung für die Hausärzte wurde halbiert.' Zwar erhalten die Arztpraxen laut Gassen als Ausgleich mehr Dosen des AstraZeneca-Impfstoffs. 'Aber das wird so nicht aufgehen', sagte der Kassenärzte-Chef. 'Wenn die Impfzentren komplett den vergleichsweise unproblematischen Impfstoff erhalten, die Praxen aber den umstrittenen, der zumal den unter 60-Jährigen nicht gespritzt werden darf, wird die Impfkampagne massiv ins Stocken geraten. Das darf nicht passieren.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.04.2021 - Gesellschaft

Der Verleger und Leiter des Literaturhauses Hamburg Rainer Moritz wendet sich in einem ganzseitigen FAZ-Essay zwar gegen Reinheitsverfechter in der Sprache, die sich bei jedem "wegen" mit Dativ die Haare raufen. Das Gendern empfindet er in der Deutschen Sprache aber als gewaltsam. Er rät zu Gelassenheit: "Wem das Sternchen missfällt, der darf sich aber ruhig zurücklehnen: Sprachökonomisch sind dessen komplexe Varianten nicht. Eine 'erfundene' Wortbildungsform, die nicht aus dem Sprechen im Alltag erwachsen ist, hat keine Zukunft. Wenn, so die Linguistin Ewa Trutkowski, die 'Vermeidung unnötiger Komplexität' eine der 'Haupttriebfedern für Sprachwandel' darstellt, darf man auf den Lauf der Zeit bauen."

In der Welt ist Boris Pofalla regelrecht sauer, über den Artikel von Georg Blume in der Zeit, der Michel Foucault als Päderasten zeichnete, der in Tunesien kleine Jungen auf Grabsteinen vögelte. Beweise dafür gebe es nicht, so Pofalla, und Foucault wurde in Tunesien immerhin "systematisch von der Polizei überwacht", die ihn auf der Stelle festgenommen hätte. "Das Sittengemälde, das uns hier gemalt wird, offenbart also vor allem eins: die Ressentiments derer, die sich männliche Homosexualität imaginieren als etwas Klandestines, Päderastisches, Gewaltvolles, etwas, bei dem es immer Opfer geben muss, Beherrschte und Herrscher, Jäger und Beute. 'Foucaults tunesische Jungen' eben - und den unersättlichen Homo. ... Es wäre komisch, wenn es nicht so bizarr wäre: Aber nun werden sich wohl viele straighte Journalistinnen und Journalisten damit befassen, welcher Mann 1968 oder 1969 hinter welchem Busch in Nordafrika welchem anderen Mann die Hose geöffnet hat, während beiden dafür das Gefängnis drohte."

Angesichts der sehr deutschen Diskussion über "Privilegien" und "Sonderrechte" für Geimpfte sieht Gerhard Matzig in der SZ die Jungen abgehängt: Sie müssten Solidarität üben bis zu ihrem eigenen, in einiger Ferne liegenden Impftermin. Dabei wissen sie, "dass die letzten Leute, die geimpft werden, auch die Menschen sein werden, die zuletzt zur Normalität zurückfinden: Wie soll man kein Verständnis haben für das Empfinden eines jungen Menschen, der sich um Teile seines Lebens betrogen sieht? Aber dennoch fragt sich, wie man drauf sein muss, um dem 83-jährigen Nachbarn, der bald ins Restaurant darf, indem er die harte Tür mit der gelben 'Impf- oder Porophylaxebescheinigung' überwindet, diese Normalität zu versagen?" Matzig setzt seine Hoffnung auf "einen unerwarteten Anfall kollektiver Weisheit abseits von Recht und Gerechtigkeit", die die so Ermahnten allerdings gar nicht so unerwartet längst ausüben.

Im zweiten Teil seiner Welt-Serie über den politischen Islam schreibt Ahmad Mansour über die Entstehung der Muslimbrüderschaft, die zuletzt mit dem ägyptischen Theologen Muhammed al-Ghazzali in den achtziger Jahren einen Paradigmenwechsel eingeleitet habe, der die Muslime im Westen als Chance begriff: "Es ging darum, die Stärke des Westens erstmals für die Angelegenheiten des Islam zu nutzen, um dann die westlichen Staaten im Sinne des Islamismus zu unterwandern." Dieser politische Islam ist also "als moderne politische Bewegung sehr jung im Vergleich zur Religion, auf die er sich beruft. Und obwohl der Islam immer - mal mehr, mal weniger - politisch war, darf man ihn nicht gleichsetzen mit dem Politischen Islam." Tatsache sei aber auch, dass diese Bewegung von vielen westlichen Regierungen unterstützt wurde: "In Deutschland beispielsweise wurde die Rückbesinnung zur nationalen und religiösen Identität sogar als Chance betrachtet, dass die Menschen irgendwann, nachdem sie ihren Gastarbeiterauftrag erfüllt hatten, in ihre Heimatländer zurückkehren würden. So musste man diese Menschen gar nicht erst integrieren."