Im Kino
Zeigefinger Fehlanzeige
Die Filmkolumne. Von Thomas Groh
12.03.2025. Wie einst Lola rennen zwei Schüler quer durch Berlin einer größeren Summe Bargeld hinterher. Benjamin Heisenbergs "Der Prank" ist ein erfreulich anarchischer Kinderfilm, der seine jungen Protagonisten ernst nimmt.
So knallrot wie die Haare von Lola aus "Lola Rennt" ist der kleine Pizzaboten-PKW, mit dem der schluffige Verpeilo namens Schaaf (Cedric Eich) quer durch Berlin rast - so ein bisschen ist das auch eine "Lola Rennt"-Variante, was "Der Prank" erzählt: Auch hier kommt ein erheblicher Betrag Bargeld abhanden (bei "Lola" waren es noch 100.000 DM, hier ist es eine Million Euro, die Inflation, man kennt's), der zu einem ganz bestimmten und darüber hinaus auch noch äußerst baldigen Zeitpunkt wider alle Wahrscheinlichkeiten an einem bestimmten Ort aufzutauchen hat, weil sonst aber mal so richtig Achterbahn. Und wie bei "Lola" gibt es auch hier eine Szene, in der der improvisiert eingestopfte Geldbetrag (bei Lola war es eine Einkaufstüte, hier ein Rucksack) in einer Berliner U-Bahn liegen bleibt.
Ein Remake also? Aber nein, alles nur ein Prank, eine falsche Fährte, ein Witz in einem Witz in einem Witz. Der damit angefangen hat, dass der chinesische Austauschschüler Zhōu (Max Zheng) Schaaf in einem unbeobachteten Moment seine Unterhose in einen auszuliefernden Pizzakarton reingejuxt hat - ein etwas unbeholfener Versuch, sich am 1. April den kulturellen Gepflogenheiten seines Gastlandes anzupassen und einen Aprilscherz abzufeuern, der sich zu einem irrsinnigen Großstadtabenteuer auswächst, an dessen Ende Zhōu und Lucas (Noèl Gabriel Kipp), der zwölfjährige Sohn von Zhōus Gastfamilie, sich gegenüber schweren Mafia-Jungs mit schweren Wummen wiederfinden.
In der "Berliner Schule" hat sich Regisseur Benjamin Heisenberg einen Namen gemacht, nun ist er am Spandauer Kant-Gymnasium gelandet, wo die beiden Jungs den Unterricht schwänzen, um das von ihnen angerichtete Malheur in einer Kaskade der Eskalation wieder zu richten. Wobei, was heißt schon Berliner Schule? Die in den letzten Jahren deutlich beobachtbare Öffnung dieses (ohnehin stets sehr losen) Zusammenhangs Richtung Genrefilm hatte Heisenberg bereits 2010 mit seinem großartig gedämpften Actionthriller "Der Räuber" eingeläutet, 2014 folgte die schön lässige, auch mutig alberne Komödie "Über-Ich und Du" - beide aber noch mit deutlichen Autorenfilm-Signaturen. Und nun eben vollkommener Registerwechsel: "Der Prank" ist ein lupenreiner Kinderfilm, mit allem was dazu gehört - mit kreischend satten Farben, golden hellem Licht, stets immer ein bisschen zu sauberen Bildern, tölpelhaften, grimassierenden Erwachsenen, smarten Kindern, jeder Menge Lautstärke - und vor allem sehr viel anarchischem Spaß.

Heisenberg umarmt die Form und ihre Potenziale zum Freidrehen. Von Anfang an macht der Film Tempo, bleibt selten lange an einem Fleck - und kostet die Möglichkeiten erzählerischer Volten und Purzelbäumen freudig aus. Das Schöne daran: Heisenberg fügt sich zwar der Konvention - aber ein liebloses oder macherseitig gar zynisch runtergekurbeltes Projekt ist dieser Film nicht die Spur. Immer wieder gibt es schöne visuelle Ideen, scheint der sympathische Wille durch, einem jungen Publikum unbedingt eine unterhaltsame Zeit im Kino zu bescheren. Und Heisenberg nimmt die Zielgruppe ernst: Seine Figuren reden wie Demnächst-Teenies eben reden - und nicht so hysterisch durchgeknallt, wie das in anderen Kinderfilmen oft der Fall ist.
Auch schön: In "Der Prank" wird durch achtloses Handeln zwar eine Katastrophe beträchtlichen Ausmaßes ausgelöst - aber pädagogisch ist der Film nicht einmal im Ansatz. Ganz im Gegenteil: Die Kids brechen am laufenden Meter Gesetze, dass es eine wahre Schau ist - da werden Autos geklaut und gefahren, bei den Cops eingebrochen, Geldübergaben geplant und was es derlei Schabernack noch alles gibt, der viel Freude bereitet, solange man nicht strafmündig ist. Sanktionen und tadelnd aufgerichtete Zeigefinger - Fehlanzeige. "Scheiße" und "geil" sagen die Kids auch eher häufig als selten. So ist es gut, so soll es sein - auch darin zeigt sich, wie ernst Heisenberg sein Publikum nimmt: Fürs Leben lernt man schließlich in der Schule schon genug, im Kino sollen mal bitte Grenzübertritt und Abenteuer angezeigt sein.
Tolle Kinder-Schauspieler, schöne Farben, ein tolles Licht, Berlin als großer Abenteuer-Spielplatz: Nach diesem grauen Winter tut dieser Kino-Farbspritzer richtig gut - und macht viel Lust auf Frühling in dieser Stadt. Darauf, das Handy - Zhōu ist natürlich passionierter TikTokker - für einmal wegzulegen und sich ins Getümmel zu werfen. So pädagogisch ist der Film am Ende dann doch (wenn auch nur äußerst nebenbei).
Thomas Groh
Der Prank - Deutschland 2025 - Regie: Benjamin Heisenberg - Darsteller: Noèl Gabriel Kipp, Max Zheng, Maïmouna Mbacke, Cedric Eich, Mehdi Nebbou - Laufzeit: 91 Minuten.
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