Im Kino

Alles verschluckende Schwärze

Die Filmkolumne. Von Katrin Doerksen
12.03.2025. Eher ein wichtiger als ein großer Film ist Walter Salles' "Für immer hier". Der brasilianische Regisseur erzählt darin von politischen Verbrechen, die vor allem hinter verschlossenen Türen stattfanden.

Es ist alles ein bisschen zu goldig am Anfang von "Für Immer Hier", das Sonnenlicht und die warmen Töne des Filmmaterials, der Sandstrand von Leblon, die perfekte Bräune der Volleyball spielenden Kinder, der struppige Hund, der plötzlich auf dem Spielfeld steht und vom Fleck weg adoptiert wird. So viel nostalgisch-wehmütige Idylle, dass man gar nicht anders kann als sofort zynisch zu vermuten, dass irgendwann im Laufe des Films das unschuldige kleine Tierchen das Zeitliche segnen muss. Und so kommt es auch, weil "Für Immer Hier" die Art Film ist, in der auf keiner Ebene je etwas Unerwartetes passiert.

Walter Salles' "Für Immer Hier" basiert auf den Memoiren des brasilianischen Schriftstellers Marcelo Rubens Paiva und erzählt die Geschichte dessen Familie, genauer: seiner Mutter. Eunice Paiva (Fernanda Torres) lebt als Ehefrau des früheren linken Abgeordneten Rubens (Selton Mello) und als Mutter fünf wohlgeratener Kindern in einem der besseren Viertel von Rio de Janeiro, direkt am Strand, ein angenehmes Leben. Aber Anfang der 1970er Jahre herrscht in Brasilien eine Militärdiktatur. Infolge zahlreicher Studentenunruhen und Streiks beginnt die Junta härter durchzugreifen und Oppositionelle zu verfolgen. In der ausgedehnten Exposition sind diese Nachrichten nur minimale Irritationen im Familienalltag; einmal kommt die älteste Tochter wegen der Straßensperren der Armee später als geplant nach Hause, ein anderes Mal stören vorbei rollende Panzer die Ruhe am Strand.

Salles stellt - in dieser Hinsicht fühlt sich "Für Immer Hier" beklemmend zeitgeistig an - dem um sich greifenden Terror den Versuch seiner Protagonisten gegenüber, so lange wie möglich einen Anschein von Normalität zu bewahren; zuerst um selbst nicht in Panik zu geraten und später vor allem um der Kinder willen. Eine der Paiva-Töchter filmt ihren Alltag mit einer Super-8-Kamera, nicht ahnend, dass ihre grobkörnig verwackelten Aufnahmen bald zur Zeitkapsel werden, Zeugnisse einer nie wieder erreichbaren Unbeschwertheit.


Dann kommt der Tag im Januar 1971. Männer, die sich als Militärangehörige ausgeben, dringen in das schöne Haus am Strand ein, setzen die anwesenden Familienmitglieder fest und nehmen Rubens zu einer Befragung mit. Der Ausgang dieses Übergriffs ist heute bekannt: Rubens Paiva wurde gefoltert und starb bereits einen Tag nach der Festnahme, sein Leichnam wurde nie gefunden. Zwölf Tage lang hält das Militär auch Eunice fest, bevor sie, ohne je offiziell über den Verbleib ihres Mannes informiert worden zu sein, zusammen mit den Kindern zurück in ihre Heimatstadt São Paulo zieht und beginnt, Jura zu studieren.

Am überzeugendsten ist "Für Immer Hier" in seinen subtileren Strategien. Zum Beispiel inszeniert Salles die erste Filmhälfte als sukzessiven Rückzug des Lichts: Der Sonnenglanz des Strandes dringt nicht mehr ins Haus der Familie Paiva vor, nachdem sich dort die Entführer einnisten und alle Gardinen und Vorhänge schließen. Der Film wird zum Kammerspiel und findet seinen vorläufigen Höhepunkt, als sie Eunice ebenfalls eine schwarze Kapuze über den Kopf ziehen, sie in einem düsteren Verhörraum abladen. Für zwölf Tage sind dieser Verhörraum und die alles verschluckende Schwärze ihrer Zelle Eunices ganze Welt, die Schreie der Gefolterten im oberen Stockwerk ihr einziges Geräusch.

Expliziter wird die Gewalt in "Für Immer Hier" nicht gezeigt und es wäre theoretisch denkbar, diese Entscheidung als Zugeständnis an die Saturiertheit der US-amerikanischen Award Season zu werten. Vor dem historischen Kontext der südamerikanischen Militärdiktaturen der 1960er bis -80er Jahre, in denen sich ein Großteil des Unrechts hinter bis heute verschlossenen Türen abspielte, ist sie freilich möglicherweise genau die Richtige. Vielleicht erklärt sie zumindest in Teilen den riesigen Erfolg des Films in Brasilien, wo sich zur Oscarverleihung ("Für Immer Hier" erhielt die Auszeichnung als Bester Internationaler Film) mancherorts Straßenszenen abspielten wie sonst bei Fußballweltmeisterschaften.

Gegen Ende springt "Für Immer Hier" in die jüngere Vergangenheit. Eunice ist ergraut und wird nun von Fernanda Torres' eigener Mutter Fernanda Montenegro gespielt. Die erwachsenen Kinder kümmern sich um die fragile Dame im Rollstuhl, Alzheimer im fortgeschrittenen Stadium trübt ihren Geist. Nur als im Fernsehen die Rede von der Aufarbeitung der Diktatur ist, hebt sie den Blick für einen kurzen Moment. Für einen Film, der von den Schwierigkeiten des Erinnerns handelt, ist dieses Ende fast ein bisschen zu offensichtlich, aber auch in diesem Punkt bleibt "Für Immer Hier" den Vorgaben und der Chronologie der Realität verpflichtet. Statt in die Kategorie der wirklich großen gehört er in die der wirklich wichtigen Filme.

Katrin Doerksen

Für immer hier - Brasilien 2024 - OT: Ainda Estou Aqui - Regie: Walter Salles - Darsteller: Fernanda Torres, Fernanda Montenegro, Selton Mello, Valentina Herszage, Maria Manoella - Laufzeit: 137 Minuten.