
Jacob Heilbrunn untersucht die Verehrung, die amerikanische Neokonservative
Winston Churchill entgegenbringen. Seinen bedingungslosen Kampf gegen Hitlerdeutschland hat Reagan ebenso bewundert wie jetzt Bush. Heilbrunn
vermutet aber, dass Churchill zur Legitimation einer neuen Politik missbraucht wird. "
Bushs ehemaliger
Redenschreiber David Frum hat Churchill als großen Mann des 20. Jahrhunderts gepriesen und zugleich
Roosevelt getadelt, weil er dem Nationalsozialismus wie dem Stalinismus nicht deutlich genug entgegengetreten ist. Indem sie Roosevelt zur Seite schieben und Churchill erhöhen, tun die Neokonservativen mehr, als an einen neokonservativen Helden der Vergangenheit zu erinnern. Sie erfinden vielmehr einen
neue interventionalistische Tradition für die Republikaner, die über alles hinausgeht, was sich Churchill oder ein britischer Politiker je vorgestellt haben."
In einem Essay
bricht der
Autor Gore Vidal eine Lanze für den geschätzten
Kollegen James Purdy, der aus seiner Rolle als Geächteter der amerikanischen Literatur wohl nicht mehr herauskommt. Zur Wertedebatte wird er nun wieder gelesen, Gerechtigkeit widerfährt ihm aber noch lange nicht. "'Schwule' Literatur, besonders von noch lebenden Schriftstellern, ist ein
großer Friedhof, auf dem Autoren, die bis auf ihre angenommenen sexuellen Vorlieben völlig unterschiedlich sind, in einem Loch weit ab vom ausgetretenen Hauptweg der familiären Werte zusammengeschmissen werden. James Purdy, der eines Tages zusammen mit
William Faulkner in die schattige Gotik-Ecke des Friedhofs der amerikanischen Literatur versetzt werden sollte, muss dagegen neben Fremden liegen."
Weitere Artikel: "Außergewöhnlich interessant"
findet William T. Vollmann Philip Shorts Biografie (
erstes Kapitel) über
Pol Pot, den Anführer der Roten Khmer in Kambodscha. Gut, dass Tom Reiss sein Porträt des Schriftstellers
Lev Nussibaum, der als Jude in Baku aufwuchs, als
Araber posierte, 14 Bücher in vier Jahren schrieb (
mehr) und schließlich im
süditalienischen Positano starb, nicht als Roman verfasst hat,
jubelt ein angeregter Geoffrey Wheatcroft. Diese Geschichte (
erstes Kapitel) hätte ihm nämlich niemand abgenommen.
Tom Bissell lässt die Charaktere seiner Kurzgeschichtensammlung
"God Lives in St. Petersburg" (
erstes Kapitel) durch Zentralasien irren. Pankaj Mishra
reist gerne mit, denn Bissell hat in der Short Story sein Genre gefunden.

Im
New York Times Magazine erzählt Roger Cohen in einer großen Reportage die Geschichte von
350 amerikanischen Kriegsgefangenen, die in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs ins
KZ Berga, ein
Außenlager von Buchenwald, geschickt wurden. Cohen
besucht zwei Überlebende in Florida, die in ihren Träumen immer noch in Berga sind. In Deutschland, glaubt Cohen, möchten viele einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen. "Wenn sie auch nicht 'Genug' sagen, sie denken es. Schuld kann nicht vererbt werden wie ein Familienerbstück, auch wenn das Bewusstsein der Schuld ihrer Vorfahren nicht ausgelöscht werden kann. Sie beißen auf ihre Lippen, damit dieses Wort -
'Genug' - nicht ausgesprochen wird, wohlwissend dass, wenn sie ihr Kinn auch nur ein paar Zentimeter heben, jemand kommt und es wieder herunterdrücken wird. Aber ist es nicht verständlich, diesen Schlußstrich (deutsch im englischen Original) zu verlangen, wo die Nazitäter tot sind oder es bald sein werden?
Es ist verständlich. Aber die Erinnerung ist nicht linear und Vernunft hat hier wenig zu sagen."
Deborah Solomon
besucht Jonathan Safran Foer, dessen zweiter Roman "Extremely Loud and Incredibly Close" nach dem gefeierten "Alles ist erleuchtet" demnächst erscheint. Foer ist gerade 28 Jahre alt geworden. "Sein Büro besteht aus einem kleinen gemieteten Raum, der von seinem Zuhause aus zu Fuß zu erreichen ist. Das Zimmer ist spärlich eingerichtet, mit wenig mehr als einem langen Arbeitstisch, ein paar Bücherregalen von Ikea und einem
überdimensionierten Hundebett, bestimmt für eine weibliche Kreatur namens George, offensichtlich eine
Art Deutsche Dogge. Ein seltsames Objekt - die
Bügelsäge eines Schreiners - hängt an einer ansonsten leeren Wand über dem Schreibtisch. ('Man weiß nie, wann man einen schlechten Tag hat', erklärt Foer). der Tür gegenüber befindet sich eine reizende Tuschezeichnung aus den 40ern, ein echtes Selbstporträt von
Isaac Bashevis Singer, dessen Augen unter seinem ausgeprägten Schädel hervorblitzen. 'Sie sollten daraus nicht zu viel ableiten', meint Foer zu mir, nicht sehr überzeugend."
Außerdem
spricht Solomon mit dem
Brit-Art-Künstler Damien Hirst, der seinen neuen Hang zur
Malerei erklärt. Allein wegen des ersten Bildes, ein in Zigarettenrauch eingehüllter
Clint Eastwood, lohnt sich die
Porträtserie der Lieblingsschauspieler der Redaktion.