Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 01.03.2005 - New York Times

Jacob Heilbrunn untersucht die Verehrung, die amerikanische Neokonservative Winston Churchill entgegenbringen. Seinen bedingungslosen Kampf gegen Hitlerdeutschland hat Reagan ebenso bewundert wie jetzt Bush. Heilbrunn vermutet aber, dass Churchill zur Legitimation einer neuen Politik missbraucht wird. "Bushs ehemaliger Redenschreiber David Frum hat Churchill als großen Mann des 20. Jahrhunderts gepriesen und zugleich Roosevelt getadelt, weil er dem Nationalsozialismus wie dem Stalinismus nicht deutlich genug entgegengetreten ist. Indem sie Roosevelt zur Seite schieben und Churchill erhöhen, tun die Neokonservativen mehr, als an einen neokonservativen Helden der Vergangenheit zu erinnern. Sie erfinden vielmehr einen neue interventionalistische Tradition für die Republikaner, die über alles hinausgeht, was sich Churchill oder ein britischer Politiker je vorgestellt haben."

In einem Essay bricht der Autor Gore Vidal eine Lanze für den geschätzten Kollegen James Purdy, der aus seiner Rolle als Geächteter der amerikanischen Literatur wohl nicht mehr herauskommt. Zur Wertedebatte wird er nun wieder gelesen, Gerechtigkeit widerfährt ihm aber noch lange nicht. "'Schwule' Literatur, besonders von noch lebenden Schriftstellern, ist ein großer Friedhof, auf dem Autoren, die bis auf ihre angenommenen sexuellen Vorlieben völlig unterschiedlich sind, in einem Loch weit ab vom ausgetretenen Hauptweg der familiären Werte zusammengeschmissen werden. James Purdy, der eines Tages zusammen mit William Faulkner in die schattige Gotik-Ecke des Friedhofs der amerikanischen Literatur versetzt werden sollte, muss dagegen neben Fremden liegen."

Weitere Artikel: "Außergewöhnlich interessant" findet William T. Vollmann Philip Shorts Biografie (erstes Kapitel) über Pol Pot, den Anführer der Roten Khmer in Kambodscha. Gut, dass Tom Reiss sein Porträt des Schriftstellers Lev Nussibaum, der als Jude in Baku aufwuchs, als Araber posierte, 14 Bücher in vier Jahren schrieb (mehr) und schließlich im süditalienischen Positano starb, nicht als Roman verfasst hat, jubelt ein angeregter Geoffrey Wheatcroft. Diese Geschichte (erstes Kapitel) hätte ihm nämlich niemand abgenommen. Tom Bissell lässt die Charaktere seiner Kurzgeschichtensammlung "God Lives in St. Petersburg" (erstes Kapitel) durch Zentralasien irren. Pankaj Mishra reist gerne mit, denn Bissell hat in der Short Story sein Genre gefunden.

Im New York Times Magazine erzählt Roger Cohen in einer großen Reportage die Geschichte von 350 amerikanischen Kriegsgefangenen, die in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs ins KZ Berga, ein Außenlager von Buchenwald, geschickt wurden. Cohen besucht zwei Überlebende in Florida, die in ihren Träumen immer noch in Berga sind. In Deutschland, glaubt Cohen, möchten viele einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen. "Wenn sie auch nicht 'Genug' sagen, sie denken es. Schuld kann nicht vererbt werden wie ein Familienerbstück, auch wenn das Bewusstsein der Schuld ihrer Vorfahren nicht ausgelöscht werden kann. Sie beißen auf ihre Lippen, damit dieses Wort - 'Genug' - nicht ausgesprochen wird, wohlwissend dass, wenn sie ihr Kinn auch nur ein paar Zentimeter heben, jemand kommt und es wieder herunterdrücken wird. Aber ist es nicht verständlich, diesen Schlußstrich (deutsch im englischen Original) zu verlangen, wo die Nazitäter tot sind oder es bald sein werden? Es ist verständlich. Aber die Erinnerung ist nicht linear und Vernunft hat hier wenig zu sagen."

Deborah Solomon besucht Jonathan Safran Foer, dessen zweiter Roman "Extremely Loud and Incredibly Close" nach dem gefeierten "Alles ist erleuchtet" demnächst erscheint. Foer ist gerade 28 Jahre alt geworden. "Sein Büro besteht aus einem kleinen gemieteten Raum, der von seinem Zuhause aus zu Fuß zu erreichen ist. Das Zimmer ist spärlich eingerichtet, mit wenig mehr als einem langen Arbeitstisch, ein paar Bücherregalen von Ikea und einem überdimensionierten Hundebett, bestimmt für eine weibliche Kreatur namens George, offensichtlich eine Art Deutsche Dogge. Ein seltsames Objekt - die Bügelsäge eines Schreiners - hängt an einer ansonsten leeren Wand über dem Schreibtisch. ('Man weiß nie, wann man einen schlechten Tag hat', erklärt Foer). der Tür gegenüber befindet sich eine reizende Tuschezeichnung aus den 40ern, ein echtes Selbstporträt von Isaac Bashevis Singer, dessen Augen unter seinem ausgeprägten Schädel hervorblitzen. 'Sie sollten daraus nicht zu viel ableiten', meint Foer zu mir, nicht sehr überzeugend."

Außerdem spricht Solomon mit dem Brit-Art-Künstler Damien Hirst, der seinen neuen Hang zur Malerei erklärt. Allein wegen des ersten Bildes, ein in Zigarettenrauch eingehüllter Clint Eastwood, lohnt sich die Porträtserie der Lieblingsschauspieler der Redaktion.

Magazinrundschau vom 22.02.2005 - New York Times

Die New York Times Book Review druckt das Vorwort zu Halldor Laxness' Roman "Am Gletscher" ("Under the Glacier", Vintage International), das Susan Sontag einige Wochen vor ihrem Tod im vergangenen Dezember abgeschlossen hat. Darin schreitet sie die weitläufigen Grenzen des Genres ab. "Die lange Prosafiktion, die man Roman nennt, muss noch den Ruf abschütteln, eine Geschichte zu erzählen, die von Charakteren bevölkert ist, deren Möglichkeiten und Schicksäle aus dem gewöhnlichen, sogenannten realen Leben herrühren. Erzählungen, die von dieser künstlichen Norm abweichen, beziehen ihre Tradition aus Wurzeln älter als das 19. Jahrhundert, aber sie wirken auch heute noch ultraliterarisch oder bizarr. Um zu verdeutlichen, dass sie vom Stammterritorium des Romans weit abgelegene Gebiete besiedeln, werden spezielle Etiketten beschworen. Science fiction. Saga, Fabel, Allegorie. Philosophischer Roman. Traumroman. Visionärer Roman. Fantasyliteratur. Weisheitsliteratur. Bluff. Sexuell anregend ... Der einzige mir bekannte Roman, der in all diese Kategorien passt, ist Halldor Laxness' auf eine wilde Art origineller, mürrischer, tobender 'Under the Glacier'."

Weitere Besprechungen: Nicht halb so gut wie Betty Friedan's Vorbild 'Feminine Mystique' findet Judith Shulevitz die mit "Perfect Madness" betitelte Polemik gegen das amerikanische Mutterbild von Judith Warner (erstes Kapitel). Aber in einem Punkt habe Warner recht: Wahrscheinlich werde im Perfektionsdrang der Mütter im Kleinen das Versagen einer großen Gesellschaftsutopie deutlich. Wenig Neues entdeckt Ishmael Reed dagegen in den zweiten Memoiren von Soullegende James Brown. Owen Gingerich findet Simon Singhs turbulente Geschichte (erstes Kapitel) der wissenschaftlichen Erforschung der kosmischen Gesetze zu logisch und stringent erzählt. Maggie Galehouse stellt konzentriert einige neue Kurgeschichtenbände vor. Und in einem kleinen Essay untersucht Ben Yagoda schließlich recht kurzweilig die Renaissance des epischen Untertitels.

Der Asienkenner und Journalist Ian Buruma teilt im New York Times Magazine seine Erfahrungen als Dozent für jüngere japanische Geschichte im Hochsicherheitsgefängnis "Happy Nap" unweit von New York. Statt mit Gesprächen über Schwertkampffilme überraschten ihn die Häftlinge, die ihr Material oft auswendig konnten, mit differenzierten Fragen: über die wirtschaftlichen Hintergründe der Opiumkriege in China, die kriminellen Machenschaften arbeitsloser Samurai, den Einfluss japanischer Kultur auf westliche Ideen. Einer der schwarzen Muslime, ein harter New Yorker, erwähnte Alexis de Tocqueville im Zusammenhang mit der Meiji Restauration."

In der Titelreportage besucht Nir Rosen den Schmelztiegel Kirkuk im Nordirak, wo sich langsam aber sicher die politische Zukunft der Region abzeichnet. Ein eigener kurdischer Staat scheint nur noch eine Frage der Zeit. Jim Holt polemisiert ein wenig gegen die Kreationisten, die in der Natur ein intelligentes, also göttliches Design erblicken wollen. Eine Stilbeilage widmet sich der Frage, was Frau im sehnlichst erwarteten Frühjahr tragen soll.

Magazinrundschau vom 15.02.2005 - New York Times

"Von innen heraus kompliziert Christopher de Bellaigue eine Welt, die zu viele von uns nur mit turbanbewehrten Ayatollahs und Slogans wie 'Tod den Amerikanern' identifizieren." Der Reiseschriftsteller Pico Iyer preist Bellaigues differenzierte Betrachtungen des Iran als Buch zur rechten Zeit. "Die Methode von 'In the Rose Garden of the Martyrs' (erstes Kapitel) ist es, auf eine Handvoll von Personen zu zoomen, deren Einzelfälle eine volksnähere Variante (und eine Fortsetzung) von Ryszard Kapuscinskis klassischem Porträt eines prärevolutionären Iran 'Shah of Shahs' bilden. Wir sehen Loyalisten, die für die Revolution gekämpft haben und nun meist dagegen kämpfen; Witwen in der heiligen Stadt von Qom, die sich an Mullahs heranmachen und sagen 'Entschuldigen Sie, mein Herr, wären Sie an einer guten Tat interessiert?' (wohlwissend, dass die religiösen Führer mehr als gewillt sind, für die gute Tat zu bezahlen); die Ledernacken, Schläger vom Basar, deren Namen Bellaigue als 'Kakerlake Asghar', 'Großspuriger Muhammad' oder 'Schädelkocher Mehdi' überträgt. Die Resultate sind, wie es sich für diese legendär geschmeidige und hochentwickelte Kultur gehört, selten das, was wir erwarten." Bellaigue hat übrigens schon vorige Woche im Konkurrenzblatt ein paar seiner Beobachtungen im Iran vorgestellt.

"Genauso mag ich meine Historiker", gluckst Rezensent Teller, selbst Magier, zu Peter Lamonts humorvoller Betrachtung (erstes Kapitel) des indischen Fakirtricks vom schwebenden Seil, der auf einer journalistischen Fälschung basiert. Joe Klein feiert Thomas Kellys historischen Roman "Empire Rising", der um den Bau des Empire State Buildings in den 30er Jahren angesiedelt ist, als eine Ode an das illegale "Schmiermittel", ohne das eine Stadt wie New York nicht funktionieren würde (erstes Kapitel). A. J. Jacobs erklärt außerdem in dringlichem, aber amüsanten Ton, dass er die schlechteste Besprechung in der 154-jährigen Geschichte der New York Times Book Review nicht verdient hat.

Nach ihrer Begegnung mit dem syrischen Schriftsteller, Vermittler und Liberalen Ammar Abdulhamid, der nach seiner Rückkehr zwar verhört, aber nicht verhaftet wurde, sieht Lee Smith im New York Times Magazine zarte Andeutungen eines Tauwetters in der arabischen Welt. Die Amerikaner wollen aber nicht zu viele Hoffnungen auf diese moderaten Stimmen setzen. "'Wir schätzen die Liberalen als authentische Rufe nach einem Wandel im Mittleren Osten', meint Jon Alterman vom Washingtoner Zentrum für Strategische und Internationale Studien. 'Was wir aber nicht hören ist der Akzent, den diese Leute auch im Arabischen haben.' Anders gesagt sind die Liberalen zu westlich, um einen Einfluss auf die arabischen Massen zu haben."

Weitere Artikel: John Hodgman besucht David Lindsay-Abaire, einen jungen Dramatiker, der sich gerade an nicht weniger als vier großen Musicals versucht, darunter so große Nummern wie Shrek und Betty Boop. "Obwohl seine Stücke den wuseligen Vorwärtsdrang und die ausgeklügelte Struktur der Screwball Comedy besitzen, sind sie ebenso begeistert vom Grotesken: eine unflätige Puppe; ein mysteriöses, lispelndes Brandopfer; ein Mann, der glaubt, er werde von den Figuren auf seiner Tapete besessen; ein anderer, der auf Köpfe von Barbiepuppen fixiert ist." Außerdem gibt es eine Auswahl der Bilder von Jochen und Harf Zimmermann, die Dresden aus den gleichen Perspektiven fotografiert haben, kurz nach dem Bombenangriff vom 13. Februar 1945 und knapp sechzig Jahre später.

Magazinrundschau vom 08.02.2005 - New York Times

Mit Genuss hat der irische Schriftsteller Colm Toibin Christopher Hitchens Essaysammlung "Love, Poverty and War" gelesen, die er als "interessantes und abwechslungsreiches Schaufenster" der Arbeit des Polemikers, Reporters und Literaturkritikers preist. Die Literatur nimmt mit der Zeit zwar einem immer größeren Stellenwert ein, trotzdem kann Hitchens nicht aus seiner polarisierenden Haut, wie Toibin zufrieden feststellt. "Wie alle Polemiker ist Hitchens am glücklichsten, wenn er einen Feind hat und am unglücklichsten wenn er zufrieden ist. Folgerichtig ist das schwächste Stück der Bericht über die Reise entlang der Route 66, die er offensichtlich genoss, obwohl er rosa Socken trug. Wenn er weder gemein noch glücklich ist, schreibt er genauso gut wie George Orwell. Sein Zeugnis einer Hinrichtung eines Mannes mit der Giftspritze, der an einem Post-Vietnam Trauma litt, ist ein brillantes, eisiges Stück. 'Die medizinische Schlachtung eines hilflosen und verrückten Verlierers, Nachfahre von Sklaven und ausrangierter Legionär des Empires, hat weder die Gesellschaft noch irgendjemanden sicherer gemacht. Und eine moralische Schuld wurde auch nicht getilgt.'" Hier ein Auszug.

In bester buddhistischer Tradition beschäftigt sich Pankaj Mishra in seiner intellektuellen Biografie "An End to Suffering" (erstes Kapitel) mit Siddhartha Gautama, den er als weltlichen Pragmatiker beschreibt. Adam Goodheart zeigt sich von dieser frischen Perspektive recht angetan. "Buddha war kein Prophet - keine religiöse Figur, sondern eine säkulare. Er ignorierte die Frage nach der Existenz von Gut und Böse, die nahezu jede größere Religion heimgesucht hat. Sein Anliegen war ein praktisches: das Leiden zu lindern, sowohl in materieller als auch existenzieller Hinsicht. Seine Gebote kamen nicht als von himmlischem Donner begleitete Enthüllungen, sondern als kleine anekdotenreiche Einsichten: 'Ich erinnere mich noch gut, als ich im Schatten eines Jambu-Baumes saß, an einem Weg zwischen den Feldern...'"

Weiteres: Haruki Murakamis neuer Roman "Kafka on the Shore" ist eine "sehr alte Geschichte" des Schicksals in zeitgemäßen Kulissen, meint Laura Miller, die wenig überrascht ist, aber wie gewohnt der "nahezu unwiderstehlichen Tiefenströmung" des japanischen Bestsellerautors erliegt (hier beginnt sie). Julia Reed vergibt Mireille Guiliano ihre patriotische Hymne auf den angeborenene Chic und die Eleganz der französischen Frau ("French Women Don't Get Fat"), denn sie hat ja recht (ein Auszug). Noah Feldman weist auf einige neue Bücher zum konfliktreichen Verhältnis zwischen Islam und westlichen Ideen hin. Und Rachel Donadio entdeckt in den studentischen Verissen von Tom Wolfes Campusroman "I Am Charlotte Simmons" trotz aller Kritik eine Verbeugung vor Wolfes Scharfblick.

Im New York Times Magazine fährt Michael Kimmelmann in die Wüste und porträtiert den recht exzentrischen Land-Art-Künstlercowboy Michael Heizer, dessen Lebenswerk, die enorme Skulptur "45º, 90º, 180º/City" in der Ödnis von Nevada jetzt durch die geplante Bahnstrecke zum atomaren Endlager bei Yucca Mountain bedroht ist. "Dies ist eine Geschichte über einen Mann, seinen Traum und eine Eisenbahn. Alles in ihr hat Übergröße, die Landschaft eingeschlossen. Andererseits ist es auch eine vertraute Westernsaga, in der ein grüblerischer, entschlossener Einzelgänger gegen das große, böse Washington kämpft. Nur dass in diesem Fall die Persönlichkeit des Helden mindestens so radioaktiv ist wie der Zug, der auf ihn zurast." Hier eine Multimedia-Einführung zu Heizer. Kimmelmann kennt den Künstler und sein Werk schon länger.

Magazinrundschau vom 01.02.2005 - New York Times

Vor acht Jahren hat der Physiologe und Geograf Jared Diamond mit seiner Studie "Guns, Germs, and Steel", in der er die Gründe für die Entstehung der heutigen Nationen beleuchtete, einen Riesenerfolg gelandet. In "Collapse" (erstes Kapitel) untersucht er nun, ob diese Nationen bestehen bleiben. Gregg Easterbrook geht vor beiden Bänden auf die Knie. "Zusammen repräsentieren sie eines der bedeutendsten Projekte, das je ein Intellektueller unserer Generation angegangen ist. Es sind wunderbare Bücher. Außergewöhnlich ihre Gelehrsamkeit und Originalität, packend ihre Fähigkeit, das digitalisierte Pandämonium der Gegenwart mit den schweigenden ländlichen Sonnenaufgängen der Vergangenheit zu verbinden. Beim Lesen habe ich mir gedacht, wie die Literatur wohl wäre, wenn jeder Autor so viel wüsste, so klar schreiben und seine Argumente mit solcher Sorgfalt formulieren würde. Das alles macht die beiden Bücher atemberaubend, denn beide kommen zu wahrscheinlich falschen Schlussfolgerungen."

Weitere Artikel: Der Autor Stephen Johnson fragt sich, ob die Schreibarbeit mit dem Computer nicht auch das Denken verändert. Wendy Shalit beklagt in einem Beitrag die Inflation der Schriftsteller, die sich als jüdische Ultra-Orthodoxe ausgeben, deren Insiderberichte aber nur von ihrem Unwissen zeugen. Aus den weiteren Besprechungen: "Gründlich und brillant" stellt der Englischprofessor Robert M. Polhemus den Lot-Komplex vor, lobt Karthryn Harrison, die jetzt alles über die Hingezogenheit sehr junger Mädchen zu älteren Herren weiß. Bruce Barcott verreißt "State of Fear", den neuen Thriller von Michael Crichton, der gar kein Thriller, sondern eher ein Vehikel für Crichtons Ansichten über die globale Erwärmungslüge ist, und deshalb sogar "ärgerliche" Fußnoten aufweist. Hier der Anfang, noch ohne Fußnote.

Michael Ignatieff fordert im New York Times Magazine erbost, die irakische Demokratie und vor allem die demokratischen Iraker nicht von vornherein aufzugeben. "Der Defätismus der Washingtoner Think Tanks und Leitartikel übersieht eine einfache Tatsache: die einzigen Beispiele politischer Besonnenheit und demokratischen Muts, seit die Amerikaner 2003 in den Irak gerollt sind, kamen von den so verachteten Irakern, und nicht von ihren vermeintlich allwissenden imperialen Wohltätern."

Drake Bennett stellt den Chemiker Alexander Shulgin vor, der zurückgezogen in Nordkalifornien lebt und als Doyen der psychedelischen Drogen gilt. 1976 hat er in seinem Hinterhoflabor etwa Ecstasy als Droge entdeckt. "Nach Shulgins eigener Zählung hat er fast 200 psychedelische Substanzen geschaffen, unter anderem Stimulanzien, Beruhigungsmittel, Aphrodisiaka, 'Empathogene', Krampfmittel, Drogen die das Hören verändern, Drogen die das Zeitgefühl verlangsamen, Drogen die es beschleunigen, Drogen die gewaltsame Ausbrüche auslösen, Drogen die Emotionen abtöten - kurz gesagt, ein wahres Lexikon der sinnlichen und emotionalen Erfahrung." Bisher wurde ihm die Aufnahme in die seriöse Wissenschaftlergemeinde verweigert. Doch gerade wird getestet, ob eine seiner Entdeckungen die Todesangst von Krebspatienten zu lindern vermag." (Hier eine Website, auf der Shulgin Fragen über Drogen beantwortet.)

Weitere Artikel: Matt Bai schreibt ein großes Porträt von Andy Stern, der die größte und am schnellsten wachsende Gewerkschaft der USA leitet, die Service Employees International Union (S.E.I.U.). Stern hat große Pläne und keine Angst, die anderen Gewerkschaften und auch die Demokraten in unerhörter Weise zu kritisieren. So forderte er im November 2004 die Dachorganisation der Gewerkschaften ultimativ auf, ihre 58 Gewerkschaften in 20 zusammenzufassen; anderenfalls würde die S.E.I.U. die Dachorganisation verlassen. Deborah Solomon unterhält sich mit Performancekünstlerin Laurie Anderson, die gerade ihre Zeit als erste und wahrscheinlich einzige Hauskünstlerin der NASA abgeschlossen hat. Und Robin Marantz Henig besucht den an Progeria erkrankten Sam, der einen Vorteil hat: seine Mutter Dr. Leslie Gordon ist zu einer Koryphäe und mit ihrer Progeria Research Foundation auch zu einer einflussreichen Lobbyistin auf dem Gebiet geworden.

Magazinrundschau vom 25.01.2005 - New York Times

Ernüchtert zeigt sich Andrew Sullivan von der Lektüre zweier Bücher, die sich mit Folterungen durch amerikanische Militärs beschäftigen: "The Abu Ghraib Investigations. The Official Report of the Independent Panel and Pentagon on the Shocking Prisoner Abuse in Iraq", herausgegeben von Steven Strasser, und "Torture and Truth. America, Abu Ghraib, and the War on Terror" von Mark Danner (Leseprobe). "Jetzt kann niemand mehr behaupten, dass diese Vorfälle auf ein Gefängnis in Baghdad beschränkt waren," meint Sullivan. "Es gab sie überall: von Guantanamo Bay bis Afghanistan, Baghdad, Basra, Ramadi und Tikrit und, nach allem was wir wissen, in zahlreichen versteckten Gefängnissen." Die Regierung kommt ebenfalls nicht gut weg. "Diese Dokumente zeigen unmissverständlich, dass die Entscheidungen des Präsidenten und des Verteidigungsministers zur Verwirrung, Unklarheit und Unordnung beitrugen, die wiederum direkt zu Missbrauch und Folter geführt haben."

Robert D. Kaplan meint, dass Folter manchmal durchaus zu wichtigen Erkenntnissen führen kann. Er will sich nach dem Studium des von Sanford Levinson herausgegebenen und hochkarätig besetzten Sammelbands "Torture" aber auf keine theoretische Seite schlagen. Vielmehr sympathisiert er mit den Vernehmungsspezialisten, von denen einer unter dem Pseudonym Chris Mackey zusammen mit dem Journalisten Greg Miller einen Band über seinen Job herausgegeben hat ("The Interrogators", erstes Kapitel). Kaplan meint, mit einer besseren Ausbildung, mehr Geld und mehr Zusammenarbeit zwischen den Geheimdiensten wäre die Folter nicht mehr so notwendig. "Als ich mit den Army Special Forces in Afghanistan war, war ich schockiert, wie eine schwerfällige Bürokratie die Jagd nach Terroristen an der pakistanischen Grenze behindert. Eine Regierung, die solche Probleme dynamisch angeht, wird der Öffentlichkeit mehr Sicherheit verschaffen als eine, die die Grenzen zur körperlichen Folter ausweitet."

Weiteres: In einem Essay schildert Rachel Donadio die Diskussion um Stephen Greenblatt, dessen fiktional angereicherte Shakespeare-Biografie "Will in der Welt" von den Lesern begeistert, den Kollegen aber eher feindselig aufgenommen wurde. Und zwei weitere Besprechungen: Patricia T. O'Conner freut sich schon auf Carole Cadwalladrs zweites Buch. Ihr Debütroman "The Family Tree", in dem sie mit "verschlagenem Humor" drei Generationen einer bizarren englischen Familie vorstellt, sei zwar manchmal ein wenig unübersichtlich, aber "ambitioniert". "Fesselnd" findet Neil Genzlinger Harold Evans Porträts von amerikanischen Erfindern und Pionieren, die ihr Land und natürlich die Welt vorangebracht haben (hier die Einleitung). So erfährt man etwa, dass Levi Strauss es vorzog, seine Jeans "hüftlange Overalls" zu nennen.

Im New York Times Magazine berichtet Eliza Griswold aus Bangladesch, das sich unerwartet von einem Hoffnungsmodell der Demokratie und Toleranz zu einem Sammelbecken für Militante entwickelt. Im Nordwesten des Landes etwa basteln Bangla Bhai und seine etwa 10.000 Anhänger mit Terrormethoden an einer islamischen Revolution im Talibanstil. Untersuchungen gibt es nicht, Geschichten aber genug, so wie jene, die Griswold von einem Ladenbesitzer erfährt. "Er erzählte mir, dass er in den vergangenen Monaten mehr als 50 Männer gesehen hat, die mit angebundenen Füßen von einem Bambusgestell herunterhingen und mit Hämmern, Eisenstangen und Hockeyschlägern geschlagen wurden, in Bangladesh recht übliche Waffen. Bei der Erinnerung an diese Grausamkeiten verzog er sein Gesicht für eine Sekunde, dann verlor sein fleischiges Gesicht jeglichen Ausdruck." Der Widerstand formiert sich auch im Internet.

Weitere Artikel: John Leland besucht den 29-jährigen Punk-Priester Jay Bakker, dessen Eltern einst eine religiöse Fernsehshow und mit Heritage USA den drittgrößten Themenpark der Vereinigten Staaten betrieben. Der tätowierte Bakker hält nun Messen unter anderem in Clubs und entschuldigt sich, wenn er zu predigerhaft wird. In der Titelgeschichte untersucht Daniel Bergner, wie man zum Kinderschänder wird - durch die eigene Vergangenheit, den Charakter oder das Internet? Außerdem beäugt Christopher Caldwell die neue Politik des gespielten Gefühls, und Deborah Solomon befragt den Sachbuchautor und Katastrophenexperten Simon Winchester ("Krakatau") nach dem Bösen in der Natur.

Magazinrundschau vom 18.01.2005 - New York Times

Nach zwanzig Jahren hat die New York Times Book Review wieder eine Reihe junger Autoren wie Jonathan Safran Foer, Susan Choi, Zadie Smith oder JT Leroy nach ihren literarischen Vorbildern gefragt. Nell Freudenberger glaubt nicht, dass man von anderen Schriftstellern etwas lernen kann: "Die meisten wünschen sich das auch gar nicht. Wie Zirkuskünstler wollen sie vor einem Publikum auftreten, dass sich zurücklehnt und verführen lässt - und nicht nach Hause rennt und Trapezstunden nimmt."

Unsere Intuition ist meist sogar besser als langes Nachdenken, behauptet Malcolm Gladwell in "Blink" nach einem wilden Ritt durch mehrer Wissenschaftsdisziplinen. David Brooks kann das nicht ganz glauben, ist aber trotzdem begeistert: "Wenn sie meinem ersten Eindruck glauben möchten, kaufen Sie dieses Buch: Sie werden entzückt sein. Wenn Sie meiner reflektierteren zweiten Einschätzung folgen möchten, kaufen Sie es: sie werden entzückt sein, aber frustriert, und verstört mit dem Willen nach mehr zurückgelassen werden." Hier das erste Kapitel.

Weitere Artikel: Elissa Schappell empfiehlt Curtis Sittenfelds Debütroman "Prep" (erstes Kapitel) wegen der "schneidenden und unparteiische Art", mit der Sittenfeld über Klassenunterschiede an Eliteschulen schreibt: Die Heldin lerne nämlich, dass "die Reichen nicht nur komplex und interessant sind, sie können ein Mittelklassemädchen etwas über Toleranz und Grazie lehren". In einem Essay entdeckt Virginia Postrel in der Neuauflage des erfolgreichen Handbuches zur Arbeitssuche "What Color Is Your Parachute?" eine Gegenthese zu Max Webers protestantischer Ethik: Hier muss die Arbeit nicht nur Erfüllung sein, sondern auch Spaß machen.

Im New York Times Magazine warnt Roger Lowenstein titelgebend davor, was die Regierung in den nächsten vier Jahren alles mit dem amerikanischen Sozialsystem anstellen will. Das "könnte mehr dazu beitragen, den New Deal rückgängig zu machen, als Goldwater, Stockman und Reagan sich je hätten träumen lassen."

Weitere Artikel: Arthur Lubow porträtiert Thom Mayne, den Lieblingsarchitekten der Regierung: Die großen öffentlichen Ausschreibungen der vergangenen Zeit hat sein Büro Morphosis fast alle gewonnen (ein Buch hat er auch schon darüber geschrieben). Andreas Killen blickt zurück zurück und schildert die ersten Flugzeugentführungen in den Siebzigern, als in den USA allein alle zwei Wochen ein Jumbo gekidnappt wurde. Und Deborah Solomon befragt den Schotten Craig Ferguson, warum er als Moderator für die Late Late Show eingestellt wurde, obwohl er so gut aussieht.

Magazinrundschau vom 11.01.2005 - New York Times

Im New York Times Magazine sieht sich Christopher Caldwell den ehemaligen englischen BBC-Talkshowmoderator Robert Kilroy-Silk an, der als prominentes (unter anderem wegen seiner Vorankündigungen in Frageform) Zugpferd der antieuropäischen UKIP (The U.K. Independance Party) jetzt zwölf Sitze im europäischen Parlament verschafft hat. Die meistdiskutierte britische Partei fordert den Ausstieg aus eben jenem Parlament. Caldwell analysiert distanziert. "Die UKIP, wie viele Verweigerungsparteien im übrigen Europa, sieht die Nation bedroht von einem abgelegenen Clan von haarspalterischen, verbildeten, privilegierten liberalen Bürokraten, für die die europäische Union der Gipfel der politischen Evolution der Menschheit ist. Oft, aber nicht immer, verbinden solche Parteien Nativismus und klassenbezogene Ressentiments. Sie verlassen sich oft auf eine charismatische Figur, um ihnen den Weg anzuzeigen. Kilroy-Silk scheint wie gemacht für diese Aufgabe."

Weitere Artikel: Ted C. Fishman glaubt nicht, dass die chinesische Produktpiraterie bald eine Ende haben wird. Denn sie nützt Partei und Wirtschaft. Iain Webb stellt den britischen Accessoire-Designer Judy Blame vor, dessen postpunkiger Charme bis nach Amerika vorgedrungen ist. Deborah Solomon fragt Christine Gregoire, die neue Gouverneurin von Washington, wie es ist, mit handausgezählten 0,0046 Prozent Vorsprung zu gewinnen.

In der New York Times Book Review bespricht die Autorin Marilynne Robinson recht wohlwollend zwei neue Bücher von Steven M. Wise und von Adam Hochschild, die den langen Weg schildern, der zum Verbot der Sklaverei zunächst in England und schließlich den USA führte. Beide Autoren sehen den entscheidenden Wendepunkt im Prozess Somerset gegen Stewart 1772, bei dem der Vorsitzende Richter Lord Manfield den schönen Satz geäußert haben soll: "Die Luft Englands ist zu rein, als dass sie von einem Sklaven eingeatmet werden sollte."

Weitere Artikel: Der Englischprofessor William Deresiewicz verteidigt in einem Essay die englische Sprache gegen ihre selbsternannten Wächter: "So etwas wie Korrektes Englisch gibt es nicht und hat es nie gegeben." Den Wächtern bescheinigt er: "Linguistischer Snobismus wird geschürt durch die soziale Unsicherheit von Emporkömmlingen." Wenig begeistert ist Alan M. Dershowitz von John Grishams neuem Werk "The Broker": Ein "fachmännischer" Spionageroman, mehr nicht. (Hier eine Leseprobe.) Und Charles McGrath erlebt dank Wayne Coffeys "The Boys of Winter" (Leseprobe) ein berühmtes Gefecht des Kalten Kriegs noch einmal ganz genau: den Sieg der Amerikaner über die Sowjetunion im Eishockeyfinale der Olympischen Spiele 1980.

Magazinrundschau vom 04.01.2005 - New York Times

In der großen, elfseitigen Titelreportage des New York Times Magazine stellt Samantha M. Shapiro den neuen arabischen Nachrichtensender Al Arabiya vor, der aus Dubai sendet und in Abgrenzung zum großen Konkurrenten Al Jazeera mehr moderate Töne in die politische Diskussion einbringen will. Es ist ein vielversprechender Versuch, berichtet Shapiro. "Auf Anweisung des Chefredakteurs Al-Rashed nennen die Nachrichtensprecher von Al Arabiya die amerikanischen Truppen nun 'multinationale Kräfte' und nicht mehr 'Besatzungstruppen'. Er wies den Produzenten von 'The Fourth Estate', einer Sendung, die westliche Medien zusammenfasst, nicht mehr den Guardian und den Independent zu zitieren, zwei linksorientierte englische Blätter, deren Inhalt vorher einen Großteil des Sendematerials ausmachte. Eine Moderatorin von Al Arabiya erzählte mir, dass er angewiesen wurde, anti-amerikanische Parolen schwingende Interviewpartner zu unterbrechen, und andere Moderatoren mit denen ich sprach, sagten, dass sie die Order bekommen haben, hartnäckiger nachzufragen."

Weiteres: Daniel Menaker stellt die junge Sängerin Nellie McKay vor und zählt erst einmal 26 Stars auf, mit denen McKay bisher verglichen wurde, unter anderem auch Doris Day, ihr tatsächliches Vorbild. Emily Bazelon erklärt, wie im Commonwealth von Virginia Delinquenten nach einer mathematischen Risikoformel ins Gefängnis wandern. Elizabeth Weil fährt nach Starr County und versucht herauszufinden, warum die Hälfte der Kinder dort zu dick sind. Wegen der Armut? Sind es die Gene? "Oder geht etwas anderes vor?" Deborah Solomon unterhält sich mit der Leiterin von Bushs Vereidigungskomitee, was für Bälle demnächst so anstehen und was der neue alte Präsident gerne isst (Erdnussbutter).

Cynthia Ozick (mehr) hat 38 Jahre nach ihrem Erstling nun erstmals eine Promotion-Tour für ihren neuen Roman gemacht und plaudert in der New York Times Book Review aus dem Nähkästchen des Literaturwerbebetriebs. "Die ignorante Autorin weiß nicht, was ein Mediencoach ist oder was er macht. Aber der Mediencoach ist brillant! Aufmerksam! Beruhigend! Er spielt jede mögliche Art von Interviewer: Kess; schlau; gelangweilt; dreist; dumm; angestrengt; uninteressiert. Die Autorin kapiert und spuckt markige, bestsellermäßige Antworten aus, sie meistert die Technik. Dank dem Mediencoach ist die Autorin nun bereit, ein Millionenpublikum zu erobern."

Weitere Besprechungen: Will Blythe hofft, dass George Plimpton sehr hart an den Artikeln und Essays der posthum veröffentlichten Sammlung "The Man in the Flying Lawn Chair" (erstes Kapitel) gearbeitet hat. Denn es würde sein Weltverständnis erschüttern, wenn "dermaßen elegante und leichte Prosa, die anscheinend mit solcher Mühelosigkeit zu Papier gebracht wurde", ohne Mühen entstehen kann. War Christopher Marlowe besser als sein Zeitgenosse Shakespeare, fragt sich John Simon nach der Lektüre von David Riggs "ehrenwertem" Porträt des in Kneipenschlägereien aufblühenden, aber jung verstorbenen Dramatikers. Trinken und schneller Sex, das kann wunderbar inspirierend sein, meint Jonathan Miles und stellt einige Neuerscheinungen vor, die das "Low Life" anpreisen.

Magazinrundschau vom 28.12.2004 - New York Times

Köstlich zu lesen ist Walter Kirns Lobpreisung der grandiosen Sammlung der "Complete Cartoons of the New Yorker". 2000 sind im Buch abgedruckt, der Rest findet sich auf den beiden beigelegten CDs (eine kleine Auswahl hier). Nach Ansicht der jüngeren Beispiele scheint es Kirn, dass das Genre seine Reifezeit erreicht hat. "Obwohl es dumm wäre anzunehmen, dass ... eine Renaissance und ein Wiederaufleben nicht immer noch möglich wären (Amerika wählt vielleicht auch mal wieder einen demokratischen Senat), beschleicht einen das Gefühl, dass die Cartoons den Job erledigt haben, den zu erfüllen sie einst angetreten sind: ihrem relativ gut betuchten Publikum jeglichen Rest an Puritanismus auszutreiben und ihn mit einer klugen Selbstwahrnehmung zu ersetzen, die sich plötzlich - schauen sie sich einfach mal um - nutzlos, einsam und lähmend anfühlt. Aber trotz allem amüsant."

Weitere Besprechungen: Der Kapitalismus ist genial, und das nicht nur an Weihnachten, lernt Richard B. Woodward aus der von Maud Lavin herausgegebenen Essaysammlung zum Thema Feiertagskommerzialisierung. Warum ist Deutschland nach der Landung der Alliierten nicht viel schneller zusammengebrochen, fragt sich Max Hastings in seiner "großartigen" Darstellung der letzten acht Kriegsmonate des Zweiten Weltkriegs in Europa, wie James Sheehan berichtet. Und Steven Merritt Miner empfiehlt Richard Overys "gründlichen und überzeugenden" Vergleich der Diktaturen von Hitler und Stalin. Nur eine Gegenüberstellung der unterschiedlichen internationalen Reputation vermisst Miner.

Auch dieses Jahr ist die letzte Ausgabe des New York Times Magazine wieder voll mit Nachrufen auf in diesem Jahr dahingeschiedene Persönlichkeiten. Zum Beispiel auf Koose Muniswamy Veerappan. Suketu Mehta porträtiert den Bandit aus dem indischen Dschungel, der als Robin Hood des Subkontinents galt und der Polizei zwanzig Jahre lang entkommen konnte. "Veerappans Schnurrbart, in Indien ein Zeichen der Männlichkeit, streute Angst in die Herzen der Haarlosen. Sein Bart bedeckte großzügig seinen Mund und seinen Kiefer; es sah so aus, als ob ein kleines pelziges Tier dort gestorben wäre."

Mit einem Artikel bedacht werden unter anderem die Kolumnistin Mary McGrory, die Fotografen Avedon, Cartier-Bresson und Newton, der Schauspieler Tony Randall und der Mann, der die Frauen "wirklich, wirklich liebte", Russ Meyer.