Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 21.12.2004 - New York Times

Christopher Hitchens (mehr) taucht mit Hilfe von drei Neuerscheinungen tief und amüsiert in die Hippiezeit ein und ist hocherfreut, dass man durch die Lektüre die Epoche erleben kann, ohne sie je erlebt haben zu müssen. "Die Fotos (und ein gewisser durchdringender Qualm, den manche Leute, so wie ich, nie inhaliert haben) sind die beste Gedächtnisstütze. Das Durchblättern der glänzenden Seiten von 'Hippie' heißt, tiefe Züge zu nehmen. Ich schlug mein Exemplar bei einem Manifest von Frank Zappa auf, in dem er zugab, dass 'Ein Freak ist kein Freak, wenn alle Freaks sind', um wenig später festzustellen: 'Exzentrisch aussehen und sich dementsprechend benehmen IST NICHT GENUG.' Wie wahr. Und doch, wie lange hat es gedauert, um das herauszufinden."

Rachel Donadio untersucht, was an den immer lauter werdenden Klagen der amerikanischen Literaturszene über Zensurmaßnahmen der Regierung dran ist und warum die iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi die Außenhandelskontrollbehörde verklagt hat. Tatsächlich gibt es "strenge Einfuhrbeschränkungen für Bücher aus dem Iran, Sudan, Kuba und anderen Ländern, die unter einem US-Embargo stehen. Nach diesen Regelungen wird der Kauf von Rechten ungeschriebener Bücher oder die editorische Arbeit an Werken ohne eine solche Lizenz als 'Servicebeitrag' gewertet, was mit Handel mit dem Feind gleichzusetzen ist. Das wiederum kann mit Gefängnis oder Geldstrafen bis zu einer Million Dollar geahndet werden. Die Verleger argumentieren, dass diese Regelung den ersten Zusatz der Verfassung verletzt."

Weiteres: Die größten Romanfiguren des Christopher Isherwood waren immer er selbst, hat Brooke Allen aus Peter Parkers etwas zu voluminöser Biografie (erstes Kapitel) der englischen Dichter- und Homosexuellenikone herausgefunden. Die Auswahl "Living with Jazz" (ein Auszug über Armstrong und Ellington), in der 136 von Dan Morgensterns Jazzkritiken und Essays versammelt sind, preist Alfred Appel Jr. als eines der "essentiellen Bücher über Musik" und zählt es zur Grundausstattung eines ernstzunehmenden Bücherregals. Ruth Franklin dankt Imre Kertesz (mehr) dafür, dass er mit seinem Roman "Liquidation" (erstes Kapitel) die literarische Beschäftigung mit Auschwitz erneuert hat. Als "passend, vielleicht sogar hilfreich" in diesen dunklen Zeiten lobt Jay Winik Michael Kauffmans Buch "American Brutus", das die Hintergründe des Attentats auf Abraham Lincoln untersucht. Damals sollte nämlich nicht nur Lincoln, sondern die ganze Regierung in einer koordinierten Anschlagserie ermordet werden. Hier das erste Kapitel.

Im New York Times Magazine porträtiert die famose Lynn Hirschberg den unabhängigen Filmvermarkter Bob Berney, der so schwierige Kleinproduktionen wie "Monster" und "My Big Fat Greek Wedding" oder Heikles wie "The Passion of the Christ" zu Riesenerfolgen machte. Hirschberg besucht Berney, als dieser gerade darüber grübelt, wie man "The Woodsman" mit einem pädophilen Kevin Bacon an den Mann bekommen soll, und das in den USA. "Man muss Kevin Bacons mutige Rollenwahl betonen und gleichzeitig den Inhalt des Films herunterspielen. Das ist knifflig: Das Wort 'pädophil' kommt in der 38-seitigen Pressebroschüre nicht vor, und das Poster ist ein Foto Bacons, wie er auf eine schimmernde rote Kugel herunterschaut."

Weitere Artikel: Jonathan Cohn macht darauf aufmerksam, dass gemeinnützige Krankenhäuser, die von der Steuer befreit sind, damit sie auch die Armen versorgen, angefangen haben, mittellose Patienten zu verklagen. Jeffrey Rosen untersucht, wie Blogs das Privateste verschwinden lassen. Und in der Titelgeschichte stellt Michael Lewis die neue Heilsfigur des Football vor, den 21-jährigen Quarterback Eli Manning.

Magazinrundschau vom 13.12.2004 - New York Times

Laura Miller hat eine Internetseite gefunden, die sich zu besuchen lohnt. Die Zeitschrift Paris Review stellt unter dem Titel The DNA of Literature in den nächsten Monaten all ihre Interviews mit Schriftstellern online, beginnend mit den Fünfzigern. In diesen Gesprächen, schwärmt Miller, "haben die Schriftsteller des 20. Jahrhunderts Bemerkungen gemacht, die wir noch heute zitieren - dort sagte Faulkner (mehr): 'Wenn ein Schriftsteller seine Mutter ausrauben muss, wird er nicht zögern; die Ode on a Grecian Urn ist jede alte Frau wert'."

Anlässlich einer von der Tochter betreuten Neuausgabe von Sylvia Plaths Gedichtband "Ariel" erinnert sich Erica Jong ("Angst vorm Fliegen") daran, wie es war für eine Frau, die in den 60er Jahren schriftstellerische Ambitionen hatte. Der Kritiker Anatole Broyard erklärte den Studentinnen in Barnards, sie hätten nicht die nötige Lebenserfahrung, um Schriftstellerinnen zu sein. "Wir betranken uns nicht in den Bars von Pigalle oder nahmen Prostituierte in heruntergekommene Left Bank Hotels oder liefen mit den Stieren in Pamplona. Unser Leben war zu beschränkt. Wir tranken nicht genug. (Noch nicht jedenfalls.) Wir kotzten nicht auf die Straße (Noch nicht, jedenfalls.) Wir waren 'verdammt', zukünftige Ehefrauen zu sein. Gezähmte Tiere, zukünftige Mütter (viele Male, wie sich herausstellte), wir fuhren nicht im angemalten Bus von Neal Cassady oder rezitierten Blake mit Ginsberg oder rissen auch nur Barnard-Mädchen auf, wie es Broyard tat. Wir waren zu damenhaft."

Weiteres: Cristina Nehring klagt in ihrem Brief aus Paris über den schwachen Bücherherbst in Frankreich und liefert en passant eine nette Beschreibung der intensiven Beziehung zwischen Lesern und Schriftstellern im Hoheland der Kultur. Red Grooms liest Mark Stevens' und Annalyn Swans Biografie des Künstlers Willem de Kooning und kommt aus dem Bewundern nicht mehr heraus. "Er war so ein wilder Mann, dabei immer ein Vagabund, aber seine Errungenschaften werden größer und größer, je mehr wir von seiner Geschichte wissen." (Hier ein paar Fotos von de Kooning und seinen Werken.) John Leonard bespricht Amos Oz' "A Tale of Love and Darkness". Als Einführung in die iranisch-amerikanischen Beziehungen hält Ernest R. May Kenneth Pollacks "The Persian Puzzle" (erstes Kapitel) für "konkurrenzlos". Jonathan Teppermann gibt einen Überblick über die Neuerscheinungen, die sich aus jeweils verschiedenen politischen Perspektiven mit dem Phänomen des Antiamerikanismus beschäftigen. "Bewundernswert", wie "frisch" Teresa Riordan ihre Geschichte der weiblichen schönheitssteigernden Utensilien "Inventing Beauty" (erstes Kapitel) angegangen ist, lobt Liesl Schillinger. Und hier die Liste der zehn besten Bücher des Jahres.


Im New York Times Magazine widerspricht Michael Ignatieff der Annahme von Präsident Bush, dass mit der Verbreitung der Demokratie Gottes Werk vollbracht wird. Er zählt aber gute Grunde auf, warum es langfristig keine Alternative zur Demokratisierung gibt. "Für Demokratie zu werben, ist riskant, aber Autokraten zu unterstützen, verschiebt nur den Tag, an dem man dem Volkszorn entgegentreten muss. Während des Kalten Krieges unterstützten die Vereinigten Staaten autoritäre Regimes wie das des Schah im Iran, was die USA auf die falsche Seite eines Volksaufstandes brachte, die Revolution von 1979. Die Vereinigten Staaten haben seither den Preis dafür bezahlt, mit Terrorismus, der Verbreitung nuklearer Waffen und Feindseligkeiten."

Den Großteil des Magazins füllt eine Liste der Ideen des Jahres von A bis Z. Clive Thompson berichtet etwa von robotergestützten Untersuchungen in Frankreich, um herauszufinden, wie man am besten einen Stein übers Wasser hüpfen lässt. "Um die rekordbrechenden 41 Male zu schaffen, müsste man einen Stein von zehn Zentimeter Durchmesser mit 60 Meilen pro Stunde und einem Winkel von zehn Grad loswerfen. Man sollte diesen Trick auch auf einem spiegelglatten Teich versuchen, da die Tests der Wissenschaftler in einem perfekt ruhigen Experimentaltank gemacht durchgeführt wurden. Die Wissenschaftler geben zu, dass ihre Erkenntnis wahrscheinlich keinen praktischen Nutzen hat."

Magazinrundschau vom 07.12.2004 - New York Times

Fernanda Eberstadt hastet für das New York Times Magazine einige Tage hinter Gerard Mortier (mehr) her, nach der Station bei der Ruhr Triennale nun Direktor der Bastille, der Nationaloper in Paris. Eberstadt beschreibt Mortier als visionär, modern und kontrollbesessen. Als ein Beispiel erzählt sie von einem kleinen Scharmützel Mortiers mit seiner künstlerischen Assistentin Hedwig Dewitte, die fragt, ob Esa-Pekka Salonen auch eine seiner eigenen Kompositionen spielen darf, falls er danach fragen sollte. "Mortier, der mittlerweile per Telefon die Neujahrsfeier organisierte und Zugfahrpläne nach Brüssel studierte, wirkte fassungslos. "Darf? Ich - will - das - unbedingt." Dewitte schnitt eine Grimasse in meine Richtung und äffte die diktatorische Art Mortiers nach, als sie bemerkte, dass ihr Chef sie durch einen Spiegel auf dem Kaminsims beobachtete. "Ich spiele Drei-Wege-Schach", warnte Mortier."

Weitere Artikel: Cathryn Jakobson Ramin erzählt von ihrem Selbstversuch mit Adderall (mehr), ein Medikament, das alternden Amerikanern hilft, ein Gedächtnis wie ein Zwanzigjähriger zu haben. Matt Bai unterhält sich mit dem altgedienten demokratischen Abgeordneten Richard Gephardt, der sich einen iPod zulegen und die präsidentiellen Wahlmänner abschaffen will. Und Hiroshi Sugimoto hat seltsam schöne Objekte fotografiert, mit denen deutschen Studenten um die Jahrhundertwende Trigonometrie nahegebracht wurde.

In der New York Times Book Review kündigt Sarah Glazer die Wiedergeburt der E-Books an: Die Verkäufe sind 2003 um 71 Prozent gestiegen, weil mittlerweile fast jeder ein Handy mit großem Bildschirm hat, der den neuesten Dan Brown komfortabel anzeigen kann. Außerdem steige die Akzeptanz für kostenpflichtige Inhalte im Netz, und am allerwichtigsten: Die Frauen scheinen die neue Form des Lesens akzeptiert zu haben - zumindest in den USA.

"Ich kenne den französischen Antiamerikanismus sehr gut, weil ich ihn tausend Mal bekämpft habe", schreibt Bernard-Henri Levy. Nun musste er erkennen, dass es auch amerikanische Frankophobie gibt. Offenbart hat ihm dies "Our Oldest Enemy: A History of America"s Disastrous Relationship With France" von John J. Miller und Mark Molesky. "Das ganze Buch ist eine verrückte Anklage (deren einziges Äquivalent die faschistische französische Literatur der Dreißiger ist) gegen eine diabolische Nation, die Verkörperung des Bösen, dem Körper und der Seele seiner Bewohner das Stigmata eines kranken Willens aufdrückend, der durch die Jahrhunderte nur das eine Ziel hatte: Die Erniedrigung von America the great." (Hier eine Leseprobe aus dem Buch.)

Dabei haben die Amerikaner Frankreich einmal geliebt - einige tun es sogar heute noch: Wenn Charles A. Riley II. nicht gerade die Fakten durcheinander bringt, schafft es seine Geschichte des "Jazz Age in France" durchaus, die Eleganz und den Esprit der 20er Jahre, der Fitzgeralds und Murphys, wieder aufleben zu lassen, lobt Nicholas Fox Weber.

Weiteres: Neil Gaiman ist hingerissen von einer Ausgabe mit Märchen der Brüder Grimm ("grimmer than you thought"), die Maria Tatar zum Teil neu übersetzt und mit Anmerkungen versehen herausgebracht hat. Vor allem die Ursprungsfassungen haben es ihm angetan: "In der ersten Ausgabe fragt Rapunzel die Zauberin nach den Besuchen des Prinzen, warum ihr Bauch dicker wird." Wie sehr sie den Paten Michael Corleone vermisst hat, merkt Sarah Vowell beim Genuss von Mike Winegardners "feiner, wirbelnder" Fortsetzung der Mafia-Familiensaga "The Godfather Returns". Und Computer-Guru David Gelernter (mehr hier und hier) feiert Charles Nicholls "gescheites wie brillantes" Porträt von Leonardi da Vinci.

Magazinrundschau vom 30.11.2004 - New York Times

Unerwartet kurz ist die Besprechung von Tom Wolfes neuem Roman "I Am Charlotte Simmons" (Auszug). Denn Jacob Weisberg findet Wolfes Inspektion der Campuswelt einfach schlecht. "Wie alles, was Wolfe schreibt, packt 'I Am Charlotte Simmons'' einen von Anfang an und lässt jegliches Interesse an anderen Dingen versiegen, bis man fertig ist. Dennoch ist das Buch bei weitem sein schwächster Roman. Wolfe gibt zu schnell dem journalistischen Interesse nach, seine Charaktere zu erklären, statt sie einfach ihrem eigenen Leben zu überlassen." Überhaupt wundert sich Weisberg, warum Wolfe, den er für einen Journalisten hält, sich die Mühe macht, seine Reportagen in Romane umzuschreiben.

Sturz der Favoriten. Auch V.S. Naipauls neues Stück "Magic Seeds" (erstes Kapitel) kann die Book Review nicht erregen. Müde murmelt James Atlas: "Der Folgeband zu 'Half a Life' von 2001 ist eine subtile , wenn nicht schlanke Produktion, ein Roman der die Themen - Exil, Identität, die Gefährdung der Zivilisation - wieder aufnimmt, mit denen Naipaul seit mehr als fünf Jahrzehnten ringt."

Jedes neunte Buch, das in den USA verkauft wird, kommt aus dem religiösen Bereich, weiß Rachel Donadio. "Politische Bücher werden viel diskutiert, selten gelesen und schnell vergessen. Religiöse Bestseller bauen sich dagegen langsam auf, sobald es sich in den Gemeinden herumspricht." Passend dazu spricht James Wood im Aufmacher Marilynne Robinson und ihrem "ernsten wie luziden" Roman "Gilead" (Auszug) eine "spirituelle Kraft" zu, wie es sie in der zeitgenössischen Belletristik nur selten gebe.

Weitere Artikel: Thomas Frank stellt vier Studien vor, die sich mit der amerikanischen Identität beschäftigen, mal durch die Linse der Wirtschaftspolitik, mal durch die Untersuchung von Parteiklischees. Brenda Maddox lobt die Bestsellerautorin Barbara Goldsmith für ihre "exzellente" Biografie der zweifachen Nobelpreisträgerin Marie Curie. Lesely Downer freut sich, dass Donald Richie seine "Japan Journals, 1947-2004 " veröffentlicht, in denen er erzählt, wie er fast alle Künstler und Kulturschaffenden getroffen hat, die sich in den vergangenen fünfzig Jahren in Japan aufhielten, von Akira Kurosawa bis Truman Capote.

Das New York Times Magazine versucht, das Verhältnis von Kindern und Konsum zu beleuchten. In der Titelreportage besucht Jon Gertner Gepetto, eine Werbeagentur, die auf Kinder und ihre Mütter spezialisiert sind. "Gepettos Art, eine Kampagne anzugehen, basiert auf Rachel Gellers psychologischen und anthropologischen Untersuchungen an Kindern und Jugendlichen. Geller hat Gepetto etwa dabei unterstützt, die 'acht Spaßarten', die 'sechs Kindertypen' und die 'neun Prinzipien des Familien-Brandings' zu entwickeln.'' Ach ja, nicht zu vergessen die "sieben Gesichter der Mutter".

Weiteres: Ann Hulbert erklärt, was es mit der neuen Zielgruppe der "Tweens" auf sich hat. Elizabeth Weil berichtet in leicht sarkastischem Ton, wie das Design nun auch in den Kinderstuben Einzug hält. Und Francisco Goldman wünscht sich Robosapien, einen neuen und erstmals erschwinglichen Spielzeugroboter. "Sie wollen durchkrabbeln. Sie wollen draufklettern. Sie wollen reinbeißen."

Magazinrundschau vom 23.11.2004 - New York Times

Das kann sich nur noch die New York Times Book Review erlauben. Eine Ausgabe, die ausschließlich der Poesie gewidmet ist! Acht Dichter (die meisten davon Universitätsprofessoren) und ein Kritiker diskutieren im Symposium über ihre persönlichen Favoriten der vergangenen 25 Jahre. Mary Karr (hier ein Interview mit Salon.com und eine launiger Text im New Yorker) etwa wählt den polnischen Kollegen Zbigniew Herbert und seinen "Bericht aus einer belagerten Stadt", denn: "Herberts Gedichte sind Slapstick für Intellektuelle und Philosophie für die Ungebildeten." Und sie macht Herbert ein schönes Kompliment: "Er bringt Marmorstatuen zum Atmen."

Leon Wieseltier stöbert in Yehuda Amichais (mehr) nachgelassenen Materialkisten und übersetzt einige Fundstücke, deren angemessene Übersetzung zweiten Grades wir uns wiederum nicht zutrauen. David Yezzi preist den jüngst verstorbenen Anthony Hecht (hier lebt er noch), der "mit dem Bild einer öden Landschaft das Spektrum der Menschlichkeit einfangen konnte".

Aus den Besprechungen: Emily Nussbaum liest "American Smooth", Gedichte von Rita Dove, die den Glamour als Maske und als Form des Widerstands verhandeln. Christian Wiman empfiehlt James Merills "elegante" Prosasplitter (erstes Kapitel) eher dem autobiografisch interessierten Leser, der wahre Merill sei nach wie vor in seinen Gedichten zu finden. Die Erfahrung, Czeslaw Milosz zu lesen, "ist mit die lohnendste Beschäftigung, die man sich vorstellen kann", jubelt Meghan O'Rourke angesichts der Sammlung "Second Space" (Auszug) des im August dieses Jahres verstorbenen Poeten.

Im New York Times Magazine erklärt Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek Deborah Solomon im Interview, warum die europäischen Intellektuellen politisch engagierter sind als die amerikanischen. "Je kleiner eine Gruppe ist, desto leichter ist es für mehr Leute, zu argumentieren und sich in die Diskussion einzuschalten. Die USA sind riesig. Sie sind zu groß. Die Intellektuellen verstecken sich in Enklaven, in Großstädten oder Universitäten, wie ein Haufen Hühner, die sich vor dem Fuchs verstecken."

Die weit verbreiteten Antidepressiva wie Prozac stehen nun im Verdacht, die Selbstmordrate bei Jugendlichen zu begünstigen, schreibt Jonathan Mahler in der voluminösen Titelreportage des Magazins. Die Medikamente verhelfen dem Patienten zu mehr Energie und Tatendrang, fatalerweise aber manchmal schon, bevor sich die Stimmung bessert. Sie nicht mehr zu verschreiben könnte aber eine noch größere Gefahr bedeuten, befürchtet Mahler. "Laut Dr. John Mann, Selbstmordexperte an der Columbia Universität, haben weniger als 20 Prozent der 4000 Jugendlichen, die in den USA jedes Jahr Selbstmord begehen Antidepressiva eingenommen."

Weiteres: Jim Holt sieht in den Rechten der Bundesstaaten eine Chance, sich dem Zugriff Bushs und des Weißen Hauses zu entziehen. Matt Bai beschreibt die letzten 24 Stunden vor der Wahlniederlage John Kerrys aus der Ohio-Zentrale der Pro-Kerry-Wahlinitiative America Coming Together. Und Ta-Nehisi Coates stellt Jin Auyeung vor, das seltene Exemplar eines US-chinesischen Rappers.

Magazinrundschau vom 16.11.2004 - New York Times

Im New York Times Magazine denkt Michael Ignatieff über die Videos nach, die Terroristen mittlerweile serienmäßig von den Morden an ihren Geiseln drehen. "Die Rituale der Erniedrigung, die diese Videos in Szene setzen - einige Gefangene werden in Käfigen gezeigt, andere angekettet, wiederum andere in den gleichen orangefarbenen Overalls der Gefangenen von Guantanamo - sind für den Teil des arabischen Publikums gedacht, der im Zeichen der muslimischen Erniedrigung erzogen worden ist. Diese Propaganda deutet ein Jahrtausend an komplexen Beziehungen zwischen der muslimischen und nichtmuslimischen Welt als eine lange Litanei der Schande, erst durch die Kreuzfahrer, dann durch die französischen und britischen Imperialisten und schließlich durch die Israelis und ihre amerikanischen Geldgeber. Das Snuff-Video ist der Gegenschlag. Der einzige Weg, die Erniedrigung zu beenden, sagen diese Videos, ist sie weiterzugeben. Diese Nachricht verkauft sich gut in Bagdads Bazaren."

Lynn Hirschberg versucht herauszufinden, was an den für ein globales Publikum geplanten Blockbuster-Produktionen denn noch amerikanisch ist. Nicht viel. Und dennoch werden die USA mit diesen Filmen identifiziert. ""Unsere Filme reflektieren nicht mehr unsere Kultur", sagte ein hoher Studiomanager, der nicht genannt werden will. "Sie sind zu rohen, verzerrten Übertreibungen ausgeartet. Und ich glaube, Amerika wächst in diese übertriebenen Bilder hinein."" A. O. Scott versucht im Gegenzug zu klären, was einen ausländischen Film ausmacht.

Weitere Artikel: Susan Dominus fragt, warum Maggie Cheung (mehr) nicht schon längst ein Superstar des globalen Publikums ist. Die DVD und ihr Erfolg könnte Hollywood von Grund auf verändern, bemerkt Jon Gertner, und spielt alle möglichen Szenarien durch. Manohla Dargis vertritt die optimistische These, dass DVDs und Internet eine neue Generation an Film-Connoisseurs ermöglicht haben. Lynn Hirschberg befragt Pierce Brosnan nach seinem Leben ohne die Lizenz zum Töten. Julian Barnes, George Clooney und andere kommentieren Julia Roberts" Auftritt in Mike Nichols" "Closer".

In der Book Review beschäftigt sich Jonathan Franzen (mehr) in einem lesenswerten Rezensionsessay mit seiner kanadischen Kollegin Alice Munro, deren neuem Roman "Runaway" (erstes Kapitel) und der Frage, warum die "wahrscheinlich beste Schriftstellerin Nordamerikas" außerhalb Kanadas fast niemand liest. Camille Paglia ist nach Barry Miles" Biografie von Frank Zappa (erstes Kapitel) trotz einiger "tendenziösen Übertreibungen" überzeugt, dass der Musiker einen prominenten Platz in der amerikanischen Kultur des späten 20. Jahrhunderts verdient hat. Als eine "ungewöhnliche Mischung" bezeichnet Robert Kagan Noah Feldmans theoretische Überlegungen, politische Analyse und Erinnerungen als Gesandter zum Wiederaufbau des Irak ("What We Owe Iraq: War and the Ethics of Nation Building", erstes Kapitel). Jonathan Mahler hat die "bange, verzweifelte" Atmosphäre genossen, in der Martin Cruz Smiths Moskauer Kommissar Arkady Renko in seinem neuen Fall "Wolves Eat Dogs" (erstes Kapitel) quer durch die Verbotene Zone rund um Tschernobyl ermittelt. Und Laura Miller beklagt in ihrer Kolumne die esoterischen Kriterien der Juroren des National Book Award, die dazu geführt haben, dass die Finalisten nur etwas für Spezialisten sind. "Die armen Seelen auf der Suche nach einer guten Geschichte müssen weitersuchen, anderswo."

Magazinrundschau vom 08.11.2004 - New York Times

Wie ähnlich waren sich Mussolini und Hitler? Seit Giorgio Fabres Buch "Il Contratto: Mussolini Editore di Hitler" ist in Italien die schwelende Debatte wieder neu entflammt, berichtet Lila Azam Zanganeh in einem Brief aus Rom. Fabres These, dass Mussolini weit mehr von der Rassenideologie des deutschen Kollegen gehalten habe als bisher bekannt, stößt bei vielen italienischen Intellektuellen auf Widerstand. "Als ich ihn in seiner eleganten römischen Wohnung besucht habe, hat Giano Accame, Historiker und Gründer des Movimento Sociale Italiana, einer neofaschistischen Partei der Nachkriegszeit, Fabres Behauptungen als 'übertrieben' charakterisiert. 'Mussolini hat sicher nicht die hitlerschen Überzeugungen bezüglich der Juden geteilt', sagte er, als wir in seinem Arbeitszimmer saßen, das mit einer Büste und einem signierten Bild Mussolinis verziert war. Fabre hingegen hält daran fest, dass Mussolini ein 'verhinderter Hitler' war, der es bereute, nie sein eigenes 'Mein Kampf' geschrieben zu haben."

David Foster Wallace hat Edwin Williamsons Biografie (erstes Kapitel) des großen Jorge Luis Borges (mehr) gelesen, und findet, hier wird zu viel interpretiert: "Ein Biograf will, dass seine Geschichte nicht nur interessant, sondern auch literarisch wertvoll ist. Darum muss die Biografie glaubhaft machen, dass das persönliche Leben des Schriftstellers von entscheidender Bedeutung für das Verständnis des Werks ist." Das klappt bei einigen Autoren, wie zum Beispiel Kafka, meint Allen. Bei Borges funktioniert es nicht: "Wir haben es mit der seltsamen Situation zu tun, in der Borges' individuelle Persönlichkeit und seine Situation nur insofern Bedeutung haben, als sie ihn dazu bringen, Kunstwerke zu schaffen, in denen persönliche Fakten für unwirklich gehalten werden."

Weitere Besprechungen: "Genau im richtigen Moment" kommt Geoffrey R. Stones "Perilous Times. Free Speech in Wartime, From the Sedition Act of 1798 to the War on Terrorism", meint Christopher Hitchens. Stone untersucht darin das Verhältnis von Freiheit und Staatsgewalt in Krisenzeiten. James F. O'Gorman empfiehlt Ada Louise Huxtables Porträt des "begnadeten, hingebungsvollen, egozentrischen und arroganten" Architekten Frank Lloyd Wright (mehr von seinen Bauten) als "anregende" Lektüre (erstes Kapitel).

Für das New York Times Magazine fährt Alex Witchel mit John Patrick Shanley zu einem Barbecue mit dessen presseskeptischer Verwandtschaft, und findet sich mit dem Dramatiker und Drehbuchautor deshalb schnell in einer "spontanen Quarantäne". Viel Zeit zum Reden mit dem vielschichtigen Shanley, von dem gerade drei Stücke am Broadway auf dem Spielplan stehen. "Seit ich sechs war, bin ich ständig in Schlägereien verwickelt. Ich wollte das nicht unbedingt. Die Leute schauten mich an und der Anblick machte sie wütend. Ich glaube, weil sie sehen konnten, dass ich gesehen habe, wer sie sind. Und das konnten sie gar nicht ab."

Die New York Times Reporterin mit dem schönen Namen Gretchen Reynolds beschreibt in der Titelreportage, was Keiji Fukuda und Tim Uyeki antreibt, ihr Leben der ewigen Jagd nach dem Grippevirus zu widmen. Und Daphne Eviatar versucht herauszufinden, ob der Gesundheitsexperte Jeffrey Sachs recht hat, wenn er behauptet, 150 Milliarden Dollar würden die Armut vom Angesicht der Erde tilgen.

Magazinrundschau vom 01.11.2004 - New York Times

Für das New York Times Magazine besucht Charles McGrath Tom Wolfe in dessen immer noch angemieteten Haus in Southampton und verarbeitet seine Eindrücke des wild an "I Am Charlotte Simmons" (erstes Kapitel) arbeitenden Schriftstellers in einem ebenso schnell fließenden Bewusstseinsstrom. Beeindruckend findet er zunächst einmal Wolfes Sammlung von mechanischen Schreibmaschinen. "Da gibt es die 1966 Underwood, das Arbeitspferd der Flotte, auch wenn man langsam ihr Alter sieht, und wo verdammt soll er eine andere herbekommen?" (bei Ebay!) "Dann gibt es die Adler, eine deutsche Maschine, und obwohl wir uns von Stereotypen jedweder Art fernhalten wollen, hat diese Maschine nun mal, Vorurteile hin oder her, einige nationale Eigenschaften. Sie ist ein wenig steif, ein bisschen teutonisch, aber sehr effizient. Jawohl! Die elektrische Smith Corona wollen wir gar nicht erwähnen, sie geht einem auf die Nerven, wie sie da sitzt und summt, als würde sie sagen: 'Also, großer Junge, auf geht's!'"

Im Aufmacher fragt sich Russell Shorto, ob die Religion nach der Sexualität das nächste große Diskussionsthema am Arbeitsplatz wird. In den USA werden Glaube und Geschäft zunehmend verbunden, etwa beim Beten für einen guten Kredit. Deborah Solomon fragt die National Book Award Finalistin Christine Schutt, ob 100 verkaufte Ausgaben auch für eine Qualitätsautorin nicht doch zu wenig sind. Und Mary Beth Pfeiffer erzählt, warum eine Frau mit psychischen Problemen im Bestrafungstrakt der Bedford Hills Correctional Facility Selbstmord begangen hat.

Die New York Times Book Review: Fragt man Anthony Quinn, hat Alan Hollinghurst den Booker Prize vollauf verdient. "The Line of Beauty" preist er als "herausragendes" Stück Literatur mit einem großartigen Aufgebot an Charakteren, in dem zum ersten Mal auch Frauen prominent vertreten sind. "Außerordentlich tollkühn ist Hollinghursts Vorstellung der 'Lady', auch bekannt unter dem Namen Margaret Thatcher, die über das ganze Buch hinweg präsent ist, aber, wie Kurtz in 'Das Herz der Finsternis', bis zum Schluss unsichtbar bleibt. Als sie auf einer Party bei Fedden auftaucht, wird sie von ihren Höflingen belästigt bis Nick, durch Kokain wagemutig geworden, seinen Augenblick gekommen sieht."

John Updikes (mehr hier und hier) 21. Roman "Villages" erinnert Walter Kirn mit seinen expliziten Sexszenen an Updikes erste, erstaunlich sichere Schritte auf der Weltbühne der Literatur. Mit langen Beschreibungen des Beischlafs kehre Updike, der sich damals "den Ruf als Amerikas möglicherweise redegewandtester und gynäkologisch gründlichster Schmutzfink" erwarb, wieder zu seinen Wurzeln zurück, wenn auch in einer weicheren, reflektierteren Tonlage: "Beim frühen und mittleren Updike hatte jedes menschliche Genital seine eigene Körperlichkeit, oftmals mit klinischer Präzision und lebendiger Individualität beschrieben." Hier das erste Kapitel.

Weitere Besprechungen: Nancy Reagan war weniger machiavellistisch als gedacht, aber auch einflussreicher als vermutet, hat Walter Isaacson aus Bob Colacellos "Ronnie and Nancy" erfahren, einer "respektvollen, aber nicht schleimigen" Doppelbiografie der beiden (erstes Kapitel). Bei der Gelegenheit bespricht Isaacson auch gleich einen Band mit gesammelten Reden und Manuskripten Ronald Reagans (erstes Kapitel). John James Audubons Vogelzeichnungen (mehr) sind so menschlich, staunt Jonathan Rosen - "sein weißer Pelikan schaut aus, als würde er vor dem Losfliegen seine Taschenuhr konsultieren" -, und Richard Rhodes habe diesen Aspekt in seiner Biografie des Künstlers (erstes Kapitel) sehr gut verstanden. In einem kleinen Rezensionsessay lernt Eric Weissbard aus drei neuen Bänden, dass der moderne Pop auf sehr vielen verschiedenen Beinen steht.

Magazinrundschau vom 25.10.2004 - New York Times

In der New York Times ringt Woody Allen um Atem: "Ich schätze George S. Kaufman". Der Dramatiker, Regisseur, Autor und Scherzkeks inspirierte Allen, als der im zarten Alter von acht Jahren in der Bibliotheksklasse auf Kaufmans "You Can't Take It With You" stieß. "Das Stück war nicht nur lustig und voller Vorstellungskraft, auch die Ansammlung dieser herrlich schrägen, im surrealen Chaos zusammenlebenden Gestalten war außerordentlich warm und magisch. Mein Zuhause wurde zwar nicht von nicht ganz so farbenfrohen Exzentrikern bewohnt wie das Heim der Vanderhofs, hatte aber auch seine recht explosive Mischung aus Tanten, Onkeln, Eltern, Großeltern und Cousins, alle in der gleichen Wohnung zusammengepfercht, mit vereinter Erfindungsgabe gegen die Depression ankämpfend. Kaufmans Drama fing unser Tollhaus großartig ein."

Bob Dylans Ausflüge in die Welt des geschrieben Wortes waren, im Gegensatz zum gesungenen, bisher immer schmerzhaft", bemerkt Tom Carson, der deshalb umso überraschter ist ob der "Gerissenheit" der jetzt herausgekommenen "Chronik" des Musikers. "Das grundsätzliche Anliegen des Buches ist mythografisch. Bob Dylan soll als 20. Jahrhundert-Inkarnation des urzeitlichen Amerika dargestellt werden. Einfach vom Schreiben her gesehen ist es einer der besten getürkten 'Huckleberry Finn', den ich je gelesen habe."

Weitere Rezensionen: Für die ausführliche Untersuchung des "Hip" (erstes Kapitel) hat sich John Leland David Kamps uneingeschränktes Lob verdient. Leland sieht die Wurzel des 'Hippen', das mittlerweile auch Firmen wie Apple praktizieren, in der Geheimsprache der schwarzen Amerikaner, die sich gegen die Weißen abgrenzen wollten. Florence Nightingale, die berühmteste Krankenschwester der Welt, verließ sich auf ihre Familie ebenso wie sie sie verabscheute, hat Miranda Seymour aus Gillian Gills "überzeugendem" Porträt (erstes Kapitel) gelernt. Genügend Diskussionsbedarf sieht Scott McLemee nach der Lektüre von Gertrude Himmelfarbs vergleichender Analyse der französischen, britischen und amerikanischen Aufklärung (erstes Kapitel).

Im New York Times Magazine porträtiert Daphne Merkin die Schriftstellerin Alice Munro, die mittlerweile seit einem halben Jahrhundert im Geschäft ist. Merkin glaubt Munros Erfahrungen mit ihrer an Parkinson erkrankten Mutter in fast all ihren Geschichten wiederzufinden. Hier das erste Kapitel von Munros neuem Roman "Runaway". Meghan O'Rourke stellt Munros Kollegin Marilynne Robinson vor, die als Kongregationalistin besonders die Freiheit des persönlichen Gewissens schätzt. In ihrem Werk kommt Robinson deshalb auch immer wieder auf die Forderungen des Gewissens zurück, schreibt O'Rourke.

In der Titelgeschichte erkundet Susan Dominus, inwiefern Ry Russo-Young von der Erziehung durch zwei lesbische Eltern geprägt wurde. Wie auch immer die Wahl ausgeht, die Erben von Newt Gingrich bleiben einflussreich, glaubt James Traub im Kommentar. Und Deborah Solomon spricht mit Kenneth Pollack (mehr), der sich als ehemaliger CIA-Nahost-Experte für die Fehleinschätzungen im Irak entschuldigt und gleich im Anschluss vor neuen nuklearen Gefahren warnt.

Magazinrundschau vom 18.10.2004 - New York Times

Nach 28 Jahren und 2251 Seiten ist Norman Sherrys Biografie Graham Greenes (mehr auf Englisch und mehr auf Deutsch) endlich komplett. Der Schriftsteller Paul Theroux kniet nieder in Bewunderung, sowohl vor Greene als auch vor Sherry. "Wer immer sich für Graham Greenes Leben und Werk interessiert, dem wird diese dreibändige Biografie unvergleichlich erscheinen; als intellektuelle und politische Geschichte des 20. Jahrhunderts ist sie unbezahlbar; als literarische Reise, und auch als Reise durch die Welt ist sie meisterhaft; als Quellenbuch und als Galerie der Schurken ist sie faszinierend."

Der kommende Prozess gegen Saddam Hussein veranlasst Michael Massing dazu, wieder über Hannah Arendts Prozessreport über Adolf Eichmann nachzudenken. Interessanter als Massings recht banale Gedanken zur Banalität des Bösen ist jedoch die Originalbesprechung aus dem Jahr 1963 und vor allem der Verweis auf Jean Hatzfelds Bericht "Une Saison de Machettes", das bei uns schon erschienen ist. Hatzfeld lässt Vollstrecker des Genozids in Ruanda zu Wort kommen, die erschütternd kühl über ihre Taten berichten.

Weitere Artikel: Seymour Hershs "Chain of Command" ("Die Befehlskette") ist wahrscheinlich das beste Buch, wenn es darum geht zu erklären, wie die Menschenrechte, "die wir im Irak eigentlich wiederherstellen wollten, schließlich von uns selbst verletzt wurden", schreibt Michael Ignatieff über die Zusammenstellung der ursprünglich im New Yorker erschienenen Reportagen zu Abu Ghraib (erstes Kapitel). Julia Reed stellt die Flugbibliothek vor, Anthologien, die speziell für lange Interkontinentalflüge zusammengestellt wurden. Judith Shulevitz zeigt sich erschüttert von Robert Alters "bemerkenswerter" Neuübersetzung der fünf Bücher Mose. Michael Agger ist heilfroh, dass Stephen King seine voluminöse Dark Tower-Reihe nun mit dem siebten Band (erstes Kapitel) abgeschlossen hat und kann sie höchstens Fans empfehlen.

Scott Anderson ist für das New York Times Magazine in den Sudan gereist und hat versucht, die Gründe für die größte humanitäre Katastrophe der Gegenwart zu verstehen. Zu Beginn seiner großen Reportage trifft er einen ehemaligen Janjaweed, jene Reiter, die sich selbst Ritter nennen und die Provinz Darfur in Schrecken versetzt haben. "'Wir ritten nachts, um sehr früh am Morgen vor den Dörfern unserer Feinde zu sein', erzählte er. 'Üblicherweise reihten wir uns am Rand des Dorfes entlang auf - wir wollten keine Schlacht, wir wollten, dass sie fliehen - dann gab unser Führer das Signal und wir griffen an." Als Anderson ihn fragt, was sie dann getan haben, antwortet der Janjaweed ihm nicht. "Stattdessen bedachte er mich mit seinem verstörenden Lächeln und seine Stimme, schon ein Flüstern, wurde noch leiser. 'Alles was Du dir vorstellen kannst. Vielleicht auch ein paar Dinge mehr.'"

Zur Einführung in die kulinarischen Extraseiten dieser Ausgabe denunziert Michael Pollan seine Landsleute als ängstliche Esser und nennt einige skurrile Irrwege der Nahrungsaufnahme, etwa "die Nur-Trauben-Diät, die Dr. John Harvey Kellogs den Patienten seines legendär schrägen Sanatoriums in Battle Creek (mehr) verschrieb oder die Mode des 'Fletcherizing' - jeder Bissen wird bis zu hundertmal gekaut -, von Horace Fletcher (auch bekannt als das Große Mahlwerk) gegen Ende des vorvergangenen Jahrhunderts eingeführt."

Weitere Artikel: Im Aufmacher inspiziert Ron Suskind die Methode, mit der George Bush das Land führt: "glaubensbasiertes Regieren". Bush wirkt so sicher, weil er die komplexen Fakten ignoriert, mit Suskind. "Dem offenen Dialog, auf Fakten gestützt, wird kein innerer Wert beigemessen. Es könnten ja Zweifel aufkommen, die den Glauben unterminieren würde." Jimmy Carter habe ihm imponiert, erzählt der polnische Außenminister Wlodzimierz Cimoszewicz im Interview mit Deborah Solomon. Ein einziges Mal lässt der sonst so diplomatische Politiker indirekt Kritik an den Amerikanern durchdringen. "Es stimmt, viele polnische Unternehmen haben erwartet, in den wirtschaftlichen Wiederaufbau des Irak einbezogen zu werden, und das ist nicht geschehen." Michael Kimmelmann stellt einen Künstler vor, über den man in New York zu reden beginnt. Lamar Peterson (mehr) malt idyllische Vorstadtszenen mit netten grausamen Details.