
Auch Luke Mogelson
schildert in einer eindringlichen Reportage die
vergiftete Atmosphäre in den USA. Er recherchiert auf beiden Seiten, sieht aber doch die
Hauptschuld bei der Rechten, die für mehr als 320 Tote in den letzten 25 Jahren verantwortlich sind, und der Polizei, die sie schützt. Man gewinnt aus seiner Reportage aber auch den Eindruck, dass beide Seiten
längst nicht so homogen sind, wie gern unterstellt wird. Insbesondere die
weiße Antifa empfinden viele als nicht gerade hilfreich im Kampf gegen Rassismus: Bei einer Veranstaltung im September im
Venturapark in Portland "betrat eine Afroamerikanerin die Bühne. Sie kündigte an, dass Demonstranten zum East Precinct House des Portland Police Bureau marschieren würden. Und sie erinnerte die Menge daran: 'Wir feiern eine
Vielfalt von Taktiken.' Ich hatte in Portland wiederholt Variationen dieses Satzes gehört. Die Maxime wurde erstmals von Demonstranten auf dem republikanischen Nationalkongress 2008 in St. Paul, Minnesota, kodifiziert: Um den Zusammenhalt unter den manchmal zerstrittenen Aktivisten aufrechtzuerhalten, drängten sie darauf,
alle Arten von Protesten zu akzeptieren. Effie Baum, die Mitbegründerin von PopMob, sagte mir: 'Eines der Werkzeuge des Staates ist es, uns dazu zu bringen, diese Dichotomie zwischen 'guten Demonstranten' und 'schlechten Demonstranten' zu schaffen.' Ein anderer populärer Spruch bei direkten Aktionen war: 'Es gibt keine schlechten Demonstranten in einer Revolution.' Der
Vandalismus, dessen Zeuge ich in Portland war, wurde von einer sehr kleinen Minderheit verübt, aber
noch weniger Menschen versuchten zu intervenieren, und diejenigen, die es taten, wurden oft als '
Friedenspolizei' verunglimpft. Das Ergebnis war, dass die extremsten Taten im Allgemeinen den Ton der Demonstrationen bestimmten - ein greifbares Zeichen für das ideologische Abdriften der Bewegung", der allerdings oft genug eine noch
weitaus brutalere Polizei gegenüber steht, wie Mogelson selbst erlebt.
Maya Jasanoff
lernt aus "Time's Monster: How History Makes History" der Historikerin
Priya Satia, wie die
Briten sich bis heute
ihre Kolonialvergangenheit schön reden. Eine Strategie dabei ist das
Vernichten oder Wegsperren hässlicher Akten. Neun Tage vor der Unabhängigkeit Kenias etwa flogen die Briten tonnenweise Akten aus, die sie fortan hinter Stacheldraht in Hanslope Park aufbewahrten. "Indem sie schriftliche Beweise für ihre Taten aus den Archiven eliminierten, versuchten britische Beamte, die
Geschichtsschreibung zu manipulieren, die zukünftige Generationen produzieren könnten. ... Das geheime Versteck im Hanslope-Park wurde erst 2011 enthüllt, während eines Prozesses, der von
Folteropfern im kolonialen Kenia gegen die britische Regierung angestrengt wurde. (Der Fall basierte teilweise auf mündlichen Zeugenaussagen, die meine Harvard-Kollegin Caroline Elkins gesammelt hatte). Was aus den so genannten 'migrierten Archiven' herauskam, waren Aufzeichnungen über systematischen, weitreichenden und
magenumstülpenden Missbrauch. Diese Berichte widersprachen dem weit verbreiteten britischen Mythos, dass - wie uns ein Leitfaden des Innenministeriums für den britischen Staatsbürgerschaftstest derzeit versichert - 'es zum größten Teil einen
geordneten Übergang vom Empire zum Commonwealth gab, und den Ländern ihre Unabhängigkeit zugestanden wurde'."
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