Ist
Geschlecht angeboren oder eine Konstruktion? Sind "Mann" und "Frau" nur Messpunkte auf einer kontinuierlichen Skala? Auf diese Frage antwortet in der
Zeit die ehemalige
WDR-Reporterin
Georgina Kellermann, die einmal Georg war: "Einer meiner besten Freunde ist in Westfalen in der Nähe von Münster aufgewachsen. Streng katholisch erzogen worden. Hat Theologie studiert. Und ist homosexuell. Das wurde ihm
in die Wiege gelegt. Das war er, bevor er überhaupt denken konnte. Sein Ehemann kommt aus Kasachstan. Da geht es noch ein wenig konservativer zu. Auch er sagt, die Homosexualität war da, bevor die Erziehung überhaupt einsetzte. Kein ernst zu nehmender Mensch käme doch heute noch auf die Idee, dass
Homosexualität '
antrainiert' sein könnte. Ich bin davon überzeugt, dass
ich Frau war, bevor ich überhaupt denken konnte. Ich durfte es nur nicht sein, weil die Gesellschaft es nicht zugelassen hat."
Auch bei manchen sich
avantgardistisch wähnenden Linken nimmt
Corona zuweilen einen recht schweren Verlauf,
konstatiert Tania Kibermanis in einem launigen
taz-Essay über ihre linken Freunde und deren Corona-Fantasien: "Ob Katholik, K-Gruppe oder Verschwörungsfreund - wer einmal in sehr
hermetischen Denkgebäuden heimisch war, für den ist der Wechsel von einem Apartment ins nächste leider nur ein kurzer Weg. Fakten, Quellen und Stringenz fliegen in hohem Bogen aus dem Fenster, die stören nur beim gemütlichen
Rückzug allein aufs Narrativ."
Mit einer gewissen Verzögerung sorgt der "
Appell für
freie Debattenräume" des Publizisten Milosz Matuschek und des Schriftstellers Gunnar Kaiser doch noch für Debatten. Philipp Bovermann und Felix Stephan hatten diesen Text in der
SZ als "rechts" entlarvt (unser
Resümee). Dagegen
wendet sich Ben Krischke bei
Meedia: "Dass Erstunterzeichner wie Harald Martenstein, Götz Aly, Vince Ebert, Necla Kelek oder Günter Wallraff nun laut
SZ also - auch - zu den 'Köpfen der
rechtskonservativen Infosphäre' zählen sollen, ist tatsächlich obskur. Dass Bovermann und Stephan in der Kritik am Appell, der übrigens nicht als Meinungsbeitrag gekennzeichnet ist, ausgerechnet
das tun,
was darin kritisiert wird - nämlich den Appell als rechten Gottseibeiuns abzukanzeln - entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Wer den Appell unterzeichnet, steht bei der
SZ im Kleingedruckten, der darf sich dann auch zur 'rechtskonservativen Infosphäre' zählen lassen. Die
Kontaktschuld lässt grüßen."
Es ist keineswegs so, dass Frauen sich im Fall
Gabriel Matzneff (
Unsere Resümees) oder im Fall des Fotografen
David Hamilton, dem Frauen auch erst Jahre später
sexuellen Missbrauch vorwarfen, nie äußerten - man hat sie nur nicht gehört, schreiben die Kabarettistin
Maren Kroymann und die Romanistin
Lieselotte Steinbrügge in der
SZ. Als beider Doktorvater
Alain Robbe-
Grillet in der Zeitschrift
lendemains 1980 Hamiltons Fotos in einem Aufsatz würdigte, schrieben Kroymann und Steinbrügge eine
Replik: "Was dann geschah, ist sicherlich recht typisch für den Umgang mit feministischen Positionen: Unsere Replik wurde von diesem Professor als so
niveaulos und unwissenschaftlich erklärt, dass sie gar nicht diskussionswürdig sei."
Die Satiriker
Florian Schröder und
Serdar Somuncu starteten vergangene Woche bei
radioeins einen neuen
Podcast, in dessen Verlauf Somuncu auch auf
Cancel Culture zu sprechen kommt. "Es geht mir am Arsch vorbei, ob das Zigeunerschnitzel heißt oder Mohrenwirt. (…) Solange es nicht unter Strafe steht, sage ich Neger", Kritiker seien meist Frauen, "schlecht gefickte, miese, hässliche Schabracken." Es dauerte einige Tage bis der
Shitstorm losging und der Sender den Podcast redaktionell bearbeitete. Auf
Zeit Online möchte Johannes Schneider das nicht als Satire gelten lassen: "Nichts hier setzt die Stelle und den Tonfall kenntlich zum persönlichen Gespräch davor und zur Behauptung 'Ehrlichkeit' ab, vielmehr kritisiert Somuncu unmittelbar danach die stete Rollen- und Ebenenbehauptung einer Lisa Eckhart. Das lässt sich durchaus auch als Appell an Protagonistinnen des Kabaretts verstehen, sich eben nicht hinter Figuren zu verbergen, und macht die Behauptung, Somuncu habe zuvor
lediglich als Bühnenfigur gesprochen, noch dubioser. Dass der Sender am Mittwochvormittag - übrigens erst auf
Zeit-Online-Nachfrage transparent - gemeinsam mit der Pöbelpassage auch gleich diesen Schlenker verschwinden ließ: nicht ganz unpraktisch aus seiner Sicht."
"Wer sich die Mühe macht, sich die volle Pracht der Somuncu-Tiraden anzuhören - aber wer macht das schon in Zeiten des flüchtigen Scrollens? -, der hätte die
Versuchsanordnung durchschauen können",
meint indes Harry Nutt in der
Berliner Zeitung: "Schroeder und Somuncu legen sie freimütig bloß. Jeder habe das
Recht auf Diskriminierung, erläutert Somuncu. Er wolle nicht länger Opfer, sondern auch Täter sein. Was es zu beweisen galt. Der Podcast ist ein
performativer Akt, der hart an die Schmerzgrenze des guten Geschmacks geht, um am Ende doch eine Art höhere Moral zum Vorschein zu bringen. Aber reicht das aus zur Entlastung?"
Im
Tagesspiegel-
Interview spricht der Autor
JJ Bola, dessen Buch
"Sei kein Mann" gerade erschienen ist, noch einmal über
toxische Männlichkeit und die Stereotype, mit denen
heterosexuelle Männer heute zu kämpfen haben.