9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

2773 Presseschau-Absätze - Seite 130 von 278

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.09.2020 - Gesellschaft

Die Publizistin Canan Topcu ist im Alter von acht Jahren als Tochter türkischer Arbeitsmigranten nach Deutschland gekommen und fühlt sich keineswegs als Person of Color. Im Gegenteil - die von der Linken geführte Rassismusdebatte sowie deren Sprechverbote gehen ihr ziemlich auf die Nerven, wie sie in der SZ schreibt: "Richtung und Tonalität der Rassismuskritik wird bestimmt von einer jungen akademisch gebildeten Generation, die einerseits darauf pocht, nicht auf Herkunft reduziert, sondern als 'von hier' wahrgenommen zu werden, andererseits aber selbst Identitätspolitik betreibt - nicht nur durch die Selbstbeschreibung als People of Color, sondern auch im Zelebrieren von Elementen aus der Herkunftskultur. Politisch problematisch ist die moralische Überlegenheit, die aus der Betroffenheit abgeleitet wird, ohne selbst auf Ressentiments zu verzichten oder Ausgrenzung zu betreiben."

Die deutsche Polizei hat sich im Laufe der Zeit immer mehr demokratisiert und sie wird vermutlich nicht von Rechtsradikalen unterwandert werden, aber Polizisten sollte einem "Bewusstseinscheck" unterzogen werden, schreibt Thomas Schmid in der Welt: "Polizisten haben Schusswaffen und dürfen im Zweifelsfall im Höchsttempo durch die Straßen brettern. Es wäre ein Wunder, wenn die Polizei nicht auch autoritäre Charaktere, Waffennarren und eben auch Menschen mit herrschaftlichem Ordnungsverständnis anzöge. Dass Rechtsradikale überdurchschnittlich oft zur Polizei wollen, ist alles andere als überraschend. Verwunderlich ist freilich, dass es offensichtlich in der Polizei an nachhaltigen Bemühungen mangelt, solche Geisterfahrer aufzuspüren, zur Räson zu rufen."

Die taz hat ihre Zeitung in die Hände von Klimaaktivisten und -innen gegeben, deren Artikel einen interessanten Einblick in ihre Erklärungsmodelle geben. Die drei Aktivistinnen Isadora Cardoso, Lisa Göldner und Kathrin Henneberger, möchten den feministischen Aspekt ihres Engagements hervorheben, das nur einen Gegner kennt: "Die Klimakrise ist tief verwurzelt in historisch miteinander verwobenen Unterdrückungssystemen: Patriarchat, Rassismus, Kapitalismus und Kolonialismus. Ohne Rücksicht auf Verluste und die katastrophalen Folgen für unser Klima beuten wir den Planeten aus. Dahinter liegen dieselben Machtstrukturen, die zur Ausbeutung der Körper von Frauen und (un)bezahlter Care-Arbeit führen, zur Ausbeutung von Menschen und Rohstoffen des globalen Südens und zur Diskriminierung nicht-weißer Menschen."

Die Klimaaktivisten teilen Menschen in "Schwarz und Weiß, in Gut und Böse" auf, sie spalten die Gesellschaft, sagt Clemens Traub, einst selbst "Fridays for Future"-Aktivist indes im Gespräch mit der Berliner Zeitung: "Die Klimabewegung ist bürgerlich und privilegiert, sie versteht die Lebenswirklichkeit der Geringverdiener oder Kleinstadt- und Dorfmenschen nicht. Das ist ein Fehler. (…) Fridays for Future muss inklusiver werden, die ganze Breite der Bevölkerung mitnehmen und nicht nur Leute, die sich Klimaschutz leisten können."

Die Berliner Landesstelle für Gleichberechtigung hat einen 44 Seiten langen Leitfaden für diversitysensible Kommunikation gegen Diskriminierung erstellt, unter anderem sollen die Begriffe "Ausländer" oder "Schwarzfahrer" in Berliner Behörden nicht mehr geduldet werden (hier als pdf-Dokument). Solche sprachlichen Umerziehungsprogramme haben noch nie etwas gebracht, meint in der Welt Matthias Heine, der den Leitfaden mit dem "Linguistic Engineering" unter Mao vergleicht: "Am niederschmetterndsten offenbart sich die Unmöglichkeit, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit durch sprachliche Umetikettierungen aus der Welt zu schaffen, aber in den USA. Dort sind die Schwarzen in den vergangenen 150 Jahren x-mal umbenannt worden: Aus Niggern wurden Negroes, aus Negroes wurden Colored, aus Colored wurden Black Americans, aus Black Americans wurden Afroamericans, aus Afroamericans wurden People of Color, ohne dass sich deshalb irgendwas am Rassismus geändert hat. Im Gegenteil: Fast alle diese Bezeichnungen wurden von manchen der so Genannten bald als beleidigend empfunden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.09.2020 - Gesellschaft

Die Redefreiheit gerät in den USA durch eine illiberale Linke immer mehr unter Beschuss, warnt die niederländisch-amerikanische Politikerin und Frauenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali in einem von der NZZ übernommenen Artikel im Wall Street Journal. Dabei gleiche sich die Ideologie der Linken - ob nun unter dem Namen "cancel culture", "kritische Rassentheorie", "Intersektionalität" oder "Wokeismus" immer mehr jener von Islamisten an, meint sie: "Beide sind der Ansicht, dass diejenigen, die sich nicht bekehren lassen, schikaniert werden dürfen oder noch Schlimmeres verdienen. Beide zeigen sich bei jeder Gelegenheit beleidigt und fordern nicht nur eine Entschuldigung, sondern Konzessionen. Der Islamismus eifert gegen Blasphemie, der Wokeismus will 'Hassrede' verbieten. Islamisten versuchen ihre Gegner mit dem Begriff 'Islamophobie' zum Schweigen zu bringen, der Wokeismus verwendet stattdessen 'Rassismus'. Islamisten verabscheuen die Juden. Wer 'woke' ist, sagt, dass er lediglich Israel hasse, aber Antisemitismus ist in der Bewegung weit verbreitet. Gemein ist beiden auch die Liebe zum Bildersturm: Statuen, passt auf!"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.09.2020 - Gesellschaft

Der Politologe Samuel Salzborn, seit kurzem Ansprechpartner des Landes Berlin zu Antisemitismus, stellt in der taz eine (offenbar noch nicht veröffentlichte) Studie der Autorinnen Katrin Reimer-Gordinskaya und Selana Tzschiesche vor, die unter dem Titel "Antisemitismus, Heterogenität, Allianzen" erstmals untersuchen, wie sich Antisemitismus auf die Betroffenen auswirkt. Dabei stellt er zwei miteinander verwobene Stränge des Antisemitismus in Deutschland vor, einerseits die klassische Schuld- und Erinnerungsabwehr, und andererseits "die seit Jahrzehnten etablierten 'kommunikativen Umwege', bei denen sich der antiisraelische Antisemitismus aufgrund dessen, dass er öffentlich kaum sanktioniert wurde und wird, zu einer globalen Integrationsideologie entwickelt hat. Einem weltanschaulichen Kitt, mit dem Allianzbildungen zwischen politischen Milieus real geworden sind, die in anderen Fragen fundamental verfeindet sind."

Isolde Charim analysiert ebenfalls in der taz am Beispiel der überall demonstrierenden Covioten, wie Verschwörungstheorien entstehen: "Es ist nicht so, dass sie die Realität des Virus ablehnen - und deshalb die Maßnahmen des Staates ablehnen. Es ist vielmehr genau andersherum: Weil sie die Eingriffe des Staates nicht akzeptieren - akzeptieren sie auch nicht die Realität des Virus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.09.2020 - Gesellschaft

Im Observer staunt Catherine Bennett über die massenhafte, unverhohlene Frauenfeindlichkeit, mit der J.K. Rowling im Netz behandelt wird, weil sie angeblich transfeindlich sei. Bei Twitter kursieren Bilder, auf denen ihre Bücher verbrannt werden. Zum Beleg soll jetzt ihr neuer Roman herhalten, in dem ein Mörder gelegentlich Frauenkleidung nutzt, um sich an seine Opfer heranzumachen. (Bei Zeit online etwa ist Laura Dahmer fest überzeugt, dass eine Romanfigur die Einstellung des Autors widerspiegelt. Ähnlich Mirko Schmid ausgerechnet in der FR, dessen Artikel über Rowling darüber hinaus von derart hämischer Frauenfeindlichkeit trieft, dass die Bild-Zeitung der Siebziger stolz darauf gewesen wäre.) Warum dieses Ausmaß an Wut? Vielleicht, weil sie "immer noch JK Rowling ist, empörenderweise auch durch den neusten Twittersturm nicht gecancelt und - am schlimmsten überhaupt - mächtig und weiblich. Das reicht, es wurde nichts getan, um das immer extremere und allgegenwärtige Ausmaß frauenfeindlicher Hassreden in den sozialen Medien zu bekämpfen, die eine aneckende Frau zum Ziel kollektiven, gezielten und sexualisierten Missbrauchs machen. Die Beteiligung an diesem besonderen Fall progressiver Frauenfeinde scheint nur wenig Überarbeitung des Urtextes über Schlampen und Hexen erforderlich gemacht zu haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.09.2020 - Gesellschaft

Der Diesel-Skandal hat die Autoindustrie nachhaltig diskreditiert. Es zeichnet sich eine Gesellschaft ab, in der das Auto eine untergeordnete Rolle spielt. Und mit den Grünen ist ein Tempolimit auf Autobahnen, das übrigens von einer Mehrheit der Bevölkerung unterstützt werde, sicher, schreibt taz-Redakteurin Anja Krüger in einem Essay: "Auch die Mitglieder des ADAC stehen nicht mehr ungebrochen zum Auto. Will der Verband sie nicht verprellen, muss er sich um ein fortschrittliches Image bemühen - und es ist ein Schritt nach vorne, dass er das tatsächlich versucht. Wenn selbst die härtesten Autolobbyisten Zugeständnisse machen, ist eine Menge erreicht. Der Dieselskandal hat nicht nur die gesellschaftliche Haltung zum Auto verändert. Er führt auch zu einer Veränderung der Branche selbst."

In der NZZ nimmt Wolfgang Sofsky die "Eselei" der Gender- und anderer heutiger Debatten aufs Korn. "Eselei ist zuerst eine Schwäche des Denkens und des Redens. Der begrenzte Wortschatz verbindet sich mit logischen Fehlern und kategorialen Irrtümern. Man beurteilt ästhetische Objekte allein nach moralischen Maßstäben, identifiziert die Roman- oder Bühnenfigur mit der Autorin und beurteilt die Textqualität nach der Biografie des Verfassers. Man verwechselt den grammatischen Genus mit dem biologischen Sexus und vermischt alles im 'sozialen Geschlecht'. Dabei hat weder der Hocker noch der Seufzer einen Penis. Man glaubt, mit der Beseitigung von Wörtern, Symbolen oder Statuen ließen sich unerwünschte gesellschaftliche Unterschiede einebnen. Man hält natürliche Katastrophen für göttliche oder menschliche Schuld und verfolgt in großen Krisen die Außenseiter, die Fremden und die Nachbarn."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.09.2020 - Gesellschaft

Nachdem schon wieder rechtsextreme Chatgruppen in der Polizei aufgefallen sind, diesmal in NRW (gepostet waren unter anderem Adolf Hitler und Hakenkreuze oder "fiktive Darstellungen eines Geflüchteten in einer Gaskammer oder eines schwarzen Menschen, der erschossen wird", hier, hier und hier die Berichte), fordert Sabine am Orde in der taz eine Ende der offiziellen Beschönigungen: "Notwendig sind deshalb nicht nur Untersuchungen und wissenschaftliche Studien, die endlich das Ausmaß des Problems erforschen und Gegenmaßnahmen erarbeiten, dazu externe, möglicherweise auch anonyme Anlaufstellen für PolizistInnen, die Vorfälle melden wollen. Zentral ist es auch, diejenigen BeamtInnen zu stärken, die für eine demokratische Polizei stehen. Sie müssen motiviert und dazu befähigt werden, dafür im KollegInnenkreis auch einzutreten." Damit sich etwas ändert, "darf die Polizei sich nicht mehr selbst kontrollieren", schreibt Carolina Schwarz, ebenfalls in der taz.

Eine wissenschaftliche Untersuchung fordert auch Kurt Kister in der SZ: "Wichtiger aber ist die interne Auseinandersetzung mit dem Autoritarismus, dem Extremismus und seinen Denkstrukturen durch die Zehntausenden Polizistinnen und Polizisten selbst. Sie müssen von ihrem Auftrag, diesem Staat und seinen Werten so überzeugt sein, dass sie andere davon überzeugen können - und seien es ihre Kolleginnen und Kameraden."

Es waren zwar nicht unbedingt sehr viele Polizisten, die sich in diesen Netzwerken austauschten, aber das Problem ist dennoch akut, sagt der Polizeiwissenschaftler Rafael Behr im Interview mit Nina von Hardenberg in der SZ: "Wenn über acht oder neun Jahre niemand einschreitet und scheinbar sogar Vorgesetzte beteiligt waren, müssen wir natürlich ein Institutionenversagen annehmen. Da müssen nicht alle unter einer Decke gesteckt haben, aber da waren Kollegen, die das geduldet haben, auch wenn sie nicht zustimmten."

Weiteres: Radioeins hat den Podcast "Schröder und Somuncu" nach der Kritik (Unser Resümee) in Absprache mit den beiden Kabarettisten redaktionell berarbeitet, meldet meedia mit dpa.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.09.2020 - Gesellschaft

Ist Geschlecht angeboren oder eine Konstruktion? Sind "Mann" und "Frau" nur Messpunkte auf einer kontinuierlichen Skala? Auf diese Frage antwortet in der Zeit die ehemalige WDR-Reporterin Georgina Kellermann, die einmal Georg war: "Einer meiner besten Freunde ist in Westfalen in der Nähe von Münster aufgewachsen. Streng katholisch erzogen worden. Hat Theologie studiert. Und ist homosexuell. Das wurde ihm in die Wiege gelegt. Das war er, bevor er überhaupt denken konnte. Sein Ehemann kommt aus Kasachstan. Da geht es noch ein wenig konservativer zu. Auch er sagt, die Homosexualität war da, bevor die Erziehung überhaupt einsetzte. Kein ernst zu nehmender Mensch käme doch heute noch auf die Idee, dass Homosexualität 'antrainiert' sein könnte. Ich bin davon überzeugt, dass ich Frau war, bevor ich überhaupt denken konnte. Ich durfte es nur nicht sein, weil die Gesellschaft es nicht zugelassen hat."

Auch bei manchen sich avantgardistisch wähnenden Linken nimmt Corona zuweilen einen recht schweren Verlauf, konstatiert Tania Kibermanis in einem launigen taz-Essay über ihre linken Freunde und deren Corona-Fantasien: "Ob Katholik, K-Gruppe oder Verschwörungsfreund - wer einmal in sehr hermetischen Denkgebäuden heimisch war, für den ist der Wechsel von einem Apartment ins nächste leider nur ein kurzer Weg. Fakten, Quellen und Stringenz fliegen in hohem Bogen aus dem Fenster, die stören nur beim gemütlichen Rückzug allein aufs Narrativ."

Mit einer gewissen Verzögerung sorgt der "Appell für freie Debattenräume" des Publizisten Milosz Matuschek und des Schriftstellers Gunnar Kaiser doch noch für Debatten. Philipp Bovermann und Felix Stephan hatten diesen Text in der SZ als "rechts" entlarvt (unser Resümee). Dagegen wendet sich Ben Krischke bei Meedia: "Dass Erstunterzeichner wie Harald Martenstein, Götz Aly, Vince Ebert, Necla Kelek oder Günter Wallraff nun laut SZ also - auch - zu den 'Köpfen der rechtskonservativen Infosphäre' zählen sollen, ist tatsächlich obskur. Dass Bovermann und Stephan in der Kritik am Appell, der übrigens nicht als Meinungsbeitrag gekennzeichnet ist, ausgerechnet das tun, was darin kritisiert wird - nämlich den Appell als rechten Gottseibeiuns abzukanzeln - entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Wer den Appell unterzeichnet, steht bei der SZ im Kleingedruckten, der darf sich dann auch zur 'rechtskonservativen Infosphäre' zählen lassen. Die Kontaktschuld lässt grüßen."

Es ist keineswegs so, dass Frauen sich im Fall Gabriel Matzneff (Unsere Resümees) oder im Fall des Fotografen David Hamilton, dem Frauen auch erst Jahre später sexuellen Missbrauch vorwarfen, nie äußerten - man hat sie nur nicht gehört, schreiben die Kabarettistin Maren Kroymann und die Romanistin Lieselotte Steinbrügge in der SZ. Als beider Doktorvater Alain Robbe-Grillet in der Zeitschrift lendemains 1980 Hamiltons Fotos in einem Aufsatz würdigte, schrieben Kroymann und Steinbrügge eine Replik: "Was dann geschah, ist sicherlich recht typisch für den Umgang mit feministischen Positionen: Unsere Replik wurde von diesem Professor als so niveaulos und unwissenschaftlich erklärt, dass sie gar nicht diskussionswürdig sei."

Die Satiriker Florian Schröder und Serdar Somuncu starteten vergangene Woche bei radioeins einen neuen Podcast, in dessen Verlauf Somuncu auch auf Cancel Culture zu sprechen kommt. "Es geht mir am Arsch vorbei, ob das Zigeunerschnitzel heißt oder Mohrenwirt. (…) Solange es nicht unter Strafe steht, sage ich Neger", Kritiker seien meist Frauen, "schlecht gefickte, miese, hässliche Schabracken." Es dauerte einige Tage bis der Shitstorm losging und der Sender den Podcast redaktionell bearbeitete. Auf Zeit Online möchte Johannes Schneider das nicht als Satire gelten lassen: "Nichts hier setzt die Stelle und den Tonfall kenntlich zum persönlichen Gespräch davor und zur Behauptung 'Ehrlichkeit' ab, vielmehr kritisiert Somuncu unmittelbar danach die stete Rollen- und Ebenenbehauptung einer Lisa Eckhart. Das lässt sich durchaus auch als Appell an Protagonistinnen des Kabaretts verstehen, sich eben nicht hinter Figuren zu verbergen, und macht die Behauptung, Somuncu habe zuvor lediglich als Bühnenfigur gesprochen, noch dubioser. Dass der Sender am Mittwochvormittag - übrigens erst auf Zeit-Online-Nachfrage transparent - gemeinsam mit der Pöbelpassage auch gleich diesen Schlenker verschwinden ließ: nicht ganz unpraktisch aus seiner Sicht."

"Wer sich die Mühe macht, sich die volle Pracht der Somuncu-Tiraden anzuhören - aber wer macht das schon in Zeiten des flüchtigen Scrollens? -, der hätte die Versuchsanordnung durchschauen können", meint indes Harry Nutt in der Berliner Zeitung: "Schroeder und Somuncu legen sie freimütig bloß. Jeder habe das Recht auf Diskriminierung, erläutert Somuncu. Er wolle nicht länger Opfer, sondern auch Täter sein. Was es zu beweisen galt. Der Podcast ist ein performativer Akt, der hart an die Schmerzgrenze des guten Geschmacks geht, um am Ende doch eine Art höhere Moral zum Vorschein zu bringen. Aber reicht das aus zur Entlastung?"

Im Tagesspiegel-Interview spricht der Autor JJ Bola, dessen Buch "Sei kein Mann" gerade erschienen ist, noch einmal über toxische Männlichkeit und die Stereotype, mit denen heterosexuelle Männer heute zu kämpfen haben.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2020 - Gesellschaft

Es gibt Anlass, an die Zukunft der Innenstädte zu glauben, meint Matthias Alexander in der FAZ, der die offenbar wiederaufblühende Stadt Recklinghausen besucht hat. Dort macht man vor, was man mit aufgelassenen Warenhäusern macht: Man vermietet nur noch die Erdgeschosse und steckt Seniorenheime, ja Wohnungen und Kinderläden in die übrigen Etagen. So soll es auch mit Karstadt am Hermannplatz in Berlin-Neukölln geschehen: "Dessen gewaltiger Vorgängerbau aus den zwanziger Jahren, der in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs von der SS gesprengt wurde, soll äußerlich annähernd originalgetreu wiedererstehen. Ladenflächen sind jedoch nur im Erdgeschoss vorgesehen, darüber soll es eine Mischung aus Büros, Wohnungen, Sportangeboten und einer Kita geben."

Der Schriftsteller Ulf Erdmann Ziegler singt in der NZZ anlässlich der Karstadtpleite ein kleines wehmütiges Abschiedslied auf das Kaufhaus, das ihm seine Jugend in Neumünster versüßte: "Im Kaufhaus konnte man das Flanieren üben, das gleichgültige Gleiten des Blicks, dem nichts unbedeutend erscheint. ... Um der politischen Symbolik willen plant man die Verwandlung der Innenstädte in Kirmeszonen für Guck-in-die-Luft-Fussgänger, die nicht mehr wissen, was sie suchen, abgesehen natürlich von ihrem eigenen Bild in den sozialen Netzwerken. Das Kaufhaus war so etwas wie ein guter Haushalt, nur tausendfach vervielfältigt, ein Labyrinth der kurzen Wege, eine Stadt in der Stadt, ein Museum der Vergänglichkeit. Ein Garant für die Präsenz stolzer Marken im urbanen Herzen: Falke-Strümpfe, Doppler-Schirme, Fissler-Töpfe, Unterwäsche von Calida und Messer von Victorinox. Toaster von Braun; Kühlschränke von Liebherr. 'Guten Tag, meine Herren!'"

Der Schriftsteller Ralf Bönt erklärt in Telepolis, warum er den umstrittenen "Aufruf gegen Konformismus" der beiden Autoren Milosz Matuschek und Gunnar Kaiser, der in der SZ verdächtigt worden war, "rechts" zu sein (unser Resümee), unterzeichnet hat. Ihm ging es um die im Appell genannten "zensierten Karikaturisten, verfolgten Whistleblower und Enthüller, Seminare, die nicht stattfinden können, weil sie gestört werden". Und da vor allem um die Karikaturisten: Sie führten "uns zurück zum Sündenfall der Cancel Culture unserer Zeit, der Fatwa gegen Salman Rushdie. Womit wir es zu tun haben bei der Grüppchenbildung, ist ja eine Wiederbelebung der Glaubensgemeinschaft. Der Religion. Sie beruht auf dem Ab- und Wegkanzeln von Kritik zum Zwecke des Stillstandes aus Gründen der Zukunftsangst."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.09.2020 - Gesellschaft

Dominik Baur unterhält sich in der taz mit Erich Schneeberger, Chef des bayerischen Landesverbands der Sinti und Roma, der zunächst den Unterschied zwischen Sinti und Roma erklärt, und auf die Frage, ob es inzwischen eine größere Sensibilität beim Thema Antiziganismus gebe, antwortet: "Nein, die gibt es nicht. Weil wir in der Gesellschaft keine Lobby haben. Wenn ein jüdischer Mitbürger beleidigt oder verletzt wird, gibt das einen Aufschrei. Zu Recht! Das ist aber bei uns nicht so. Oder hat man etwas davon gehört, dass Angehörige der Roma in Berlin niedergestochen worden sind? Oder dass bei dem Anschlag in Hanau drei Roma unter den Opfern waren? Oder dass der Attentäter vom Münchner OEZ auch einen Sinto und zwei Roma ermordet hat?"

Aziz Bozkurt ist Vorsitzender der "AG Migration und Vielfalt" in der SPD (eine Arbeitsgruppe "Säkulare Sozis" hat die Parteiführung dagegen nicht zugelassen, mehr hier). Er begründet in der taz, warum er bei aller persönlichen Distanz für das Kopftuch und gegen das Berliner Neutralitätsgebot ist. "Was also wiegt mehr: die Angst vor den politisch Motivierten oder die Freiheit der Selbstbestimmten? Meine Entscheidung fällt mit Blick auf die Aufgabe der Sozialdemokratie eindeutig für die Freiheit aus. Zudem lassen Urteile unserer höchsten Gerichte wenig Interpretationen zu: Das Neutralitätsgesetz ist in der aktuellen Form nicht haltbar. Gerade im Bereich der Bildung. Bei Polizei und Justiz mach ich weiterhin Fragezeichen und erkenne die besondere Bedeutung staatlicher Neutralität auch im Auftritt nach außen an. Aber in der Bildung bedarf es einer Neujustierung, die trotzdem den Gedanken der Neutralität festhalten kann." Komme es künftig zu Streit wegen islamistischer Bestrebungen an den Schulen, wünscht sich Bozkurt eine Klärung durch die Antidiskriminierungsbeauftragten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.09.2020 - Gesellschaft

Schön, dass wir wieder über Klassen reden und nicht nur über Identitäten, meint der Schriftsteller Michael Ebmayer im Zeit-Blog Freitext. Aber das allein reicht nicht: "Entscheidend ist ..., wer mitredet. Und wer sich angesprochen fühlt. Solange eine verhätschelte Mittelschicht frohlockt, weil wegen der coronabedingten Pflicht zu Reservierung und bargeldlosem Zahlen keine Proleten mehr im Schwimmbad stören, ist wenig erreicht. Solange selbst der Blick in den Homeschooling-Abgrund zu keiner neuen Bildungspolitik führt, ist nichts gewonnen. ... Das System von Scham und Dünkel, von Abwiegeln und Erniedrigen, mit dem die deutsche Klassengesellschaft sich erhält und vertuscht, wird niemand auf die Schnelle knacken können. Nicht einmal der Pandemie, die so viele Überzeugungen erschüttert und Borniertheiten bloßgestellt hat, ist das gelungen. Aber das Unwohlsein mit den Verhältnissen wächst und wird wieder in Worte gefasst."

Von Anna Mayr zum Beispiel, Kind von zwei Langzeitarbeitslosen, die sich in ihrem Buch "Die Elenden. Warum unsere Gesellschaft Arbeitslose verachtet und sie dennoch braucht" mit dem Thema auseinandersetzt. "Ich weiß gar nicht, ob ich noch Empathie erwarte", sagt sie im Interview mit der Berliner Zeitung. "Ein erster Schritt wäre es anzuerkennen, dass jeder Mensch in dieser Gesellschaft Glück oder Pech haben kann. Es sind Umstände, Strukturen, manchmal Zufälle, die zur Arbeitslosigkeit führen. Für viele Menschen ist es unvorstellbar, über Jahre hinweg arm zu sein."