Lasst die
verbleibenden Atomkraftwerke in Deutschland weiter laufen, fordern Rainer Moormann und Anna Veronika Wendland in der
Zeit. Sechs davon gibt es immerhin noch, die demnächst abgeschaltet werden sollen: "Eine Stilllegung wäre irreversibel. Dabei wären sie die
eindeutig klimaschonendere Energieversorgung im Vergleich zur Kohle. Die sechs letzten deutschen Kernkraftwerke erzeugen mit ihren insgesamt rund 8.500 Megawatt Brutto-Nennleistung so viel Strom wie der gesamte Park an
Braunkohlekraftwerken Nordrhein-Westfalens. Es ergibt keinen Sinn, die besonders klimaschädlichen Braunkohlekraftwerke weiterlaufen zu lassen und Kernkraftwerke stillzulegen." Als vorläufiger Ersatz für Atomkraft sei übrigens Gas eingeplant - wovon vor allem einer profitiert:
Wladimir Putin.
Im
Tagesspiegel stimmt den
Timothy Garton Ash, der bereits vor einigen Jahren ein
Buch über Redefreiheit geschrieben hat, den Unterzeichnern des
offenen Briefs für eine freie Debattenkultur in jedem Punkt zu. Dennoch wirbt er vorsichtig um
Verständnis für deren Kritiker, darunter einige seiner Studenten: "Die Anklageschrift meiner Studierenden lautete in etwa wie folgt: Die Welt, die ihr ältere Liberale uns hinterlasst, ist auf der Rückseite verrottet. Wie konntet ihr so viel amerikanische Polizeigewalt gegen Schwarze tolerieren? Wie konntet ihr den
verklärenden Blick Großbritanniens auf seine eigene
Kolonialvergangenheit zulassen? Wie konntet ihr Harvey Weinstein und all die anderen Missbrauchstäter ignorieren? Ihr alten Liberalen predigt' gleichen Respekt und gleiche Aufmerksamkeit' (in den Worten des Philosophen Ronald Dworkin), aber die sozialen Medien, die im öffentlichen Raum unserer Generation eine größere Rolle spielen als die
New York Times und die
BBC, verstärken massiv die Intoleranz gegenüber
LGBT+ und anderen Gruppen." Zeitschriften sollten öfter Artikel von unterdrückten und benachteiligten Gruppen abdrucken, fordert er.
Der Autor und Performer
Robin Detje wendet sich im Feuilleton der
Zeit gegen den wie er meint "herzlosen"
Aufruf von 150 amerikanischen und britischen Intellektuellen gegen das hysterisierte Debattenklima: "Was ist das für ein Liberalismus, der sich von Forderungen anderer nach
Freiheit,
Anstand und
Selbstbestimmung bedroht fühlt? Offensichtlich einer von oben, der sich als Hüter der freiheitlichen Gesellschaft geriert, aber für die Freiheit der anderen nicht kämpfen will."
Wir sind
Rassisten, ohne es zu wissen. Sozialpsychologen wie
Jonathan Haidt haben Tests entwickelt, die das beweisen, schreibt Bastian Berbner in
Zeit online. Unser Unbewusstes sei mit
einem Elefanten zu vergleichen: "Der Elefant ist das unbewusste Fühlen. Auf ihm sitzt ein Reiter, das ist das bewusste Denken. Der Reiter kann durchaus etwas ausrichten gegen das mächtige Tier, kann es mal bremsen und ihm mal eine bestimmte Richtung vorgeben. Aber meist setzt sich, Haidt zufolge,
der Elefant durch."
Der Rassismus der Weißen ist
quasi unauslöschlich sagt die weiße Soziologin
Robin DiAngelo, die mit "White Fragility" den Bestseller der Saison gelandet hat, im Gespräch mit Paloma Soria Brown von
Libération: "Rassismus ist der Status quo. Wenn ich weiß bin und ich
mich unwohl fühle, wenn ich über Rassismus spreche, bedeutet das, dass ich mich in einer rassistischen Gesellschaft
wohl fühle. Im übrigen können Sie, wenn Sie sich in einer Machtposition befinden, Ihre Gefühle dazu nutzen, die Aufmerksamkeit vom
wirklichen Problem abzulenken und diese Macht zu behalten." Wir verweisen nochmal auf Kenan Maliks Warnung vor einer Psychologisierung des Rassismusproblems, die wir
gestern zitierten.
Der
Reichtum ist in Deutschland ganz besonders ungleich verteilt,
berichtet Ulrike Herrmann in der
taz unter Bezug auf eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), das übrigens sehr große Probleme hatte, überhaupt an
valide Zahlen zu kommen - denn reiche Leute
schweigen gern über ihr Vermögen: "Den DIW-Forschern blieb daher nur, das
Manager-Magazin zu konsultieren, das jährlich eine Hitliste der deutschen Vermögen veröffentlicht. Für das Jahr 2017 waren dort rund
700 MillionärInnen aufgeführt, die
mehr als 250 Millionen Euro besaßen. Auch sie wurden in die DIW-Auswertung integriert. Im Gesamtergebnis zeigte sich, dass das
reichste Prozent der Bevölkerung rund
35 Prozent des individuellen Nettovermögens besitzt. Bisher war man von 'nur' 22 Prozent ausgegangen. Das reichste Zehntel kommt nun auf 67,3 Prozent, nachdem man zuvor 58,9 Prozent angenommen hatte."
Antisemitismus war in Deutschland nie weg und wird nun, oft "verkleidet als
Israelkitik", in fast allen Milieus "lauter und aggressiver",
schreibt der arabisch-israelische Psychologe
Ahmed Mansour in der
NZZ: "Woher diese
deutsche Besessenheit von der 'Israelkritik'? Warum ist man so fixiert auf die kleine Demokratie im Nahen Osten, die sich gegen sämtlich feindselige Nichtdemokratien in ihrer Nachbarschaft behaupten muss?" Er ergänzt: "
Migrantinnen und Migranten sind erst dann
sozialverträglich integriert, wenn sie Judenhass als illegitim und irrational begriffen haben und ablehnen."