Im Kino
Scheinbar unzusammenhängende Lebensfäden
Die Filmkolumne. Von Kamil Moll
18.03.2025. Tom Tykwer lässt den Figuren seines neuen Films "Das Licht" allerhand heilende Schicksalsschläge zuteil werden. Aber kommt das auteuristische Geltungsbedürfnis des Regisseurs dem Film zu Gute?
Aus weiter Ferne sieht man in einem in Berlin-Mitte gelegenen Hochhaus ein Licht flackern. Durch stetig strömenden Regen bahnt sich die Kamera in Tom Tykwers "Das Licht" schwebend einen Weg dorthin und kommt, trotzdem kaum feucht geworden, in einem Zimmer zum Stehen. Farrah (Tala Al-Deen) sitzt vor einer Lampe, die in rasanter Geschwindigkeit flackert. Setzt man sich schnell wechselnden Lichtverhältnissen aus, wird im Film zu einem späteren Zeitpunkt erklärt, schüttet der menschliche Körper die halluzinogen wirkende Substanz DMT aus. Der dabei freigesetzte Effekt kommt einer künstlich simulierten Nahtoderfahrung gleich, besitzt aber auch eine heilsame Wirkung.
Der therapeutische Nutzen, den solche hypnagogen Lampen im Hinblick auf die Bewältigung psychischer Schmerzen und Traumata besitzen sollen, lässt sich getrost als esoterisch einstufen (passenderweise wird das verwendete Modell "Lucia N°03" online längst als eine nun aus Tykwers Film bekannte Meditationslampe beworben). Um das heilsame Aussöhnen seiner Filmfiguren mit schweren Schicksalsschlägen sorgte sich der Regisseur gleichwohl schon immer. Bereits in seinen ersten nationalen Erfolgen, Filmen wie "Winterschläfer", "Der Krieger und die Kaiserin" und dem sein eigenes Versprechen bereits im Titel tragenden "Heaven", verbanden Katastrophen scheinbar unzusammenhängende Lebensfäden, setzten allzu forcierte Annäherungsgeschichten in Gang.
Auch in "Das Licht" korrelieren zu Beginn gleich mehrere Unfälle, verdichten sich zu einem großen Event der regiegewollten Synchronität: Während die Entwicklungshelferin Milena Engels (Nicolette Krebitz) auf dem Rückflug aus Nairobi nach Deutschland in ein lebensbedrohliches Ungewitter gerät, wird ein Essenslieferant von einem Wagen angefahren und Milenas polnische Haushaltshilfe erleidet eine tödliche Herzattacke. Tykwer blendet von einem Ereignis ins nächste und lässt zuletzt, damit an der absichtsvollen Verknüpfung kein allzu großer Zweifel aufkommen kann, die beim Auffahrunfall abgesprungene Radkappe in die Küche der Engels rollen.

Milena und ihr Ehemann, der in einer PR-Agentur tätige Tim (Lars Eidinger), brauchen neue Unterstützung in ihrem Alltag, aber mit Farrah, die eine ursprünglich aus Syrien geflüchtete Ärztin ist, bekommen sie eine darüber hinaus reichende, tiefergehende Hilfe. "Wir sind eine typische deutsche, dysfunktionale Familie", sagt Frieda (Elke Biesendorfer) zu ihr. Sie ist die Tochter der Engels, die sich aufgrund der permanent eskalierenden Beziehungsprobleme ihrer Eltern von diesen ab- und dem aktivistischen Klimaschutz zugewendet hat. Auch ihr Bruder Jon (Julius Gause) entflieht dem Familienleben, indem er in ein bislang noch in der Testphase steckendes VR-Spiel namens "Transportal" abtaucht, bei dem die Spieler Tote aus deren verloschenem Leben ins Licht führen müssen. Und dann ist da noch das dritte Kind, Dio (Elyas Eldridge), beziehungsweise ist er oftmals nicht da, denn da er aus einer Affäre Milenas stammt, verbringt er die eine Hälfte der Zeit bei seinem Vater und die andere, "die B-Woche", bei der Mutter. Auch das ist kein wirklich haltbarer Zustand.
Mit schwerer Hand führt Tom Tykwer diese Familie samt ihrer weitverzweigten Probleme innerhalb von gut 160 Minuten Laufzeit sprichwörtlich ins Licht und macht dabei selbst vor einem immersiven Zwischenhalt auf einem kenternden Flüchtlingsboot nicht Halt. Seinen ersten Kinofilm seit nahezu einer Dekade gestaltet er als eine stetig produzierende, im Einzelnen mitunter sogar recht kurzweilige Bildermaschine. In die Heilungsgeschichte eingewoben sind zahlreiche formale Kunststückchen: eine Musical-Miniatur, in der Nicolette Krebitz in verschiedene weibliche Projektionen wechselt (so beispielsweise in Madonnas ikonisches Dress aus deren "Like a Virgin"-Video). Außerdem eine schwerelose Tanznummer am Berliner Westhafen sowie eine mehr schlecht als recht die Filme des "Spider-Verse" belehnende Animationssequenz, in der zu allem Überfluss auch noch den Lyrics des Queen-Songs "Bohemian Rhapsody" stellvertretend für die vermeintlich gesund machenden Zauberkräfte der Popkultur die Bürde aufgeladen wird, direkt zu den Nöten der Figuren zu sprechen: "Is this the real life? Is this just fantasy?"
Wie einstmals bei "Lola rennt", Tykwers bis heute auch international bekanntesten und meist rezipierten Film, hat diese Leistungsschau etwas aufdringlich Streberhaftes. Im so kalkulierten wie letztlich wohlfeilen Wechsel filmischer Register drückt sich weniger eine wirkliche Freude am visuellen Überschuss aus, als, umso dringlicher, ein auteuristisches Geltungsbedürfnis, von dem man sich vor allem anderen auch hinters Licht geführt fühlt.
Kamil Moll
Das Licht - Deutschland 2025 - Regie: Tom Tykwer - Darsteller: Nicolette Krebitz, Lars Eidinger, Rala Al-Deen, Elke Biesendorfer, Julius Gause u.a. - Laufzeit: 162 Minuten.
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