Magazinrundschau

Eine unerfüllte Sehnsucht nach Zärtlichkeit

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
26.01.2026. Die New York Times hat Angst vor einem Bürgerkrieg in Amerika. In der New York Review of Books ist der Autor Joseph O'Neill überzeugt: Die Republikaner wollen eine eine Einparteienherrschaft errichten. Der Guardian besucht das syrische Aleppo, das im Bürgerkrieg seine traditionell multiethnische Stadtkultur verloren hat. New Lines wirft einen Blick auf die moderne Sklaverei in Nigeria. Eurozine stellt neue mexikanische Literatur vor.

New York Times (USA), 26.01.2026

Drei Opinion-Page-Kolumnisten der New York Times, Lydia Polgreen, David French und Michelle Goldberg, führen ein längeres und instruktives Gespräch über den historischen Bruch, den die Ereignisse von Minneapolis für die Geschichte der USA darstellen. Renée Good und Alex Pretti wurden von Trumps ICE-Polizisten erschossen, obwohl sie niemanden bedroht hatten. Gewiss, es ist nicht das erste Mal, dass Ordnungskräfte Gewalt gegen Bürger ausüben - aber David French beschreibt die neue Situation so: "Die Trump-Regierung verstößt gegen das Gesetz und nutzt zugleich rücksichtslos alle ihr gesetzlich zustehenden Schutzmechanismen aus. Diese Situation ist für einen Rechtsstaat untragbar." Der Interviewer Matthew Rose fühlt sich an das Buch "Der Doppelstaat" von Ernst Fraenkel erinnert. Der Autor der Frankfurter Schule beschreibt mit diesem Begriff den Weg der Nazis in den Totalitarismus. Der Staat entwickelte demnach ein Doppelgesicht. Für Bürger, die sich politisch nicht einmischen, behält er eine gewisse Berechenbarkeit (der "Normenstaat"), während er in gewissen Situationen immer öfter zu Terror greift (der "Maßnahmenstaat"). "Die Nazis haben ihren totalitären Staat nicht sofort errichtet. Stattdessen gelang es ihnen, einen Großteil der Bevölkerung einzulullen, indem sie ihr Leben relativ normal weiterlaufen ließen", warnt French. Und Polgreen fürchtet: "Es könnte zu einem regelrechten Bürgerkrieg kommen, mit bewaffneten Menschen auf verschiedenen Seiten. Bereits jetzt befindet sich die örtliche Polizei in einer unangenehmen Zwischenposition zwischen Zivilisten und Bundesbeamten. Die Lage könnte sich noch verschlimmern, wenn es zu einem Konflikt zwischen der von Gouverneur Tim Walz eingesetzten Nationalgarde und den von Trump eingesetzten Bundestruppen kommt, die sich darüber uneinig sind, wer die Befugnis hat, das Gewaltmonopol des Staates auszuüben."

Ein ganzes Autorenteam hat Dutzende Videos aus Iran gesichtet. Nicht alle werden in dem Artikel eingebettet, manche zeigen (etwa hier) ganze Leichenberge in Krankenhäusern. Die Autoren haben mit Ärzten in vielen iranischen Städten telefoniert - sie geben keine Schätzung ab, anders als die Autoren von Time (unser Resümee), die eine Totenzahl von mindestens 30.000 schätzen - aber dass wesentlich mehr Menschen bei den Unruhen ermordet wurden, als bisher von Menschenrechtsorganisationen benannt, wird auch hier klar. "Eine Krankenschwester im Nikan-Krankenhaus in Teheran sagte, das Krankenhaus gleiche einem Kriegsgebiet. Ein Arzt im Shohada Tajrish-Krankenhaus im Norden Teherans, einer großen staatlichen medizinischen Einrichtung, sagte, dass das Personal in den beiden gewalttätigsten Tagen, dem 9. und 10. Januar, durchschnittlich etwa siebzig Demonstranten mit Schussverletzungen pro Stunde versorgte. Viele Patienten seien bei ihrer Ankunft oder kurz danach bereits tot gewesen. In einer Audiobotschaft, die der Times zugespielt wurde, bezeichnete ein Arzt in Mashhad die Situation in seinem Krankenhaus als 'erschreckend'. Zusätzlich zu der erschreckend hohen Zahl verletzter Demonstranten seien Sicherheitskräfte aufgetaucht und hätten Zugang zu den Patienten verlangt, um sie zu verhaften. Er sagte, ein Team von Ärzten habe in einer Villa außerhalb der Stadt eine Ad-hoc-Triage-Einheit eingerichtet, wo sie Patienten behandelten, die sich zu sehr fürchteten, um in ein Krankenhaus zu gehen."
Archiv: New York Times

Guardian (UK), 27.01.2026

Ghait Abdul-Ahad besucht im Norden Syriens das nach langen Jahren des Bürgerkriegs weitgehend zerstörte Aleppo und unterhält sich mit einigen Bewohnern, die versuchen, die Stadt wieder einigermaßen in Stand zu setzen. Es sind, lesen wir, nicht nur unzählige historische Gebäude vernichtet worden in Aleppo; vor allem sind die Versuche, eine eigenständige, multiethnische Stadtkultur mitsamt über die Jahrhunderte gewachsenen sozialen Strukturen zu erhalten, vorläufig krachend gescheitert. Was genau ist dabei verloren gegangen? "Vor dem Bürgerkrieg blieb Aleppo jahrzehntelang von vielen der ideologischen Auseinandersetzungen, die Syrien erschütterten, weitgehend unberührt. Ein bemerkenswerter Akt des Widerstands ereignete sich, als die Altstadt durch einen städtebaulichen Modernisierungsplan bedroht wurde, der ganze historische Viertel zerstört hätte. Trotz Repressionen von Seiten des baathistischen Regimes leisteten die Bewohner Aleppos erfolgreich Widerstand gegen das Projekt und erreichten in den 1980er-Jahren die Anerkennung der Altstadt als UNESCO-Weltkulturerbe. Mehr als jede andere Stadt im Nahen Osten vermochte Aleppo seine historische Identität bis in die Moderne hinein zu bewahren - nicht nur durch den Schutz alter Gebäude und Artefakte, sondern auch dadurch, dass die Altstadt als lebendiger wirtschaftlicher und sozialer Organismus erhalten blieb, in dem traditionelle Handwerke weiterhin in den alten Werkstätten ausgeübt wurden. Die Altstadt und ihr berühmter al-Madina-Suk - der größte überdachte Markt der Welt - blieben das Herz des unternehmerischen Lebens der Stadt, gruppiert um ihre alten Khans. Diese zwei- oder dreigeschossigen Gebäudekomplexe mit Räumen um einen zentralen Innenhof boten Händlern, Pilgern und Reisenden Rastplätze, Stallungen für ihre Tiere, Lagerräume für Waren und Orte für den Handel."
Archiv: Guardian

New Lines Magazine (USA), 26.01.2026

"Nigeria belegt im Globalen Sklavereiindex 2023 Platz 38 von 160 Ländern. Schätzungsweise 1,6 Millionen Menschen werden dort zur Zwangsarbeit gezwungen oder in Schuldknechtschaft gehalten - Kindersoldaten nicht mitgerechnet", berichtet Ajifa Solomon. Die zunehmende Gewalt durch terroristische Gruppen, vor allem im Bundesstaat Plateau, bringt Eltern in Zwangslagen: Aus Angst um ihre Kinder oder aus ökonomischen Zwängen geben sie sie in die Hände von Fremden (oder manchmal auch Nachbarn und Verwandten), die mit Bildungschancen und gut bezahlter Arbeit locken. Viele Kinder, vor allem Mädchen, werden dann zur Prostitution gezwungen: "Die Behörden haben damit begonnen, Informanten in großen Parks zu platzieren, um Menschenhändler abzufangen, bevor diese Kinder außer Landes bringen. 'Wir haben Insider in den Parks. Sobald ihnen verdächtige Bewegungen auffallen - vielleicht ein Kind, das orientierungslos wirkt -, rufen sie mich an', sagt Pope Lasur, ein Beamter der Gender-Einheit des nigerianischen Sicherheits- und Zivilschutzkorps, 'ich gehe hin, stelle ein paar Fragen, und wenn die Antworten nicht schlüssig sind, laden wir sie ins Büro ein. Meistens erfahren wir dann, dass die Kinder Opfer von Menschenhandel sind. Jemand wartet immer in einem anderen Bundesstaat auf sie.' Diese Maßnahmen werden allerdings kaum ausreichen: "Lösungen wie die Registrierung von Fahrgästen an Busbahnhöfen anhand ihrer nationalen Ausweisnummer oder einer Bankverifizierungsnummer zur Nachverfolgung wurden von den Gesetzgebern mit Verweis auf Datenschutzbedenken abgelehnt. 'Ohne politischen Willen werden wir immer wieder vor demselben Problem stehen', sagte Lasur."
Stichwörter: Nigeria, Menschenhandel

New York Review of Books (USA), 12.02.2026

Der Schriftsteller Joseph O'Neill schlägt Alarm: Trump und die Republikanische Partei sind dabei, die USA in ihren Grundfesten zu verändern. Um den Ernst der Lage zu begreifen, muss man, so O'Neill im Gespräch mit Daniel Drake, zwei Arten von Politik unterscheiden: "Zum einen Politik im technischen Sinn - also Wahlpolitik, die sich auf Wirtschaft, Arbeitsplätze, Gesundheitsversorgung, Einwanderung, Kriminalität und 'Bezahlbarkeit' konzentriert. An dieser Front steckt die GOP in Schwierigkeiten. Auch wenn Trump weiterhin die Loyalität fast aller Republikaner genießt, haben sich Unabhängige und demografische Gruppen, die für seinen Sieg 2024 entscheidend waren - etwa Latinos und junge Wähler - deutlich von der Republikanischen Partei abgewandt. Wenn die Zwischenwahlen einen normalen Verlauf nehmen, können die Demokraten damit rechnen, das Repräsentantenhaus und vielleicht sogar den Senat zu erobern - noch vor Kurzem war das undenkbar. Die zweite Art von Politik ist rohe Machtpolitik. Hier wird es schwierig. Die Republikanische Partei, angetrieben von der Fantasie, Liberale und Minderheiten ein für alle Mal zu zerschlagen, ist im Kern darauf ausgerichtet, eine Einparteienherrschaft zu errichten. Dies ist die Absicht ihrer Basis, ihrer Politiker in Washington und in den Bundesstaaten, ihrer Richter am Obersten Gerichtshof, ihrer Propagandisten und Ideologen - und natürlich ihres designierten obersten Führers. Diese Absicht zeigt sich überall: vom bösartigen Eifer bestimmter Apparatschiks in der Regierung bis hin zur höflichen, aber folgenreichen Beihilfe älterer Staatsmänner im Kongress und am Obersten Gerichtshof. Chief Justice Roberts mag nicht aktiv von einer republikanischen Diktatur träumen, doch er hat seine Macht bewusst eingesetzt, um genau dieses Szenario voranzutreiben." Die aktuelle Führung der Demokraten ist, so O'Neill weiter, schlecht dafür gerüstet, einer solchen Machtpolitik etwas entgegen zu setzen.

Eurozine (Österreich), 26.01.2026

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Hanna Nordenhök unterhält sich mit drei wichtigen Autoren aus Mexiko: Fernanda Melchor, Luis Jorge Boone and Emiliano Monge ist gemeinsam, dass sie in ihren Büchern auf Kinder als Ich-Erzähler zurückgreifen - eine Technik, die in der mexikanischen Literatur Tradition hat, wie wir lesen. Warum hat die kindliche Perspektive ein Comeback? In Melchors Romanen spielt beispielsweise die Sichtweise seelisch versehrter Kinder eine große Rolle. Nicht nur in ihrem Roman "Die Saison der Wirbelstürme" geht es um ein junges Mädchen, Norma, das sexuellem Missbrauch ausgesetzt ist. Melchor beschreibt hier eine toxische "Verwechslung" von Erwachsensein und Kindlichkeit, die sie auch auf die mexikanische Gesellschaft überträgt. Norma ist ein Kind, das "in Bezug auf eine kindische Erwachsenenwelt 'parentifiziert' wird. Norma's Mutter ist nicht die Erwachsene, sie ist ein Kind, das trinkt und Männern hinterherläuft, und Norma bleibt mit der Verantwortung für ihre Geschwister zurück. Ihr Stiefvater, der sie missbraucht, hat die gleiche Tendenz. In der mexikanischen Gesellschaft ist diese Infantilisierung der Erwachsenenwelt ein soziales und damit politisches Problem. Mexikaner lieben es, sich Autoritäten zu unterwerfen, weil wir ein angeborenes Bedürfnis haben, Kinder zu sein. Und ein Erwachsener, der ein Kind sein muss, ist jemand, dessen Bedürfnisse zu dem Zeitpunkt, als sie erfüllt werden sollten, nicht erfüllt wurden. Es gibt eine unerfüllte Sehnsucht nach Zärtlichkeit, eine Sehnsucht, die von anderen infantilen Erwachsenen korrumpiert wurde. Populistische Führer machen sich dieses Bedürfnis natürlich zunutze. 'Unterwirf dich mir, und alle deine Probleme werden verschwinden.' Für jemanden, der seit Generationen verletzt wurde, ist dieses Versprechen sehr verlockend."
Archiv: Eurozine

Wired (USA), 20.01.2026

Der größte chinesische Science-Fiction-Roman ist im Westen selbst Kennern völlig unbekannt, da er nie übersetzt wurde. Und auch auf Chinesisch dürfte es kaum jemanden geben, der ihn wirklich komplett gelesen hat, schreibt Afra Wang. Denn: "The Morning Star of Lingao" ist ein seit den frühen Nullerjahren von einem teilweise anonymen Kollektiv im Netz verfasstes, seitdem ständig ausgeschmücktes, erweitertes und kaum mehr überschaubares Epos. Erzählt wird die Geschichte von einer Gruppe chinesischer Zeitreisender, die mit heutigem Wissen 500 Jahre in die Vergangenheit reist, um die Schmach Asiens - die Entwicklung der modernen Wissenschaften in Europa - auszugleichen und China damit erhebliche Startvorteile mit auf den Weg zu geben (ein Ausgangsszenario, das im übrigen verdächtig an Wolfgang Jeschkes Klassiker "Der letzte Tag der Schöpfung" erinnert). Die Ursprünge dieses Projekts liegen in einem Online-Diskurszusammenhang aus naturwissenschaftlich gebildeten, teils liberalen, teils nationalistischen Kreisen mit naturwissenschaftlichem Background - später wurde dieser als "Industrial Party" bezeichnet. "Die Kraft, die sie feierten, war nur auf den ersten Blick von der industriellen Zivilisation abgeleitet. Tatsächlich war es Entwicklung als solche, Fortschritt als Ideologie, Aufbau als Erlösung. Revolution, Demokratie, Freiheit: Das waren Ablenkungen, sogar Hindernisse." Damit "spiegelt der Roman die moralische Weltsicht Chinas im 21. Jahrhundert wieder, also dessen industrielle Beschleunigung und dessen Nationalismus. ... Zwischen 2000 und den mittleren Zwanzigerjahren verachtfachte sich Chinas Produktionsoutput beinahe. Das Land wurde nicht allmählich, sondern schlagartig 'die Fabrik der Welt'. Eine Rückkopplungsschleife entstand: Die Weltsicht der Industrial Party und Chinas tatsächliche Industrialisierung bekräftigten sich gegenseitig." Doch "für viele zerschlug sich der 'chinesische Traum'. Die Geburtsraten sinken. In der jungen Generation herrscht eine überwältigende Arbeitslosigkeit. Kann der 'einfach noch mehr aufbauen'-Geist von 'Lingao' noch immer Probleme lösen? Ich sehe überall Zweifel. Man kann sich keinen Ausweg aus einer Sinnkrise herauskonstruieren, wenn eine ganze Generation junger Leute sich dazu entschlossen hat, 'sich flach auf den Boden zu legen', wie ein chinesischer Ausspruch besagt, und damit jenes Versprechen von sich weist, dass endlose Arbeit zu Wohlstand führt."
Archiv: Wired

Science (USA), 08.01.2026

Das Forscherteam des Leonardo da Vinci DNA Projects (LDVP) vermutet, auf der Rötelzeichnung "Heiliges Kind" Leonardo da Vincis DNA-Spuren gefunden zu haben: Vorsichtig wurden Abstriche der Zeichnung gemacht und mit Briefen eines Verwandten aus dem 15. Jahrhundert verglichen, berichtet Richard Stone. Unabhängige Wissenschaftler melden zwar Zweifel an, aber "die Bemühungen von LDVP 'öffnen nicht nur ein neues Fenster, es eröffnet eine ganz neue Welt' für die Authentifizierung von Kunst, sagt Chemiker Stefan Simon, Direktor des Rathgen Research Laboratory an den Nationalen Museen in Berlin, der nicht mit dem Projekt verbunden ist. Die LDVP-Mitglieder hoffen, dass ihre Ergebnisse die Hüter von Leonardos Kunstwerken und Notizbüchern überzeugen werden, weitere Probenahmen zu ermöglichen. Die Identifizierung von Leonardos DNA könnte nicht nur dazu beitragen, den Ursprung umstrittener Stücke wie Heiliges Kind festzuhalten, sondern sie könnten auch auf biologische Merkmale hinweisen, die sein Genie untermauern, obwohl einige Wissenschaftler sich widersetzen, seine Fähigkeiten an seine Gene zu knüpfen. (...) Doch einiges von dem, was Leonardo einzigartig machte, scheint in der Biologie verwurzelt zu sein. Seine außergewöhnliche Fähigkeit, zum Beispiel subtile Verschiebungen von Licht und Bewegung einzufangen, deutet seit langem auf außergewöhnliche Sehschärfen hin." Unter anderem soll jetzt DNA von lebenden Nachfahren der Familie analysiert werden: "Leonardos Vater, Ser Piero da Vinci, war ein erfolgreicher Beamter in Florenz - und er hatte mindestens 23 Kinder mit mehreren Frauen. Alessandro Vezzosi, Direktor des Museo Ideale Leonardo da Vinci, und die Genealogin Agnese Sabato von der Leonardo da Vinci Heritage Association haben Pfarrbücher, Testamente und Urkunden durchgesehen, um Leonardos väterliche Linie zu rekonstruieren, von der Geburt seines Großvaters im Jahr 1331 bis heute. In einem 400-seitigen Band, der im Mai 2025 veröffentlicht wurde, verfolgte das Duo vier ununterbrochene männliche Linien, die von Ser Piero da Vinci stammen und 21 Generationen umfassen. Sie identifizierten 15 lebende männliche Nachkommen (jetzt 14, nachdem einer im Dezember gestorben war). Später in diesem Monat wird Caramellis Team die DNA von mehreren von ihnen sequenzieren."
Archiv: Science

HVG (Ungarn), 22.01.2026

Peter Hamvay unterhält sich mit dem Soziologen Imre Kovács über die Parlamentswahlen, die im April 2026 anstehen. Dabei geht es auch um gesellschaftliche Dynamiken bei der Formung von Parteisympathien, insbesondere in ländlichen Regionen: "Der Zustand der Armut hängt nicht nur vom Einkommen ab", meint dazu Kovács, "sondern auch vom Zugang zu Wissen, von Beziehungen, alltäglichen Fertigkeiten und zivilisatorischen Errungenschaften, die für ein lebenswertes, annehmbares Leben notwendig sind, bzw. vom Entzug dieser Dinge. (…) ich sehe dies eher als eine Klient-Patron-Beziehung, in der Gegenseitigkeit und eben nicht Unterwerfung ausschlaggebend ist. Der Patron kann auch ein Arbeitgeber sein, muss es aber nicht unbedingt. Er ist jedoch derjenige, der in offiziellen Angelegenheiten handelt, einen offiziellen Brief zugänglich macht, einen Antrag schreibt und dem Klienten hilft, wenn er in Schwierigkeiten gerät. Wenn der Klient vom Patron nicht die erwartete Unterstützung und Hilfe erhält, sucht er sich einen anderen. Die Klient-Beziehung ist keine rechtlich oder gewaltsam erzwungene Zusammenarbeit. Damit ist das Attribut 'feudal' nur eine Zuschreibung von Außenstehenden, vor allem städtischen Schichten, die so versuchen, eine eigentlich weit verbreitete Kommunikationsmaßnahme in der ländlichen Welt als minderwertig einzustufen und dieser beispielsweise für den Ausgang von Wahlen im Voraus die Verantwortung zuzuschreiben. (…) Bei den Ärmsten funktioniert fast ausschließlich eine Klientel-Patronage-Beziehung als Quelle der Hilfe. … Sie wählten Fidesz nicht unbedingt aus Unwissenheit oder Angst, sondern in ihrem eigenen wohlverstandenen Interesse. Ich halte es jedoch für offen, ob dies auch im April 2026 noch in gleichem Maße der Fall sein wird."
Archiv: HVG
Stichwörter: Ungarn, Kovacs, Imre

Meduza (Lettland), 21.01.2026

Seit einem Jahr werden russischen Staatsbürgern an der amerikanischen Grenze Visa verweigert und sie müssen bei der Einreise in Kauf nehmen, verhaftet zu werden. Im Interview spricht Polina Guseva über ihre Erfahrung in amerikanischen ICE-Gefängnissen. "Wir lebten in einer der Einwanderungsunterkünfte: einem großen Raum für 128 Personen mit Zimmern für acht Personen ohne Türen, Gemeinschaftsbereichen und Reihen von Duschkabinen und Toiletten entlang der Wand. Wir durften sogar Bleistifte benutzen und in die Bibliothek gehen. Dreimal am Tag öffneten sie uns die Tür, damit wir 'nach draußen' gehen konnten - das heißt in einen Betonkasten ohne Dach. Nach einiger Zeit wurden fast alle Frauen, einschließlich mir, nach Louisiana [in das South Louisiana ICE Processing Center] verlegt, und das war ein schwerer Schlag. Dort war alles viel schlimmer als in Kalifornien: grobe Wärter, Diskriminierung von russischen Muttersprachlern und kein stabiler Tagesablauf. Louisiana gilt als einer der härtesten Bundesstaaten, wenn es um Einwanderungsgerichte geht." In der Haft haben sie eine Zeitung gegründet, die von den Wärtern nicht beanstandet wurde - sie konnten kein Russisch. 'Wir hatten keine Möglichkeit, etwas zu drucken oder zu kopieren, also fertigte ich mehrere fast identische A4-Blätter an, verzierte sie mit Zeichnungen, faltete sie zu einem kleinen Bündel und schickte sie von Block zu Block durch alle Blöcke der Haftanstalt. Wir brachten einmal pro Woche, immer montags, eine Ausgabe heraus. (...) Was den Namen [Fuckatorium Herald] angeht - das war die naheliegende Wahl. Es gab keine andere Möglichkeit, den Ort zu beschreiben, an dem wir uns befanden.' Geschrieben haben sie vor allem über die Missstände im Gefängnis. 'Wir schrieben auch darüber, wie die Menschen im Gefängnishof Frösche und Krebse fingen und sie dann in der Mikrowelle kochten. Sie fanden auch Schlangeneier und aßen sie. Weil das Essen so eintönig war, begannen viele Menschen darüber nachzudenken, auf die Jagd zu gehen. Ich selbst bin nie so weit gegangen, aber ich habe gesehen, wie Leute das, was sie gefangen hatten, kochten und aßen. Die Wärter mochten es nicht, wenn die Leute Frösche kochten, aber wenn jemand Krebse fing, sagten sie sogar: 'Oh, guter Fang heute.'"
Archiv: Meduza

New Yorker (USA), 26.01.2026

2022 wurde Shinzo Abe erschossen - das Motiv des Schützen Tetsuya Yamagami war die enge Verbindung, die der ehemalige Premierminister von der Liberaldemokratischen Partei (LDP) zur Moon-Sekte hatte. E. Tammy Kim ist für den New Yorker nach Japan gereist, um mit Eito Suzuki zu sprechen, einem Journalisten, der sich seit Jahrzehnten dafür einsetzt, die Machenschaften der Sekte aufzudecken, die sich "Vereinigungskirche" nennt. Der Attentäter hatte immer wieder den Kontakt zu ihm gesucht, vor allem, weil seine Mutter in den Fängen der Sekte gefangen war und ihr fast das ganze Familienvermögen übergeben hatte. Letzte Woche wurde das Urteil verkündet: Yamagami wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Was Kim während seines Japanbesuchs verstanden hat, ist vor allem das Ausmaß des politischen Einflusses, den die ursprünglich aus Korea stammende Moon-Sekte hat: "In den frühen sechziger Jahren freundete sich Moon mit Abes Großvater Nobusuke Kishi an, einem verurteilten Kriegsverbrecher, der später als Premierminister und Vorsitzender der LDP fungierte. Kishi war häufig zu Gast bei Veranstaltungen der Kirche und verwandter Organisationen und nutzte deren Freiwilligenkorps", wie auch sein Enkel Abe, als Wahlkämpfer für seine Partei. Dafür konnten die Moonies ungestört ihren Geschäften nachgehen, und Anhänger zum Beispiel für den Weltfrieden anwerben: "Der religiöse Aspekt wurde oft erst viel später offenbart. Sobald sie in die Kirche aufgenommen worden waren, wurden die Mitglieder angewiesen, gesalbte Gegenstände - Ginseng-Tee, eine Rollbildmalerei, eine Vase, eine Pagodenfigur - zu überhöhten Preisen zu kaufen, eine Praxis, die als 'spiritueller Verkauf' bekannt ist. Wenn sie nicht genug Geld hatten, wurden sie aufgefordert, sich von Verwandten Geld zu leihen oder Kredite aufzunehmen. ... Diese Gelder flossen in Moons Imperium, das sich auf fast allen Kontinenten zu einem Netzwerk aus Unternehmen und gemeinnützigen Organisationen entwickelte". In Südkorea, dem Heimatland der Kirche, zeigte sich 2024 nach einem Skandal um die Ehefrau von Präsident Yoon Suk-yeol, "dass beide großen politischen Parteien in Südkorea finanzielle Verbindungen zur Vereinigungskirche hatten. Der neue Präsident des Landes, Lee Jae-myung, schlug vor, dass Korea sich ein Beispiel an Japan nehmen und die Auflösung religiöser Gruppen in Betracht ziehen sollte, die 'organisatorisch und systematisch in die Politik eingreifen'. ... Die Kirche ist offensichtlich erschrocken über die Aussicht, ihren rechtlichen Status in Ostasien zu verlieren. Dennoch haben die Moonies - und die Unternehmen der Familie Moon - seit langem auf mehrere Pferde gesetzt. Der westafrikanische Zweig beispielsweise hat seine Aktivitäten wie gewohnt fortgesetzt."

Außerdem: Jason Zengerle beschreibt, wie der Moderator Tucker Carlson von rechts nach ganz rechts wanderte, an die Seite des Verschwörungstheoretikers, Nationalisten und Antisemiten Nick Fuentes. Die Demokraten könnten von Maga einiges lernen, meint Charles Duhigg: Zum Beispiel, wie man eine breite Koalition von Verbündeten schmiedet, statt sich in immer kleinere Einheiten aufzuspalten, die sich bekämpfen. (Diese Lektion könnten sie auch von Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) lernen, einer Organisation der Hindu-Rechten, die im Zentrum eines weitläufigen Netzwerks von sympathisierenden Organisationen steht, wie Felix Pal in einer sehr langen Reportage in Caravan berichtet.)
Archiv: New Yorker