Magazinrundschau
Mallarmés geistige Bomben
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
16.06.2026. Wenn Staatsverbrecher straflos bleiben, führt das zu moralischer Lähmung, erkennt in Osteuropa der Autor Sergej Lebedew am Beispiel von Russland. Der Guardian erklärt, warum Mexikos beliebte linke Präsidentin Claudia Sheinbaum äußerst militärfreundlich ist. In Elet es Irodalom setzt László Végel auf die revolutionäre Kraft der Bücher. In der Yale Review möchten Millenials lieber das explizite Unoriginelle und Unaufregende umarmen. Der Kriegsfotograf Shyam Tekwani erzählt in New Lines von einer Aufnahme, die ihn nie mehr losließ. In der Paris Review sucht Karl Ove Knausgard nach Authentizität in der Kunst.
Osteuropa (Deutschland), 15.06.2026
"Selbst jetzt, im fünften Jahr von Russlands offenem Krieg gegen die Ukraine, im fünften Jahr dieses Vernichtungskrieges, habe ich nicht den Eindruck, dass sich die russische Opposition im Exil der Tragweite und Dringlichkeit der Frage nach der Wiederherstellung von Gerechtigkeit wirklich bewusst ist", hielt der Geologe und Schriftsteller Sergej Lebedew in seiner Rede zur Eröffnung der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde 2026 fest. Er erzählt, wie er nach und nach die Vergangenheit seiner Familie in der Sowjetunion aufdeckte. Während einer seiner Großväter als Kriegsheld gefeiert wurde, wurde der andere, Aleksandr, kaum erwähnt. Lange glaubte Lebedew, er sei ein "Zivilist" gewesen, für ihn als patriotischen kleinen Jungen erstmal uninteressant. Erst viel später fand er heraus, dass Aleksandr "Oberst der Geheimpolizei" gewesen war und der Regierung in den zwanziger Jahren half, gegen aufständische Bauern vorzugehen. Die "Straflosigkeit der Staatsverbrecher", fragt der Autor, "woraus ist sie gemacht? Aus Angst? Aus Scham? Aus einem Gefühl der Verbundenheit? Dem Gefühl, dass alle irgendwie Schuld tragen? Die Verbrechen der Sowjetunion blieben faktisch ungestraft. Dies lag unter anderem daran, dass die Zivilgesellschaft sich stets auf das Gedenken an die Opfer konzentrierte und nicht auf die Wiederherstellung des Rechts und die Bestrafung der Täter. Doch Erinnerung schafft keine Gerechtigkeit. Opferlisten sind keine Strafe für die Mörder. Die häufigste, kürzeste Erklärung, die ich gehört habe: Wir haben kein Recht zu urteilen. Oder, wie Griboedov es formulierte: А судьи кто? Wer soll hier richten? Das scheint eine ethisch reflektierte Haltung zu sein. Bei näherer Betrachtung entpuppt sie sich jedoch als moralische Lähmung, als Verzicht auf jegliche wirksame Moral. Straflosigkeit führt zu weiterer Straflosigkeit. So wird diese zur Normalität. In den mehr als dreißig Jahren seit dem Ende der Sowjetunion hat Russland neue Staatsverbrechen begangen und neue Kolonialkriege begonnen. Erstaunlicherweise haben die Gegner des Kreml-Regimes jedoch nie die Forderung nach Gerechtigkeit zu einem festen Bestandteil ihrer Agenda gemacht. Die Opposition sprach in erster Linie von Korruption, von bürgerlichen Freiheiten, von gestohlenen Wählerstimmen. Aber nicht von Blut, ethnischen Säuberungen, massenhafter Folter und den zerstörten Leben der Tschetschenen. Nach meiner Auffassung handelt es sich hier um dieselbe moralische Lähmung, um eine bewusste oder unbewusste Weigerung, sich direkt mit dem Staat in seiner Rolle als Mörder auseinanderzusetzen - ein vergeblicher Versuch, den menschenfressenden Wolf zu zähmen."Africa is a Country (USA), 12.06.2026
In Südafrika hat es in den letzten Wochen große Proteste gegen Flüchtlinge und Einwanderer gegeben. Wie die südafrikanische Presse damit umgeht, ist ein Problem, finden Rumana Akoob und Lumka Oliphant: Anti-Einwanderungs-Rhetorik sei zur Norm geworden. Wenn beispielsweise ein angesehener Moderator des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ohne jeden Beleg "Menschen ohne Papiere in der Morgensendung als 'riesiges Problem' bezeichnet, bleibt diese Darstellung nicht auf das Studio beschränkt. Sie wird zum Vokabular der Zuschauer zu Hause, zur Bestätigung, dass das, was sie bereits vermutet haben, von einer Autoritätsperson bestätigt wurde. Diese Menschen sind das Problem. Ihre Anwesenheit ist die Krise. Ihre Abschiebung ist die Lösung. Der Journalismus hat die Fremdenfeindlichkeit in Südafrika nicht erfunden, aber er kann ihr eine seriöse Plattform bieten - und tut dies auch. ... Die Südafrikaner haben echte Sorgen und echte sozioökonomische Probleme. Die Schulen sind überfüllt, die Kliniken überlastet und der Wohnungsmarkt steht unter unhaltbarem Druck. Wir haben berechtigten Ärger. Würden Journalisten den Fakten statt der Stimmung folgen und fragen, was die Ursache für diese Zustände ist, würde die Antwort nicht auf Ausländer hinweisen, sondern auf jahrzehntelange Vernachlässigung und Korruption auf allen Ebenen der Regierung. ... Eine Behauptung braucht keinen fremdenfeindlichen Moderator, um Teil der öffentlichen Wahrnehmung zu werden. Sie braucht nur einen Raum, in dem die Frage 'Aber wo sind Ihre Beweise dafür?' niemals gestellt wird."Guardian (UK), 16.06.2026
Elet es Irodalom (Ungarn), 12.06.2026
Der Schriftsteller László Végel eröffnete vergangener Woche die Buchmesse in Debrecen. In seiner Rede, die Elet es Irodalom dokumentiert, beschwor er die revolutionäre Kraft der Bücher und ihre Bedeutung für die Gegenwart: "Die Zeiten wurden jedoch immer gefährlicher und unberechenbarer. Selbst der 'ewige Konformismus' stand nun auf wackeligen Beinen und verwandelte sich von einem Tag auf den anderen in eine konformistische Gegenrevolution. Die schillernde Monotonie und Schönheit der Blase begann zu zerfallen. Der Elfenbeinturm lag in Trümmern. Es lohnt sich nicht mehr, unsterbliche Meisterwerke für die Ewigkeit zu schreiben, denn es sind schon zu viele Meisterwerke entstanden, die wir zu schnell vergessen haben. Auf dem Weg zur Entdeckung der ewigen menschlichen Werte türmt sich eine Fülle von Meisterwerken. Das Meisterwerk über das ewige Menschsein ist zur leichten Beute der neuen Zeit geworden. Unser Jahrhundert ist nicht nur das Jahrhundert der Angst und der absoluten Unsicherheit, sondern auch ein Monstrum des Vergessens. Wir haben keine andere Wahl, als auf die Täuschung vom ewigen Menschen zu verzichten und uns auf die Spuren der verborgenen, verschwundenen Gegenwart zu begeben. Ganze Generationen müssen die Realität, die ihnen geraubt wurde, wieder in Besitz nehmen. Wir dürfen nicht länger die skeptischen Hofnarren der Demokratie sein. Wir nehmen zur Kenntnis, dass Mallarmés geistige Bomben, die Bücher, doch eine explosive Kraft besitzen. Hier und jetzt. (…) Mit diesem Bewusstsein und dieser Hoffnung eröffne ich die Buchmesse in Debrecen, in der Gewissheit, dass die Zeit der Rebellion der Bücher angebrochen ist. Sie werden rebellieren, auch gegen unseren Willen."The Yale Review (USA), 16.06.2026
New Lines Magazine (USA), 15.06.2026
Der ehemalige Fotojournalist und Politologe Shyam Tekwani begleitete zu Beginn des Bürgerkrieges in Sri Lanka die Rebellen der "Liberation Tigers of Tamil Eelam", die gegen die srilankische Regierung und die von Indien entsandten Indian Peace Keeping Forces kämpften. In der Stadt Kokuvil, einem Vorort der nordsrilankischen Stadt Jaffna, machte Tekwani ein Foto von 13 getöteten indischen Soldaten, für das er berühmt wurde: "Ich erinnere mich deutlicher daran, wie ich den Fokus eingestellt habe als an ihre Gesichter. Im Bildausschnitt lagen 13 Jawans (Infanteristen, Anm.d.Red.) dort, wo die Gewalt sie hingeworfen hatte. Einige waren nach vorne gefallen; andere lagen in Winkeln verdreht, die weniger schmerzhaft als unterbrochen wirkten. Der Boden unter ihnen hatte begonnen, sich zu verfärben, nicht dramatisch, aber stetig, während das Blut die flachen Vertiefungen im roten Staub fand und sich dort mit einer Geduld sammelte, die fast zeremoniell wirkte. Ein Soldat war an eine Wand gesunken, neben ihm eine Tiffin-Box, aus der Puris und Aloo Sabji zur Hälfte herausgefallen waren. Ein gefalteter Brief ragte aus seiner Brusttasche hervor, dessen Rand dort fleckig war, wo Schweiß und Blut aufeinandergetroffen waren. Eine Fliege ließ sich auf der Wange eines Soldaten nieder und blieb dort sitzen, als hätte der Nachmittag ihn bereits eingeholt. Die Komposition stammte nicht von mir: Sie wurde mir durch Zufall und durch die Choreografie des Tötens gegeben. Was ich wählte, war nur der Bildausschnitt, der Moment und welcher Tod in den Mittelpunkt gerückt werden sollte." Tekwani schildert, wie ihn das Foto, das in Konferenzräumen, Universitäten und Magazinen auf der ganzen Welt besprochen wurde, nie ganz losgelassen hat. Und wie die Soldaten, trotz der großen Aufmerksamkeit, für immer namenlos blieben: "Ich habe die Namen der 13 nie erfahren. Ich kannte das Datum. Ich kannte die Kreuzung. Ich kannte die genaue Entfernung zwischen mir und dem Soldaten unter den Blumen. Ich konnte die Tiefenschärfe noch aus dem Gedächtnis berechnen. Aber ihre Namen fanden keinen Eingang in mein Notizbuch. In den folgenden Jahren unternahm ich Versuche, sie ausfindig zu machen. Jeder Versuch wurde blockiert - von der indischen Regierung, von der indischen Armee. Die 13 blieben offiziell namenlos, nicht nur für mich, sondern auch für den Staat, der sie entsandt hatte."Persuasion - Substack, Yascha Mounk (USA), 12.06.2026
Tara Henley kommt in Yascha Mounks Substack-Blog auf ein historisches Medienversagen in Kanada zurück, eine Geschichte, die weltweit Resonanz hatte - auch im Perlentaucher kam sie häufiger vor. Dass Kinder von Native-Stämmen über ein Jahrhundert lang Gewalt und Missbrauch in katholischen Institutionen erfahren hatten, war in Kanada schon seit langem bekannt. Aber am 27. Mai 2021 trat die "First Nation" Tkʼemlúps te Secwépemc mit einer Meldung an die Öffentlichkeit, die Kanada elektrisierte. Auf dem Gelände der Kamloops Indian Residential School seien durch Radaraufnahmen Unregelmäßigkeiten aufgespürt worden, die auf verscharrte Leichen von Native-Kindern hinweisen könnten. Die ganze Welt war in Aufruhr, alle kanadischen Medien machten sich die Geschichte zu eigen. Die New York Times sprach in Artikeln, die lange Zeit nicht korrigiert wurden, von "Massengräbern". Das Dumme ist nur, dass nie Gräber gefunden wurden - ja, es wurde nicht einmal gegraben. Erst jüngst wiesen Medien wie The Globe and Mail darauf hin, dass man möglicherweise einer kollektiven Hysterie aufgesessen sei. Dabei gab es sehr früh Hinweise, dass etwas mit der Geschichte nicht stimmte (der Perlentaucher wies schon 2022 auf einen Quilette-Artikel hin, der Unstimmigkeiten benannte). Eine "Gelegenheit, die Gemüter zu beruhigen, bot sich im Mai 2022, als Terry Glavin, ein erfahrener Reporter, der gemeinsam mit Überlebenden der Internatsschulen ein Buch verfasst hatte, in der Zeitung The National Post den Artikel 'The Year of the Graves' veröffentlichte - eine 5.500 Wörter umfassende Recherche über die Rolle der Medien in dieser Angelegenheit. Glavins Beitrag wurde von mehreren akademischen Organisationen als 'residential school denialism' angeprangert. Die Empörung war schnell und heftig. Als der Podcaster Jesse Brown ankündigte, Glavin in seiner Sendung 'Canadaland' zu interviewen, drängte der Vorstandsvorsitzende des Canada Council for the Arts Brown öffentlich, dies zu überdenken. Das Interview mit Glavin endete, wie Brown es später beschrieb, als 'Katastrophe'. Er hat sich inzwischen bei Glavin entschuldigt. 'Ich denke, das ist absolut eine Lektion darüber, was passiert, wenn wir uns an unserer eigenen Selbstgerechtigkeit berauschen', sagte Brown über die Berichterstattung zu den Gräbern in der vergangenen Woche. 'Ich glaube, genau das ist mir passiert.'" Glavin wurde von der Royal Canadian Mounted Police der Leugnung eines Verbrechens angeklagt, und Kanada war kurz davor ein spezielles Gesetz gegen "residential school denialism" zu erlassen. "Wir müssen zu Objektivitätsstandards zurückkehren", ist Henleys nüchterne Lehre aus der Geschichte.London Review of Books (UK), 04.06.2026
Rahmane Idrissa hat für die London Review "A Human History of the Sahara" gelesen, in dem die Autorin, die Anthropologin Judith Scheele, aufzeigt, dass die Sahara nie menschenleer war und auch heute noch als Lebensraum für eine große Anzahl an Volksgruppen dient. Überhaupt ist in der größten Wüste der Welt vieles anders als man denkt. Ausgerechnet Wasser gibt es dort zuhauf. Wenn auch nicht an der Erdoberfläche: "Die mineralischen Tiefen der Sahara sind voller riesiger Wasservorkommen. Sie werden nicht wirklich wieder aufgefüllt, obwohl Niederschläge im Süden sie in gewissem Maße speisen. Einer dieser fossilen Seen, der größte der Welt, entspricht etwa zwei Dritteln der Fläche des Mittelmeers. Er trägt den eher nüchternen Namen Nubischer-Sandstein-Aquifer (NSAS) und erstreckt sich unter dem Norden des Tschad, dem Norden des Sudan, dem Südosten Libyens und dem Süden Ägyptens. Fast drei Viertel des in Libyen genutzten Süßwassers werden aus dem NSAS gefördert und über Tausende von Kilometern nach Norden geleitet, um die Küstenstädte zu versorgen. Erdöl wurde auf der Arabischen Halbinsel von amerikanischen Geologen entdeckt, die eigentlich nach fossilem Wasser suchten; fossiles Wasser in Libyen wurde dagegen von Firmen gefunden, die nach Erdöl bohrten." Wenn die Sahara heutzutage ein ausgesprochen unwirtlicher Ort geworden ist, lernt Idrissa von Scheele, dann ist das mithin nicht die Schuld der Natur. Vielmehr ist die Wüste "zu einer Art Abladeplatz geworden, auf dem entfernte Mächte und Staaten ihre Probleme entsorgen. Algerien hat seine islamistischen Kämpfer nach Süden verdrängt - zum Nachteil der Sahelländer; Europa drängt Migranten zurück in die Wüste, indem es nordafrikanische Staaten dafür bezahlt; die Emirate verfolgen in den östlichen Randgebieten der Wüste ihre politischen und militärischen Interessen; und die Militärjuntas in Mali und Niger haben die Politik des Dialogs und der Zusammenarbeit mit den Gemeinschaften der Sahara beendet, wodurch sich die dschihadistische Krise in der Region weiter verschärft hat. Der Begriff 'Terrorismus' reicht bei Weitem nicht aus, um das allgegenwärtige Gefühl von Unsicherheit und die ständige Bedrohung durch verschiedene bewaffnete Gruppen zu beschreiben."Outside (USA), 10.06.2026
Doping ist im Profisport tabu. Die verwendeten Substanzen zum Aufbau von Körpermasse und Fitness sind zwar nicht per se verboten, wohl aber ihr Einsatz in diesem Kontext. Die "Enhanced Games" in den USA versprechen hier nun das Gegenteil: Anabolika wohin das Auge blickt, chemisch aufgepumpte Sportleiber, die Höchstleistungen erbringen, von denen ein Sportler mit althergebrachten Trainigsmethoden nur träumen kann. Bloß ein exzessives Spektakel, wie es für die Gigantomanie der USA typisch ist? Mitnichten - Joshua David Stein zeigt, warum ein Blick hinter Kulissen lohnenswert ist: "In ihrer Selbstdarstellung prangern die Enhanced Games einfach nur Wahrheiten gegenüber der Macht an. In den Worten von Dr. Aron D'souza, dem Gründer der Enhanced Games und vielleicht am bekanntesten dafür, dass er Hulk Hogan in einem von Peter Thiel finanzierten Prozess vertrat, der Gawker zu Fall brachte: 'Wir bauen hier etwas Revolutionäres - Sport ohne Heuchelei, wo die Besten tatsächlich die Besten sein dürfen.' ... Auf eine bemerkenswerte Weise ist die erhitzte Konversation über leistungssteigernde Drogen im Sport ganz simpel eine konzentriertere Version eines übergeordneten Konflikts zwischen Transhumanisten auf der einen Seite und Leuten, die man Naturalisten nennen könnte, auf der anderen. Leute wie Thiel und Enhanced-Games-Leiter Maximillian Martin ... sehen den natürlichen Zustand des Menschen als Sprungbrett, der durch avancierte Technologie verbessert werden kann und tatsächlich sollte. Es überrascht vielleicht nicht, dass die Obsession, länger und besser zu leben (und womöglich sogar für immer und am besten) unter den Tech-Milliardären grassiert. Wie Mark O'Connel in der New York Times es ziemlich einfach auf den Punkt brachte: 'Die Reichen und Mächtigen wollen ewig leben.'"New Yorker (USA), 15.06.2026
Wie das komplexe Verhältnis Amerikas zur Religion zustande kam, kann Michael Luo für den New Yorker in Matthew Avery Suttons Buch "Chosen Land: How Christianity Made America and Americans Remade Christianity" nachlesen. Viele der heute berühmt-berüchtigten evangelikalen Priester und Aktivisten sind bei einem Pseudowissenschaftler in Schule gegangen, David Barton, bei ihm laufen die Fäden der Entwicklung zusammen: "Am Ende des 20. Jahrhunderts war dieser fundamentalistisch beeinflusste Evangelikalismus mit seiner muskelprotzenden Politik zweifellos der große Gewinner in der amerikanischen Religions-Ökonomie. Viele der bekanntesten Unternehmer der amerikanischen Kirche bewegen sich heute zwischen der spirituellen und der politischen Sphäre. In den späten Achtzigern gründete David Barton, ein früherer Jugendpastor und Mathe- und Naturwissenschaftslehrer, 'WallBuilders', eine Organisation in Aledo, Texas, die sich 'der Lehre von Amerikas vergessener Geschichte und ihrer Helden' verschreibt, 'mit Betonung der christlichen Moral und verfassungsbedingten Grundlage, auf der unser Land aufbaut'. Barton war kein Historiker - er hatte einen Abschluss an der Oral Roberts Universität in Religionsdidaktik gemacht - aber er hatte ein Hobby-Interesse an den Gründervätern entwickelt. 1989 veröffentlichte er sein erstes Buch, 'The Myth of Separation', das Lesern zu offenbaren versprach, 'was die Gründer und frühen Gerichte wirklich gesagt haben' über die Trennung von Kirche und Staat. Er schrieb mehr als zwanzig weitere Bücher und ist damit der führende Vertreter einer heimeligen Industrie, die historische Missinformation tief mit der Welt evangelikaler Kirchen, Homeschooler und weiterer Interessensverbände verwoben hat. Bartons Werk ist von Historikern auseinandergenommen worden, das hat seiner Beliebtheit aber kaum geschadet. In 'One State Under God: A History of Religion in Texas' hält der Historiker Joseph L. Locke fest, dass Leser von Bartons Büchern auch gar nicht an rigoroser Recherche interessiert waren. 'Stattdessen wollten sie eine Waffe', so Locke, 'und Barton hat sie ihnen gegeben.'"Paris Review (USA), 16.06.2026

Karl Ove Knausgard versucht sich in einem in dem Buch "Descendant. Lars von Trier and Nordic Art" erschienenen Essay anhand von Werken von Edvard Munch, Dostojewski und Lars von Trier der Idee der Authentizität in der Kunst zu nähern. Knausgaard, der vor einigen Jahren selbst eine Munch-Ausstellung kuratierte, denkt dabei mit dem Maler und Philosophen Stian Grøgaard über Munchs frühes Werk "Das kranke Kind" nach, jenes einst von der Kritik verhöhnte Werk, mit dem Munch ein Jahr rang, immer wieder neue Schichten auftrug, um dann wieder Farbe abzukratzen bis er schließlich zum "Wahren" vordrang: "Grøgaards Schlüsselbegriff ist das 'Verlernen" - wenn das, was man weiß und beherrscht, keinen Nutzen mehr hat, sondern im Gegenteil zum Hindernis wird. Für Munch selbst war dies vermutlich zunächst ein unbewusster Prozess, der von innerer Notwendigkeit bestimmt war und nicht unbedingt verstanden wurde - 'Das kranke Kind' -, während er später zum Gegenteil wurde, bewusst und kalkuliert, wie wir es von seinem vielleicht wildesten Gemälde, 'Der Schrei', kennen. Eine Sache, die beide Gemälde taten, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise, war, dem Raum keinen Platz zu lassen. Raum ist Kontinuität, Kontinuität ist Zeit, Zeit ist ein Geschehensverlauf, ein Geschehensverlauf ist Erzählung, und Erzählung ist Versöhnung. Raum ist nicht nur ein Ort jenseits unseres eigenen, er ist auch die Garantie dafür, dass alles, was geschieht, enden wird, worauf etwas anderes folgt. Das Faszinierende an 'Das kranke Kind' und 'Der Schrei' ist ihre völlige Weigerung, sich zu versöhnen. Indem sie dem Raum keinen Platz einräumen, werden sie Teil unseres Raums, sind total präsent, und die Emotionen, die sie verkörpern oder wecken, lassen sich unmöglich abwehren."
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