Magazinrundschau - Archiv

Der Spiegel

163 Presseschau-Absätze - Seite 13 von 17

Magazinrundschau vom 30.12.2002 - Spiegel

Im Titel erklärt der Spiegel, wie die Deutschen die Krise überwinden können. Als Beispiel werden Schweiz, die Niederlande, Dänemark Großbritannien und Schweden angeführt. Die Titelgeschichten sind wie immer kostenpflichtig.

Lesen dürfen wir einen Essay des Juristen und Schriftstellers Bernhard Schlink (mehr hier) über "den erschlafften Aufbruchsgeist der 68-er Generation", wie ihn die derzeitige Regierung verkörpert: "Die prägenden politischen Erfahrungen der 68er-Generation - verwöhnend-mühelose erste Schritte ins öffentliche Leben, als frühe politische Praxis eine verantwortungs- und perspektivenarme Praxis des Zerschlagens statt des Gestaltens, als Vorbild ein verführerisches Vorbild des Ausgebens statt des Haushaltens, das Einüben einer Sensibilität, die nicht frei von Selbstgerechtigkeit und Wehleidigkeit ist, das Verbrauchen der theoretischen und programmatischen Kraft im Bauen von Luftschlössern -, diese Erfahrungen sind heute in vieler Hinsicht unbrauchbar, in mancher kontraproduktiv. Die Generation ist erschöpft, weil sie überfordert ist, und sie ist überfordert, weil sie wenig mitbringt, womit sie den anstehenden Anforderungen begegnen könnte."

Ebenfalls lesen dürfen wir ein Interview mit dem US-Ökonomen Paul Krugman (homepage), der die Bush-Regierung scharf kritisiert: "Wenn Sie sich nämlich die Steuersenkungen für das oberste ein Prozent der Gesellschaft ansehen, dann stellen Sie fest, dass auf diese kleine Gruppe gut 40 Prozent der vorgesehenen 1,35 Billionen Dollar an Erleichterungen, wenn sie erst einmal voll greifen, entfallen, und das, obwohl ihr Beitrag zum Steueraufkommen des Staates nur bei 24 Prozent liegt. Es ist genau dieses Ungleichgewicht zu Gunsten der Reichen, das charakteristisch ist für alles, was die Bush-Regierung tut. Sie repräsentiert, was man gemeinhin Plutokratie nennt, eine Koalition der Eliten." Auf die Deutschen angesprochen meint Krugman, ihnen fehle eine Margaret Thatcher.

Nur im Print: ein Artikel über die Leuna-Affäre. Hier sollen neue Dokumente den Ex-Verkehrsminister Günther Krause ins Zwielicht rücken. Und in der Rubrik Zeitgeschichte wird erzählt, wie Sebastian Haffner den britischen Geheimdienst verwirrte.

Magazinrundschau vom 23.12.2002 - Spiegel

Traditionell gibt's beim Spiegel zu Weihnachten Gott. In diesem Jahr geht es unter dem Titel "Die Erfindung Gottes" um die Fragen: "Ist der liebe Gott erst 2000 Jahre alt? Besaß er ursprünglich gar eine Frau?" Für die Antworten bitte 85 Cent in den Spiegel-Klingelbeutel.

Jürgen Leinemann porträtiert den in der Berliner Republik zum Kanzlerberater erhobenen Historiker Heinrich August Winkler, der zuletzt mit seinem entschiedenen Nein zum EU-Beitritt der Türkei aufhorchen ließ. Winkler selbst hört das Wort vom "Berater" freilich nicht so gern: "Obwohl der Kanzler bestätigt, dass er Heinrich August Winkler 'häufig' trifft, reagiert der überaus empfindlich auf die Charakterisierung als Regierungsberater. Eher versteht sich der Professor als historischer Nachhilfelehrer. Dass der dringend gebraucht wurde, blieb auch in der Folgezeit unübersehbar." So ist es wohl auch Winkler zu verdanken, dass Schröder das Schlagwort vom "deutschen Weg" rasch wieder vergessen hat, denn das berühmteste Buch des Historikers beschäftigt sich auf über tausend Seiten genau mit der Ankunft Deutschlands im Westen, dem Ende also aller Sonderwege. In Sachen Irak jedoch hat Schröder akademische Unterstützung: "Der Westen ist pluralistisch, oder er gibt sich selbst auf", lautet Winklers Credo.

Irgendwann zwischen dem 26. Mai und dem 2. Juni 1911 hat Thomas Mann auf dem Lido den polnischen Jungen gesehen, der in seinem "Tod in Venedig" dann den Namen Tadzio trug. 1965 meldete sich der polnische Baron Wladyslaw Moes und sah sich als den Jungen, der er damals war, beschrieben. Der Autor Gilbert Adair hat nun eine Biografie des Barons verfasst, die auch voller Spekulationen darüber ist, warum alles nicht so hundertprozentig hinhaut. So fragt er sich: "War Thomas Mann kurzsichtig? Machte ihn die Liebe blind? Oder täuschte er sich einfach?" Vielleicht nichts von alledem, meint nun Volker Hage in einem Artikel, dessen Ausführlichkeit der Bedeutung des Ganzen gerecht wird. Vielleicht nämlich war es doch nicht Moes, Hage schleppt gleich einen neuen Verdächtigen an, Beweise freilich hat auch er nicht und resümiert darob: "Es bleibt Spekulation. Das Geheimnis um den schönen Tadzio, dessen Anblick den alten Aschenbach 'mit Zufriedenheit und Lebensfreude' erfüllt, dürfte kaum mehr zu lösen sein."

Online ist außerdem nachzulesen, wie das Desaster um die einst gehypte Bildbearbeitungsfirma Das Werk auch ihren Mitgründer Wim Wenders ruiniert hat. Weitere Themen im Heft sind illegitime Priesterkinder, ein Rückblick auf 50 Jahre Fernsehen, Kritik an den "Schaumschlägereien" des Peter Sloterdijk und "der Aufstieg der schwarzen Intelligenzija" in den USA.

Magazinrundschau vom 16.12.2002 - Spiegel

In der Titelgeschichte über das Gemetzel bei Stalingrad vor sechzig Jahren versucht der Spiegel gegen Gebühr die nicht mehr ganz neue Frage zu beantworten, was Hitler dazu trieb, "an der Wolga eine ganze Armee zu opfern".

Im nächsten Monat werden die USA im Sicherheitsrat auf einen Krieg drängen, weiß der Spiegel, unabhängig davon, was die UN-Inspektoren berichten. Die Provokationen wie die erzwungene Ersteinsicht des irakischen Atomwaffenberichts haben nach Informationen des Magazins "vor allem ein Ziel: Sie sollen zeigen, dass 'das Ende des diplomatischen Reigens eingeläutet ist'. Nun ist Schluss mit der Schonzeit für Saddam Hussein."

Weiteres: Frank Hornig fragt sich angesichts der gescheiterten Fusion von Berliner Zeitung und Tagesspiegel, ob nun der Wettbewerb gesiegt hat oder der Berliner Zeitungsmarkt vor dem Zusammenbruch steht. Hans-Jürgen Schlamp berichtet, wie die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa zum Ziel Tausender Immigranten wird, die das Eiland als Einfallstor nach Europa benutzen.

Magazinrundschau vom 09.12.2002 - Spiegel

Spiegel-Titel - wie immer nur gegen Gebühr zu lesen - ist Shanghai, das gerade dabei sei, sich seinen "Ruf als 'Paris des Ostens' wiederzuerobern".

Weitere Artikel: der israelische Staatspräsident Staatspräsident Mosche Kazaw spricht im Interview über die Erwartungen seines Landes an die Bundesregierung, den Konflikt mit den Palästinensern und den Kampf gegen das Terrornetzwerk al-Qaida. Thomas Hüetlin schildert den politischen Kampf Sean Penns gegen das Bush-Amerika. Uwe Buse liefert eine Reportage über westliche Pazifisten, die im Irak auf den Krieg warten. Auch Deutsche sind dabei: "Sie verabscheuen das Embargo, sie hoffen auf den Erfolg der Waffeninspektoren, sie fordern eine OSZE für den Nahen Osten, und sie wollen dafür sorgen, 'dass der Kollateralschaden, falls es doch zum Krieg kommt, ein Gesicht erhält'." (Ihres?)

Nur im Print: ein Essay des Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer über den Niedergang des Nobelpreises.
Stichwörter: Irak, Penn, Sean, Osze

Magazinrundschau vom 02.12.2002 - Spiegel

Schwarz der Hintergrund, rot und gold die Schrift, dazu nur der Bundesadler, vom Spiegel-Titel menetekelt's diesmal, buchstabenschwindsüchtig: "Warum der Staat von den Bürgern immer mehr Geld verlangt, ab r imm r weni er b kom t." Die dazu gehörige Titelgeschichte trägt, auch nicht fröhlicher, die Überschrift: "Die Verzweiflungstäter".

Da hilft nur noch Humor. Den sollte man im Interview mit Ex-Monty-Python John Cleese erwarten, aber da geht's dann erst mal um nicht so komische Dinge wie britische Vorurteile gegen Deutschland oder den Niedergang des Fernsehens. Immerhin erfährt man auch, wie das geht, komisch zu sein: "Ja, definitiv, man muss einen Knopf drücken. Es ist ein bisschen so, wie ein kryptisches Kreuzworträtsel zu lösen. Man fängt an, anders zu denken." Nur der neue Bond, in dem John Cleese wieder Q spielt, der kommt, auch wenn er der Anlass des Interviews ist, so gut wie gar nicht vor.

Weitere Artikel: Näheres erfährt man zum Stasi-Spion unter den Waffenkontrolleuren im Irak, die jüngsten Nachrichten aus Kuweit künden vom Aufkommen des Fundamentalismus. Aus den USA hingegen ist zu hören, dass Al Gore, der die letzten Präsidentschaftswahlen, wie er wohl immer noch meint, nicht verloren hat, an einem Comeback bastelt. Unvermeidbar auch: Möllemann.

Nur im Print: Artikel über den Mythos vom erfolgreichen Widerstand gegen die Judenverfolgung der Nazis, zur Debatte in Großbritannien über Sinn und Unsinn des Bombenkriegs gegen Hitler-Deutschland, über den klassischen Konzertbetrieb zwischen Krise und Euphorie und ein Interview mit dem Ökonomen Eisuke Sakakibara (kurze Biografie, Interviews) über die weltweite Deflationsgefahr.

Magazinrundschau vom 25.11.2002 - Spiegel

Die Titelgeschichte ist der Himmelsscheibe von Nebra gewidmet (mehr hier). Aus unerfindlichen Gründen sollen sich diese unpolitischen Hefte ja gut verkaufen.

Aus den Ruinen einer Zukunft, die schon wieder Vergangenheit ist, berichtet dagegen eine Reportage über die letzten aufrechten, von der Insolvenz bedrohten Pixelparker, die als eine Art Troglodyten der New Economy durch die leeren Gänge des schnieken Berliner Osram-Hochhauses schlurfen. Ein Stimmungsbild: "Jetzt verlieren sich vielleicht noch rund 100 Mitarbeiter in den weiten Fluren. Oben unter dem Dach ist es besonders trist. Das 'Kathedrale' genannte Kreativzentrum ist fast leer. Auf der einen Seite montiert ein Handwerker schon Tische auseinander, Lampen sind säuberlich nebeneinander gelegt, alle Stühle in eine Ecke geschoben - wie zur Inventur, oder zur Insolvenz." Nur Paulus Neef, der tapfere, strebt noch immer nach neuen Ufern.

Nicht rezensiert, sondern genüsslich referiert wird das neue Buch des durch "Watergate" zu unsterblichem Ruhm gelangten Journalisten Bob Woodward. Er hat intimste Einblicke in das Verhalten des Nationalen Sicherheitsrats der USA nach dem 11. September erhalten und die Leser erfahren jetzt vom Tatendrang der mächtigsten Männer der Welt. Zur Sitzungseröffnung betet etwa Donald Rumsfeld: "Gott möge 'uns Geduld verleihen, um unsere Begierde nach Taten zu zügeln'." Der CIA-Mann Cofer Black will die Köpfe der Taliban "auf Stangen spießen" und freut sich schon darauf, dass die "Fliegen auf ihren Augäpfeln spazieren gehen".

Außerdem: Konstatiert wird in einer beinahe hymnischen Besprechung des Bodo-Kirchhoff-Hannelore-Elsner-Oliver-Hirschbiegel-Films "Mein letzter Film" ein "Stimmungswandel an den Fronten des Geschlechterkampfs". Nur im Print erfährt man, wie schwer die Werbeflaute nun auch den Privatfernsehsendern im Magen liegt. Robbie Williams gibt im Interview gut gelaunt Auskunft über sein Dasein als Star und seinen Umzug nach LA.

Magazinrundschau vom 18.11.2002 - Spiegel

In den Titelgeschichten tutet der Spiegel, wie man das von ihm kennt, ins neoliberale Horn und schimpft gegen den angeblich vom Genossen der Bosse zum Freund der Gewerkschaften gewandelten Gerhard Schröder. Auf dem sozialistisch-realistischen Titelbild trägt er mit aufgekrempelten Ärmeln die rote Fahne in den Händen. Wollen Sie dafür wirklich 85 Cent zahlen?

Und das, wo es doch zum Beispiel ein lesenswertes Interview mit John Updike ganz umsonst gibt. Der Schriftsteller spricht darin über die Leute, die ihn nicht lesen: "Es ist doch ganz hübsch, über Leute zu schreiben, die die Bücher, in denen sie vorkommen, nie lesen würden - und nicht über Leute, die sich in literarischen Zirkeln bewegen. Vielleicht gibt es auch einmal einen Autohändler, der einen Roman liest, aber im Allgemeinen wird in diesem Land hart gearbeitet, dann geht man heim und schaltet den Fernseher ein, isst zu Abend und geht zu Bett." Und Updike spricht über Jonathan Franzens Roman "Korrekturen", den wiederum er (noch) nicht gelesen hat: "Ich war eifersüchtig. Ich habe ihm übel genommen, dass er mit dem Buch reich geworden ist, während ich immer noch arm bin." Entzückende Randnotizen zum Interview gibt es übrigens in Alexander Osangs Kolumne in der Berliner Zeitung, hier und hier.

Weitere Artikel: Nach reinem Jules Verne klingt die Vision eines veritablen Weltraumfahrstuhls. Gespannt werden soll ein Seil aus Nanoröhrchen von der Erde in die, um das mindeste zu sagen: schwindelerregende Höhe von 91.000 Kilometern. Warum das, theoretisch wenigstens, machbar ist, wird im Artikel anschaulich erklärt. Außerdem wird vom Ost-West-Machtkampf bei den Grünen zwischen Joschka Fischer und Werner Schulz berichtet und, unter der Überschrift "Tricksen, tarnen, täuschen", die Frage gestellt, wie lange Hans Eichel wohl noch durchhält.

Nur im Heft und nicht im Netz gibt's unter anderem das Neueste zu den Hirnen der RAF, einen Artikel über neue Hoffnungen für die Mobilfunk-Industrie und Kritiken zum neuen Bond sowie zum neuen Kaurismäki ("Der Mann ohne Vergangenheit").

Magazinrundschau vom 11.11.2002 - Spiegel

Diese Woche ist beim Spiegel, naturgemäß, einiges anders als gewohnt. Ein großer Teil der Artikel dreht sich um den verstorbenen Herausgeber Rudolf Augstein, dessen Bild auch den Titel ziert. Anders als sonst sind die im Internet freigeschalteten Titelgeschichten - vor allem eine beeindruckende Zahl von Nachrufen - diesmal kostenfrei. Einige der am Samstag noch zugänglichen Texte wurden übrigens am Sonntag wieder aus dem Netz genommen, so Bischof Karl Lehmanns wenig barmherzige Abrechnung mit fast fünf Jahrzehnten Augsteinscher Kirchenkritik.

Zu lesen aber sind: Der als Hausmitteilung deklarierte Nachruf von Chefredakteur Stefan Aust, der ein bisschen aus dem Nähkästchen der Redaktion plaudert und mit einem firmenpolitischen Zukunftssignal schließt: "Nach ihm kann und wird es keinen Herausgeber geben, der diesen Titel verdient. Die Schuhe sind zu groß. Sie sich anzuziehen wäre eine Anmaßung." Wolfram Bickerich gibt einen höchst lesenswerten Einblick in die Managementmethoden Augsteins, unter der Überschrift "Führung durch Nichtführung".

Der Rest sind Erinnerungen und Einschätzungen hochrangiger Prominenz aus Politik und Kultur: von Johannes Rau, Gerhard Schröder, Michail Gorbatschow, Henry Kissinger, Joschka Fischer und Marcel Reich-Ranicki, der neben höchstem Lob für Augsteins Verstand, ein wenig maliziös feststellt: "Das Schreiben gehörte nicht zu den starken Seiten seines außerordentlichen Talents."

Es kommen auch, erstaunlich genug für das männerbündische Spiegel-Milieu, ein paar Frauen zu Wort: Monika Hohlmeier erinnert an die Stigmatisierung der Familie, an die "tiefen Wunden", die die eine oder andere Spiegel-Breitseite hinterließ. Angela Merkel lobt - auf höchst ausgewogene Weise - die von Augstein geförderte Streitkultur in Deutschland. Und Alice Schwarzer schreibt eine Liebeserklärung. Augsteins Grübchen haben es ihr angetan - und zugleich blieb er doch der Vertreter einer verlogenen Männergeneration: "Männer, die ihren Schmerz kaschiert haben hinter einer eisernen Faust oder einem ironischen Lächeln."

Daneben ist der Rest des Heftes im Grunde ohne Belang.

Magazinrundschau vom 04.11.2002 - Spiegel

In der Titelgeschichte ("ausgespielt"), die wie immer nicht umsonst zu haben ist, geht der Spiegel der FDP an den Kragen - und das Bild aus den vergangenen Tagen einer Männerfreundschaft auf der Titelseite zeigt schon die Richtung des Ganzen: Westerwelle, hier noch in trauter Zweisamkeit mit Möllemann, wird präsentiert als "Parteichef auf Abruf".

Der unauffällige Herr Bauer will sich die zentralen Teile der Insolvenzhinterlassenschaft von Herrn Kirch einverleiben, mit dem er wenigstens das gemeinsam hat, dass man kaum etwas weiß über ihn. "Dennoch hatte Bauer außerhalb der Medienbranche bislang kein schlechtes Image - er hatte gar keines", heißt es im Porträt der Person und der Firma, das ihn als Medienmogul und Milliardär ohne Allüren vorstellt, der das Taxi der privaten Limousine vorzieht, und als strengen Protestanten ohne Skrupel, wenn es um die Sexpostillen des eigenen Hauses geht. Die Branche nimmt die bevorstehende Übernahme dennoch eher wohlwollend hin: "'Mit dieser Lösung kann man sehr gut leben', sagt etwa der Kölner Medienexperte Lutz Hachmeister. Auch der ehemalige RTL-Chef Helmut Thoma spricht 'von einer ganz vernünftigen Entwicklung - immerhin hat Bauer immer bewiesen, dass er rechnen kann.'" Dieser letztere Aspekt ist es allerdings, der die Mitarbeiter der Sender mehr als nur ein wenig besorgt stimmt.

Immer ein dankbares Thema: Beerdigungsriten. "Oma kam mit der Post" lautet der schöne erste Satz eines Artikels, der auf eine geplante Lockerung der Begräbnisvorschriften in Nordrhein-Westfalen aufmerksam macht. In Zukunft soll der Friedhofszwang, den es in anderen Ländern der EU lange schon nicht mehr gibt, abgeschafft werden. Oma kann dann auch im Vorgarten begraben (beziehungsweise ihre Asche auf dem Rasen verstreut) werden.

Weitere Online-Artikel: Nach Pisa folgt nun in einer Studie der OECD der nächste Tiefschlag fürs deutsche Bildungssystem: Kindergarten und Grundschule werden katastrophal vernachlässigt: Die Klassen sind zu groß, die Ausgaben des Staats sind, im Vergleich zu den erfolgreichen Pisa-Nationen, weit unterdurchschnittlich. Die Folgen glauben Sprachpfleger (Website) im Niedergang des Deutschen beobachten zu können. Erst hat sich der Apostroph da breit gemacht, wo er nur im Englischen hingehört, beim Genitiv nämlich, zum Ausgleich verschwindet nun der Bindestrich. Von der "AOL Arena" bis zur "Kultusminister Konferenz" (auf deren eigener Website!) nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Besprochen wird außerdem, nicht sehr freundlich, Fatih Akins Film "Solino" (mehr hier).

Nur im Print gibt's unter anderem: Einen Abgesang auf den FC Bayern München, ein Porträt der "mächtigsten Frau Deutschlands": Angela Merkel, einen Essay der Jungschriftstellerin Juli Zeh über die "Konsum-Askese" deutscher Studenten und das Neueste über die "FAZ" und die "Süddeutsche".

Magazinrundschau vom 28.10.2002 - Spiegel

Groß im Bild eine Geiselnehmerin von Moskau, mit Tschador und Bombengurt, dazu die Zeile "Der terroristische Weltkrieg": der Spiegel-Titel mal wieder auf Bild-Niveau. Solide und gut recherchiert dafür die gebotenen Informationen, vor allem zu den Hintergründen des Kriegs in Tschetschenien. Und ein Redakteur hatte sogar das Musical "Nord-Ost" schon gesehen. Aber das kostet alles, auch im Netz.

Neuigkeiten gibt es auch von der RAF - nämlich ihre Beziehung zu palästinensischen Terroristen in den siebziger Jahren. Peter-Jürgen Boock, einer der Schleyer-Entführer, hat dem Spiegel von vielen bisher nicht bekannten Details berichtet und resümiert: "Ohne die Unterstützung der Palästinenser wäre die RAF von Mitte der siebziger bis Anfang der achtziger Jahre nicht mehr oder nur sehr eingeschränkt aktionsfähig gewesen." Die Verbindungen waren eng und gingen zurück auf die Jahre der Studentenrevolte. Der Kontaktmann war Wadi Haddad von der PLFP ("Volksfront für die Befreiung Palästinas"): er lieferte Maschinengewehre und Sprengstoff - und forderte schmutzige "Söldnerdienste" von den RAFlern: "Es ging um Erpressung, Lösegeld und Handlangerdienste bei der Vorbereitung von Anschlägen gegen Passagierflugzeuge."

Weitere Artikel: Verbrechen und Terror hinterlassen auch im Rest des Heftes ihre Spuren. Gerhard Spörl trägt zusammen, was über John Williams, den Heckenschützen von Washington bisher bekannt ist. Lars-Olav Beier stellt zwei neue Hollywood-Filme vor, in denen Sniper eine wichtige Rolle spielen - und berichtet, dass der Start erst einmal um Monate verschoben wurde. Außerdem gibt's ein Porträt der steil abgestürzten Stars der New Economy, der Haffa-Brüder, die nun in München - vor derselben Richterin übrigens, mit der es gerade Boris Becker zu tun hatte - vor Gericht stehen.

Im Heft, aber nicht im Netz: Ein Gespräch mit Marius Müller-Westernhagen zur neuen Platte, ein Bericht über den zweiten Frühling der New Economy. Ex-FAZ-Herausgeber und Hitler-Biograf Joachim Fest schreibt über Anthony Beevors Buch zum Untergang Berlins 1945, und Volker Hage stellt den Fund von Heinrich-Mann-Briefen in Prag ausführlich vor.