Spätaffäre - Archiv

Für Sinn und Verstand

95 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 10

Spätaffäre vom 24.03.2014 - Für Sinn und Verstand

Maya Jasanoff bespricht in der New York Review of Books Rose Georges Buch "Ninety Percent of Everything" über die faszinierende, komplett rationalisierte, aber halb gesetzlose Welt der Container-Schifffahrt. Jasanoff selbst ist, weil sie an einem Buch über Joseph Conrad arbeitete, auf einem Container-Schiff von Hongkong durch den Suez-Kanal nach Southampton gefahren: "Wenn heute ein Container-Schiff in einem Hafen einläuft, gleitet es in einen rund um die Uhr laufenden Prozess, der von Logistik-Experten in weit entfernten Büros gesteuert wird. An Bord des Schiffes prüft der Erste Offizier, ob die Dinge alle nach dem computerisierten Plan der Logistiker laufen. Als wir an Bord der Christophe Colomb in Hongkong beobachteten, wie die Container auf das Schiff gestapelt wurden, fragte ich den Ersten Offizier, ob er wüsste, was darin sei. Völlig desinteressiert zuckte er mit den Schultern. Alles, was er weiß - was überhaupt jemand weiß, ist, ob die Container gekühlt werden müssen oder ob sie gefährliche Materialien enthalten und in einem sicheren Lagerbereich untergebracht werden müssen. Ein Frachter liegt heute nur sechs bis vierundzwanzig Stunden in einem Hafen, die Matrosen gehen nur noch selten von Bord. Die Container errichten eine Wand zwischen Land und Meer und machen jede Seite für die andere weniger zugänglich."

Außerdem in der NYRB: Harlems Tragödie besteht nicht darin, dass jetzt die Stadtentwickler kommen, sondern dass der Bezirk jahrzehntelang herunterkommen konnte, meint Darryl Pinckney. "Wenn wir uns heute darüber aufregen, dass die schwarze Bevölkerung von Stadtplanern aus Harlem vertrieben wird, vergessen wir, was für ein verlassener und heruntergekommener Ort Harlem zuvor geworden war. Harlem verlor über Jahrzehnte an Bevölkerung, während Brooklyn zur größten schwarzen Stadt in den USA und der Geburtstort des HipHop wurde. Das Problem besteht nicht darin, dass die Armen plötzlich vertrieben werden, sondern dass die Schwarzen über all die Jahre keine Kredite bekommen haben, mit deren Hilfe sie etwas aus Harlem hätten machen können."

Eine weiße Toga genügte dem Römer nicht. Sie musste blenden, strahlen! Das galt nicht nur für die Togen reicher Leute und Senatoren. Auch die Armen wollten ihre gewöhnliche Wolle zu einem glänzenden Stoff verarbeitet sehen. Dafür zuständig waren die "Fullo", die Walker, denen Miko Flohr gerade ein faszinierendes Buch gewidmet hat, schreibt Greg Woolf im Times Literary Supplement. "Wenn Marullus, in den ersten Zeilen von 'Julius Caesar', einen Bürger fragt: 'Wo ist dein ledern Schurzfell und dein Maß? Was machst du hier in deinen Sonntagskleidern?', Dann meint er (oder sollte meinen): Warum trägst du eine glänzende, gutgewalkte Toga?" Wer wissen will, wie die Walker, diese "Magier des Gewöhnlichen" arbeiteten, oder wer sich überhaupt für die Wirtschaft in der Antike interessiert, dem empfiehlt Woolf dieses Buch.

Spätaffäre vom 21.03.2014 - Für Sinn und Verstand

In Eurozine denkt Kenan Malik - ohne direkten Anlass - über sakrale Kunst nach und kommt unter anderem zu dem Schluss, dass sie ihre Erhabenheit nie dadurch erreicht, dass sie das Göttliche beschwört, sondern dass sie es durch Poesie und Transzendenz ersetzt. So sei es bei Mozarts "Requiem" oder Nusrat Fateh Ali Khans "Qawwli", Scheich-Lotfollah-Moschee in Isfahan oder Laotses "Tao Te King": "In der vormodernen Welt war es schwierig, Sinn und Bedeutung anders als im Verhältnis zu Gott oder zu den Göttern zu erfassen, oder als Aspekte des Universums selbst. Daher wurde das Transzendente unweigerlich in einem religiösen Licht besehen. Doch die Moderne hat es möglich gemacht, Sinn und Bedeutung als etwas von Menschen Geschaffenes zu erfassen. Wie der französische Philosoph Denis Diderot feststellte: 'Wenn wir den Menschen, das denkende und anschauende Wesen, von der Erde verbannen, dann wird dieses bewegte und erhabene Spektakel der Natur nichts weiter sein als eine traurige und stumme Szenerie.' Es sei 'die Anwesenheit des Menschen, die der Existenz Bedeutung verleiht'."

Tja, die neue Stadt in den USA, wo man leben sollte, wenn man irgendwie alternativ drauf ist, scheint ähm ... Boise in Idaho zu sein. Ryann Liebenthal, der aus der Stadt kommt, erzählt in n+1, wie es dazu kam, und wie ein kleines Kulturprogramm der Stadt half, neue Bevölkerung anzuziehen: "Vielleicht segelt Boise ein bisschen im Windschatten des Phänomens, das Portland vor zehn Jahren hervorbrachte. Oder Austin. Oder Asheville. Oder Seattle in den Neunzigern. Oder andere Städte, die in Lifestyle-Magazinen für ihre authentische lokale Kultur gepriesen werden. Vielleicht ist es sinnnvoll, der nivellierenden Internet- und Megacity-Kultur tatsächlich mit solchen Ameisenhügeln kultureller Aktivität zu begegnen. In Boise war dieser Prozess langsam und mühsam, und so fühlt es sich immer noch frisch und aufregend an, wenn deine Lieblingsband berühmt wird - aber ich fürchte auch den Goldrausch." Wenn die ganze Stadt so angenehm entspannt, psychedelisch und rau ist wie die Musik von Built to Spill, die aus Boise kommen, sollte man vielleicht tatsächlich hinziehen.


Spätaffäre vom 20.03.2014 - Für Sinn und Verstand

In seinem Blog mit dem schönen Titel "Philosophisches Durcheinander - Philosophie in all ihrem Chaos" unterhält sich Le-Monde-Journalist Nicolas Weill mit Florent Perrier über die Aktualität Walter Benjamins. Perrier ist Herausgeber der umfangreichen Benjamin-Biografie des Historikers und Germanisten Jean-Michel Palmier, der daran bis zu seinem Tod 1998 gearbeitet hatte. Durch sein Exil in Frankreich und seinen tragischen Tod 1940 wurde Benjamin zu einem Mythos. In Frankreich wird er als der "französischste" deutsche Denker verehrt; aktuell ist in der Reihe "Cahiers de L'Herne" eine Monografie über ihn erschienen. Perrier erklärt sich Benjamins ungebrochene Popularität auch bei nicht-akademischen Lesern damit, dass seine Schriften "alles andere als schwierig" seien. "Dennoch stimmt es, dass Walter Benjamin gelegentlich absichtlich oder weil sein Gedankengang häufig kopmlex ist, schwierige Schriften hinterlassen hat. Die klären sich jedoch stets, sobald der Leser sich bemüht, den Kontext herzustellen."

Auch im Chronicle of Higher Education staunt man über das Nachleben Benjamins. Eric Banks, Direktor des New York Institute for the Humanities an der New York University, hat eine höchst interessante Grafik erstellt die zeigt, dass die Benjamin-Rezeption erst Mitte der Siebziger einsetzte und ihren - vorläufigen Peak 2007 hatte, als Benjamin 750 Mal in Büchern und Artikeln zitiert wurde. Dass Benjamin in den USA bekannt wurde, ist vor allem Harvard und Paul de Man zu verdanken, schreibt Banks: "'Paul de Man sprach immer wieder stundenlang über ihn', sagt der Cheflektor der Harvard University Press, Lindsay Waters, den Howard Eiland und Michael W. Jennings in der Danksagung in ihrer neuen Benjamin-Biografie 'Walter Benjamin: A Critical Life' als 'Vater dieses Buchs' preisen. 'Es war klar, wie sehr de Mans Lektüre des 'Trauerspiels' ihn als Denker befreit hatte.' Waters' Zeit als Doktorand an der Universität von Chicago, wo er an seiner Dissertation über den italienischen Dichter des 15. Jahrhunderts Luigi Pulci arbeitete, fiel zusammen mit de Mans Gastprofessor dort. Der Theoretiker weckte in Waters ein Interesse nicht nur an Benjamin, sondern generell an nicht übersetzter europäischer Kultur- und Literaturtheorie."

Der New Yorker hat eine Geschichte der nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie von 2008 online gestellt, "The Headstrong Historian". Hier der Anfang: "Many years after her husband had died, Nwamgba still closed her eyes from time to time to relive his nightly visits to her hut, and the mornings after, when she would walk to the stream humming a song, thinking of the smoky scent of him and the firmness of his weight, and feeling as if she were surrounded by light. Other memories of Obierika also remained clear - his stubby fingers curled around his flute when he played in the evenings, his delight when she set down his bowls of food, his sweaty back when he brought baskets filled with fresh clay for her pottery. From the moment she had first seen him, at a wrestling match, both of them staring and staring, both of them too young, her waist not yet wearing the menstruation cloth, she had believed with a quiet stubbornness that her chi and his chi had destined their marriage, and so when he and his relatives came to her father a few years later with pots of palm wine she told her mother that this was the man she would marry. Her mother was aghast."

Spätaffäre vom 19.03.2014 - Für Sinn und Verstand

In imposanter Länge untersucht Andrew Rice im New York Magazine die Umstrukturierungen bei Sotheby's, nach Pinaults Christie's das größte Auktionshaus der Welt und laut Rice in recht wackeliger Position, seit Chefauktionator Tobias Meyer vergangenes Jahr ausschied. Ursache scheint der Mehrheitsaktionär bei Sotheby's, der Investor Daniel Loeb zu sein, der die altehrwürdige Firma fleißig abzuspecken versucht, um die Aktionäre glücklich zu machen, zu denen er ja selber zählt. "Wie ein Außenstehender fragt er etwa recht frech, wieso die Firma sich immer wieder von Verkäufern um die eigentlich fixe Kommission bringen lässt. Anstatt Vergünstigungen zu gewähren, um an große Werke zu gelangen, sollte Sotheby's lieber wie ein cleverer Sammler agieren oder wie eine Kunsthändler-Bank, die Beratung und Finanzierung anbietet. Loeb möchte, dass stärker direkt in die Kunst investiert wird … In diese Richtung geht es bereits. Im Januar hat Sotheby's angekündigt, seine Finanzdienstleistungen um 450 Millionen Dollar zu erweitern. Das soll der Firma erlauben, ihre Rolle als einer der ersten Adressen im Geldmarkt für große Händler und Sammler auszubauen. Der Kunstsammler Peter Brant und Jeff Koons haben bereits von Sotheby's-Krediten Gebrauch gemacht, Letzterer, indem er eigene Arbeiten verpfändete." Das wiederum scheint gar nicht so neu. Martin Kippenberger, den auch Daniel Loeb sammelt, vermachte bekanntlich der Paris Bar Bilder und erhielt dafür lebenslang freie Kost.

Außerdem in der Ausgabe: Kevin Roose überlegt, ob San Francisco das neue New York ist (was die Mieten angeht, schon). Und Carl Swanson spricht mit Charlotte Gainsbourg über ihre Arbeit mit Lars von Trier.

Dass Putin für seine Gegenrevolution so viel Unterstützung in der russischsprachigen Welt bekommen hat, erklärt sich James Meek in einem langen Report der LRB auch mit der jahrelangen und letztlich erfolgreichen Verklärung der sowjetischen Vergangenheit: "Viele der wortgewandtesten und geistreichsten Russen und Ukrainer mittleren Alters, die noch die Wirklichkeit des sowjetischen Lebens kannten und später in der postsowjetischen Welt erfolgreich waren, sind ins Ausland oder in die Wirtschaft gegangen oder eingeschüchtert worden: Auf jeden Fall haben sie die politische Arena verlassen. In Russland und der russischsprachigen Ukraine haben neosowjetischen Populisten die Bühne übernommen, die sich die UdSSR als paradiesartiges Commonwealth vorstellen, über das Moskau gütig herrschte, ein natürliche Kontinuum des Zarenreichs, das allein von den eindringenden Nazi gestört wurde, deren Erbe der Westen angetreten hat und somit einziges Hindernis auf dem Weg zu dessen Wiederbelebung ist. Wer nach 1985 geboren ist, hat keine erlebte Erinnerung, um die Falschheit dieser Version zu bemessen."

Spätaffäre vom 18.03.2014 - Für Sinn und Verstand

"Wir glauben, dass wir durch Essen die Welt verändern können." Pablo León stellt in El Pais Semanal die Dänin Kamilla Seidler vor, die vor einem Jahr im bolivianischen La Paz ihr Restaurant Gustu samt angeschlossener Kochschule eröffnet hat: "'Es soll nicht nach Angeberei klingen, aber wir wollten einfach etwas Anderes, Sinvolleres versuchen: Mit Jugendlichen arbeiten, die sonst keine Chance hätten, Haute cuisine zu lernen.' Das Konzept der Schule sieht vor, Jugendliche von der Straße in die Küche zu holen. Die Küchenchefinnen von Gustu sind zwei junge Frauen, nicht nur, um dem tief verwurzelten Machismo im Lande etwas entgegenzusetzen: 'Ich möchte zeigen, dass es gut ist, wenn Frauen Verantwortung übernehmen, und dass es gut ist, wenn Frauen recht haben', erklärt Kamilla Seidler." Restaurant und Kochschule sind Teil des Projektes Fundación Melting Pot Bolivia, in das der dänische Starkoch Claus Meyer, Mitbegründer des weltberühmten Kopenhagener Restaurants Noma, fast eine Million Euro investiert hat. Hier erklärt Seidler ihr Konzept auf Englisch:



Der Literaturtheoretiker Paul de Man ein Antisemit, narzisstischer Soziopath und Lügner? Für den New Yorker liest Louis Menand darüber schwarz auf weiß in Evelyn Barishs neuer Biografie über den 1983 verstorbenen streitbaren Yale-Komparatisten. Die interessante Frage (die Barish übrigens gar nicht stellt), ob sich de Mans an Derridas Dekonstruktivismus anlehnende Arbeit aus seiner Vergangenheit erklären lässt, in der sich de Man offensichtlich nicht zu schade war, in belgischen Kollaborationsorganen gegen jüdische Literatur zu hetzen, sich Jobs zu erschleichen, und seinen eigenen Sohn zu verleugnen, beantwortet Menand so: "De Man mag ein Schurke gewesen sein, der mit einer bestimmten Methode des Lesens Karriere machte, doch diese Methode macht nicht jeden notwendigerweise zum Schurken. Wenn de Mans Lehre eine moralische Erkenntis in sich trägt, dann heißt sie Selbstzweifel … Woran hat de Man geglaubt? Das ist das Rätsel. Dekonstruktion führt zu nichts Substanziellem, weil alles Substanzielle wiederum nur Subjekt der dekonstruktiven Arbeit wäre … Dekonstruktion ist kein Zug, von dem man an der nächstbesten Station abspringen kann. De Man hat diesen Zug bis zur Endstation genommen. Vielleicht war es ihm ja nur möglich, einerseits Erbärmliches und andererseits Anregendes zu verfassen, weil er an nichts glaubte."

Ferner im Heft: Anthony Lane porträtiert Scarlett Johansson, deren Karierre gerade richtig abhebt. Und David Denby untersucht Lars von Triers "Nymphomaniac" auf seine philosophischen Implikationen.

Spätaffäre vom 17.03.2014 - Für Sinn und Verstand

In der NYT beschreibt William J. Broadmarch ein Problem der amerikanischen Forschung: Die massiven Kürzungen von staatlichen Geldern in den letzten Jahren hat dazu geführt, dass immer öfter superreiche Amerikaner einspringen und wissenschaftliche Projekte fördern. Eigentlich eine gute Sache, weil sie oft effizienter arbeiten als staatliche Forschungsprogramme. Aber diese schleichende Privatisierung der Wissenschaft löst auch einiges Unbehagen aus: "Auf dem Spiel steht, so Kritiker, der Sozialvertrag, wonach Wissenschaft der Allgemeinheit zugute kommen soll... Historisch betrachtet ist die Erforschung von Krankheiten besonders anfällig für ungleiche Aufmerksamkeit entlang der ethnischen und ökonomischen Linien. Ein Blick auf die größten Projekte legt nahe, dass Philantropen mit ihrem Krieg gegen Krankheiten diese Kluft noch vergrößern. Einige der Projekte, getrieben von persönlicher Not, richten sich gezielt gegen Krankheiten, die mehrheitlich Weiße heimsuchen - Mukoviszidose, Hautkrebs und Gebärmutterkrebs. Öffentliches Geld finanziert immer noch den Hauptteil der besten Forschung in Amerika - in bemerkenswerter Tiefe und Vielfalt. Unklar ist aber, wie weit oder schnell sich diese Balance verschiebt, denn niemand, weder inner- noch außerhalb der Regierung, hat je umfassend das Ausmaß und die Auswirkung privater Wissenschaft verfolgt."

Im Magazin der NY Times lotet Yiren Lu das Altersgefälle im Silicon Valley aus und stellt fest, dass junge IT-Nerds nicht auf Grundlagenentwicklung stehen und alte Hasen oft nicht smart genug sind und sich nicht für Apps interessieren. Leicht handhabbare Programmierschnittstellen und -tools machen es möglich, ohne großartige Programmierkenntnisse erfolgreiche Start-ups zu gründen, sorgen aber auch dafür, dass die Programmierung und Herstellung der Web-2.0-Infrastruktur an den weniger coolen, meist älteren Typen hängen bleibt. "Natürlich gibt es Ausnahmen, doch im Ganzen scheinen die Jungen rastloser, immer auf der Suche nach dem nächsten großen Ding, auch weil die Start-ups diese Haltung fördern; daher die Wanderbewegung von Yahoo zu Google zu Facebook und weiter zu jüngeren, hipperen Unternehmen ... Auf der anderen Seite gibt es immer noch Apple, alte Garde, aber nicht uncool. Cool ist da, wo smarte Leute, Geld und ein verlockendes Produkt zusammenkommen."

In der NYRB macht sich Zadie Smith Sorgen um den Klimawandel. In England, schreibt sie, hat sich das Wetter jedenfalls massiv geändert. "Menschen in Trauer tendieren zu Euphemismen, ebenso die Schuldigen und Beschämten. Der melancholischste aller Euphemismen ist: 'Die neue Normalität.' Es ist 'die neue Normalität', denke ich, wenn ein geliebter Birnbaum, halb ertrunken, seine Verankerung in der Erde verliert und umstürzt. Die Bahnlinie nach Cornwall ist weggewaschen - die neue Normalität. Wir könnten nicht einmal mehr das Wort 'unnormal' laut aussprechen: Es erinnert uns daran, was vorher war. Besser vergessen, was einmal normal war, die Art, wie Jahreszeit auf Jahreszeit folgte, mit einem temperierten Charme, den nur die Dichter zu schätzen wussten."

Spätaffäre vom 14.03.2014 - Für Sinn und Verstand

Am Sonntag eröffnet im Münchner Haus der Kunst eine große Ausstellung des amerikanischen Videokünstlers Matthew Barney, am Abend wird sein neuer Monumentalfilm "River of Fundament" (Laufzeit mit Pausen: sechs Stunden) in der Bayerischen Staatsoper uraufgeführt. Im SZ-Magazin gibt Barney Tobias Haberl eines seiner seltenen Interviews und gewährt Einblick in sein Arbeitsprozess: "Ein Muskel wächst durch Widerstand. Schöpfungskraft wächst durch Beschränkung. Ich bin in meiner Arbeit abhängig von Widerstand... Ich empfinde es als Befreiung und existenzielle Erfahrung, Kontrolle abzugeben, und zwar an das Werk, das ich selbst geschaffen habe. Man könnte sagen, ich arbeite an einem Organismus, der einer von mir festgelegten Logik folgt und sich ab einem gewissen Punkt selbstständig weiterentwickelt. Auf einmal richtet dieser Organismus Forderungen an mich, auf die ich reagieren muss, und zwar instinktiv. Dadurch entsteht ein Kampf, den ich auch verlieren kann, vielleicht sogar verlieren muss." (Links ein Filmstill aus "River of Fundament".)


Schriftstellern wird häufig vorgeworfen, sie lebten in intakten Scheinwelten und seien von den relevaten Geschnissen ihrer Zeit entrückt. Wie groß der Graben wirklich ist, zeigt sich immer dann, wenn ein Autor versucht, ihn zu überwinden. Zum Beispiel Lorrie Moore, die sich in ihren Kurzgeschichten lange Zeit erfolgreich auf die gebildete amerikanische Mittelschicht konzentrierte, bis sie begann, Themen wie Terrorismus und Krieg einfließen zu lassen - und ihnen damit jegliche Plausibilität und Glaubwürdigkeit nahm, wie Alex MacGillis in New Republic feststellt: "Meinetwegen können sich Schriftsteller gerne stärker auf die Welt einlassen. Aber wenn man nicht willens ist, einen minimalen Aufwand zu betreiben, um sich mit ihr auseinanderzusetzen, dann sollte man wohl besser dem Diktum aus 'Fawlty Towers' folgen: don't mention the war."

Spätaffäre vom 13.03.2014 - Für Sinn und Verstand

Marcel Ophüls gesteht in einem langen Interview mit Les Inrocks, er sei immer ein bisschen eifersüchtig auf seinen Vater Max gewesen, weil dieser so einen Schlag bei Frauen gehabt habe - ein Gefühl, das sich inzwischen allerdings etwas gelegt habe... In dem Gespräch anlässlich des Erscheinens seiner Autobiografie "Mémoires d'un fils à papa" spricht er auch über die Nazizeit, die Zusammenarbeit als Assistent seines Vaters bei Filmen wie "Lola Montez" und seine eigenen Anfänge als Regisseur. Auf die Frage, ob er aus Zufall ein großer Dokumentarfilmer geworden sei, antwortet er: "Könnte man so sagen, allerdings bin ich mit dem Dokumentarfilm nicht wunschlos glücklich. Ich habe gute Filme gemacht, vielleicht auch einige bedeutende, aber der Dokumentarfilm ist ein enges Genre, in dem man keine Bewegungsfreiheit hat, in dem man nichts erfinden kann. Ich weiß nicht, ob ich fähig bin, Geschichten zu erfinden, aber wenn man über dieses Talent verfügt, ist Fiktion befriedigender. Auch das Ergebnis ist präziser: Mit einem Drehbuch und Schauspielern kann man genau den Teil der Wirklichkeit auswählen, den man erzählen möchte. Im Dokumentarfilm ist die Bearbeitung eines Themas dagegen ein Slalom um die Zeitumstände."

Mit seinem Hedgefund hat Tom Steyer innerhalb von 20 Jahren aus 8 Millionen 30 Milliarden Dollar gemacht. Dass Steyer seinen Reichtum dafür nutzt, Lobbyisten zu lancieren und Druck auf politische Entscheidungen auszuüben, entspricht dem Schema. Ungewöhnlich ist jedoch, dass sich Steyers Engagement gegen Klimawandelleugner, Ölkonzerne, Umweltverschmutzer und die geplante Megapipeline Keytsone XL richtet. Im Men's Journal widmet Joe Hagan dem "all-American overachiever" ein lesenswertes Porträt: "Als Investor machte er seine Milliarden, indem er mit gefährdeten Vermögenswerten Risiken einging, bei denen sich einem der Magen umdrehte. Jetzt wendet er dieselbe Strategie auf Washington an und wettet auf den ultimativen gefährdeten Vermögenswert: die Erde... Dass auch er jede Menge Geld in die Politik fließen lässt, mag nicht Jedermanns Vorstellung einer hochgeistigen Lösung sein. Doch Steyer nimmt die Nullsummen-Sicht ein: wenn die kapitalgestützten Interessen der Ölindustrie die Politik davon abhalten, dem Klimawandel effektiv zu begegnen, dann sind Antagonisten mit Kapital gefragt, um ihnen von links entgegenzutreten."

Spätaffäre vom 12.03.2014 - Für Sinn und Verstand

Das NYT Magazin bringt einen rührenden Text des Pulitzerpreisträgers Ron Suskind. Garantiert ohne Einflussnahme von Disney verfasst, heißt es, was in diesem Fall besondere Bedeutung hat, denn Suskind schildert, wie sein autistischer Sohn Owen mit Hilfe von Disneyfilmen die Fähigkeit zur Kommunikation wiedererlangte: "Indem er die Filme wieder und wieder sah, zeichnete er Töne und Rhythmen auf. Sprache hat ihre eigene Musikalität, die die meisten von uns nicht hören. Für ihn waren Intonation und Takt über Jahre alles, was er hörte, als würde jemand ohne Japanischkenntnisse einen Kurosawa-Film memorieren. Auf einmal lernte er Japanisch, indem er die übertriebenen Gesichtsausdrücke der animierten Charaktere und ihre Interaktion mit der jeweiligen Situation dazu nutzte, all die merkwürdigen Geräusche zu definieren … Diese gespeicherten Töne halfen wir ihm zu kontextualisieren, indem wir mit ihm sprangen, herumwirbelten, lustige Fratzen zogen, genau wie im Dschungelbuch … Wir lebten ein Doppelleben. Tagsüber gingen meine Frau, Owens Bruder Walt und ich unseren Geschäften nach, abends schlüpften wir in die Rollen von animierten Disney-Figuren."

Außerdem zu lesen: Ein Interview mit Alan Rusbridger, Herausgeber des Guardian, über Zukunftspläne für das Blatt und Post-Snowden-Mysterien, wie Buchstaben, die schon beim Tippen vom Bildschirm verschwi…

In Slate.fr berichtet Vincent Glad über den neuesten Hipster-Modetrend in New York: normcore. Darunter muss man sich vorstellen, dass sich modebewusste Youngsters in Soho exakt genauso kleiden wie Mittelklassetouristen. Erfunden wurde der Begriff von K-Hole, einer kleinen New Yorker Trendagentur, seine sprunghafte Verbreitung erfuhr er anschließend durch einen Artikel im New York Mag. "Laut K-Hole hat das Internet alles entgrenzt, und es ist nicht mehr möglich, sich in dieser Riesenarena, in der jeder Zugriff auf Information hat, abzugrenzen. Man muss im Versuch, einzigartig zu sein, immer weiter gehen. Aber in seiner jeweiligen Ecke ist keiner einzigartiger als sein Nachbar ... K-Holes Antwort darauf lautet nun: we need to go deeper. Die stärkste Abhebung besteht darin, Abhebung abzulehnen, schreibt K-Hole: 'Wenn sich die Spielräume zunehmend bevölkern, wendet sich die Indie-Kultur der Mitte zu. Nachdem die Abgrenzung einmal umgesetzt ist, ist wahre Coolness zu versuchen, die Normalität zu beherrschen.' Normcore ist also eine Rückkehr zur Ästhetik der Einkaufszentren in amerikanischen Vororten."

Spätaffäre vom 11.03.2014 - Für Sinn und Verstand

Erben wie Mary-Kay Wilmers gibt es in Deutschland nicht, gesegnet mit Geld und Verstand! Im Guardian porträtiert Elizabeth Day die 75-jährige Herausgeberin der grandiosen London Review of Book: "Bei allem Erfolg schafft es die LRB kaum, Geld zu machen. Sie verdankt ihre beständige Existenz Wilmers' Großzügigkeit, die regelmäßig Gelder aus ihrer Familienstiftung abzapft. Ihr deutscher Vater war der Gründer eines multinationalen Energieunternehmens und die Vorfahren ihrer Mutter waren russische Juden, zu denen der Psychoanalytiker Max Eitington gehörte wie auch Leonid Eitington, ein stalinistischer Agent, der als Mastermind hinter der Ermordung von Leo Trotzki stand."

40 Jahre nach dem Mord an Kitty Genovese rollt Nicolas Lemann im New Yorker den Fall noch einmal auf, der seinerzeit maßgeblich durch den New York Times Reporter A. M. Rosenthal skandalisiert und so zu einer der meistdiskutierten Mordsachen der 60er Jahre wurde. Indem Rosenthal seinen Artikel aus soziologischen und psychologischen Versatzstücken, Spekulationen und falschen Behauptungen zusammmenschrieb, die vor allem die 38 angeblich tatenlos zusehenden Zeugen der 30 Minuten dauernden Vergewaltigung und Tötung der jungen Frau durch Winston Moseley betrafen, erfand er einen beunruhigenden soziologischen Trend. "Rosenthal verarbeitete Ängste, die mit der Anonymität der Städte, dem Kollaps sozialer Konventionen der 50er, rassistischen Unruhen, dem Kennedy-Attentat und sogar dem Holocaust zusammenhingen … Geschichten wie diese markieren die echte Gefahrenzone des Journalismus, da sie das instinktive Gefühl, ob etwas sich wahr anfühlt, mit dem Glanz der Wissenschaft blenden, die in diesem Fall ein Verbrechen in eine Krise verwandelte … Das echte Kitty Genovese Syndrom hat weniger mit untätiger Schaulust zu tun, als mit unserer Anfälligkeit für Geschichten, die unsere Vorurteile und Ängste bestätigen. Die Lehre hier lautet nicht, dass Journalisten ihrem Bauchgefühl nachgeben, sondern dass sie ihren Kopf benutzen sollten."