Mit Brimborium und langen Kerls hat
Wladimir Putin gestern seine Schein-Annexion ukrainischer Regionen verkündet, die er noch nicht mal ganz erobert hat. In seiner Rede (
hier als Video mit Untertiteln) bemühte er auch wieder
postkoloniale Muster. Das russische Exilmedium
meduza.io resümiert die Rede so: "Der Westen hat sich des Kolonialismus und des Sklavenhandels schuldig gemacht. Im 20. Jahrhundert stand 'unser Land' (die UdSSR) an der Spitze der
antikolonialen Bewegung. Der Westen nimmt Russland übel, dass es sich seinen Kolonialisierungsversuchen widersetzt. Das orthodoxe Christentum, der Islam, das Judentum und der Buddhismus sind die Religionen, die für
traditionelle Werte stehen, die Russland aufrechterhalten will. Der Zusammenbruch der UdSSR führte dazu, dass der Westen den Reichtum Russlands an sich riss. Die Behauptungen des Westens, der Welt Freiheit und Demokratie zu bringen, sind Lüge und Heuchelei."
Tagesspiegel-Autor Hans Monath
hat in der "bizarren Rede" auch folgenden, im postkolonialistischen Kontext überraschenden Aspekt wahrgenommen: "
Auch Deutschland kommt in dieser Aufzählung vor - als Opfer der USA. Köln,
Hamburg und Dresden seien durch anglo-amerikanische Luftangriffe in Ruinen gelegt worden, 'ohne militärische Notwendigkeit'."
Caroline Fourest kommentiert auf Twitter trocken: "Putin soll also in die Ukraine einmarschiert sein, ihre Grenzen verletzt, Menschenleben abgeschlachtet und seine Soldaten geschickt haben, um
Kinder zu vergewaltigen... weil es ihm um die traditionelle Familie geht? Armer Kerl.
Männliche Unsicherheit muss schrecklich sein."
Andreas Rüesch
zieht aus Putins faschistoider Inszenierung in der
NZZ eine paradoxe Folgerung: "
Russland schrumpft - vielleicht nicht auf den Landkarten des Kremls, aber auf der Waagschale der Weltpolitik. Mit seinem törichten Angriff auf die Ukraine hat Putin die Schwäche der russischen Armee offengelegt und damit ungewollt einen Mythos zerstört."
Anastasia Magasowa
porträtiert in der
taz den ukrainischen Oberbefehlshaber
Walerij Saluschnyj, der als einer der Urheber der
dezentralen und modernen Kriegsführung der ukrainischen Streitkräfte gilt: "So habe Saluschnyi Einheiten gebildet und Kampfstrategien entwickelt, die unter anderem auf der guten
Ortskenntnis der Soldaten beruhten: Mobile Gruppen, die sich schnell bewegten und nach dem Prinzip '
beißen und rennen' operierten. Sie rückten vor, zerstörten die Ausrüstung des Feindes und zögen sich zurück. Eine 'Guerilla'- Methode, die in der ukrainischen Armee jetzt als Standard gilt. Die kleineren Einheiten erforderten zwar mehr persönliche Initiative und
innovative Entscheidungen durch Feldwebel, Unteroffiziere und Hauptmänner. Aber genau das mache ihren Erfolg gegen die behäbigen Russen aus."
Putins
Scheinreferenden wahren eben nicht mal mehr dies -
den Schein,
konstatiert Anne Applebaum in
Atlantic. "Nichts an diesem Akt hat eine Legitimität, und das ist auch ein Teil der Pointe. In seiner Welt gibt es so etwas wie Legitimität nicht. Nur Brutalität zählt." Und sie zählt nochmal auf, was Putin in den letzten Monaten in seinem eigenen Land angerichtet hat: Zehntausende Soldaten sind ums Leben gekommen. Hunderttausende Russen haben das Land verlassen. "Seit Kriegsbeginn hat sich auch das Vorgehen im eigenen Land verschärft, denn der Krieg bietet den Rahmen, in dem
abweichende Meinungen als Verrat dargestellt werden können und jede Kritik am Krieg ein Verbrechen ist. Zeitungen, Websites, Social-Media-Kanäle und zivilgesellschaftliche Gruppen aller Art wurden verboten. Mehr als
16.400 Russen wurden wegen ihrer Proteste inhaftiert."
Alexej Nawalny hat es irgendwie geschafft einen Essay aus dem Gefängnis zu schmuggeln, den die
FAS auf Deutsch bringt. Er denkt über die Frage nach, wie der Westen dazu beitragen kann, ein
Russland nach Putin zu ermöglichen, in dem sich die nationalistischen Mythen nicht noch verschärfen. Er beschwört den Westen dabei, die russische Bevölkerung nicht als komplett gleichgeschaltet und gehirngewaschen anzusehen, auch wenn die Propaganda ihre Wirkung nicht verfehlt. Laut Nawalny muss der Westen nicht nur Putin bekämpfen, sondern die
ganze russische Elite, um das Land an einen Neubeginn zu führen: "Der strategische Sieg läge darin, Russland zurück an die
entscheidende historische Wegscheide zu führen und das russische Volk die richtige Wahl treffen zu lassen. Das Zukunftsmodell für Russland ist nicht 'starke Macht' oder '
eine feste Hand', sondern Harmonie, Verständigung und Rücksicht auf die Interessen der ganzen Gesellschaft. Russland muss eine
parlamentarische Republik werden, da nur so der endlose Kreislauf aus selbst geschaffenem imperialistischen Autoritarismus durchbrochen werden kann."
Die ukrainische Autorin
Oksana Sabuschko ist sich
im Gespräch mit Michael Wurmitzer vom
Standard sicher: der
Zerfallsprozess Russlands hat schon begonnen: "Ich bin begeistert vom Ausmaß des Protests der ethnischen Minderheiten in
Dagestan und Jakutien, wo Frauen protestieren, um ihre Männer zu beschützen. Wir sind im
Jahrhundert der Frauen - das zeigt sich auch gerade am Aufstand im
Iran. Es sind immer die Frauen, die am lautesten schreien. Wenn ich mich erinnere, wie die Sowjetunion zu kollabieren begann, waren die ersten Proteststimmen gegen das Regime weibliche. Sie haben um ihre Kinder geschrien.
Hohe Töne, die ich nie vergessen werde."
Außerdem
spricht der ukrainische Schriftsteller
Andrej Kurkow im Interview mit der
taz über seine
Flucht aus Kiew, die Lage in seinem Land und seinen neuen Roman "Samson und Nadjeschda", für den er auf sowjetische Geheimdienstakten aus Kiew aus der Zeit nach 1919 zurückgreifen konnte. Und in der
FR unterhält sich Cornelia Geißler mit dem russischen Schriftsteller
Dmitry Glukhovsky, der in Russland zur Fahndung ausgeschrieben und in Europa untergetaucht ist.
Ziemlich witzig klingt diese
Unterzeile aus dem
Tagesspiegel: "
Salvini und
Berlusconi wollten eine Regierungschefin
Meloni verhindern. Die will nun die
beiden Männer absägen. Und könnte Erfolg haben." Nicht ganz überzeugend klingt vor diesem Hintergrund
die These Carolina Schwarz' in der
taz, das
Frauen in rechtsextremen Führungspositionen gewissermaßen nur Spielsteine in einer machistischen Strategie seien.
Stefano Vastano führt für
Zeit online ein sehr
aufschlussreiches und ausführliches Interview mit dem italienischen Politologen
Angelo Bolaffi. Wer einen
neuen Faschismus in Italien an die Wand malt, verkennt die Gegebenheiten, meint dieser. Die Italiener hätten in Meloni vor allem "das letzte Angebot im
politischen Supermarkt Italien" erkannt. Größer ist für ihn eine andere Gefahr: "Fratelli d'Italia verfügt über keinen einzigen anständigen Politiker. Vielleicht finden sie für manche Posten Wirtschaftsleute, die nicht faschistischer Haltungen verdächtigt werden, aber es wird für Meloni nicht leicht sein, eine Regierung mit
fähigen Menschen zu besetzen. Italien, insbesondere die öffentliche Verwaltung, ist eine Katastrophe. Dies ist die größte Gefahr für die Demokratie in Italien heute: nicht so sehr Meloni, sondern
das x-te Scheitern einer gewählten Regierung."
Erstmals gibt es in
Nordirland mehr Katholiken als Protestanten, haben neue Umfragen ergeben. Die Zahlen stehen 45,7 zu 43,5, berichtet Gina Thomas in der
FAZ. Dabei war Nordirland einst genau so zugeschnitten worden, dass die Protestanten eine deutliche Mehrheit haben. Dass die Katholiken ein Referendum für eine
Vereinigung mit der Republik gewinnen würden, ist darum allerdings nicht ausgemacht, "schon deswegen nicht, weil jeder
Arztbesuch in der Republik anders als beim britischen Gesundheitsdienst gebührenpflichtig ist. Auch der dramatische Anstieg von 63,5 Prozent der Nordiren, die seit 2011 einen
irischen Pass bekommen haben, lässt nicht unbedingt auf nationalistische Tendenzen schließen. Er dürfte vor allem auf den Brexit und den Wunsch nach
weniger beschwerlichem Reisen zurückzuführen sein."