Italien hat gewählt und wird künftig von
Giorgia Melonis Rechtsbündnis regiert, bestehend aus ihrer postfaschistischen Partei Fratelli d'Italia, Matteo Salvinis Lega und Silvio Berlusconis Forza Italia. Die drei haben zusammen mit 42,8 Prozent in beiden Kammern die absolute Mehrheit gewonnen,
berichtet Matthias Rüb in der
FAZ. Für eine
Verfassungsänderung reicht das allerdings nicht. Die Sozialdemokraten hätte eine Chance nur zusammen mit den Fünf Sternen und dem "Dritten Pol" gehabt, ein Bündnis kam aber nicht zustande. Es gibt eine Partei, die
noch größer ist als die Fratelli mit ihren 25.5 Prozent, so Rüb in einem
zweiten Artikel: "Mit rund 35 Prozent ist die 'Partei der
Nichtwähler' die mit gut zehn Punkten Abstand stärkste politische Kraft des Landes." Auf
Zeit online tröstet Almut Siefert: "Italienische Regierungen haben im Durchschnitt nur eine Lebensdauer von 18 Monaten."
Droht bis dahin ein
neuer Faschismus in Italien? Kein neuer, der alte war ja
nie weg, meint Ulrich Ladurner auf
Zeit online, und wurde still geduldet. "Diese Toleranz entspringt einer in Italien gepflegten und weit verbreiteten Selbstmystifikation, wonach die Italienerinnen und Italiener grundsätzlich brave, gute,
anständige Leute seien ('brava gente'). ... Faschismus, Kolonialismus, Rassismus - gab es alles, klar! Aber so
schlimm ist das nicht, weil das italienische Volk gar nicht so schlimm sein kann! Seine genetische Disposition ist nicht auf das Böse ausgelegt, niemals. Es ist eine kuriose Verdrehung, denn die historischen Fakten belegen, dass
Italien sehr gewalttätig, sehr grausam, sehr gnadenlos sein kann. Die absolute Monstrosität des Nationalsozialismus wurde dabei geschickt genutzt, um die Monstrosität des italienischen Faschismus als
im Vergleich harmlos erscheinen zu lassen. Der Glaube vom grundsätzlich guten, anständigen Italiener trägt wesentlich dazu bei, dass Meloni ins Amt der Ministerpräsidentin kommen könnte. Die
kollektive Selbstverharmlosung ist eine Voraussetzung für Melonis Erfolg."
Angela Giuffrida
spricht für eine erste Analyse im
Guardian mit italienischen Politologen: "
Mattia Diletti, Professor an der römischen Sapienza-Universität, sagt, dass Meloni ihren Sieg ihrer Fähigkeit verdankt,
ideologisch,
aber pragmatisch zu sein, was es ihr ermöglicht hat, die französische Rechtsextremistin Marine Le Pen auf dem Posten des westeuropäischen Modells für Nationalismus zu entthronen."
EU-Hilfen will sie jedenfalls nicht gefährden, so Giuffrida weiter, aber sie will neu verhandeln.
Auch der französische Politologe
Pierre Haski setzt in seiner Kolumne für
Radio France auf die
Bindekraft der EU: "Das schwer getroffene Italien erhält den größten Teil des europäischen Konjunkturprogramms, fast 200 Milliarden Euro; Giorgia Meloni wird
diesen Geldsegen, dessen Plan vom scheidenden Regierungschef Mario Draghi ausgearbeitet wurde, nicht gefährden wollen. Die Italiener würden ihr einen Konflikt über dieses Thema nicht verzeihen. Meloni wird sich
zwei Herausforderungen stellen müssen: Einerseits muss sie diese Beziehung zur Europäischen Union managen und hat dabei einen geringen Handlungsspielraum; andererseits wird die Beziehung zu ihren Verbündeten in ihrer Koalition nicht einfach sein."
Der oppositionelle russische Publizist und Politologe
Fjodor Krascheninnikow, der jetzt im litauischen Exil lebt,
sieht in der
taz sehr gute Gründe dafür, dass Europa jetzt
Russen aufnimmt, die aus dem Land fliehen wollen: "Die Schwachstelle Putins sind eindeutig die Soldaten.
Je weniger Soldaten an der Front sind, desto geringer ist der Druck auf die ukrainische Armee. Die offensichtliche Schlussfolgerung ist, dass russische Männer bei jedem Versuch, der Mobilisierung aus dem Weg zu gehen, unterstützt werden müssen.
Deserteuren,
Überläufern und
Kapitulanten jetzt zu helfen ist nicht weniger wichtig, als Waffen an die Ukraine zu liefern."
Kriegsgegner in Russland wünschen sich ohnehin, dass die Grenzen für sie offener werden,
schreibt Anastasia Tikhomirova auf
Zeit online. Das würde auch die Proteste stärken: "'Auch die verkündete Mobilisierung wird erneut viele politisch aktive Menschen ins Ausland zwingen, denn die Angst vor politischer Verfolgung ist erneut gestiegen', sagt Anton Prawednikow, Politologe und junger Politiker aus St. Petersburg, der noch nicht vorhat, sein Land zu verlassen. Er kritisiert viele EU-Staaten dafür, dass sie nun ihre Grenzen für russische Dissidenten und Deserteure schließen, statt Fluchtmöglichkeiten zu schaffen. Es könnte
Russen ermutigen, weiterhin politisch aktiv zu bleiben, wenn sie im Falle politischer Verfolgung schnell flüchten können."
Peter Pomerantsev analysiert im
Observer das Wesen
Putinscher Propaganda: "Der große Unterschied zur nationalsozialistischen Propaganda besteht darin, dass erstere auf Aktion und Mobilisierung ausgerichtet war, während Putins Propaganda auf
Demobilisierung zielt: auf der Couch sitzen, sich durch das Betrachten von Propaganda stark fühlen und den Kreml machen lassen. Unter der Rhetorik der Selbstaufopferung lässt Putins Propaganda traditionell Eigeninteresse oder zumindest
Selbsterhaltung zu."
Kenan Malik liest ebenfalls für den
Observer den "British Social Attitudes Survey", eine jährliche Umfrage, die als maßgeblich gilt, um ein
Stimmungsbild in Britannien zu ermitteln. "Der Umfrage zufolge ist Britannien liberaler, aber auch stärker polarisiert. Der
Brexit ist nach wie vor eine der wichtigsten Bruchlinien in der britischen Gesellschaft. Etwa zwei Drittel der Remainer sehen die wirtschaftlichen und kulturellen Folgen der Migration in einem positiven Licht, verglichen mit nur etwa einem Viertel der Leave-Anhänger. Fast 40 Prozent der Austrittsbefürworter (gegenüber 9 Prozent der Remainer) sind der Meinung, dass Einwanderung die britische Kultur untergraben hat... 59 Prozent der Brexit-Anhänger bestehen darauf, dass '
britische Abstammung wichtig ist, um wirklich britisch zu sein', im Vergleich zu 23 Prozent der Brexit-Gegner."