9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.10.2020 - Gesellschaft

Der Rabbiner Daniel Alter war in einem bekannten Fall 2012 von Jugendlichen antisemitsch angegriffen und verletzt worden. Nun ist er Rabbiner in Hamburg und gleich nach seinem Amtsantritt fand dort eine antisemitische Attacke statt. Im Gespräch mit Deborah Kircheis und Ilka Kreutzträger von der taz beschreibt er eine sich verschärfende Stimmung, auch im Blick auf die Coronakrise, in der die Richtung, aus der der Antisemitismus kommt, nicht immer klar zu benennen ist: "Wir befinden uns schon seit Jahren in einer ganz bedrängenden Situation. Das fing etwa 2014 an, als ein Mob durch Berlin zog und skandierte: 'Hamas, Hamas, Juden ins Gas!' Ich sehe nicht, dass die öffentliche Eskalation während Corona sehr viel schlimmer geworden ist. Wir haben da dominante Figuren wie Attila Hildmann oder Xavier Naidoo, aber solche Typen gab es auch vor Corona. Lassen Sie es mich zynisch ausdrücken: Nachdem klar wurde, welches Ausmaß die Pandemie haben wird, hat es eigentlich recht lang gedauert, bis Brunnenvergifterlegenden auftauchten."

Kürzlich warf die Frauenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali in der NZZ der illiberalen Linken in den USA vor, deren Ideologie gleiche sich unter dem Namen "cancel culture" oder "Wokeismus" immer mehr jener von Islamisten an (Unser Resümee). "Gefährlich" nennt der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze den Vergleich und wirft ihr ebenfalls in der NZZ Begriffsverzerrung vor. Der Begriff "woke" gehe auf Erykah Badus Song "Master Teacher" aus dem Jahr 2008 zurück, stellt er klar: "Dort heißt es wiederholt: 'I stay woke', und dieses 'Wachbleiben' wurde in Teilen der afroamerikanischen Gemeinschaft zum Leitbegriff für diejenigen, die sich ihrer selbst bewusst werden, die vorherrschenden Paradigmata infrage stellen und nach etwas Besserem streben wollten." Zudem unterscheide Hirsi Ali nicht zwischen rechtem und linkem Islamismus: "Der rechte Islamismus machte mancherlei Anleihen beim Faschismus, der linke beim marxistischen Leninismus. Insofern gibt es tatsächlich eine Analogie zwischen linken Islamisten und linken Marxisten. Linke Islamisten gibt es heute kaum noch, allein in Iran und in Libanon finden sich noch Reste einer solchen politischen Haltung."

Man kann eigentlich gar nicht bei der Polizei und nicht rechts sein, meint der taz-Autor Mohamed Amjahid und hat auch einen Experten gefunden, der seine These stützt: "Der Polizeiberuf sei vor allem für Menschen attraktiv, die wertkonservativ denken, 'Recht und Ordnung' wertschätzen und gleichzeitig sehr jung und beeinflussbar seien, sagt Dirk Baier. Er ist Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. 'Man geht außerdem zur Polizei, um seine Männlichkeit voll und ganz auszuleben', sagt Baier. Polizistinnen wolle er damit nicht aus der Verantwortung ziehen, die Performanz von Männlichkeit sei aber ein entscheidender Faktor mit Blick auf den Korpsgeist."

Mal wieder wird in Deutschland leichtfertig mit dem "Etikett Nazi" hantiert, "um klassisch konservative Positionen in Misskredit zu bringen", meint hingegen der Politologe und Ex-Chefredakteur der Heilbronner Stimme Wolfgang Bok in der NZZ. Rechtsextreme Vorfälle in der Polizei liegen allenfalls im Promille-Bereich, winkt er ab: "Der Verdacht liegt nahe, dass die Häufung rechtslastiger Verfehlungen genutzt wird, um der Polizei das linke Auge zu verbinden. Beamte, die sich ständig dem Vorwurf des 'racial profiling' ausgesetzt sehen, verzichten lieber auf eine Kontrolle unter möglichen afrikanischen Drogendealern - und sei deren Dominanz in Parks und Bahnhöfen noch so augenfällig. (...) In dem Bestreben, die Willkommenskultur als Erfolg auszuweisen, ist sich ein breites Bündnis nahezu aller Verbände, Institutionen und Parteien einig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.10.2020 - Gesellschaft

In der SZ berichten vier Forscher - Christoph Brauer, Johannes Pantenburg, Johanna Puth und Benedikt Sepp -, die sich unter eine Kundgebung von "Querdenkern" am Bodensee gemischt haben, von ihren Erfahrungen. Das mangelnde Vertrauen in Wissenschaft und Politik einfach auf autoritäre Charakterzüge der Querdenker zu schieben, erscheint ihnen zu einfach. Im Gegenteil: "Wenn uns, den Interviewern von der Universität, auf Mobiltelefonen akribisch nachgerechnete RKI-Zahlen vorgezeigt, Artikel in Telegram-Gruppen und mathematische Formeln präsentiert sowie obskure Video-Experten empfohlen werden, dann merkt man, wie falsch ein Aburteilen dieser Menschen als passive Konsumenten von Verschwörungsmythen wäre. Vielmehr überwiegt eine selbstermächtigende Freude am Gegenwissen, an der Rolle des eigentlichen Experten. In ihrer Eigeninitiative, so drängt es sich uns in Konstanz assoziativ auf, gleichen sie eher Heimwerkern ... Die Eigeninitiative, Ausdauer und Frustrationstoleranz der virologischen Heimwerker ist dabei durchaus beeindruckend - und gibt vielleicht sogar Anlass zu ein wenig Hoffnung."

Im Interview mit Zeit online erklärt Virologe Christian Drosten, was der Einzelne tun kann, um den steigenden Corona-Neuinfektionen zu begegnen. Und warum er es schon jetzt tun sollte, nicht erst, wenn die Krankenhäuser voll sind: "Bei diesem Virus muss man früh reagieren. Das sieht man, wenn man Deutschland und England vergleicht, zwei ähnlich strukturierte Länder. Deutschland war im Frühjahr mit Maßnahmen einfach etwas früher dran. Das Resultat ist, dass wir hierzulande bisher weniger Infektionen und Todesfälle hatten."

Vor einer Hamburger Synagoge wurde ein jüdischer Student angegriffen - fast ein Jahr nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle. "Dieses Mal war eigentlich etwas Konkretes gefordert. Leider war es dieses Mal wieder Phrasenzeit", schreibt der Blogger Chajm. Aus diesem Grund legt er ein praktisches Phrasenbingo vor: "Jüdinnen und Juden können dieses Bingo spielen, indem sie die auftauchenden Phrasen markieren. Natürlich sind sie im Vorteil, sie haben das alles schon sehr oft gehört. Die Regeln sind gelockert. Wer vier Kästchen markiert, hat verloren und kann sicher sein: Hier wird konkret überhaupt nichts passieren. 'Ein Angriff auf uns alle...' hat den Status 'Ultraabgegriffen' und zählt doppelt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.10.2020 - Gesellschaft

Die Juristin Johanna Soll begründet in der taz, warum statistische Daten zur ethnischen Herkunft erhoben werden sollten: "Um strukturellen Rassismus sicht- und belegbar machen zu können, bedarf es aussagekräftiger Daten. Ansonsten kann man der Behauptung, bei strukturellem Rassismus handele es sich nur um Einzelfälle - so wie aktuell bei der Aufdeckung rechtsradikaler Strukturen in der Polizei postuliert wird -, keine Fakten entgegensetzen." Soll gibt zu, dass die Erhebung solcher Daten nicht nur mit Blick auf die deutsche Geschichte problematisch sei und fordert darum, "mit minimalinvasiver Präzision" vorzugehen: "Diese Daten sollten mittels der anonymen Selbstidentifizierung sowie der selbst wahrgenommenen Fremdzuschreibung und auf freiwilliger Basis erhoben werden, auch wenn dies zu Abstrichen bei der Repräsentativität der Erhebung führen kann."

In Hamburg ist ein Student mit Kippa antisemitisch angegriffen worden. Erica Zingher fordert in der taz ein Ende der Beteuerungen, die nach solchen Taten von Politikern folgen und konstatiert, dass jüdische Gemeinden immer noch nicht genug geschützt werden: "Am Freitag, den 9. Oktober, jährt sich der antisemitische und rassistische Anschlag von Halle. Besonders für jüdische Menschen erinnert die Tat vom Sonntag deshalb an die Ereignisse von vor einem Jahr. Gerade jetzt dürfen sie mehr erwarten als solidarische Worte."

Auch der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Hamburg fordert "mehr Härte" im Kampf gegen den Antisemitismus, berichtet auf Zeit online Félice Gritti. "'Für uns ist das ein klarer Terroranschlag', sagte der Vorsitzende Philipp Stricharz. Antisemitismus müsse 'gesellschaftlich ausgemerzt' werden. Ein erster Schritt in die richtige Richtung sei die Benennung eines Hamburger Antisemitismus-Beauftragten. Dieser müsse das Vertrauen der Jüdischen Gemeinde genießen und solle keine wissenschaftlichen Überlegungen zu Antisemitismus anstellen, sondern 'knallhart' Antisemiten identifizieren und mit 'aller Konsequenz' gegen sie vorgehen. Auch der Landesrabbiner Shlomo Bistritzky schrieb auf Twitter: 'Wir möchten jetzt keine Solidarität, wir wollen Taten!'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.10.2020 - Gesellschaft

Häme über Donald Trumps Covid-Erkrankung oder gar Todeswünsche sind völlig unangebracht. Auch wenn es schwer fällt angesichts der 200.000 Toten, für die er keinen Finger krumm gemacht hat. "Aber Witze? Oh, Scherze sind in diesem Stadium durchaus erlaubt", versichert Marina Hyde im Guardian. "Ich bin aus moralischen Gründen zutiefst für Witze. Ich verstehe, dass das Alte Testament nicht gerade ein Gagfest ist, aber ich glaube an einen Scherz für einen Scherz, verstehen Sie? Und niemand - NIEMAND - hat mehr Witze über das Coronavirus erzählt als Donald Trump. Er ist der Covid-Joker, wenn Sie noch eine Gotham-Referenz erlauben. Er würde sicher wollen, dass wir seinem Beispiel folgen. Das allerletzte, was Trump wollte, wäre, dass sein Leben mehr wert ist als das all der Menschen, die im Sterben lagen, als er Witze über Masken machte, Witze über Joe Biden und Masken, Witze darüber, dass Biden praktisch tot ist ... ganz zu schweigen von vergangenen Zeiten, in denen er Witze über Hillary Clintons Lungenentzündung machte oder seine Bevollmächtigten spekulativ scherzten, sie habe einen Schlaganfall erlitten, sei von Dysphasie befallen oder habe heimlich ein schweres Hirntrauma erlitten ... Es tut mir leid, ich habe hier nur sehr wenig Platz. Der Punkt ist, das ist es, was er gewollt hätte - er liebt Lulz. Bitte ehren Sie ihn in dieser Weise."

Corona wird unser Leben verändern, selbst wenn wir es eines Tages bekämpfen können, schreibt Ulrike Herrmann in der taz mit Blick auf den Immobilienmarkt: "Selbst wenn der Erreger längst bekämpft sein sollte, wird es normal bleiben, auch zu Hause zu arbeiten. Dieser Trend zum Homeoffice verändert die Immobilienmärkte fundamental: Viele Büroflächen werden überflüssig, und Beschäftigte können frei wählen, wo sie wohnen, denn einen Internetanschluss gibt es überall. Die Dörfer könnten sich beleben, während sich die Ballungszentren entleeren. Wer perspektivisch denkt, kauft sich vielleicht besser ein Haus in der Provinz und nicht in Berlin-Tempelhof."

In Indien sind etwa 130 Millionen Menschen mit dem Corona Virus infiziert, meint im Interview mit Spon die Forscherin Bhramar Mukherjee. Derzeit sinken die Zahlen wieder, da werden die Menschen der Einschränkungen müde, fürchtet sie, und die Regierung passt sich dem an: "In seiner ersten Reden warnte Premier Narendra Modi eindringlich vor den Gefahren des Virus. Mittlerweile spricht die Regierung lieber über ihre angeblichen Erfolge: wie viele Patienten sich erholen, wie wenige daran sterben. Aber kann das wirklich als Erfolg gelten? Bislang sind 100.000 Inder an dem Virus gestorben, jeden Tag kommen mehr als tausend hinzu. Selbst wenn die Infektionssterblichkeit bei 0,1 Prozent liegen sollte und sich nur die Hälfte der Bevölkerung anstecken würde, dann würden rund 670.000 Inder sterben. Das mag relativ gesehen wenig sein, aber in absoluten Zahlen ist das eine Tragödie. In meinem Freundeskreis ist ein 35-jähriger Arzt gestorben. Sein jüngster Sohn ist gerade mal ein paar Monate alt. Wir vergessen, dass hinter diesen Zahlen Schicksale stehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.10.2020 - Gesellschaft

Nach den Vorfällen in NRW (Unser Resümee) gibt es Hinweise darauf, dass auch bei der Berliner Polizei eine rechtsextreme Chat-Gruppe existiert, berichtet das ARD-Magazin Monitor. Bereits vor knapp einem Jahr hatte der Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Thomas Haldewang (CDU), einen Bericht zum Thema Rechtsextremismus im öffentlichen Dienst angekündigt, erinnert sich Ronen Steinke auf Seite 3 der SZ. Die Landespolizeien blockten, der nun fertige Bericht scheint entsprechend wenig realistisch: "Die Zahlen dürften nur die Spitze des Eisbergs darstellen, sagen Verfassungsschützer selbst, und zwischendurch argwöhnten manche, ob einige Länder zögern würden, ganz offen ihre unschönen Erkenntnisse herauszugeben. Bremen meldete null Fälle. 'Das kann schon mal nicht sein', sagt ein Verfassungsschützer. Auch die ostdeutschen Bundesländer meldeten auffallend wenig. Nirgends hat der Verfassungsschutz die Reihen der Polizei selbständig durchleuchten dürfen, überall sind es freiwillige Meldungen der Polizei gewesen."

In der Berliner Zeitung weiß auch Julia Haak: "Fragt man Funktionsträger in der Polizei nach den Ursachen, bekommt man jedes Mal ungefähr folgende Geschichte zu hören: Berufsanfänger bei der Polizei teilten mehr oder weniger dieselbe Grundhaltung. Sie seien Idealisten, die die Welt verbessern wollten. Sie wollten Bösewichte fangen und Unschuldige beschützen, Omas, Opas, Kinder. Im Berufsleben machten sie dann aber relativ schnell Erfahrungen, die sie prägen würden. In den Großstädten begegneten ihnen sehr viele Kriminelle mit Migrationshintergrund. Viele davon würden ihnen mit Verachtung und frech gegenübertreten, weil sie sehr genau wüssten, dass sie kaum verhaftet und schnell wieder auf freiem Fuß sein würden. Die Beamten fühlten sich machtlos und hilflos."

Im Mai verurteilte Daniel Kehlmann im SZ-Interview die Corona-Maßnahmen und warnte vor einer "radikalen Dystopie" (Unser Resümee). So schlimm ist es nun doch nicht gekommen, rudert er jetzt im Welt-Gespräch mit Andreas Rosenfelder zurück. Mit dem "Hygienetheater" und der Rigorosität der Maßnahmen kann er trotzdem nichts anfangen, auch die staatlichen Befugnisse möchte er zur Debatte stellen: "Dass etwa einfach hingenommen wurde, dass die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern nicht in ihre Zweithäuser durften. Das ist ein Skandal und ein Vorgang, der in keiner Weise rechtlich gedeckt ist. Eine andere Sache, die zu einer pittoresken Kleinigkeit erklärt wurde, ist das Betretungsverbot des öffentlichen Raums. In Österreich hat das Höchstgericht im Nachhinein entschieden: Das war gegen das Gesetz, den Menschen zu erklären, sie dürften nicht von Salzburg nach Niederösterreich fahren. Aber es gibt überhaupt keine Debatte darüber, dass man so extreme Dinge gemacht hat."

Vor zwei Jahren schilderte die Autorin Daniela Dröscher in ihrem Buch "Zeige deine Klasse" ihren Aufstieg vom Bürgertum ins Bildungsbürgertum. Den Begriff der "Aufsteigerin" mag sie allerdings nicht, lieber bezeichnet sie sich als "klassenquer", wie sie jetzt auf Zeit Online schreibt. Was es bedeutet, "klassenquer" zu sein, schildert sie auch: "Häufig leiden Klassenquere am Hochstapler-Syndrom. Man hat das Gefühl, nicht zu passen, einen Fehler im Bild zu markieren. (...) Es fehlt die berühmte Parkettsicherheit. Habe ich diese Parkettsicherheit jedoch erst einmal erlangt, können mir Etikette und Netiquette im besten Sinne gleichgültig sein. Mehr noch: Ich kann sie als patriarchalen Machtmechanismus entlarven, dessen einziger Sinn und Zweck Distinktion ist: Die, die nicht dazugehören, sollen sich falsch und lächerlich fühlen." In unserem Buchladen Eichendorff21 haben wir vor kurzem eine Liste mit "klassenquerer" Literatur zusammengestellt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.10.2020 - Gesellschaft

In der Welt amüsiert sich Ulf Poschardt über die Geschmeidigkeit, mit der sich Superlinke wie die taz-Kolumnistin Hengameh Yaghoobifarah ins System einschmiegen, wenn es passt. Heute geht es gegen die Polizei (unser Resümee), morgen prangt man auf einem Kadewe-Werbeplakat (unser Resümee): "Die  Differenz markiert lediglich einen Ambitionsdrang, der noch nicht befriedigt ist." Frau Y. mag sich als "queer" und "Kind iranischer Einwanderer" verkaufen - in erster Linie sei sie allerdings eine Tochter aus deutschem bürgerlichen Hause, so Poschardt: Für sie "ist diese postmodern instagrammige Version des Marsches durch die Institutionen der Selbstvermarktung auch ein Erfolg im Kampf um mehr Repräsentation von Bürgern mit Migrationshintergrund oder von queeren Frauen. Ihr Erfolg funktioniert nicht nur marktwirtschaftlich, sondern auch zivilgesellschaftlich. Man darf dabei allerdings nicht allzu genau hinsehen. Unser Welt-Autor Deniz Yücel hat das angesichts der Auseinandersetzung um ihre Polizei-Kolumne als 'Malcolm X'-Trick bezeichnet: 'Mit einer superradikalen Malcolm-X-Attitude auftreten, wo man sich auf die Anerkennung des linksliberalen Kulturestablishments verlassen kann. Ein Kolumnenplatz, ein Buchvertrag, ein paar Fördergelder, irgendwas wird dabei schon rausspringen.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2020 - Gesellschaft

In der NZZ beklagt Thomas Ribi die "Cancel culture", die angeblich nicht existiert: "So tönt es im Lager derer, die sich als linksliberal bezeichnen. In Kreisen, die es sich am liebsten dort gemütlich machen, wo niemand stört. Unter ihresgleichen, wo man sich darauf verlassen kann, dass nur Meinungen geäußert werden, die auch wirklich als Meinung gelten dürfen. Geprüfte Meinungen. Für gut befunden von Instanzen, die festlegen, was man denken darf und was nicht. Großkonzerne sind, zum Beispiel, schlecht, Nationalstaaten ein Auslaufmodell der Geschichte und Männer die Species, welche die Welt an den Rand des Abgrunds manövriert hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.09.2020 - Gesellschaft

Der Tagesspiegel-Redakteur Joachim Huber gehört zu den frühen Corona-Opfern in Deutschland. Ihn hat's so schlimm getroffen, dass er in eine künstliches Koma versetzt wurde. Er erzählt im Interview mit Maris Hubschmid auch von den unheimlicheren Aspekten der Krankheit: "Es gab diese Phase, in der ich nicht genau wusste, was ist Realität und was Alptraum. In der Reha in Heiligendamm gab es eine Coronagruppe, und alle haben von diesen brutalen Träumen berichtet. Ich war zum Beispiel der festen Überzeugung, dass mein Schwiegervater gestorben ist. Der lag in einem Sarg und ich lag in der Kiste daneben und dann wurden wir zusammen begraben. Als ich aufgewacht bin, war ich ja erstaunlicherweise nicht tot, habe aber meiner Frau zum Tod ihres Vaters kondoliert."

In der SZ erklären Benjamin Ansari und Kathleen Hildebrand, was die Generation Millenial von der noch jüngeren Generation Z unterscheidet: "Im Proseminar Soziologie würde man sagen: Während der Millennial bestehende Umstände perpetuiert, dekonstruiert der Zler die Realität. Während der Millennial nach radikaler Selbstverwirklichung strebt, kämpft der Zler für die Vervollkommnung der Gesellschaft. Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht."

Weiteres: Alexander Kissler, dreißig Jahre Wiedervereinigung im Blick, schickt der NZZ eine Reportage aus Bebra.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.09.2020 - Gesellschaft

Die Publizistin Canan Topcu ist im Alter von acht Jahren als Tochter türkischer Arbeitsmigranten nach Deutschland gekommen und fühlt sich keineswegs als Person of Color. Im Gegenteil - die von der Linken geführte Rassismusdebatte sowie deren Sprechverbote gehen ihr ziemlich auf die Nerven, wie sie in der SZ schreibt: "Richtung und Tonalität der Rassismuskritik wird bestimmt von einer jungen akademisch gebildeten Generation, die einerseits darauf pocht, nicht auf Herkunft reduziert, sondern als 'von hier' wahrgenommen zu werden, andererseits aber selbst Identitätspolitik betreibt - nicht nur durch die Selbstbeschreibung als People of Color, sondern auch im Zelebrieren von Elementen aus der Herkunftskultur. Politisch problematisch ist die moralische Überlegenheit, die aus der Betroffenheit abgeleitet wird, ohne selbst auf Ressentiments zu verzichten oder Ausgrenzung zu betreiben."

Die deutsche Polizei hat sich im Laufe der Zeit immer mehr demokratisiert und sie wird vermutlich nicht von Rechtsradikalen unterwandert werden, aber Polizisten sollte einem "Bewusstseinscheck" unterzogen werden, schreibt Thomas Schmid in der Welt: "Polizisten haben Schusswaffen und dürfen im Zweifelsfall im Höchsttempo durch die Straßen brettern. Es wäre ein Wunder, wenn die Polizei nicht auch autoritäre Charaktere, Waffennarren und eben auch Menschen mit herrschaftlichem Ordnungsverständnis anzöge. Dass Rechtsradikale überdurchschnittlich oft zur Polizei wollen, ist alles andere als überraschend. Verwunderlich ist freilich, dass es offensichtlich in der Polizei an nachhaltigen Bemühungen mangelt, solche Geisterfahrer aufzuspüren, zur Räson zu rufen."

Die taz hat ihre Zeitung in die Hände von Klimaaktivisten und -innen gegeben, deren Artikel einen interessanten Einblick in ihre Erklärungsmodelle geben. Die drei Aktivistinnen Isadora Cardoso, Lisa Göldner und Kathrin Henneberger, möchten den feministischen Aspekt ihres Engagements hervorheben, das nur einen Gegner kennt: "Die Klimakrise ist tief verwurzelt in historisch miteinander verwobenen Unterdrückungssystemen: Patriarchat, Rassismus, Kapitalismus und Kolonialismus. Ohne Rücksicht auf Verluste und die katastrophalen Folgen für unser Klima beuten wir den Planeten aus. Dahinter liegen dieselben Machtstrukturen, die zur Ausbeutung der Körper von Frauen und (un)bezahlter Care-Arbeit führen, zur Ausbeutung von Menschen und Rohstoffen des globalen Südens und zur Diskriminierung nicht-weißer Menschen."

Die Klimaaktivisten teilen Menschen in "Schwarz und Weiß, in Gut und Böse" auf, sie spalten die Gesellschaft, sagt Clemens Traub, einst selbst "Fridays for Future"-Aktivist indes im Gespräch mit der Berliner Zeitung: "Die Klimabewegung ist bürgerlich und privilegiert, sie versteht die Lebenswirklichkeit der Geringverdiener oder Kleinstadt- und Dorfmenschen nicht. Das ist ein Fehler. (…) Fridays for Future muss inklusiver werden, die ganze Breite der Bevölkerung mitnehmen und nicht nur Leute, die sich Klimaschutz leisten können."

Die Berliner Landesstelle für Gleichberechtigung hat einen 44 Seiten langen Leitfaden für diversitysensible Kommunikation gegen Diskriminierung erstellt, unter anderem sollen die Begriffe "Ausländer" oder "Schwarzfahrer" in Berliner Behörden nicht mehr geduldet werden (hier als pdf-Dokument). Solche sprachlichen Umerziehungsprogramme haben noch nie etwas gebracht, meint in der Welt Matthias Heine, der den Leitfaden mit dem "Linguistic Engineering" unter Mao vergleicht: "Am niederschmetterndsten offenbart sich die Unmöglichkeit, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit durch sprachliche Umetikettierungen aus der Welt zu schaffen, aber in den USA. Dort sind die Schwarzen in den vergangenen 150 Jahren x-mal umbenannt worden: Aus Niggern wurden Negroes, aus Negroes wurden Colored, aus Colored wurden Black Americans, aus Black Americans wurden Afroamericans, aus Afroamericans wurden People of Color, ohne dass sich deshalb irgendwas am Rassismus geändert hat. Im Gegenteil: Fast alle diese Bezeichnungen wurden von manchen der so Genannten bald als beleidigend empfunden."