Magazinrundschau - Archiv

Atlantic

234 Presseschau-Absätze - Seite 23 von 24

Magazinrundschau vom 19.05.2003 - The Atlantic

Im Netz zu lesen ist eine Geschichte von James Fallows, der den Tod des palästinensischen Jungen Mohammed al-Dura nachrecherchiert hat, der im September 2000 bei Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und israelischen Soldaten erschossen wurde. Das Bild des Jungen, wie er zusammengekauert in den Armen seines hilflosen Vaters stirbt, wurde zur Ikone in der gesamten arabische Welt, zu einer Art "Pieta". Nur: "Es scheint, dass der Junge nicht so gestorben sein kann, wie es die Medien weltweit berichtet haben, und wie es in der gesamten islamischen Welt inbrünstig geglaubt wird. Was auch immer ihm passiert ist, er wurde von keinem der israelischen Soldaten erschossen, die bekanntermaßen in die Kämpfe dieses Tages verwickelt waren. Die entlastenden Beweise kommen weder von Israels Regierung noch vom Militär, die ja ein offensichtliches Interesse daran hätten, ihre Soldaten von der Verantwortung freizusprechen, sondern aus anderen Quellen." Die Ermittlungen, so Fallows, wurden von einer Vielzahl von Akademikern, Ex-Soldaten und Web-Loggern geführt, die von dem Fall besessen sind und deren Beweise überprüft werden können. Alles weitere legt Fallows dann auf acht Seiten dar.

Weitere Artikel: Christopher Hitchens zerpflückt nach allen Regeln der Kunst Bob Woodwards Bestseller "Bush at War", das seiner Meinung den Tiefpunkt von Woodwards Karriere und des investigativen Journalismus darstellt: Es tauche keine einzige "zweite Quelle" auf. David Kipen erklärt, warum Baseball so langweilig geworden ist. Michelle Cottle fragt, was eigentlich passiert wäre, wenn am 11.September das Capitol getroffen worden wäre und die Vereinigten Staaten kein Parlament mehr gehabt hätten.

Mona Simpson empfiehlt die außergewöhnlichen Erinnerungen von Azar Nafisi "Reading Lolita in Tehran", die die iranische Revolution als Geschichte ihres universitären Lesezirkels erzählt. Philip Hensher zeigt sich enttäuscht über die neue englische Übersetzung von Stendhals "Le Rouge et le Noire". Zu lesen sind außerdem Lysley Tenorios Kurzgeschichte "Mosntress" und Gedichte von Teresa Cader, David Barber sowie Erica Funkhouser.

Nur im Print: In der Titelgeschichte schildert Bruce Hoffmann die Logik der Selbstmordattentate und wie sie dazu führen, dass die Welt von Tag zu ein Tag ein wenig mehr wie Israel wird: "Selbstmordattentäter sind billig und effektiv. Sie sind unkompliziert, verraten niemanden und garantieren Berichterstattung. Der Selbstmordattentäter ist die ultimative intelligente Bombe: Er reißt am Gewebe des Vertrauen, das die Gesellschaft zusammenhält." In einem weiteren Artikel fragt David Brookes, wie Saddam Hussein in Europa "populärer" werden konnte als George Bush. "Mehrheiten in Europa gaben in Umfragen an, dass Saddam keine größere Gefahr für den Frieden darstelle als George Bush. Zum Teil mag dies purer Antiamerikanismus sein. Zum Teil steckt dahinter eine starke, wenn auch heimliche Bewunderung für grausame Macht und unverhohlene Stärke."

Magazinrundschau vom 22.04.2003 - The Atlantic

Die Titelgeschichte über den Niedergang des saudischen Herrscherhauses ist leider, leider den Leser der Printausgabe vorbehalten.

Timothy W. Ryback hat in der Raritätensammlung der Library of Congress eine fast vergessene Sammlung wiederentdeckt: Hitlers Bibliothek, die die 101. Luftlandedivision 1945 in einer Berchtesgardener Salzmine gefunden hatte. Seit fünfzig Jahren lagern dort - selbst von Hitlers Biografen unbeachtet - handsignierte Ernst-Jünger-Ausgaben, Germanen-Handbücher und vegetarische Kochbücher: "Bücher schienen bei praktisch jeder Gelegenheit das bevorzugte Geschenk für Hitler gewesen zu sein. Seine Bibliothek enthält Bücher mit Widmungen zu Weihnachten, zum Geburtstag oder andere Feste. Ein Buch mit dem Titel "Tod und Unsterblichkeit in der Weltsicht indogermanischer Denker" ist Hitler von SS-Führer Heinrich Himmler zum 'Julfest 1938' gewidmet worden. Ich entdeckte auch Bücher, die ihm die Filmemacherin Leni Riefenstahl geschenkt hatte - zwei über die Olympischen Spiele in Berlin und die seltene achtbändige Erstausgabe von Johann Gottlieb Fichtes Gesammelten Werken. Die beiden ersten Bücher überraschen nicht, der Fichte irgendwie schon."

Bernard Lewis weist in seinen Überlegungen zu Religion und Zivilisation darauf hin, dass der Islam als Religion vom Islam als Zivilisation unterschieden werden sollte, wenn man den "Clash of civilization" diskutieren will: "Wir sprechen auch bei nicht-religiöser Kunst immer von einer islamischen, auch wenn wir Kunstwerke meinen, die einfach nur in der islamischen Welt hergestellt wurden. Wir sprechen von Islamischer Wissenschaft und meinen Physik, Chemie, Mathematik, Biologie und den übrigen Errungenschaften der muslimischen Zivilisation. Wenn wir von christlicher Wissenschaft sprechen, meinen wir dabei schon etwas anderes."

Weitere Artikel: Zu lesen ist ein letzter Text des im Irakkrieg getöteten Reporters Michael Kelly. In seinem "Letter from Kuwait" schreibt er über falsche Freunde und falschen Frieden. Christopher Hitchens hat im Werk von Evelyn Waugh (mehr hier)eine bemerkenswerte Entdeckung gemacht: Reaktionäre können mutig sein und Snobs wunderbare Prosa schreiben.

Geoffrey Wheatcroft hat bei neuerlicher Lektüre des "Bildnis des Dorian Gray" in einer bisher vernachlässigten Figur Oscar Wilde erkannt und zwar in Lord Henry Wotton! Sandra Tsing Loh fragt sich, warum die Kindererziehung trotz all der auf den Markt geworfenen Experten-Literatur nicht einfacher werden will (wahrscheinlich genau deswegen). Zu lesen ist auch die Kurzgeschichte "A Good Country" von Geeta Sharma Jensen und zwei Gedichte: "A Morris Dance" von Mary Jo Salter sowie "Amateur Iconography" von A. E. Stallings.

Besprochen werden weitere Bücher, darunter Cristina Garcias kubanische Emigranten-Saga "Monkey Hunting" und Robert Stones Roman "Bay of Souls".

Magazinrundschau vom 24.03.2003 - The Atlantic

Zum Irakkrieg hat Atlantic Monthly eine ganze Reihe älterer Artikel aus dem Archiv geholt und freigeschaltet:

Zum Beispiel Mark Bowdens ausführliches Porträt Saddam Husseins: "Der Gesalbte, der glorreiche Führer, der direkter Nachkomme des Propheten, Präsident des Irak, Vorsitzende des revolutionären Kommandorates und Doktor seiner eigenen Rechte steht um drei Uhr morgens auf. Er schläft in der Nacht nur drei oder vier Stunden. Sobald er aufgestanden ist, geht er schwimmen. All seine Paläste haben Pools. Wasser ist ein Symbol des Wohlstands in einem Wüstenstaat wie dem Irak, und Saddam verspritzt es überall ... Er hat einen schlimmen Rücken, und Schwimmen hilft. Es hält natürlich auch fit. Das befriedigt seine Eitelkeit, die geradezu episch ist, aber Fitness ist auch aus einem anderen Grund wichtig. Er ist jetzt sechsundfünfzig, ein alter Mann, aber da seine Macht in Angst, nicht in Zustimmung gründet, darf man ihm das Altern nicht ansehen. Der Tyrann kann es sich nicht leisten, gebeugt, gebrechlich und grau zu werden."

Oder Robert D. Kaplans Post-Saddam-Szenario, das sich nicht besonders ermutigend liest, aber wahrscheinlich recht realistisch ist: "Unser Ziel im Irak sollte eine säkulare Übergangs-Diktatur sein, die die kaufmännischen Klassen über die konfessionellen Trennungslinien hinweg vereint."

Für das aktuelle Heft hat sich Kaplan in Eritrea und dem Jemen umgesehen, den wahrscheinlich nächsten Etappen im "Krieg gegen den Terror". Während es Eritrea dank "albanischer Abschottung" und "maoistischer Mobilisierung" zu einem halbwegs stabilen Staat gebracht hat, so Kaplan, sieht es im Jemen ziemlich düster aus: "Nehmen Sie den Wadi Hadhramaut, eine hundert Meilen lange Oase in Südosten des Jemen, bewohnt seit 1000 vor Christus. Trotz seiner Abgeschiedenheit und einer Geschichte von Stammesfeindschaften, hat die Region über Jahrhunderte Verbindungen zu Indien und Indonesien aufrechterhalten. Der Nizam von Hyderabad hat seine Bodyguards ausschließlich unter den Kriegern der Hadhrami rekrutiert. Auch mit Saudi-Arabien ist die Gegend verbunden, über die alten Karawanen-Routen der Beduinen. Heute ergibt dies alles das passende soziale und ökonomische Netzwerk, in dem eine Organisation wie Al Qaida ihr globales Geschäft betreiben kann - vor allem weil Osama bin Ladens Familie genau in dieser Hadhramaut-Gegend ihren Ursprung hat."

Weitere Artikel: Christopher Hitchens (mehr hierwirft einer ganzen Reihe Autoren - von Salman Rushdie über Oriana Falaci bis zu V.S. Naipaul - vor, in ihrer Kritik am Islam nicht stringent genug zu sein. Einzige Ausnahme ist ihm Stephen Schwartz, der gerade das Buch "The Two Faces of Islam" veröffentlicht hat, in dem er mit der Wahabitischen Ausrichtung hart ins Gericht geht, wie auch in einem online zu lesenden Interview. Michael Kelly bemerkt mit Blick auf einige "lamentierende" oder gar Antikriegsgedichte schreibende Autoren, wie "schwer, gefährlich, verdammt mutig, selbstlos und wirklich einsam" es im Moment sein muss, das Gewissen der amerikanischen Nation zu sein. James Wood fragt, wie gut der Romancier Henry James eigentlich wirklich war. Perry Anderson zeigt sich enttäuscht von William Taubmans Chruschtschow-Biografie. Außerdem sind die Kurzgeschichte "We have a Pope" von Christopher Buckley zu lesen sowie Gedichte von Jesse Iott, W. D. Snodgrass und T. R. Hummer.

Nur im Print: Der Historiker und Journalist Richard Brookhiser zeichnet ein ausführliches Porträt George W. Bushs. In einem Online-Interview erklärt er, wie Bush "tickt" und versichert, dass der Mann zwar absolut uncharismatisch und unfähig sei, zwei Sätze hintereinander zu sagen, dabei aber ziemlich intelligent und ein hervorragender Manager sei.

Magazinrundschau vom 24.02.2003 - The Atlantic

Die Titelgeschichte ist leider nur im Print zu lesen. Dabei hätten wir gerne von Bill Clinton erfahren, was wir von ihm noch alles zu erwarten haben. Das sagt er nämlich im Interview.

Entschädigt werden wir aber mit einem großartigen Porträt des gestürzten "Herrschers über das Jazz-Universum", Wynton Marsalis (mehr hier und hier). David Hajdu beschreibt eine wunderbare Szene während eines Konzerts, das Marsalis im Sommer 2001 in einem New Yorker Jazzclub gab. So alt und schwer geworden, dass ihn nicht einmal seine versammelten Anhänger erkannten, spielte er gerade das Stück "I Don't Stand a Ghost of a Chance With You", und kaum jemand hörte zu: "Am Höhepunkt angelangt, spielte Marsalis die Titelphrase, wobei er jeden Ton länger hielt als den vorigen. 'I Don't stand...a ghost...of...a...chance...' Ausgerechnet im dramatischsten Moment klingelte ein Handy. Die Leute fingen an zu kichern und wieder ihre Drinks zu schlürfen. Der Moment - der gesamte Auftritt - war entzaubert. Marsalis machte eine kurze Pause, die Augenbrauen hochgezogen. Der Störenfried verzog sich mit seinem Handy in die Vorhalle, die Gespräche im Raum wurden lauter. Noch immer wie zu Eis gefroren, spielte Marsalis auf einmal die alberne Handy-Melodie Note für Note nach. Dann wiederholte er sie und begann über diese Tonfolge zu improvisieren. Langsam kam das Publikum zu ihm zurück. In wenigen Minuten löste er die Improvisation auf - und endete exakt dort, wo er aufgehört hatte: '...with... you'. Die Ovationen waren überwältigend."

Christopher Hitchens wundert sich, dass wir Imperialismus noch immer mit der Formel "Teile und Herrsche" in Verbindung bringen, dabei sollten wir seit dem Britischen Empire wissen, dass sein Konzept des "Teile und verzieh Dich" die bedeutend fataleren Konsequenzen hatte. Mit Blick auf Pakistan und Indien, Nordirland und Zypern stellt er fest: "Als generelle Regel kann man wohl fassen, dass jede Teilung mit Ausnahme Deutschlands zu einem Krieg führte oder zu einer weiteren Teilung oder zu beidem.

David Brooks räumt mit dem gängigen Vorurteil auf, dass die Welt immer säkularer geworden sei. "Der Säkularismus hat keine Zukunft, er ist höchstens die gestrige, irrige Vision einer Zukunft." Und Jonathan Rauch bricht schließlich eine Lanze für das bedauernswerte Häuflein der Introvertierten, die nicht nur in den USA, aber dort wohl besonders, ein hartes Dasein fristen.

Außerdem zu lesen: eine Kurzgeschichte von Kimberley Elkins sowie Gedichte von Lee Upton

Magazinrundschau vom 20.01.2003 - The Atlantic

Viel zu lesen gibt es diesmal im Atlantic. Ein ganzes Dossier hat das Blatt in Kooperation mit der New America Foundation zur wirklichen Lage der Nation zusammengestellt. Denn wenn auch die rituellen Präsidenten-Reden die Lage für "gut" oder "besser denn je" erklären, könne man sich trotzdem doch darüber einmal ernsthaft Gedanken machen, meint James Fellow (selbst Redenschreiber bei Jimmy Carter) in seinem Editorial. Er zumindest findet es einfach nur "bestürzend", wie veraltet und wirklichkeitsfern die Politik geworden sei.

Weiteres im Dossier: Jedediah Purdy etwa sieht in den USA eine neue Kultur des Verdachts entstehen, Gregory Rodriguez beklagt die verschwindend geringe Zahl von interethnischen Ehen, Margaret Talbot stellt fest, dass die Gefängnisse die kriminellen Energien ihrer Insassen noch steigern, Jonathan Rauch will die Rentner entmachten. Weitere Artikel widmen sich der Kluft zwischen schwarzen Frauen und schwarzen Männern, dem so ungleich verteilten Reichtum, der Bildung, dem Gesundheitssystem, der Umwelt und, und, und.

Lesenswert ist auch der Text von Christopher Hitchens (mehr hier), der sich der Debatte um den alliierten Luftkrieg widmet, die nun auch die USA erreicht hat, seit dort W.G. Sebalds berühmter Essay (mehr hier) über die Frage, warum die Deutschen die Zerstörung ihrer Städte vergessen haben, im New Yorker abgedruckt wurde. Zwar macht Hitchens auch bei Sebald - wie schon bei Thomas Mann - diese merkwürdige Kombination aus Arroganz und Selbstmitleid aus, für die Deutschen so berüchtigt seien (wie die Briten es offenbar gern fassen: "The Germans are either at your throat or at your feet"). Doch insgesamt gibt er ihm durchaus Recht: "Das Bombardierung Dresdens war so entsetzlich total, dass sie einen Victor Klemperer ebenso hätte töten können, wie sie ihn tatsächlich gerettet hat." Und etwas pathetisch meint er: "Patrioten wollen weder, dass ihr Land andere demütigt oder ermordet, noch, dass ihr Land gedemütigt oder gemordet wird. Deutschland hat beiderlei Schrecken im vollen Ausmaß erfahren, und Sebald erfährt diesen Widerspruch bis zu den Grenzen der Erträglichkeit."

Und Thomas Byrne Edsall hat eine interessante Entwicklung in der amerikanischen Politik erkannt: Nicht mehr das Einkommen sei die Schlüsselvariable bei Wahlen, sondern der Sex.

Magazinrundschau vom 25.11.2002 - The Atlantic

Ob JFKs Krankenakte oder das Recycling-Prorgramm für Langzeit-Diktatoren, Atlantic Monthly hat diesen Monat eine Menge Lesenwertes zu bieten!

Der Präsidenten-Historiker Robert Dallek (homepage) hat Einsicht erhalten in die medizinischen Akten von John F. Kennedy. Aus den Akten geht hervor, dass Kennedy erhebliche gesundheitliche Probleme hatte, deren medikamentöse Behandlung weitere schwere Leiden hervorriefen - und von denen kaum jemand wusste. In einem äußerst interessanten Telefon-Interview mit Sage Stossel denkt Dallek nach über die Vereinbarkeit einer solchen Geheimhaltung mit den praktischen und ethischen Verpflichtungen eines Präsidenten. "Bevor ich mich mit diesen medizinischen Aufzeichnungen beschäftigt habe, war ich der Meinung: Ja, Präsidenten haben die Pflicht, uns von ihren gesundheitlichen Problemen in Kenntnis zu setzen. Jetzt, nachdem ich mir all dies angesehen habe, muss ich sagen: Ja, ich glaube, dass Präsidenten mit offenen Karten spielen sollten und uns aufrichtig erklären sollten, welche gesundheitlichen Schwierigkeiten sie haben. Doch auf der anderen Seite ist es so gut wie sicher, dass Kennedy, hätte er das getan, nicht zum Präsidenten gewählt worden wäre. Und ich denke, er war, alles in allem, ein sehr wirkungsvoller und erfolgreicher Präsident."
Leider nur im Print zu lesen ist der dazugehörige Artikel "The Medical Ordeals of JFK", in dem Dallek John F. Kennedys Krankenakte analysiert.

Langzeit-Diktatoren sind ein Problem, stellt Cullen Murphy bekümmert fest. "Das Verwaltungs-Dilemma, das die Diktatoren dieser Welt darstellen, ist akut. Viele unter ihnen wollen einfach nicht aus dem Amt scheiden, und die, die dazu bereit wären, haben oft keinen Ort, an dem sie sicher wären vor rechtlichen Unannehmlichkeiten und körperlichen Repressalien." Schlimm! Um diesem Problem zu begegnen, hat die Boston University das "Lloyd G. Balfour African Presidents in Residence Program" ausgearbeitet, bei dem Langzeit-Diktatoren mit einer Universitäts-Sinekure in den USA zum Ausstieg verlockt werden sollen. Murphy findet diese Idee so ausgezeichnet, dass er sie weiterspinnt. Immerhin könnten diese Leute noch viel Gutes tun: General Assad, zum Beispiel, wäre die ideale Antwort auf die Bedürfnisse des von andauerndem Zwist geplagten English Department der Columbia University: "Solche Spaltungen würden natürlich als eine Kleinigkeit angesehen werden von jemandem wie dem zum Augenarzt gewordenen starken Mann Bashar al-Assad. Drei Jahrzehnte lang hat die Assad-Familie auf brutale Weise die zentrifugalen Kräfte (Drusen, Christen, alawitische Moslems, sunnitische Moslem, Kurden, Armenen, Palästinenser) in Schach gehalten, die sonst Syrien - ein mentales Konstrukt, das nicht minder lächerlich ist, als 'English Departments' manchmal sein können - auseinander gerissen hätten. Assad wäre geradezu ein Glückstreffer für eine jede Intrige zwischen Post-Strukturalisten und Semiotikern."

Im Rampenlicht des Centerpiece steht diesmal das amerikanische Schach-Genie Bobby Fischer (mehr hier und hier). Von Rene Chun erfahren wir von Fischers unglaublicher und gerade in Zeiten des Kalten Krieges brisanten Schach-Karriere und der Paranoia, die ihn zum ersten polizeilich gesuchten Schach-Großmeister machte.

Weitere Artikel: Der Rechtswissenschaftler Randall Kennedy (mehr hier und hier) berichtet, dass auch wenn die Akzeptanz von "Mischehen" erheblich gestiegen ist, die Ehen zwischen Schwarzen und Weißen nur einen geringen Anteil davon bilden und immer noch für Kontroversen sorgen. Der schlanke Jonathan Rauch schlägt die Erhebung einer Steuer für Fettleibige vor, die die Kassen des amerikanischen Gesundheitssystem nähren soll. Eyal Press und Jennifer Washburn stellen fest, dass die privaten Hilfsprogramme für gefährdete Jugendliche (die sogenannte at-risk-youth) nicht den erhofften Erfolg gebracht haben. Christopher Hitchens beschäftigt sich mit dem verkannten russischen Denker Alexander Herzen, den Tom Stoppard in seiner Theater-Trilogie "The Coast of Utopia" zur beherrschenden Figur gemacht hat. Außerdem lobt Mona Simpson Alice McDermotts neuen Roman "Child of my heart", der so anders ist, als ihre bisherigen Bücher.

Nur im Print: Marjorie Garber macht sich Gedanken über das Genie, eine Idee, die wir angeblich nicht aufgeben wollen. Und Jessica Cohen erzählt die Geschichte eines kinderlosen Ehepaares, das in einer College-Zeitung 25.000 Dollar für die Eier einer Einserabsolventin aus Yale geboten. Es antwortete jedoch eine Studienanfängerin.

Magazinrundschau vom 21.10.2002 - The Atlantic

Atlantic Monthly probt diesen Monat den Größenwahn und bewundert sich im Spiegel!

Turkmenistans Präsident Saparmurat Niyazov (mehr hier) leidet an Größenwahn, verkündet Cullen Murphy. Er hat sich selbst den Ehrentitel "Turkmenbashi" verliehen - "Großer Führer aller Turkmenen" - und sein Porträt erscheint auf der nationalen Währung, auf Wodkaflaschen und Teepackungen. Er hat sogar den Monat Januar nach sich umbenannt. Aber nun mal ehrlich: "Wir alle besitzen einen inneren Turkmenbashi. Das ist der Teil von uns, der sich danach verzehrt, der absolute Herrscher eines souveränen Staates zu sein, und sei er noch so mitleiderregend." Leider könne man nur den Kopf schütteln über den "kitschigen Exzess" der tatsächlichen Führer und die Abwesenheit jeglicher "sozialer Veränderung, die einen wirklich visionären Führer gereizt hätte. Und so verkündet Murphy feierlich: "Wenn ich in den Schuhen des Großen Führers stecken würde, und die Kalenderreform wäre vollbracht, ich würde mir eine ambitioniertere Agenda ausdenken."

David Brooks erklärt, dass die USA "Elitismus" demokratisiert haben, und dass nun "jeder ein Snob sein kann". Welche Probleme das mit sich bringt, liegt für Brooks auf der Hand: eine große Unwissenheit über die eigenen Mitbürger, ein "lässiger Relativismus" und eine "nationale Stagnation". "Auf der anderen Seite ist es eine Wonne, sich als 'Gott, der Schöpfer' seiner eigenen kleinen Gemeinschaft zu fühlen. Und so ist es vielleicht unvermeidlich, dass wir uns einfach zurücklehnen und der fortschreitenden Segmentierung unserer Gesellschaft zusehen werden. Für diesen Fall schlage ich ein neues Denkmal für die Mall in Washington vor: eine riesige kreisförmige Struktur, außen mit strahlendem Marmor und mit vergrößernden Spiegeln, die die inneren Wände bedecken. Man könnte hineingehen und das eigene Spiegelbild aus allen Winkeln bewundern. Und wenn man die Mitte erreicht hätte, würde eine große Neonschrift angehen und der Welt das Kredo dieser Ära verkünden: 'Ich gefalle mir.' "

Das Herzstück dieser Ausgabe: Gerne wären wir mitgeflogen, aber während in der Printausgabe Mark Bowden im Cockpit eines amerikanischen Kampffliegers über Afghanistan hinwegschießt, bleibt den Internet-Lesern nur ihre Phantasie.

Weitere Artikel: "Was nun?", fragt Michael Kelly und meint damit den bevorstehenden Irak-Krieg und die Zeit danach. James Fallows antwortet gewissermaßen auf diese Frage und entwirft ein langfristiges Szenario für den 51. amerikanischen Bundesstaat - den Irak. Dass es sich empfiehlt über ein solches Nachkriegsszenario nachzudenken, bevor man in den Krieg zieht, erklärt Fallows auch in einem E-Mail-Interview mit Katie Bacon (nur im Netz). Auch Robert D. Kaplan plant die irakische Zukunft - nach Saddam Hussein, natürlich aus amerikanischer Perspektive. Charles A. Kupchan vermutet, dass der nächste anstehende "Krieg der Zivilisationen" zwischen den Vereinigten Staaten und Europa ausgetragen wird, und dass sich die USA darüber noch nicht einmal im Klaren sind.

In "Varieties of Religious Experience" setzt John Updike ein Kaleidoskop des 11. Septembers zusammen.

Nur im Print zu lesen, unter anderem, ein Ranking der Kino-Präsidenten und eine Zeichnung mit dem schmackhaftem Titel "The Four Holidays of the Apocalypse" von Edward Sorel.

Magazinrundschau vom 23.09.2002 - The Atlantic

"The history of the 1990s needs to be rewritten", verkündet Joseph Stiglitz, ehemals Wirtschaftsberater von Bill Clinton, Chefökonom der Weltbank und Nobelpreisträger in seinem Rückblick auf die Roaring Nineties. Die einfache Gleichung nämlich, wonach Clinton für Prosperität, Jobs und sinkende Armut steht, während Bush die Rezession, gefälschte Bilanzen und Firmenpleiten gebracht hat, gehe gar nicht auf, eröffnet Stiglitz uns: "It would be nice for us veterans of the Clinton Administration if we could simply blame mismanagement by President George W. Bush's economic team for this seemingly sudden turnaround in the economy, which coincided so closely with its taking charge. But the economy was slipping into recession even before Bush took office, and the corporate scandals that are rocking America began much earlier: Accounting standards slipped; deregulation was taken further than it should have been; and corporate greed was pandered to", schreibt Stiglitz: "We have focused so hard on our own economic mythology, and on managing globalization to our short-term benefit, that we have been blind to what we're doing to ourselves and the world."

Weitere Artikel: Christopher Hitchens hat die neue Byron-Biografie von Fiona MacCarthy gelesen und möchte vor allem dem Kindermädchen May Gray ein Denkmal setzen, das den jungen Byron so lange mit Zärtlichkeiten, Peitsche und Höllenandrohungen traktiert haben soll, bis er das intime Verhältnis von Sex und Grausamkeit, von Autorität und Unterordnung gewinnbringend für die romantische Bewegung verinnerlicht hatte. (Mehr zu Byron im Netz finden Sie hier.) Thomas Mallon erkennt bei der britischen Jungautorin Zadie Smith ("Zähne zeigen") das typische "second novel"-Syndrom, ihr zweiter Roman "The Autograph Man" liefere "too little too soon". Und Alice McDermott schließlich hält William Trevors neuen Roman "The Story of Lucy Gault" für die bislang traurigste Geschichte, die der anglo-irische Schriftsteller jemals erzählt habe. Außerdem gibt es natürlich die Lyrik im Netz: Zu hören sind Gedichte von Lola Haskins, Jonathan Musgrove, Marilyn Krysl, zu lesen ist eins von Laura Fargas.

Nur im Print: Philip Jenkins, Religionswissenschaftler und Historiker an der Pennsylvania State University, sieht das Christentum an einem historischen Wendepunkt, der sich mindestens so epochal auswirken wird wie die Reformation (Online-Leser können sich mit einem Interview mit Jenkins über seine These trösten). Und der unvergleichliche William Langewiesche schließt mit "Dance of the Dinosaurs" seine dreiteilige Serie über die Aufräumarbeiten von ground zero ab. Diesmal geht es um die tribalistischen Auseinandersetzungen zwischen den Gewerkschaften, Feuerwehr, Polizei und Stadtregierung.

Magazinrundschau vom 24.06.2002 - The Atlantic

Der fabelhafte William Langewiesche ist zurück (Sie erinnern sich an seine Reportagen über die Schiffsabwracker in Indien und den Wein-Guru Robert Parker?). Sechs Monate lang hat er offenbar als einziger Journalist Zugang zu ground zero erhalten. Langewiesche hat sich durch die Trümmer des World Trade Centers gegraben, die Bergungs- und Aufräumarbeiten begleitet, mit Polizisten, Feuerwehr-Leuten, Forensikern und Ingenieuren gesprochen. Im Netz zu lesen sind leider nur Auszüge seines sagenhaften Reports "American Ground: Unbuilding the World Trade Center", unter anderem dieser: "Early on I found a piece of high ground from which to watch the changes. It was inside the severely damaged and deserted Bankers Trust building, a black steel structure forty floors high, which stood across Liberty Street from the ruins and was eventually draped in dark safety netting and hung with a large American flag. During the South Tower's collapse steel spears and column sections had plunged into Bankers Trust, tearing a huge gash in its north face, destroying a load-bearing column for ten floors, spilling tons of office innards, and leaving the partially demolished floor slabs to sag like hammocks over a deadly void. In a crater at the base a mound of rubble lay laced with the remains of people who had been killed in the South Tower or on the street. There was serious concern at first that the building would not stand, but it did. And apparently no one had died inside. Firemen checked the spaces quickly, leaving their fluorescent-orange graffiti - SEARCHED - on each floor. In the dust that coated one wood-paneled wall someone, maybe from the Boston Fire Department's team, drew a sad face and scrawled, "Kill All Muslims / 9-11-01 / B.F.D."

Dazu hat Atlantic ein Interview mit Langewiesche ins Netz gestellt, in dem er erklärt, warum das World Trade Center zum Schlechtesten zählt, was die USA hervorgebracht haben, die Beseitigung seiner Trümmer jedoch - sagen wir, abgesehen vom einen oder anderen Graffiti - zum Besten.

Weitere Artikel: Mit einem Doppelklick hat sich Michael Benson ins Weltall katapultiert und schwärmt über die beste Show der Welt, die auf den Seiten der NASA zu sehen sei (Videos von der Marsexpedition etwa sind hier zu sehen, von den Missionen zum Mond hier). Kenneth Brower befürchtet, dass Ansel Adams von der Retrospektive zu seinem 100. Geburtstag, die gerade durch die USA tourt, nicht begeistert wäre.

Literatur gibt es natürlich auch noch: Besprechungen widmen sich Robert A. Caros Lyndon-Johnson-Biografie "Master of the Senate", Derwent Mays Geschichte des Times Literary Supllement "Critical Times", Walter Mosleys neuem Easy-Rawlins-Krimi "Bad Boy Brawly Brown". Und Christopher Hitchens hat noch einmal Upton Sinclair gelesen.

Zu lesen ist außerdem die Kurzgeschichte "Report From Junction" von Brad Vice, zu hören sind Gedichte von Michael Collier, Robert Thomas, Cathy Smith und Sharon Olds.