Magazinrundschau - Archiv

Atlantic

238 Presseschau-Absätze - Seite 23 von 24

Magazinrundschau vom 20.10.2003 - The Atlantic

Nicht online lesen dürfen wir William Langewiesches große Reportage über den letzten Flug der Columbia oder James Manns Erinnerung an den jungen Donald Rumsfeld. Online gestellt ist ein Interview mit Mann, in dem er beschreibt, wie sich Rumsfeld von einer Taube zum Falken entwickelt hat. Online gestellt ist außerdem die ganze letzte Ausgabe! Darunter eine große Reportage von Mary Anne Weaver über die Frage, wer in Ägypten, dem bevölkerungsreichsten und wichtigsten arabischen Land, die Nachfolge des 75-jährigen Mubarak antreten könnte. Und ein Text von Mark Bowden über die "Dunkle Kunst des Verhörs", kurz: die Folter.

Aus der neuen Ausgabe: Philip Jenkins porträtiert den Erzbischof von Nigeria, Peter Jasper Akinola, auf den laut Jenkins alle Augen der anglikanischen Kirche gerichtet sind. Akinola hatte jüngst die Überlegungen der Kirche, schwule Lebensgemeinschaften unter Priestern zu erlauben, als "satanischen Angriff auf Gottes Kirche" verdammt: "Selbst in der Welt von Tieren, von Hunden, Kühen und Löwen, hören wir nichts on derartigen Dingen." Schön findet Jenkins das nicht, zeigt aber trotzdem Verständnis. "Wenn die anglikanische Gemeinde schwule Priester und Lebensgemeinschaften akzeptierte, würden die Muslime in Nigeria einen enormen Propaganda-Sieg davontragen - und in Dutzenden von anderen afrikanischen Ländern, in denen Christen und Muslime um Gläubige buhlen, oft mit Gewalt."

Ebenfalls im Netz ist der große Report über das Zulassungssystem der amerikanischen Colleges, bekanntlich der wichtigste "Kampfplatz im brutalen Wettkampf um Prestige". Dazu beschreibt James Fallows das große Chaos an den Unis, Don Peck erzählt, wie die Ablehnungszahlen der Unis zum allgemeinen Fetisch geworden sind. Nicholas Confessore bezweifelt Sinn und Zweck von Rankings.

Christopher Hitchens erläutert uns anhand von Fred Kaplans "The Singular Mark Twain" (Auszug), wie man eine Biografie nicht schreiben sollte. Caitlin Flanagan hat von Rachel Safier erfahren, wie man eine Hochzeit absagt und dabei Haltung und Gesicht wahrt. Besprochen werden außerdem Shirley Hazzards erstes Buch seit 23 Jahren, der meisterliche Roman "The Great Fire" (Auszug), eine neue Ausgabe von John Updikes frühen Erzählungen "The Early Stories 1953-1975", Peter Careys neuer Roman "My Life as a Fake" und eine erste militärgeschichtliche Studie zum Irakkrieg von Williamson Murray und Major General Robert H. Scales Jr.

Magazinrundschau vom 22.09.2003 - The Atlantic

Zumindest so lange er noch zögerte, galt Wesley Clark als Traumkandidat der Demokraten für das Präsidentenamt und auch für Joshua Green, der doch recht beeindruckt ist vom ehemaligen Vier-Sterne-General, Nato-Oberbefehlshaber, Kriegsheld und Rhodes-Stipendiat. "Drahtig und selbstsicher, mit gepflegtem grauen Haar, tritt er wie jemand auf, der es gewohnt ist, Verantwortung zu tragen. Hinter einem Pult oder im Fernsehen wird dies nicht so deutlich, doch persönlich ist er von solcher Spannung, dass man fürchten muss, bei Berührung einen elektrischen Schlag zu bekommen." (Übrigens hatte der Filmemacher Michael Moore - wahrlich kein Konservativer - kürzlich in einem offenen Brief Clark aufgefordert, bei den Präsidentschaftswahlen gegen George W. Bush zu kandidieren. Die FAZ am Sonntag hatte den Brief abgedruckt. Hier das Original. Und hier ein Link zur Seite der Clark-Anhänger.)

Warum es tatsächlich eine gute Idee ist, als politischer Außenseiter ins Rennen um die Präsidentschaft zu gehen, erklärt David Brooks: "In den vergangenen vier Jahrzehnten haben 49 Kongress-Mitglieder für das Präsidentenamt kandidiert. Alle haben verloren."

Wenn die Umweltschützer es nur zuließen, könnte Gentechnik in den nächsten fünfzig die meisten Probleme der Erde lösen, ist Jonathan Rauch überzeugt, der im folgenden auf zehn Seiten die Segnungen der Gentechnik besingt (ganze drei Zeilen sind den Risiken und Einwänden vorbehalten): "Die Produktion von Nahrung wird sich in den nächsten Dekaden verdoppeln, möglicherweise verdreifachen müssen. Selbst wenn die Produktion mit konventioneller Technologie derart gesteigert werden könnte, was zweifelhaft ist, wäre die nötige Menge an Pestiziden, Düngemittel und anderen schädlichen Chemikalien immens." Gentechnik dagegen könnte den Anbau ergiebiger machen, die Abholzung der Regenwälder und Savannen aufhalten, die Wasserverschmutzung beenden, den Boden fruchtbar halten, und und und, weswegen Rauch sogar einen Ausblick wagt: "In spätestens zehn Jahren werden amerikanische Unweltschützer (die europäischen sind dogmatischer) Gentechnik als ihr wirksamstes Mittel ansehen."

Angeregt von Peter Ackroyds "Albion" versucht Christopher Hitchens, das Bild des rätselhaften Engländers zu erklären: "Die Engländer haben nicht ganz zu unrecht den Ruf, robust und nüchtern zu sein, auch wenn sie sich vor allem in der Poesie ausgezeichnet haben. Sie werden für schüchtern, zurückgezogen und - besonders von Hollywood - für geziert bis verweichlicht gehalten, auch wenn bisher wenige Menschen eine erschreckendere und mitleidlosere Begabung zur Gewalt gezeigt haben. Ihre Vorliebe für Blumen und Tiere ist ein national wie international gern gemachter Witz, auch wenn es keinerlei Beweis für eine ähnliche Zärtlichkeit gegenüber, sagen wir, der nationalen Küche gibt. Von ihrem Naturell her sind sie egalitär und demokratisch, sogar populistisch, auch wenn sich der Kult um Aristokratie und Hierarchie erschreckend hartnäckig hält."

Harte Worte findet Benjamin Schwarz für Joan Didions neues Kalifornien-Buch "Where I was from", er findet es selbstgefällig und langweilig und Didion klar auf dem absteigenden Ast.

Nur im Print: Mark Bowden großer Report "The Dark Art of Interrogation"über die, nun ja, verschärften Verhörtechniken, die im Kampf um Informationen und gegen den Terror neuerdings in den USA angewendet werden; Mary Anne Weaver Suche nach einem Nachfolger für Ägyptens Präsident Mubarak und James Shreeves Porträt des TV-Schimpansen Oliver.

Magazinrundschau vom 18.08.2003 - The Atlantic

In einem ungefähr zwanzigseitigen Report führt James Fallows vor Augen, wie sich die Regierung Bush daran macht, die amerikanischen Medien in eine neue Ära zu führen, und zwar in eine des puren Kommerz. Anti-Trust-Gesetze werden gelockert und die Verpflichtung auf das öffentliche Interesse aufgehoben. Lichtgestalt dieses Zeitalters ist natürlich Rupert Murdoch, dem - zur Erinnerung - der Fernsehsender Fox News, die 20th Century Fox Studios, 35 lokale Fernsehstationen, die "New York Post", "The Weekly Standard", "HarperCollins", die Londoner "Times", "The Sun", Satelliten-Systeme in England und Asien ebenso gehören wie die Los Angeles Dodgers (hier der Link zu seinem Imperium). "Vieles sehen ihn als machtversessen, habgierigen, vulgären Reaktionär. Tatsächlich hat Rupert Murdoch unermüdlich daran gearbeitet, sein einzigartiges, weltumspannendes Medien-Netzwerk aufzubauen. Doch was ihn wirklich treibt, ist nicht Ideologie, sondern ein kaltes Gewinnkalkül - und die Überzeugung, dass die Medien wie jedes andere Geschäft behandelt werden sollten, nicht als nahezu heiliges öffentliches Gut. Die Bush-Regierung stimmt darin mit ihm überein. Rubert Murdoch hat die Zukunft gesehen. Und sie gehört ihm."

Eigentlich wäre der kosmopolitische, in Jerusalem und Kairo aufgewachsene, an amerikanischen Elite-Universitäten ausgebildete Edward Said der ideale Mann, um eine Brücke zwischen Orient und Okzident zu schlagen, findet Christopher Hitchens (mehr hier). Nur, warum tut er es nicht? Hitchens hat bei dieser Frage die Neuauflage von berühmtem Buch "Orientalism" im Blick, in der Said weiterhin jegliches Eingreifen des Westen in der islamischen Welt für illegitim erklärt. "Dies wäre gerade noch haltbar, wenn nicht andererseits islamistische Eingriffe in das westliche Leben ein solch wichtiges Moment geworden wären. Als 'Orientalism' zum ersten Mal publiziert wurde, war der Schah noch der Wächter des amerikanischen Kapitals im Iran, und seine Herrschaft war so exorbitant grausam und korrupt, dass Millionen säkularer Iraner willig waren, eine - wie sie meinten - vorübergehende Allianz mit Khomeini einzugehen, um ihn loszuwerden. Heute reichern die iranischen Mullahs Uran an und gewähren flüchtigen Bin Ladens Unterschlupf (die nebenbei ihre Schia-Glaubensgenossen in Afghanistan und Pakistan abschlachteten), während Studenten in Teheran mit amerikanischen Protestparolen ihr Leben riskieren."

Weitere Artikel: Patrick Buchanan stellt rein rhetorisch die "question du jour", ob nämlich George Bush bei den Wahlen 2004 geschlagen werden könnte. Natürlich nicht, und schon gar nicht von den Demokraten. Caitlin Flanagan entdeckt ihre Bewunderung für die gute alte Hausfrau. Jetzt liest sie heimlich "The Settlement Cook Book: The Way to a Man's Heart" und weist nebenbei auf einen interessanten Widerspruch hin: Dass Hollywood nämlich nicht müde wird, die GIs des Zweiten Weltkriegs zu verherrlichen, während es gleichzeitig die Ehemänner der Fünfziger verteufelt - als wären dies nicht dieselben Männer.

Besprochen werden Charles Baxter's neuer Roman "Saul and Patsy", die Biografie der Komikerin Lucille Ball "Ball of Fire" sowie Maile Meloys Debüt "Liars and Saints". Außerdem gibt es wie immer Gedichte von John Updike, Stanley Plumly und W. S. Merwin sowie eine Kurzgeschichte von Elizabeth Stuckey-French zu lesen.

Nur im Print: William Langewiesches großer Report über die Anarchie auf den Meeren, wo Nationen, Schiffseigner und Piraten ihr Unwesen treiben.

Magazinrundschau vom 30.06.2003 - The Atlantic

Alberto R. Gonzales gilt weithin als George Bushs Kandidat für den nächsten freiwerdenden Sitz im Obersten Gerichtshof. Der Mann hat eine Vorgeschichte: Gonzales, heute Berater des Weißen Hauses, schrieb in seiner Zeit als Staatsanwalt von Texas die Memoranden (einige sind hier zu lesen), aufgrund derer Gouverneur George W. Bush die Gnadengesuche von 150 Todeskandidaten ablehnte. Alan Berlow beschreibt einige dieser Fälle, zum Beispiel die Hinrichtung Terry Washingtons, ein wegen Mordes verurteilter geistig behinderter Mann, der den Verstand eines Siebenjährigen hatte. Am Ende seines Artikels erklärt Berlow: "Bei der Zusammenfassung der Fälle Terry Washington, David Stoker und Billy Gardner machte Gonzales Gouverneur Bush nicht darauf aufmerksam, dass unwirksame Verteidigung, essentielle Strafmilderungsgründe und sogar Zweifel an der Schuld des Angeklagten eine Verurteilung bedenklich machten. Dies waren alles Fragen von Leben und Tod, die eine gründliche Erklärung und Diskussion erfordert hätten, die kein Staatsanwalt in Gonzales' Position hätte auslassen dürfen ... In einem Staat, in dem sich die Strafjustiz mit gut-dokumentierter Regelmäßigkeit irrt, war dies ein schwerwiegender Fehler."

Weitere Artikel: David Brooks fragt, ob Tony Blair das ist, was Bill Clinton immer werden wollte: der Welt größter Baby Boomer. Mitglieder des politikwissenschaftlichen Rand-Instituts zeigen zehn Konflikte auf, die für die internationale Sicherheit ein großes Problem darstellen und trotzdem kaum Beachtung finden, etwa der israelische Grenzzaun, die Kluft zwischen Hindus und Moslems in Indien, Aids und Kindersoldaten in Afrika, und und und. Für Christopher Hitchens zeigt Sidney Blumenthals "The Clinton Wars", mit welch seltsamer Mischung aus Zynismus und Naivität all die Berater, Redenschreiber und Spin Doctors in Washington agieren. Außerdem zu lesen die Kurzgeschichte "Love Me" von Garrison Keillor sowie Gedichte von Robert Bly, Patricia Clark und John Skoyles.

Leider nicht im Netz zu lesen ist die Titelgeschichte, in der Robert D. Kaplan erklärt, wie das amerikanische Imperium am geschicktesten die Welt beherrschen kann. Zehn Regeln stellt er dafür auf, die auch in einem Online-Interview nachzulesen sind: "1. Produce More Joppolos. 2. Stay on the Move. 3. Emulate Second-Century Rome. 4. Use the Military to Promote Democracy. 5. Be Light and Lethal. 6. Bring Back the Old Rules. 7. Remember the Philippines. 8. The Mission is Everything. 9. Fight on Every Front. 10. Speak Victorian, Think Pagan."

Außerdem nur im Print: David Quammen beschreibt die Abschlachtung der Braunbären in Rumänien unter Nicolae Ceausescu. Adam Bellow singt ein Loblied auf den "guten" Nepotismus. Und Seth Gitell untersucht, wie die Demokraten zur Reform der staatlichen Finanzierung von Wahlkampagnen stehen.

Magazinrundschau vom 19.05.2003 - The Atlantic

Im Netz zu lesen ist eine Geschichte von James Fallows, der den Tod des palästinensischen Jungen Mohammed al-Dura nachrecherchiert hat, der im September 2000 bei Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und israelischen Soldaten erschossen wurde. Das Bild des Jungen, wie er zusammengekauert in den Armen seines hilflosen Vaters stirbt, wurde zur Ikone in der gesamten arabische Welt, zu einer Art "Pieta". Nur: "Es scheint, dass der Junge nicht so gestorben sein kann, wie es die Medien weltweit berichtet haben, und wie es in der gesamten islamischen Welt inbrünstig geglaubt wird. Was auch immer ihm passiert ist, er wurde von keinem der israelischen Soldaten erschossen, die bekanntermaßen in die Kämpfe dieses Tages verwickelt waren. Die entlastenden Beweise kommen weder von Israels Regierung noch vom Militär, die ja ein offensichtliches Interesse daran hätten, ihre Soldaten von der Verantwortung freizusprechen, sondern aus anderen Quellen." Die Ermittlungen, so Fallows, wurden von einer Vielzahl von Akademikern, Ex-Soldaten und Web-Loggern geführt, die von dem Fall besessen sind und deren Beweise überprüft werden können. Alles weitere legt Fallows dann auf acht Seiten dar.

Weitere Artikel: Christopher Hitchens zerpflückt nach allen Regeln der Kunst Bob Woodwards Bestseller "Bush at War", das seiner Meinung den Tiefpunkt von Woodwards Karriere und des investigativen Journalismus darstellt: Es tauche keine einzige "zweite Quelle" auf. David Kipen erklärt, warum Baseball so langweilig geworden ist. Michelle Cottle fragt, was eigentlich passiert wäre, wenn am 11.September das Capitol getroffen worden wäre und die Vereinigten Staaten kein Parlament mehr gehabt hätten.

Mona Simpson empfiehlt die außergewöhnlichen Erinnerungen von Azar Nafisi "Reading Lolita in Tehran", die die iranische Revolution als Geschichte ihres universitären Lesezirkels erzählt. Philip Hensher zeigt sich enttäuscht über die neue englische Übersetzung von Stendhals "Le Rouge et le Noire". Zu lesen sind außerdem Lysley Tenorios Kurzgeschichte "Mosntress" und Gedichte von Teresa Cader, David Barber sowie Erica Funkhouser.

Nur im Print: In der Titelgeschichte schildert Bruce Hoffmann die Logik der Selbstmordattentate und wie sie dazu führen, dass die Welt von Tag zu ein Tag ein wenig mehr wie Israel wird: "Selbstmordattentäter sind billig und effektiv. Sie sind unkompliziert, verraten niemanden und garantieren Berichterstattung. Der Selbstmordattentäter ist die ultimative intelligente Bombe: Er reißt am Gewebe des Vertrauen, das die Gesellschaft zusammenhält." In einem weiteren Artikel fragt David Brookes, wie Saddam Hussein in Europa "populärer" werden konnte als George Bush. "Mehrheiten in Europa gaben in Umfragen an, dass Saddam keine größere Gefahr für den Frieden darstelle als George Bush. Zum Teil mag dies purer Antiamerikanismus sein. Zum Teil steckt dahinter eine starke, wenn auch heimliche Bewunderung für grausame Macht und unverhohlene Stärke."

Magazinrundschau vom 22.04.2003 - The Atlantic

Die Titelgeschichte über den Niedergang des saudischen Herrscherhauses ist leider, leider den Leser der Printausgabe vorbehalten.

Timothy W. Ryback hat in der Raritätensammlung der Library of Congress eine fast vergessene Sammlung wiederentdeckt: Hitlers Bibliothek, die die 101. Luftlandedivision 1945 in einer Berchtesgardener Salzmine gefunden hatte. Seit fünfzig Jahren lagern dort - selbst von Hitlers Biografen unbeachtet - handsignierte Ernst-Jünger-Ausgaben, Germanen-Handbücher und vegetarische Kochbücher: "Bücher schienen bei praktisch jeder Gelegenheit das bevorzugte Geschenk für Hitler gewesen zu sein. Seine Bibliothek enthält Bücher mit Widmungen zu Weihnachten, zum Geburtstag oder andere Feste. Ein Buch mit dem Titel "Tod und Unsterblichkeit in der Weltsicht indogermanischer Denker" ist Hitler von SS-Führer Heinrich Himmler zum 'Julfest 1938' gewidmet worden. Ich entdeckte auch Bücher, die ihm die Filmemacherin Leni Riefenstahl geschenkt hatte - zwei über die Olympischen Spiele in Berlin und die seltene achtbändige Erstausgabe von Johann Gottlieb Fichtes Gesammelten Werken. Die beiden ersten Bücher überraschen nicht, der Fichte irgendwie schon."

Bernard Lewis weist in seinen Überlegungen zu Religion und Zivilisation darauf hin, dass der Islam als Religion vom Islam als Zivilisation unterschieden werden sollte, wenn man den "Clash of civilization" diskutieren will: "Wir sprechen auch bei nicht-religiöser Kunst immer von einer islamischen, auch wenn wir Kunstwerke meinen, die einfach nur in der islamischen Welt hergestellt wurden. Wir sprechen von Islamischer Wissenschaft und meinen Physik, Chemie, Mathematik, Biologie und den übrigen Errungenschaften der muslimischen Zivilisation. Wenn wir von christlicher Wissenschaft sprechen, meinen wir dabei schon etwas anderes."

Weitere Artikel: Zu lesen ist ein letzter Text des im Irakkrieg getöteten Reporters Michael Kelly. In seinem "Letter from Kuwait" schreibt er über falsche Freunde und falschen Frieden. Christopher Hitchens hat im Werk von Evelyn Waugh (mehr hier)eine bemerkenswerte Entdeckung gemacht: Reaktionäre können mutig sein und Snobs wunderbare Prosa schreiben.

Geoffrey Wheatcroft hat bei neuerlicher Lektüre des "Bildnis des Dorian Gray" in einer bisher vernachlässigten Figur Oscar Wilde erkannt und zwar in Lord Henry Wotton! Sandra Tsing Loh fragt sich, warum die Kindererziehung trotz all der auf den Markt geworfenen Experten-Literatur nicht einfacher werden will (wahrscheinlich genau deswegen). Zu lesen ist auch die Kurzgeschichte "A Good Country" von Geeta Sharma Jensen und zwei Gedichte: "A Morris Dance" von Mary Jo Salter sowie "Amateur Iconography" von A. E. Stallings.

Besprochen werden weitere Bücher, darunter Cristina Garcias kubanische Emigranten-Saga "Monkey Hunting" und Robert Stones Roman "Bay of Souls".

Magazinrundschau vom 24.03.2003 - The Atlantic

Zum Irakkrieg hat Atlantic Monthly eine ganze Reihe älterer Artikel aus dem Archiv geholt und freigeschaltet:

Zum Beispiel Mark Bowdens ausführliches Porträt Saddam Husseins: "Der Gesalbte, der glorreiche Führer, der direkter Nachkomme des Propheten, Präsident des Irak, Vorsitzende des revolutionären Kommandorates und Doktor seiner eigenen Rechte steht um drei Uhr morgens auf. Er schläft in der Nacht nur drei oder vier Stunden. Sobald er aufgestanden ist, geht er schwimmen. All seine Paläste haben Pools. Wasser ist ein Symbol des Wohlstands in einem Wüstenstaat wie dem Irak, und Saddam verspritzt es überall ... Er hat einen schlimmen Rücken, und Schwimmen hilft. Es hält natürlich auch fit. Das befriedigt seine Eitelkeit, die geradezu episch ist, aber Fitness ist auch aus einem anderen Grund wichtig. Er ist jetzt sechsundfünfzig, ein alter Mann, aber da seine Macht in Angst, nicht in Zustimmung gründet, darf man ihm das Altern nicht ansehen. Der Tyrann kann es sich nicht leisten, gebeugt, gebrechlich und grau zu werden."

Oder Robert D. Kaplans Post-Saddam-Szenario, das sich nicht besonders ermutigend liest, aber wahrscheinlich recht realistisch ist: "Unser Ziel im Irak sollte eine säkulare Übergangs-Diktatur sein, die die kaufmännischen Klassen über die konfessionellen Trennungslinien hinweg vereint."

Für das aktuelle Heft hat sich Kaplan in Eritrea und dem Jemen umgesehen, den wahrscheinlich nächsten Etappen im "Krieg gegen den Terror". Während es Eritrea dank "albanischer Abschottung" und "maoistischer Mobilisierung" zu einem halbwegs stabilen Staat gebracht hat, so Kaplan, sieht es im Jemen ziemlich düster aus: "Nehmen Sie den Wadi Hadhramaut, eine hundert Meilen lange Oase in Südosten des Jemen, bewohnt seit 1000 vor Christus. Trotz seiner Abgeschiedenheit und einer Geschichte von Stammesfeindschaften, hat die Region über Jahrhunderte Verbindungen zu Indien und Indonesien aufrechterhalten. Der Nizam von Hyderabad hat seine Bodyguards ausschließlich unter den Kriegern der Hadhrami rekrutiert. Auch mit Saudi-Arabien ist die Gegend verbunden, über die alten Karawanen-Routen der Beduinen. Heute ergibt dies alles das passende soziale und ökonomische Netzwerk, in dem eine Organisation wie Al Qaida ihr globales Geschäft betreiben kann - vor allem weil Osama bin Ladens Familie genau in dieser Hadhramaut-Gegend ihren Ursprung hat."

Weitere Artikel: Christopher Hitchens (mehr hierwirft einer ganzen Reihe Autoren - von Salman Rushdie über Oriana Falaci bis zu V.S. Naipaul - vor, in ihrer Kritik am Islam nicht stringent genug zu sein. Einzige Ausnahme ist ihm Stephen Schwartz, der gerade das Buch "The Two Faces of Islam" veröffentlicht hat, in dem er mit der Wahabitischen Ausrichtung hart ins Gericht geht, wie auch in einem online zu lesenden Interview. Michael Kelly bemerkt mit Blick auf einige "lamentierende" oder gar Antikriegsgedichte schreibende Autoren, wie "schwer, gefährlich, verdammt mutig, selbstlos und wirklich einsam" es im Moment sein muss, das Gewissen der amerikanischen Nation zu sein. James Wood fragt, wie gut der Romancier Henry James eigentlich wirklich war. Perry Anderson zeigt sich enttäuscht von William Taubmans Chruschtschow-Biografie. Außerdem sind die Kurzgeschichte "We have a Pope" von Christopher Buckley zu lesen sowie Gedichte von Jesse Iott, W. D. Snodgrass und T. R. Hummer.

Nur im Print: Der Historiker und Journalist Richard Brookhiser zeichnet ein ausführliches Porträt George W. Bushs. In einem Online-Interview erklärt er, wie Bush "tickt" und versichert, dass der Mann zwar absolut uncharismatisch und unfähig sei, zwei Sätze hintereinander zu sagen, dabei aber ziemlich intelligent und ein hervorragender Manager sei.

Magazinrundschau vom 24.02.2003 - The Atlantic

Die Titelgeschichte ist leider nur im Print zu lesen. Dabei hätten wir gerne von Bill Clinton erfahren, was wir von ihm noch alles zu erwarten haben. Das sagt er nämlich im Interview.

Entschädigt werden wir aber mit einem großartigen Porträt des gestürzten "Herrschers über das Jazz-Universum", Wynton Marsalis (mehr hier und hier). David Hajdu beschreibt eine wunderbare Szene während eines Konzerts, das Marsalis im Sommer 2001 in einem New Yorker Jazzclub gab. So alt und schwer geworden, dass ihn nicht einmal seine versammelten Anhänger erkannten, spielte er gerade das Stück "I Don't Stand a Ghost of a Chance With You", und kaum jemand hörte zu: "Am Höhepunkt angelangt, spielte Marsalis die Titelphrase, wobei er jeden Ton länger hielt als den vorigen. 'I Don't stand...a ghost...of...a...chance...' Ausgerechnet im dramatischsten Moment klingelte ein Handy. Die Leute fingen an zu kichern und wieder ihre Drinks zu schlürfen. Der Moment - der gesamte Auftritt - war entzaubert. Marsalis machte eine kurze Pause, die Augenbrauen hochgezogen. Der Störenfried verzog sich mit seinem Handy in die Vorhalle, die Gespräche im Raum wurden lauter. Noch immer wie zu Eis gefroren, spielte Marsalis auf einmal die alberne Handy-Melodie Note für Note nach. Dann wiederholte er sie und begann über diese Tonfolge zu improvisieren. Langsam kam das Publikum zu ihm zurück. In wenigen Minuten löste er die Improvisation auf - und endete exakt dort, wo er aufgehört hatte: '...with... you'. Die Ovationen waren überwältigend."

Christopher Hitchens wundert sich, dass wir Imperialismus noch immer mit der Formel "Teile und Herrsche" in Verbindung bringen, dabei sollten wir seit dem Britischen Empire wissen, dass sein Konzept des "Teile und verzieh Dich" die bedeutend fataleren Konsequenzen hatte. Mit Blick auf Pakistan und Indien, Nordirland und Zypern stellt er fest: "Als generelle Regel kann man wohl fassen, dass jede Teilung mit Ausnahme Deutschlands zu einem Krieg führte oder zu einer weiteren Teilung oder zu beidem.

David Brooks räumt mit dem gängigen Vorurteil auf, dass die Welt immer säkularer geworden sei. "Der Säkularismus hat keine Zukunft, er ist höchstens die gestrige, irrige Vision einer Zukunft." Und Jonathan Rauch bricht schließlich eine Lanze für das bedauernswerte Häuflein der Introvertierten, die nicht nur in den USA, aber dort wohl besonders, ein hartes Dasein fristen.

Außerdem zu lesen: eine Kurzgeschichte von Kimberley Elkins sowie Gedichte von Lee Upton

Magazinrundschau vom 20.01.2003 - The Atlantic

Viel zu lesen gibt es diesmal im Atlantic. Ein ganzes Dossier hat das Blatt in Kooperation mit der New America Foundation zur wirklichen Lage der Nation zusammengestellt. Denn wenn auch die rituellen Präsidenten-Reden die Lage für "gut" oder "besser denn je" erklären, könne man sich trotzdem doch darüber einmal ernsthaft Gedanken machen, meint James Fellow (selbst Redenschreiber bei Jimmy Carter) in seinem Editorial. Er zumindest findet es einfach nur "bestürzend", wie veraltet und wirklichkeitsfern die Politik geworden sei.

Weiteres im Dossier: Jedediah Purdy etwa sieht in den USA eine neue Kultur des Verdachts entstehen, Gregory Rodriguez beklagt die verschwindend geringe Zahl von interethnischen Ehen, Margaret Talbot stellt fest, dass die Gefängnisse die kriminellen Energien ihrer Insassen noch steigern, Jonathan Rauch will die Rentner entmachten. Weitere Artikel widmen sich der Kluft zwischen schwarzen Frauen und schwarzen Männern, dem so ungleich verteilten Reichtum, der Bildung, dem Gesundheitssystem, der Umwelt und, und, und.

Lesenswert ist auch der Text von Christopher Hitchens (mehr hier), der sich der Debatte um den alliierten Luftkrieg widmet, die nun auch die USA erreicht hat, seit dort W.G. Sebalds berühmter Essay (mehr hier) über die Frage, warum die Deutschen die Zerstörung ihrer Städte vergessen haben, im New Yorker abgedruckt wurde. Zwar macht Hitchens auch bei Sebald - wie schon bei Thomas Mann - diese merkwürdige Kombination aus Arroganz und Selbstmitleid aus, für die Deutschen so berüchtigt seien (wie die Briten es offenbar gern fassen: "The Germans are either at your throat or at your feet"). Doch insgesamt gibt er ihm durchaus Recht: "Das Bombardierung Dresdens war so entsetzlich total, dass sie einen Victor Klemperer ebenso hätte töten können, wie sie ihn tatsächlich gerettet hat." Und etwas pathetisch meint er: "Patrioten wollen weder, dass ihr Land andere demütigt oder ermordet, noch, dass ihr Land gedemütigt oder gemordet wird. Deutschland hat beiderlei Schrecken im vollen Ausmaß erfahren, und Sebald erfährt diesen Widerspruch bis zu den Grenzen der Erträglichkeit."

Und Thomas Byrne Edsall hat eine interessante Entwicklung in der amerikanischen Politik erkannt: Nicht mehr das Einkommen sei die Schlüsselvariable bei Wahlen, sondern der Sex.

Magazinrundschau vom 25.11.2002 - The Atlantic

Ob JFKs Krankenakte oder das Recycling-Prorgramm für Langzeit-Diktatoren, Atlantic Monthly hat diesen Monat eine Menge Lesenwertes zu bieten!

Der Präsidenten-Historiker Robert Dallek (homepage) hat Einsicht erhalten in die medizinischen Akten von John F. Kennedy. Aus den Akten geht hervor, dass Kennedy erhebliche gesundheitliche Probleme hatte, deren medikamentöse Behandlung weitere schwere Leiden hervorriefen - und von denen kaum jemand wusste. In einem äußerst interessanten Telefon-Interview mit Sage Stossel denkt Dallek nach über die Vereinbarkeit einer solchen Geheimhaltung mit den praktischen und ethischen Verpflichtungen eines Präsidenten. "Bevor ich mich mit diesen medizinischen Aufzeichnungen beschäftigt habe, war ich der Meinung: Ja, Präsidenten haben die Pflicht, uns von ihren gesundheitlichen Problemen in Kenntnis zu setzen. Jetzt, nachdem ich mir all dies angesehen habe, muss ich sagen: Ja, ich glaube, dass Präsidenten mit offenen Karten spielen sollten und uns aufrichtig erklären sollten, welche gesundheitlichen Schwierigkeiten sie haben. Doch auf der anderen Seite ist es so gut wie sicher, dass Kennedy, hätte er das getan, nicht zum Präsidenten gewählt worden wäre. Und ich denke, er war, alles in allem, ein sehr wirkungsvoller und erfolgreicher Präsident."
Leider nur im Print zu lesen ist der dazugehörige Artikel "The Medical Ordeals of JFK", in dem Dallek John F. Kennedys Krankenakte analysiert.

Langzeit-Diktatoren sind ein Problem, stellt Cullen Murphy bekümmert fest. "Das Verwaltungs-Dilemma, das die Diktatoren dieser Welt darstellen, ist akut. Viele unter ihnen wollen einfach nicht aus dem Amt scheiden, und die, die dazu bereit wären, haben oft keinen Ort, an dem sie sicher wären vor rechtlichen Unannehmlichkeiten und körperlichen Repressalien." Schlimm! Um diesem Problem zu begegnen, hat die Boston University das "Lloyd G. Balfour African Presidents in Residence Program" ausgearbeitet, bei dem Langzeit-Diktatoren mit einer Universitäts-Sinekure in den USA zum Ausstieg verlockt werden sollen. Murphy findet diese Idee so ausgezeichnet, dass er sie weiterspinnt. Immerhin könnten diese Leute noch viel Gutes tun: General Assad, zum Beispiel, wäre die ideale Antwort auf die Bedürfnisse des von andauerndem Zwist geplagten English Department der Columbia University: "Solche Spaltungen würden natürlich als eine Kleinigkeit angesehen werden von jemandem wie dem zum Augenarzt gewordenen starken Mann Bashar al-Assad. Drei Jahrzehnte lang hat die Assad-Familie auf brutale Weise die zentrifugalen Kräfte (Drusen, Christen, alawitische Moslems, sunnitische Moslem, Kurden, Armenen, Palästinenser) in Schach gehalten, die sonst Syrien - ein mentales Konstrukt, das nicht minder lächerlich ist, als 'English Departments' manchmal sein können - auseinander gerissen hätten. Assad wäre geradezu ein Glückstreffer für eine jede Intrige zwischen Post-Strukturalisten und Semiotikern."

Im Rampenlicht des Centerpiece steht diesmal das amerikanische Schach-Genie Bobby Fischer (mehr hier und hier). Von Rene Chun erfahren wir von Fischers unglaublicher und gerade in Zeiten des Kalten Krieges brisanten Schach-Karriere und der Paranoia, die ihn zum ersten polizeilich gesuchten Schach-Großmeister machte.

Weitere Artikel: Der Rechtswissenschaftler Randall Kennedy (mehr hier und hier) berichtet, dass auch wenn die Akzeptanz von "Mischehen" erheblich gestiegen ist, die Ehen zwischen Schwarzen und Weißen nur einen geringen Anteil davon bilden und immer noch für Kontroversen sorgen. Der schlanke Jonathan Rauch schlägt die Erhebung einer Steuer für Fettleibige vor, die die Kassen des amerikanischen Gesundheitssystem nähren soll. Eyal Press und Jennifer Washburn stellen fest, dass die privaten Hilfsprogramme für gefährdete Jugendliche (die sogenannte at-risk-youth) nicht den erhofften Erfolg gebracht haben. Christopher Hitchens beschäftigt sich mit dem verkannten russischen Denker Alexander Herzen, den Tom Stoppard in seiner Theater-Trilogie "The Coast of Utopia" zur beherrschenden Figur gemacht hat. Außerdem lobt Mona Simpson Alice McDermotts neuen Roman "Child of my heart", der so anders ist, als ihre bisherigen Bücher.

Nur im Print: Marjorie Garber macht sich Gedanken über das Genie, eine Idee, die wir angeblich nicht aufgeben wollen. Und Jessica Cohen erzählt die Geschichte eines kinderlosen Ehepaares, das in einer College-Zeitung 25.000 Dollar für die Eier einer Einserabsolventin aus Yale geboten. Es antwortete jedoch eine Studienanfängerin.