Magazinrundschau - Archiv

Atlantic

238 Presseschau-Absätze - Seite 22 von 24

Magazinrundschau vom 24.10.2006 - The Atlantic

In einem grandiosen und sehr langen Porträt beschreibt Joshua Green die Senatorin Hillary Rodham Clinton als "gerissene Manipulatorin übergroßer Egos", die es in ihren sechs Amtsjahren und zum Schrecken der demokratischen Partei meisterhaft gelernt habe, in den Washingtoner Zirkeln der Macht zu agieren. Zum Beispiel in evangelikalen Gebetskreisen, die besonders gern von konservativen Republikanern frequentiert werden. Clinton meldete sich prompt beim exklusivsten von allen an: "Senator Sam Brownback war an der Reihe, die Gruppe zu leiten. Er erhob sich, um über den Schrecken einer Krebserkrankung zu sprechen. Doch als er vor seinen Kollegen stand, entdeckte er Clinton und es überkam ihn der Impuls, das Thema seines Zeugnisses zu wechseln. 'Ich hatte mich heute darauf vorbereitet, über eine Erfahrung in meinem Leben zu sprechen, die großes Leid verursacht hat, die aber auch meinen Glauben gestärkt hat', erklärte Brownback nach den Worten eines Beobachters dieser Szene. 'Aber jetzt habe ich nur noch einen Gedanken'. Er gestand, dass er Clinton gehasst und abfällige Bemerkungen über sie gemacht hat. Doch durch Gott habe er seine Sünden erkannt. Dann drehte er sich zu ihr um und fragte: 'Mrs. Clinton, können Sie mir verzeihen?'" Seitdem klappt's mit den Republikanern.

Magazinrundschau vom 09.08.2004 - The Atlantic

Die Titelgeschichte klingt wie ein Märchen. Reporter Alan Cullisons Laptop ging 2001 in Afghanistan zu Bruch. Als er sich einen neuen Computer kaufte, stellte sich nach kurzem Gebrauch heraus, dass er zuvor im Hauptquartier von Al-Qaida benutzt worden war. Glück muss der Mensch haben! Auch nachdem der amerikanische Geheimdienst den Laptop auseinandergenommen hatte, blieben genug Dokumente, Briefe und Fotos auf dem Rechner, um "einen faszinierenden Einblick in das tägliche Büroleben und die privaten Angelegenheiten der Männer zu gewinnen, die Al-Quaida bilden." (Etwas mehr über den Hintergrund der Geschichte erfährt man aus einem Artikel von 2002 im San Francisco Chronicle. Einen Link zum vollständigen Artikel von Cullison aus Atlantic Monthly finden Sie hier.)

Eric Alterman liefert auf vierzehn Seiten eine detaillierte Reportage über Hollywoods Engagement für die Demokraten: "Von 1989 bis zum Start der jetzigen Wahlrunden hat Hollywood der Partei nur für überregionale Wahlen 100 Millionen Dollar gegeben - das kommt nahe ran an die 114 Millionen Dollar, die die Republikaner von ihren Freunden aus der Öl- und Stromindustrie erhalten." Und im Gegensatz zu fast allen anderen Spendern, erwarten die Leute aus Hollywood "keine so konkrete Gegenleistung wie Steuersenkungen oder eine Verwässerung von Regulierungen." Brad Whitford, Schauspieler in der Serie "The West Wing", hat sogar ein eigenes Anti-Bush-Commercial gedreht. "Hübsches Haus mit Palmen im Hintergrund, die Musik schwill an wie in Bushs post-9/11-Commercials. Whitford grüßt die Zuschauer: 'Willkommen in meinem Haus. Hi. Ich bin sehr glücklich in einer Fernsehshow arbeiten zu dürfen. In diesen Zeiten von Terror und steigenden Haushaltsdefiziten, wo unser Präsident Kürzungen in den Zuwendungen für Veteranen und Kinder angekündigt hat, habe ich eine Steuererleichterung von über hunderttausend Dollar erhalten! Unterstützten Sie die Hollywood Elite. Wählen Sie George Bush.'" 

Online lesen dürfen wir noch einen weiteren Artikel: Ryan Lizza erklärt, warum Barack Obama bei den Demokraten mehr Aufregung auflöst als John Kerry. Hier ein paar Gründe: Der 43-jährige Bürgerrechtsanwalt, der für Senatssitz von Illinois kandidiert, ist der Sohn eines Ziegenhirten aus Kenia, aufgewachsen in Hawai und Indonesien, erster schwarzer Präsident der Harvard Law Review. Erwähnten wir schon, dass er gut aussieht? Und außerdem hat er noch die Fähigkeit, "städtische Schwarze, Vorstadt-Moms und republikanische Zahnärzte gleichermaßen anzusprechen".

Nur im Print: Reuel Marc Gerecht beklagt die Arroganz, den Dogmatismus und Antiamerikanismus der irakischen Schiiten und hofft, dass sie bei den Wahlen haushoch verlieren werden. Ein Interview mit Colin Powell über den Irak, den Kalten Krieg und seinen Platz in der Regierung. Alexandra Starr stellt uns Magnolien aus Stahl vor: Die Demokratinnen Inez Tenenbaum, Blanche LincolnMary Landrieu und Kathleen Blanco punkten in den Südstaaten, wo ihre männlichen Kollegen den Kampf gegen die Republikaner schon aufgegeben haben. Und Christopher Hitchens bespricht Edwin Williamsons "erstklassige" Borges-Biografie (Viking).

Magazinrundschau vom 14.06.2004 - The Atlantic

Warum sind Wahlwerbespots immer so schlecht? Joshua Green wundert sich, warum sich seit den fünfziger Jahren weder die Texte noch der Ton verändert haben. Dabei gebe es durchaus Werbeleute, die neue Formate geschaffen hätten. Zum Beispiel John Brabender, dessen Spot "Ski Patrol" für eine Bush-Kampagne angedacht war, aber nie ausgestrahlt wurde. "Es beginnt mit einer Kameraeinstellung auf blauen Himmel und unverfälschte Alpenlandschaft. 'Howard Dean wurde ein Aufschub des Wehrdienstes gewährt, nachdem er in einem Musterungsbüro mit einer Röntgenaufnahme aufgetaucht war, die belegte, dass er einen schlimmen Rücken hatte', sagt der Erzähler mit der Gott-Stimme. Plötzlich schießt ein Skifahrer einen schneeigen Abhang hinunter und fährt meisterhaft im Slalom den Berg hinunter. 'Im selben Jahr fuhr Dean achtzigmal Ski - achtzigmal -, so dass er ein fabelhafter Skifahrer wurde und der perfekte Oberbefehlshaber ... für den Fall, dass wir gegen die Schweiz in den Krieg ziehen würden.'"

Weitere Artikel: "Wir wissen, dass wir viel töten, viel gefangennehmen und viele Waffen beschlagnahmen. Das Einzige, was wir nicht wissen, ist, ob das das Gleiche wie Gewinnen ist." Angesichts dieser (natürlich inoffiziellen) Aussage von US-Verteidigungssekretär Donald Rumsfeld macht Bruce Hoffmann klar, vor welchem Problem die US-Streitkräfte im Irak stehen. Was Marc Bowden an den Bildern von Abu Ghraib mehr als alles andere schockiert, ist die Vorstellung, Donald Rumsfeld habe George Bush nicht von der Existenz der Bilder informiert - obwohl er wusste, dass sie publik werden würden -, weil sie ihn nicht schockierten. Laura Secor empfiehlt den UN-Pragmatiker Lakhdar Brahimi als den Mann, der im Irak gebraucht wird. Joshua Micah Marshall mutmaßt, dass John Kerrys Außenpolitik der von George Bush Senior sehr ähneln würde.

Buchbesprechungen: Tom Carson stöhnt über Teenager-Studien, die weitaus dümmer (und propagandistischer) sind als die Teenager selbst. P. J. O'Rourke kann keine lärmenden konservative Talkshows mehr sehen und bemerkt dabei, dass es Mode geworden ist, zu schreien. In beste idealistische Laune fühlt sich Christopher Hitchens von Isaac Deutschers inspirierter - und dreibändiger - Trotzki-Biografie ("The Prophet Armed: Trotsky 1879-1921/ The Prophet Unarmed: Trotsky 1921-1929/ The Prophet Outcast: Trotsky 1929-1940) versetzt, und das nicht zuletzt, weil Trotzki hier als das erscheint, was er war: ein "prophetischer Moralist". Ebenfalls mit großem Interesse hat Robert Conquest Simon Sebag Montefiores Stalin-Biografie ("Stalin: The Court of the Red Tsar") gelesen, in der deutlich wird, welche "geistige Schwächung" mit dem Stalinismus einherging.

Nur im Print: Robert D. Kaplan hat die ersten Einheiten der Marines begleitet, die nach der Ermordung von vier Amerikanern Falludja stürmten.

Magazinrundschau vom 17.05.2004 - The Atlantic

Selten hat Tony Blair so alt ausgesehen wie in dieser Ausgabe des Atlantic Monthly. Geoffrey Wheatcroft zeichnet in einem ausgedehnten Porträt nach, was aus dem Mann geworden ist, der einst neues Vertrauen in die Politik begründen und die Fahne des liberalen Interventionismus hissen wollte. "Tony Blair war der einzige Mensch auf der Welt, der den Krieg im Irak hätte stoppen können. Aber er hat sein Volk in einen Krieg geführt, den es nicht wollte, aus Gründen, die nicht stimmten - nun ist sein verheißungsvoller, nahezu JFK-artiger Nimbus zerschmettert. Der Mann, der vor gar nicht allzu langer Zeit ein neues Ideal darstellte, steht nun allein da, wahrlich eine große tragische Figur". Leider ist online nur ein Gespräch mit Wheatcroft über seinen Text zu lesen.

Etwas erinnerungsselig hält Christopher Hitchens den Klassiker aus seiner Pfandfinderzeit in den Händen: Robert Baden-Powells "Scouting for Boys", das jetzt wieder in der Originalausgabe von 1908 zu haben ist. Dazu hält er fest: "Baden-Powell war weder Megalomane (auch wenn er selbst zugab, dass das Motto 'Be Prepared' von seinen Initialen inspiriert war) noch war er ein sadistischer, unterdrückter Päderast. Er war ein Rassist und ein Imperialist und ein Monarchist, das schon, aber meist in moderatem Maße."

Weiteres: Joshua Green untersucht die "schmutzigen Tricks" im amerikanischen Wahlkampf, die seiner Darstellung nach das Bush-Team besonders gern anwendet (und auch schon gegen Al Gore angewendet hat). Pauls Starobin malt sich aus, wie ein seiner Meinung nach notwendiger autoritärer Staat heute aussehen muss - nämlich ganz anders als ihn sich die Massen vorstellen.

David Kipen beklagt, dass Hollywood nur noch Filme dreht, die international verwertbar sind, und wirft die interessante Frage auf: "Wenn Frankreich Filme für Franzosen produziert, und Amerika Filme für die Welt, wer macht dann Filme für Amerika?" Zum Beispiel einen Film wie "Mr. Smith goes to Washington" voller innenpolitischer Anspielungen oder eine Screwball-Komödie wie "His Girl Friday" mit ihren "viel-zu-schnell-zum-Übersetzen-Dialogen"? Und Francis Davis schließlich entdeckt in den neuen Alben des Jazz-Saxophonisten Wayne Shorter, "Footprints Live!" und "Alegria", das Zeug für ein großartiges Comeback.

Magazinrundschau vom 19.04.2004 - The Atlantic

Robert D. Kaplan, der gern von Orten berichtet, an denen viel geschossen wird, geht mit uns shoppen. Auf der Einkaufsliste: eine schusssichere Weste. Neben der Frage nach Gewicht und Material gilt es vor allem die Farbe zu bedenken: "Die Westen, die mich interessierten, gab es in schwarz, braun, graugrün, Wald-Camouflage, Wüsten- und Dreifarben-Camouflage. Schwarz war überall ausverkauft. Braun gefiel mir, weil es mich als Journalisten absetzen würde ohne zu sehr aufzufallen unter den Wüsten-Tarnanzügen der amerikanischen Truppen im Irak und Afghanistan. Wald-Camouflage ist das waldgrüne Muster, dass die US Armee in jedem Theater trägt außer im Mittleren Osten ... Ich mag Wald-Camouflage, aber graugrün wäre eine Alternative, dachte ich. Meine Entscheidung wurde noch kompliziert durch die Marines. Sie tragen Hightech-Tarnanzüge ("digital cammies") mit einem Muster, dass sich von den Wald- und Dreifarben-Mustern der anderen Dienste unterscheidet. Werden sie beleidigt sein, wenn ich wald trage?"

Weitere Artikel: Howell Raines, der Chefredakteur der New York Times, der über den Jayson Blair Skandal (mehr) stolperte, erklärt in einem langen, online leider nur auszugsweise zu lesendem Artikel, wie sich die New York Times - auch gegen Widerstände in den eigenen Reihen - modernisieren muss. Paul Maslin, persönlicher Meinungsforscher von Howard Dean, erzählt, wie Dean das Rennen gegen John Kerry verlor. Daneben gibt es ein Interview mit Maslin über Deans Wahlkampagne. Christopher Hitchens nimmt Jeffrey Meyers Somerset Maugham-Biografie zum Anlass den britischen Schriftsteller postum als "Conrad in tweeds" zu beleidigen. Und Martha Spaulding stellt den "brillanten Satiriker" John P. Marquand (1893-1960) vor.

Nur im Print: die Idee, ein Flugzeug in einen New Yorker Wolkenkratzer krachen zu lassen, hatte schon Hitler, erzählt Dieter Wulf. In der Reihe "Anarchie auf hoher See" schildert William Langewiesche den Untergang der "Estonia", die 1994 mit mehr als 850 Menschen versank (mehr hier). Außerdem gibt es einen Auszug aus der Biografie "Sarge: The Life and Times of Sargent Shriver" und - nur online - ein Interview mit dem Autor Scott Stossel. Shriver war ein charismatischer und radikaler Demokrat (er hat das Peace Corps gegründet und Johnsons "War on Poverty"-Kampagne unterstützt), hatte aber das Glück und das Pech, mit einer Kennedy verheiratet zu sein, was seine politische Karriere letztendlich entscheidend behinderte, meint Stossel.

Magazinrundschau vom 22.03.2004 - The Atlantic

Karl Marx verachtete ihn als einen "durch und durch vulgären Bourgois" im "Sold der britischen Oligarchie", Thomas Jefferson fand seinen Charakter "verdorben", Christopher Hitchens ist begeistert: von dem "reaktionären Propheten" Edmund Burke, dessen "Reflections On The Revolution In France" von 1789 in einer glänzenden Editon neu herausgegeben wurden. "War dies eine großartige und prophetische Anklage gegen revolutionären Exzess? War dies der schnöde Ekel eines Mannes, der das verachtete oder fürchtete, was er einmal als die 'schweinische Masse' bezeichnet hat? Und beinhaltete es, was man heute eine versteckte Agenda nennen würde? Die Antwort auf drei Fragen, scheint mir, ist ein eindeutiges Ja." Immerhin habe Burke bereits den Aufstieg Napoleons vorausgesehen, meint Hitchens, und seiner Huldigung an Marie Antoinette könne man mit zunehmenden Alter mehr und mehr abgewinnen.

Benjamin Schwarz empfiehlt vorbehaltlos das bereits heftig diskutierte Buch "The Birth Of The Palestinian Refugee Problem Revisited" des israelischen Historikers Benny Morris. Darin stellt Morris die Vertreibung der Palästinenser eher als realpolitische Folge des Unabhängigkeitskrieg dar, denn als ideologische Konsequenz des Zionismus. "Das Bild das sich aus dieser gewaltigen und verwickelten Geschichte ergibt, schmeichelt weder dem palästinensischen noch dem israelischen Selbstbild; und für diejenigen, die daran interessiert sind, moralische Schande zu finden, bietet das Buch eine Menge. Doch Morris' Verleumder sind so wütend, gerade weil er sich seinem Gegenstand als Realist, nicht als Moralist nähert."

Weiteres: Jonathan Ledgard ist in das afghanische Ajar Tal gereist, dem einstigen Jagdgrund von König Mohammed Zahir Shah. Nach dreiundzwanzig Jahren Krieg, berichtet Ledgard, ist kaum noch ein Schakal, Luchs oder Schneeleopard übrig. Besprochen werden ein ganzer Stapel neuer Bücher zu Sylvia Plath, die Kolumnen-Sammlung "Autumn Of The Moguls" des "bekanntermaßen verrückten" Michael Wolff und Jeffrey Massons Buch über Tierrechte "The Pig Who Sang To The Moon".

Nur in der Printausgabe zeichnet Jeffrey Rosen den US-Justizminister John Ashcroft als liebenswürdigen, bescheidenen, humorvollen Pragmatiker, der nichts zu tun habe mit dem Bild des engstirnigen, religiösen Eiferers, das sich die linke oder liberale Öffentlichkeit von ihm mache. "Wenn mich etwas überrascht hat", sagt Rosen im Interview, "dann, wie sehr er mich bezaubert hat". Und in einem ausfühlichen Essay schreibt der Philosoph Michael J. Sandel über Gentechnik, Designerkinder, bionische Athleten und das falsche Versprechen, den Körper beherrschen zu können.

Magazinrundschau vom 23.02.2004 - The Atlantic

Robert Kaplan porträtiert Colonel Tom Wilhelm, einen der neuen Militär-Diplomaten, die von den USA weltweit eingesetzt werden, um die jeweiligen Armeen eines Landes bei der Stange zu halten. Colonel Wilhelm ist eine absolut filmreife Figur - er war noch keine dreißig, als er bereits Helikopter fliegen konnte, in Alaska mit Eskimo-Scouts russische Spetsnaz aufspürte und Russisch an der Universität in Leningrad studiert hatte. Nach dem Fall der Mauer war er in Tadschikistan, Mazedonien und Bosnien. Zur Zeit ist er in Ulan Bator stationiert, wo Kaplan ihn besucht hat. Dort hilft er der mongolischen Armee, ihre Grenzen besser zu sichern, eine aktive Rolle bei Blauhelmeinsätzen zu spielen und Naturkatastrophen effektiver zu begegnen. Wilhelm ist einer von dreien ausländischen Militärattaches, die sich ständig in der Mongolei aufhalten: Außer ihm gibt es noch einen Russen und einen Chinesen. Seine Hauptaufgabe scheint es aber zu sein, die Mongolen zu lehren, die Amerikaner zu lieben, was einen amerikanischen Militärstützpunkt in der Mongolei überflüssig machen würde. Wie Wilhelm das anstellt, müssen Sie selbst lesen!

In der Titelgeschichte beschreibt Caitlin Flanagan auf mindestens dreißig Seiten, wie es amerikanischen Frauen gelungen ist, Berufstätigkeit, Familie und guten Sex unter einen Hut zu bringen. "Als hätte die gute Fee der Frauenbewegung ihren Zauberstab geschwungen, wurde das gesamte Problem gelöst. Mit der Ankunft einer billigen und leicht auszubeutenden Armee von armen, glücklosen Frauen - die vor Hunger, Krieg und Armut flohen, ihre Kinder zurückließen und dabei immer Vergewaltigung oder Tod auf ihren teuren und heimlichen Reisen fürchten mussten - kollabierte einer der nobelsten Grundsätze der zweiten Feminismus-Welle wie ein Kartenhaus. An den Docks wurden die Immigrantinnen nicht von hochorganisierten und politisch mächtigen Gruppen amerikanischer Frauen empfangen, die ihnen das Schicksal ihres Geschlechts erleichtern wollten, sondern von einer ebenso großen Armee hochgebildeter Karrierefrauen, die jemanden brauchten, der auf ihre Kinder aufpasst. Jeglicher Zweifel an der moralischen Gerechtigkeit, dass weiße Frauen dunkelhäutige Frauen beschäftigen, um ihnen die Drecksarbeit abzunehmen, verflüchtigte sich."

Weitere Artikel: In einem Kommentar blickt James Fallows besorgt auf den angestrengte Situation der US-Armee: "Es wäre eine leichte Übertreibung zu sagen, dass das gesamte US-Militär entweder im Irak ist, aus dem Irak zurückkehrt oder sich auf den Weg in den Irak macht. Aber nur eine leichte." Für amerikanische Colleges gibt es offenbar einen neuen Aufnahmetest, dessen dogmatische Regeln die Princeton Review nicht überzeugt haben. Deshalb hat sie geprüft, wie Shakespeare, Hemingway und Gertrude Stein beim Schreibtest abgeschnitten hätten. Miserabel natürlich, nur der Unabomber hätte bestanden. Außerdem sind Christopher Hitchens Hommage auf den Vater des Spionagethrillers und großen Schotten John Buchan ("Die neununddreißig Stufen") zu lesen sowie Mona Simpsons Erzählung "Dependents". Und der Historiker Christopher Browning, dessen Buch "Die Entfesselung der 'Endlösung'" nun auch auf englisch erscheint, erklärt in einem langen Gespräch, wie sich die "gewöhnlichen Deutschen" mit dem Holocaust arrangierten.

Magazinrundschau vom 12.01.2004 - The Atlantic

Das neue Atlantic Monthly ist zwar noch gar nicht online, aber wir haben bei Arts & Letters Daily bereits einen Link darauf gefunden. Kenneth M. Pollack, Autor eines Buchs, das im Vorfeld des Irak-Kriegs äußerst einflussreich war, äußert sich hier über in einem riesigen Essay zur Frage der nicht vorhandenen Massenvernichtungswaffen im Irak und der Desinformation durch die amerikanische Regierung. Seine Conclusio: "Die US-Regierung muss gegenüber der Weltöffentlichkeit eingestehen, dass sie sich über Saddams Massenvernichtungswaffen geirrt hat. Und sie muss zeigen, dass sie gewillt ist, weitreichende Maßnahmen zu ergreifen um die Probleme, die zu diesem Irrtum führten, zu korrigieren. Irak wird nicht die letzte Herausforderung der Außenpolitik sein, in der aufgrund zweideutiger Informationen Entscheidungen getroffen werden müssen." (Hier und hier Essays von Pollack über den Irak aus Foreign Affairs).

Magazinrundschau vom 19.01.2004 - The Atlantic

Atlantic Monthly präsentiert in dieser Ausgabe seinen jährlichen Bericht zur Lage der Nation. Die Redaktion ist sich einig, dass es vielen Amerikanern besser geht, als sie glauben, aber einigen schlechter, als sie wahrhaben wolle.

Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama ("Das Ende der Geschichte") will das nation-building in Zukunft zu einer ständigen Einrichtung gemacht sehen. "Vieles hängt von unserer Fähigkeit ab, nicht nur Kriege zu gewinnen, sondern auch sich selbst tragende Demokratien und robuste marktorientierte Ökonomien aufzubauen - und zwar nicht nur in Afghanistan und Irak, sondern im gesamten Nahen Osten. Tatsache ist, dass die größte Bedrohung für uns und die Welt von schwachen, kollabierten oder gescheiterten Staaten ausgeht. Schwache oder abwesende Regierungen in Entwicklungsländern knüpfen das Netz, das Terrorismus, Flüchtlinge, Aids und globale Armut miteinander verbindet. Vor dem 11. September glaubten die USA, sie könnten das Chaos in entlegenen Gebieten wie Afghanistan ignorieren, aber die Kreuzung von religiösem Terrorismus und Massenvernichtungswaffen bedeutet, dass die einst peripheren Gebiete nun von zentraler Bedeutung sind."

Paul Starobin bemerkt eine "deutliche Erwärmung der ökonomischen, politischen und kulturellen Klimazone": Der Zorn der Amerikaner auf das Establishment wächst wieder: "Sturmreife Ziele sind das Pentagon, die Republikanische Partei, George Bush, multinationale Konzerne, der kalifornische Kfz-Steuereintreiber und der Oberste Gerichtshof von Massachusetts, der im November das Verbot von gleichgeschlechtlichen Ehen aufhob... Vielleicht ist der sensibelste Punkt jedoch die steigende Zahl von Verlusten im Irak."

Weitere Artikel: William Langewiesche findet das US-Weltraumprogramm auch ohne die neue Plänen schon viel "zu kostspielig und völlig richtungslos". Aber an der Idee, dass die menschliche Spezies in ferner Zukunft auf zwei Planeten leben kann, hält er trotzdem fest. Andrew Greeley, Priester und Soziologe, beobachtet den Aufstieg junger, reaktionärer Priester in der Katholischen Kirche, die gegen die alten Liberalen und das II. Vatikanische Konzil zu Felde ziehen. Joshua Green hat herausgefunden, dass die politischen Lager in den USA inzwischen derart polarisiert sind, dass es kaum einen Unterschied machen wird, welcher Demokrat gegen George Bush antreten wird. Und Christopher Hitchens schreibt in der gebotenen Länge über Proust.

Auf den Artikel von Kenneth M. Pollack, in dem der einstige Kriegsbefürworter mit der Regierung Bush und den nicht vorhandenen Massenvernichtungswaffen abrechnet, haben wir schon in unserer vorigen Magazinrundschau verwiesen. Hier noch einmal der Link zum Text.

Magazinrundschau vom 24.11.2003 - The Atlantic

Stephen King bekommt einen der National Book Awards, Deserteure der US-Armee werden nicht mehr belangt, und Männer dürfen braune Schuhe nach 18 Uhr tragen - es gelten einfach keine Standards mehr, seufzt Cullen Murphy, der dies alles ertragen kann, solange wenigstens an einigen Regeln festgehalten wird, darunter: Frauen und Kinder zuerst. Employees must wash hands before returning to work. Und immer, wirklich immer, lautet die korrekte Antwort: Liebling, Du siehst toll aus.

"Nach Dostojewski und kurz vor Arthur Koestler, aber zeitgleich mit Owell und Kafka und im Vorgriff auf Solschenizyn, da war Victor Serge", schreibt Christopher Hitchens in einer Huldigung des russischen Dichters, der mit "Der Fall des Genossen Tulajew" einen der "marxistischsten Romane aller Zeiten" geschrieben hat - und zwar 1948 in Orenburg, in der Ural-Sektion des Archipel Gulag. Marxistisch deshalb, meint Hitchens, weil Serge "ebenso gnadenlos auf das Unentrinnbare besteht wie er auf die Lebendigkeit der menschlichen Natur".

Weiteres: George Soros, früher Spekulant, heute Philanthrop, fühlt sich von der amerikanischen Vorherrschaft a la Bush schwer an die New Economy erinnert: Alles eine Frage der Zeit, bis die Luftblase platzt. Sidney J. Freedberg porträtiert den amerikanischen Vier-Sterne-General John Abizaid, der nun das Kommando für den Nahen und Mittleren Osten führt und zumindest in Computer-Simulationen sehr erfolgreich in Low-Intensity-Kriegen war. Von Lavanya Sankaran ist die Kurzgeschichte "The Red Carpet" zu lesen. Besprochen werden das Remake von "The Stepford Wives" mit Nicole Kidman, die letzten und besten Gedichte von W.B. Yeats und Bücher Michael J. Silverstein und James B. Twitchell über die absolute Notwendigkeit von Luxus.

Nur im Print stellt Jonathan Rauch fest, dass der Kommnunismus die "tödlichste aller Fantasien" der Menschheitsgeschichte war, dies aber niemanden zu kümmern scheint. Und Douglas Brinkley blickt auf die Vietnam-Erlebnisse von Senator John F. Kerry.