Europa befindet sich gegenüber dem
längst schon siegreichen Putin in einer total aussichtslosen Situation, ist sich
Jörg Baberowski in
einem endlosen Interview mit Marc von Lüpke und Florian Harms von
t-online.de sicher (wir tragen es nach, es ist schon am Donnerstag erschienen). "Zögen sich die USA aus dem Konfrontationsgeschehen zurück, stünden die Europäer
Putin allein gegenüber. Spätestens dann werden die ersten europäischen Staaten aus der Anti-Russland-Koalition ausbrechen. In Deutschland sind die Fragezeichen zweifellos größer als in Polen. Aber Deutschland hat auch ein größeres Gewicht in der europäischen Gemeinschaft. Wenn in Deutschland und Frankreich die Zweifel wachsen, ist es
um die Einheit Europas geschehen. Das alles weiß Putin, und er wird so lange Krieg führen, bis die Zweifel im Westen Europas zur Gewissheit werden." Für Europa bleibt laut Baberowski nur "
Realpolitik", für die er Olaf Scholz ausdrücklich lobt. Die Ukraine widersetze sich Putins Angriffskrieg zwar zurecht, aber
ohne Aussicht auf Erfolg: "Wer sich ihm erfolgreich widersetzen will, darf doch auch die
Grenzen des Möglichen nicht aus den Augen verlieren."
Das einzige, wozu die russische Armee im Donbass fähig scheint, ist unpräziser Artilleriebeschuss. Allein die acht bisher an die Ukraine gelieferten Mehrfachraketenwerfer vom
Typ Himars haben sich als Gamechanger erwiesen. Denn sie ermöglichen den
hochpräzisen Beschuss von Zielen hinter den russischen Linien, berichtet Sebastian Gierke in der
SZ: "Eine einzelne Himars-Rakete kostet 155.000 Dollar - bei dem Preis verwundert es nicht, dass es um Ziele
höchster Priorität geht. Dazu zählen vor allem Munitionsdepots, Kommandoposten und Lagerstätten von wichtigem militärischem Gerät oder Werkstätten. Solche Logistikzentren brennen seit ungefähr drei Wochen
jeden Tag in dem von Russland besetzten Gebiet; das zeigen Videos, Bilder, aber auch das Nasa-System Firms, das mithilfe von Satelliten große Brände lokalisiert und auf eine Karte überträgt." Weitere Systeme sollen geliefert werden, auch ähnliche System aus Deutschland.
Seit fünf Monaten dauert der Krieg. Tausende russische Soldaten sind gefallen. In der russischen Gesellschaft regt sich
kein Mucks. Mit einem Regime aus
Lüge und Angst hat Putin das Land im Griff, notiert Frank Nienhuysen in der SZ. Zehntausende Menschen sind geflüchtet: "Putin lässt sie, im Ausland können sie weniger stören." Und "dort, wo das Nach-Wende-Russland über drei Jahrzehnte Pluralismus wenigstens in privater Runde kannte, herrscht nun
zunehmend Schweigen. Denn das ist jetzt oft zu hören: dass über Politik nicht mehr geredet wird. Angst kriecht in viele Familien, vor unüberbrückbarem Streit, vor Entfremdung." In der taz
berichtet Katja Kollmann über die neue russische Diaspora in
Georgien.
Eine Gruppe von Professoren, darunter
Andreas Rödder,
antworten in der
Welt auf den zweiten Brief der
Emma-Briefautoren, der in der
Zeit erschienen war (unser
Resumee): "Im Kern wollen die Autoren in der
Zeit den
Aggressor Putin beschwichtigen, weil sie glauben, sich damit seinen guten Willen zu erheischen und den Krieg zu beendigen. Diese Annahme ist falsch. Diktatoren lassen sich nicht beschwichtigen. Die Deutschen, mehr als alle anderen Staaten Europas, sollten wissen, dass Hitler nach seinen Blitzkriegen mit militärischer Gewalt von seinem Wüten abgebracht, geschlagen werden musste."
Im Krieg lernt mach auch etwas über die
Funktionsmechanismen von Sanktionen. Bisher sieht es so aus, als seien dem Westen seine Sanktionen auf die Füße gefallen, weil Putin seine geringeren Gaslieferungen vorerst noch über den
höheren Preis kompensieren kann. Der Ökonom
Lion Hirth zieht darum im Gespräch mit Benjamin Hirsch vom
Tagesspiegel folgende Lehre: "Sinnvoller wäre gewesen, entweder so viel russisches Gas zu beschaffen wie irgend möglich, etwa indem man den Spielraum bei Langfristverträgen voll ausgeschöpft hätte, um damit den Preis in Schach zu halten. Oder man hätte hart spielen und Gazprom von Anfang an
einen Maximalpreis von beispielsweise 50 Euro je Megawatt-Stunde bieten müssen, take it or leave it, unter der Androhung eines Embargos. So aber hat Putin Europa auf dem Gasmarkt im letzten Jahr
an die Wand gespielt und finanziell ausgepresst wie eine Zitrone."
Die französische Russlandexpertin
Françoise Thom resümiert in einem instruktiven Artikel bei
deskrussie.fr Diskussionen
russischer Medien zum Thema: Und "die russische Presse zitiert genüsslich eine Studie der Vereinigung der
Bayerischen Wirtschaft, die 'ergab, dass ein plötzlicher Stopp der russischen Gaslieferungen zu einem Rückgang der deutschen Wirtschaft um
12,5 Prozent und zum Verlust von
5,6 Millionen Arbeitsplätzen führen wird. Diese Prognosen übertreffen bereits - und zwar erheblich - selbst die pessimistischen Prognosen über eine Schrumpfung der russischen Wirtschaft... Das ausmaßder Rezession in der deutschen Wirtschaft kann zu einem Problem für die
Stabilität der gesamten Europäischen Union werden'."
Der eigentliche Grund für die
Regierungskrise in Italien ist, dass Ministerpräsident
Mario Draghi mit seiner
Solidarität zur Ukraine unter rechten und linken Putin-Freunden in der italienischen Politik recht alleine dastand, vermutet Matthias Rüb in der
FAZ: "Weder bei den
Fünf Sternen noch bei der
Lega und auch nicht bei
Berlusconi haben sich die alte Verbundenheit mit Russland und die über die Jahre gewachsene Zuneigung zu Präsident Wladimir Putin in Luft aufgelöst. Immer lauter wird die Forderung, Kiew solle zu Verhandlungen mit Moskau und zu
Gebietsabtretungen an Russland gedrängt statt weiter aufgerüstet werden. Sollte sich nach den Fünf Sternen nun auch noch die Lega von Draghi abwenden, würde das weit mehr mit der Ukraine als mit der italienischen Wirtschafts-, Umwelt- und Sozialpolitik zu tun haben."