Serhij Zhadan macht sich die Mühe, in der
Zeit auf den zweiten Brief der
Emma-Friedenstruppe (unser
Resümee) zu antworten: "Indem sie einem falsch verstandenen Pazifismus anhängen - der nach
zynischer Gleichgültigkeit stinkt-, legitimieren die Verfasser die Putinschen Propaganda-Narrative, die besagen, dass die Ukraine kein Recht auf Freiheit, kein Recht auf Existenz, kein Recht auf eine eigene Stimme hat, weil ihre Stimme den großen und schrecklichen Putin womöglich reizen könnte."
Einen zweiten Artikel
schreibt Zhadan für die
NZZ, wo er seine Kolumne über sein
Leben in Charkiw fortsetzt. Das Leben sei nach den ersten Angriffen zurückgekehrt. Aber "die Ruhe hat sich - wie nicht anders zu erwarten -
als Illusion erwiesen. Die Russen attackieren etliche Orte und ziehen Technik nach. Die Stadt wird wieder stärker beschossen. Weswegen die
Zahlen der Toten und Verwundeten steigen. Es sind überwiegend Zivilisten. Da kann die russische Führung noch so oft betonen, die Angriffe blieben auf die militärische Infrastruktur beschränkt, es ist eine Lüge - die Russen feuern mit Raketen und Artillerie auf Wohngebiete, auf die Stadt Charkiw, auf die Vorstädte und das Umland, die Zivilbevölkerung leidet - Erwachsene und Kinder sterben, Wohnhäuser werden zerstört."
Die Talkshow-Philosophen
Richard David Precht und
Harald Welzer, die zur
Emma-Brief-Fraktion gehören, machen sich unterdessen Sorgen, dass Medien nicht umstandslos
ihre Meinung teilen und kündigen ein gemeinsames Buch an: "Die vierte Gewalt -
Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist". In der Presseankündigung
heißt es: "Die heutige
Selbstgleichschaltung der Medien hat mit einer gelenkten Manipulation nichts zu tun. Die Massenmedien in Deutschland sind keine Vollzugsorgane staatlicher Meinungsmache. Sie sind die Vollzugsorgane ihrer eigenen Meinungsmache: mit immer stärkerem Hang zum Einseitigen, Simplifizierenden, Moralisierenden, Empörenden und Diffamierenden. Und sie bilden die ganz eigenen Echokammern einer Szene ab, die stets darauf blickt, was der jeweils andere gerade sagt oder schreibt, ängstlich darauf bedacht, bloß davon nicht abzuweichen."
Die Nominierung
Ferda Atamans zur Bundesbeauftragten für Antidiskriminierung sorgt für immer heftigeren Streit. Heute soll sie im Bundestag gekürt werden. "Oppositionspolitiker aus Union und AfD, aber auch einzelne Vertreter der Regierungspartei FDP sprechen der Journalistin die Eignung ab",
meldet dpa. "Sie bezeichnen Ataman unter anderem als 'linke Aktivistin', die für '
spaltende Identitätspolitik' stehe. SPD-Chefin Saskia Esken spricht von einer 'verleumderischen Kampagne'. Die Mehrheit für Ataman steht aber wohl."
Ataman hatte in einem
Buch dargelegt, dass sie von
hier sei, "
Hört auf zu fragen", andererseits
kontrollierte sie mit ihren "neuen deutschen Medienmachern" die Medien auf die Herkunft der Journalisten. In der
Zeit erklärte sie die
türkische Minderheit in Deutschland zur "Rasse" ("Wenn wir über Rassismus sprechen, sollten wir das Kind
beim Namen nennen und auch 'Rassismus' sagen - 'Fremdenfeindlichkeit' oder 'Ausländerfeindlichkeit' taugen als Synonyme nicht und sind problematische Begriffe"). In der beginnenden Corona-Epidemie unterstellte sie, dass Menschen mit Migrationshintergrund in Krankenhäusern schlechter behandelt würden. In der
NZZ kritisierte die FDP-Politikerin
Linda Teuteberg Atamans identitätspolitische Position: "Identitätspolitik teilt Menschen in
unentrinnbare Gruppenzugehörigkeiten ein, so dass sich ständig nur Opfer und Privilegierte gegenüberstehen. Das ist eine zutiefst illiberale Methode, die in Forderungen nach Quoten und umfassender Umverteilung mündet."
In der
Jüdischen Allgemeinen bringt Hamed-Abdel Samad einen öffentlichen Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz und kritisiert unter anderem, dass Ataman
Kritik am Islam als rassistisch verunglimpfe - aber er signalisiert Gesprächsbereitschaft: "Wir wollen Frau Ataman nicht aus dem Diskurs verbannen. Wir wollen nur verhindern, dass sie
über den Diskurs herrscht. Ich schlage vor, dass sich Frau Ataman, bevor sie dieses Amt übernimmt, zunächst
einer Debatte mit ihren Kritikern stellt. Diese Debatte sollte am besten im Bundestag stattfinden, damit sich die Volksvertreter ein Bild von der Frau machen können, die nun für weniger Diskriminierung im Land sorgen soll."
Kritiker, die Ataman einen
umgekehrten Rassismus vorwerfen, übersehen allerdings, "dass Rassismus und Diskriminierung
nur in Kombination mit Macht wirksam werden", schreibt Esther Diestelmann auf der Website des
Bayerischen Rundfunks. "Rassismus und Diskriminierung finden statt, wenn
eine Mehrheit, die sich selbst als die Norm versteht, andere auf vielfältige Weisen abwertet und ausschließt. Das kann beispielsweise am Arbeitsplatz, in der Schule, bei der Wohnungssuche, aber auch im Umgang mit Behörden passieren."
Der Journalist Stephan Anpalagan verteidigt Ataman in einem langen Twitter-Thread (hier
lesbar auf seinem Blog,
hier in der
FR) und verweist darauf, dass Ataman, die immerhin mal als Redenschreiberin für Armin Laschet gearbeitet hatte, zu Beginn ihrer Karriere durchaus
auch über Themen wie Ehrenmorde, die Diskrimierung Homosexueller in der Türkei und Zwangsverheiratete geschrieben hatte - er zitiert Kolumnen von ihr aus
Spiegel online aus den Jahren 2005 bis 2008. Anpalagan sieht Ataman als Opfer eine Kampagne, die maßgeblich von Autoren wie
Ahmad Mansour betrieben werde. Anpalagan schließt: "Die
Verleumdung von Ferda Ataman und die Kampagne von CDU, AfD, Bild, Welt und vieler anderer Medien verwundert nicht. Sie ist ein Symptom für eine gesellschaftliche, politische und mediale Schieflage, in der Rassismus und Rechtsextremismus verharmlost und diejenigen verfolgt werden, die sich offen und
deutlich gegen Menschenfeindlichkeit aussprechen." Auch Matthias Meisner
schreibt in der
taz von einer
Kampagne, die gegen Ataman geführt werde.
Das Gesetz wurde eigens geändert, um eine "
unabhängige" Beauftragte einsetzen zu können, erläutert der Rechtswissenschaftler
Gregor Thüsing in der
Welt. Zuvor gab es nur eine Antidiskriminierungsstelle des Bundes, wo Beamte nach Qualifikation eingesetzt wurden. "Eine Besetzung nach politischem Gusto war ausgeschlossen. Das ist jetzt nicht mehr so. Denn um freie Hand bei der Besetzung zu haben, wurde das Gesetz geändert. Es war im Koalitionsvertrag schon so vereinbart worden, doch dann ging es
unerwartet schnell. Die Leitung der Antidiskriminierungsstelle soll eben künftig ein Unabhängiger Bundesbeauftragter für Antidiskriminierung sein. Der Bundestag hat dies
am 28. April so beschlossen, und die Regelung ist bereits
am 28. Mai in Kraft getreten." Laut Constanze von Bullion in der
SZ ist die heutige Wahl Atamans im Bundestag wohl sicher.
Den Rassismus- beziehungsweise
Antirassismusbegriff Atamans
erklärt Sebastian Wessels, Autor des Buchs "Im Schatten guter Absichten - Die postmoderne Wiederkehr des Rassendenkens", in der
Berliner Zeitung am Beispiel des "Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors" (NaDiRa), den die ähnlich argumentierende Forscherin
Naika Foroutan im Juni dieses Jahres vorgestellt hat. Hier wurden 5.000 Bürger repräsentativ zu Rassismuserfahrungen befragt. Das Dumme ist nur, dass die Frage
schon die Antwort enthält, findet Wessels: "Die Studie unterscheidet unter den Befragten sechs '
rassifizierte Gruppen': Schwarze, Juden, Muslime, Asiaten, Osteuropäer sowie Sinti und Roma. 'Rassifiziert' bedeutet, dass die Mehrheitsgesellschaft den Betroffenen die Zugehörigkeit zu einer imaginären 'Rasse' aufgedrückt habe, um ihre Ausbeutung und Unterdrückung zu rechtfertigen. Die siebte Gruppe sind also diejenigen, die das tun, die
Rassifizierer; Atamans 'Kartoffeln'."