Gewalt
gegen Zivilisten ist "seit den ersten Tagen des Krieges "ein fester Bestandteil der russischen Kriegsführung",
schreibt ein Reporterteam des
Guardian, das Recherchen der Zeitung zu russischen Kriegsverbrechen präsentiert. Da ist etwa die Zeugenaussage des
Oleh Bondarenko, eines von nur drei Überlebenden eines
Folterlagers Motyzhyn, unweit Kiews, das in den ersten Tagen des Krieges etabliert worden war. "Bondarenko sagt, er sei von russischen Soldaten geschlagen und
zum Sterben zurückgelassen worden. Er hat durch die russischen Angriffe mehrere Zähne verloren, sein Oberkörper ist von Narben übersät, und seine Wirbelsäule könnte dauerhaft geschädigt sein. In einem Interview Ende April erzählte er, wie der russische Zug ihn mit verbundenen Augen zu einem Lager führte, wo die Soldaten eine
grausame Routine für ihre Gefangenen eingeführt hatten. Jeden Tag wurden Zivilisten schwer geschlagen, ihre
Arme verdreht und gebrochen; dann, wenn der Zeitpunkt der Ermordung näher rückte, wurde ihnen in die
Hände oder Knie geschossen, um maximale Schmerzen zu verursachen, dann wurde ihnen erneut in den Bauch geschossen, bevor sie schließlich durch einen Schuss in den Hinterkopf getötet wurden."
Ziemlich ausführlich
setzt sich die Osteuropahistorikerin
Franziska Davies in einem Twitter-Thread mit dem Politologen
Johannes Varwick auseinander, der in den Talkshows zu den Fürsprechern einer "
kaltherzigen" deutschen Interessenspolitik angesichts des Ukrainekriegs geworden ist: "Man kann der Ansicht sein, dass es 'für uns' das Beste wäre, wenn die Ukraine ihre Existenz opfert, um uns die Angst vor einer atomaren Eskalation zu nehmen. Dann soll man das aber sagen und nicht allen Ernstes für sich beanspruchen, mit der Ukraine solidarisch zu sein."
Ähnliches sagt
Serhij Leschtschenko, Berater im Stab Selenskis, im Gespräch mit Cathrin Kahlweit von der
SZ: "Putin hat kein finales Ziel, der Krieg ist für ihn
eine Art Flucht. Und wie sollte ein Exit-Plan für die Ukraine aussehen? Die
seltsamen Forderungen des Westens, dass wir große Kompromisse machen müssen, sollten
an Moskau gerichtet werden, nicht an uns. Wir sind bekanntlich bereit, einen Status quo ante zu akzeptieren, wenn sich die Russen aus den Gebieten zurückziehen, die sie im Krieg besetzt haben."
Großen Widersrpuch lösten auf Twitter ein paar Äußerungen des Kanzlerberaters
Jens Plötner aus. Er machte bei einer Intervention in der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik sozusagen diskursiv den für die SPD so charakterisitischen
Sprung über die Ukraine hinweg, direkt zu Russland. Wörtlich sagte er,
laut Christine Dankbar in der
Berliner Zeitung: "Mit
zwanzig Mardern kann man viele Zeitungsseiten füllen, aber größere Artikel darüber, wie in Zukunft
unser Verhältnis zu Russland sein wird, gibt es weniger." Das aber sei eine "mindestens genauso
spannende und relevante Frage", über die man diskutieren solle. Seine Intervention kann man in voller Pracht
auf Youtube nachvollziehen.
In der
Ampelkoalition herrscht keine einhellige Begeisterung über diese Äußerungen:
Der belarussische
Schriftsteller Sasha Filipenko arbeitete mehrere Jahre für den unabhängigen russischen TV-Sender
Doschd. "Putin kann sich darauf verlassen, dass Energie für
europäische Wohnungen immer wichtiger sein wird als die
Freiheit der Ukrainer und Russen", sagt er im
NZZ-
Interview mit Roman Bucheli: "Ich glaube, Putin wird einfach schauen, wie weit Europa bereit ist, seinerseits den Einsatz zu erhöhen, und er wird darum so lange wie möglich tun, was er gerade will. Im Endeffekt besteht sein Ziel darin, wieder eine Art
Sowjetunion zu etablieren, mit der Ukraine, mit Weißrussland, Kasachstan, vielleicht irgendwann auch mit dem Baltikum. Er wird so weit gehen, wie ihm Europa zu gehen erlaubt. Und mein Eindruck ist jetzt nicht, dass Europa ein wahnsinniges Problem damit hätte, wenn sich Putin die Länder holt, die zuvor zur Sowjetunion gehört haben."
Lehnte
Polen 2015 die Aufnahme syrischer Flüchtlinge 2015 noch mit aller Macht ab, ist die
Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung gegenüber
ukrainischen Flüchtlingen seit Beginn des Krieges ungebrochen, notiert Thomas Schmid in der
Welt - trotz des historisch belasteten Verhältnisses zwischen Polen und Ukrainern: "Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs begann in Ostgalizien, besonders in Lemberg, ein
polnisch-
ukrainischer Bürgerkrieg zwischen der jungen Polnischen Republik und der soeben gegründeten Westukrainischen Volksrepublik. Die dort lebenden ethnischen Polen wollten den Anschluss an Polen, die Ukrainer in ihrer Mehrheit eine
polenfreie Ukraine. Der Bürgerkrieg wurde blutig ausgetragen. Und es kam dabei auch zu
Massakern an der jüdischen Bevölkerung, die meist versuchte, in diesem ihr fremden Konflikt neutral zu bleiben. Während sich viele galizische Polen den Anschluss an Polen wünschten, sahen viele Ukrainer in den Polen Fremdlinge. Und später wurden viele Polen wiederum Opfer des jungen ukrainischen Nationalismus. Etwa während der Zeit der Besetzung der Ukraine durch die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg."