Die
Sanktionen gegen Russland fallen relativ verhalten aus. Das Bündel aus finanziellen und wirtschaftlichen Maßnahmen, das sich die USA haben einfallen lassen, sei nicht gerade die "Mutter aller Sanktionen",
heißt es etwa bei
Spiegel Online. Auch der
Guardian sieht hier noch die berühmte "Tür für diplomatische Lösungen" offengelassen.
Natürlich hat Deutschland die Gas-Pipeline
Nordstream 2 gestoppt. In einem Interview mit
Osteuropa, das vor der Entscheidung geführt wurde,
hält es Volkswirt und Russland-Experte
Roland Götz für falsch, das sich die Debatte so auf die Pipeline konzentriert. Es hätte
wirksamere Hebel gegeben: "Ein Verbot von Nord Stream 2, das in Deutschland vielfach als Element und Auftakt einer 'neuen Ostpolitik' gefordert wird, wäre daher nur Symbolpolitik oder bestenfalls ein
Signal des Unmuts über Russlands Außenpolitik. Die hitzige Debatte um Nord Stream 2 lenkt von dem Umstand ab, dass weder Deutschland noch viele andere EU-Länder gerne bereit sind,
effektivere Sanktionsinstrumente einzusetzen, von denen man nicht einmal weiß, ob sie Russlands Führung tatsächlich beeindrucken könnten, die auf jeden Fall aber spürbare negative Rückwirkungen auf die eigenen Volkswirtschaften hätten. Zur Symbolpolitik gehört auch der ebenfalls geforderte, aber nicht ernsthaft erwogene Verzicht Europas auf den
gesamten Gasimport aus Russland. Denn nicht der Gasexport, sondern der viel umfangreichere und viel höher besteuerte
Export von Erdöl und Erdölprodukten füllt in Wirklichkeit
Putins Kriegskasse."
Die
Sanktionen, die die britische Regierung gegen Russland verhängt hat oder verhängen will, sind lächerlich,
ärgert sich der Labour-Abgeordnete
Chris Bryant im
Guardian: "Die russischen Banken, die Boris Johnson heute auf die Sanktionsliste gesetzt hat, sind nicht die großen Akteure: Sie sind das Kleingeld der russischen Wirtschaft. Die drei von ihm genannten Personen sind in den USA bereits seit 2018 mit Sanktionen belegt. Wir picken uns also die kleinen Fische heraus, aber lassen die großen Haie frei schwimmen. Johnson wusste nicht einmal, gegen wen wir bereits Sanktionen verhängt hatten. Er behauptete,
Roman Abramowitsch stehe auf der Liste, und weigerte sich, die Angaben zu korrigieren, als ich ihn danach fragte. Später am Tag musste sein Büro zugeben, dass er sich geirrt hatte. Ist es zu viel erwartet, dass ein Premierminister in einem Moment der internationalen Krise einige Details kennt?"
Der Westen sollte auch nicht übersehen, was derzeit in
Belarus geschieht,
schreibt Yasmeen Serhan in
Atlantic. Vor aller Augen und ohne einen einzigen Schuss abzugeben, hat Wladimir Putin aus einem souveränen Staat wieder eine Verlängerung russischen Territoriums verwandelt: "Am Wochenende kündigte die belarussische Regierung an, dass die
30.000 russischen Soldaten auf belarussischem Boden - die größte Stationierung Moskaus seit dem Ende des Kalten Krieges - dort bleiben könnten. Unabhängig davon, was in der Ukraine geschieht, ist dies ein großer Sieg in Putins Krieg mit dem Westen. Die Verlegung stellt nicht nur eine Verletzung der belarussischen Souveränität dar, sondern ist auch eine erhebliche Herausforderung für die Nato als
Sicherheitsgarant im Baltikum: Belarus hat eine gemeinsame Grenze mit drei Nato-Mitgliedern. Dennoch haben sich nur wenige Staats- und Regierungschefs außerhalb der baltischen Region zu der Ankündigung geäußert oder darüber gesprochen, wie sie zu reagieren gedenken. Die
Kosten des Nichtstuns könnten enorm sein."
Im Interview auf
Spiegel Online nimmt der in Harvard lehrende ukrainische Hisotriker
Serhii Plokhy Putins Geschichtsauffassung auseinander und erklärt auch, dass sich das ukrainische Streben nach Unabhängigkeit unter anderem auch aus der Erinnerung an die große
Hungerkatastrophe der dreißiger Jahre speist. Aber nicht nur: "
Tschernobyl gilt in der Ukraine, noch mehr als der
Holodomor, als ein Verbrechen des von Moskau aus gesteuerten sowjetischen Zentralismus. Die Erinnerung an die Atomkatastrophe war ein Hauptfaktor für die Mobilisierung der Massen, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zur ukrainischen Unabhängigkeit führte. Das
Ohnmachtsgefühl, den Entscheidungen der zentralistischen Behörden in Moskau zum Opfer gefallen zu sein, die Atomkraftwerke in der Nähe der ukrainischen Hauptstadt gebaut hatten. Und die nach der Katastrophe wichtige Informationen über die Verstrahlung zurückgehalten hatten. Da geht es nicht so sehr um Kommunismus oder die öffentliche Wahrnehmung der sowjetischen Geschichte, sondern um das Gefühl, nicht souverän über das eigene Schicksal entscheiden können."
In der
SZ berichtet die Czernowitzer Literaturwssenschaftlerin
Oxana Matiychuk von der inneren Lage der Ukrainerinnen und Ukrainer, die natürlich umso angespannter ist je weiter die Menschen in Reichweite der russischen Panzer leben: "Maria meinte, man bereite sich vor, verschiedene Trainings und
Erste-Hilfe-Kurse werden in der Stadt angeboten; ihre Familie habe
drei Jagdflinten zu Hause, legal, und alle drei Männer können diese gut bedienen. Die drei Männer sind ihr Schwiegervater, über 70 Jahre alt, ihr Mann Sascha, Mittvierziger, und ihr Sohn, der 19 Jahre alt ist. Marias Schwiegervater, ein ruhiger, sympathischer Mensch, der einen ausgezeichneten Schnaps brennt (im Berufsleben war er Chemiker), kann auf Ukrainisch kaum einen Satz richtig zusammenbringen. Auch Saschas Umgangssprache ist Russisch, er meint, er würde ungern falsches Ukrainisch sprechen, er habe die Sprache nie konsequent gelernt."
"Putin riecht Blut wie ein Hai und dehnt sich aus wie Gas",
ätzt der belarussische Schriftsteller
Sasha Filipenko im
taz-Interview mit Jens Uthoff. Vor allem aber leide Putin unter Realitätsverlust: "Er konstruiert seine eigene Realität und bekommt nicht mit, dass sowohl in der Ukraine als auch in Belarus
nur noch eine Minderheit zu Russland gehören will. In Belarus vielleicht ein Fünftel der Bevölkerung, je nachdem, welcher Umfrage man Glauben schenkt. In der Ukraine gehen seit der Krim-Annexion rund 60 Prozent klar auf Distanz zu Russland. Putin und Lukaschenko reden über ihr Land, wie sie über eine Frau oder eine Geliebte reden. Sie checken aber nicht, dass die Frau sie schon
seit Langem verlassen will."
In seiner berüchtigten Rede vom Montagabend beschränkte sich Wladimir Putin nicht auf Angriffe gegen die Ukraine, auch sein eigener Geheimdienstchef musste sich demütigen lassen.
Natürlich kann man
Putin mit Hitler vergleichen, findet Patrick Bahners in der
FAZ, vor allem wenn der Vergleich stimme: "Vorsicht bei Hitler-Vergleichen ist für deutsche Kommentatoren und Politiker sicher geboten. Aber sie dürfen auch nicht übersehen, dass Vergleiche mit dem Zweiten Weltkrieg unabhängig von aller welthistorischen Komparatistik im Geist des
Thukydides gerade in Osteuropa, wo die Folgen dieses Krieges noch überall spürbar sind, ihre eigene Sachhaltigkeit haben. Putins Geschichtspolitik schließt die
Rehabilitierung des Hitler-Stalin-Pakts ein, mit dem die polnische Regierung Nord Stream 2 verglichen hat. Man tut Putin nicht unrecht, wenn man beim Namen nennt, mit wem er sich
in der Wahl seiner Mittel gemeinmacht."
Weitere Artikel: "Die Aggression geht nicht von einem bestimmten Land aus, sondern von einem Denksystem, das
Krieg gegen die Demokratie führt", schreibt der Schriftsteller
Zafer Senocak in der
Welt: "Dieser Hass auf die
zivilisierte Friedenszone (vielleicht ein besserer Begriff, als ständig vom Westen zu sprechen) hat inzwischen eine internationale Dimension." "Zur Disposition steht weit mehr als die Lage in der Ukraine und in Russland", meint auch Mathias Döpfner in der
Welt: "Die
Chinesen werden sich genau ansehen, was die USA und die EU in der Ukraine machen. Und dann entscheiden, was das für
Taiwan bedeutet." In der
FAZ fürchtet selbst
Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, um den lieben Frieden: "Russische Panzer rollen in die Separatistengebiete. Rollen sie weiter, dann wären die Konsequenzen für die bilateralen Beziehungen zwischen Russland und dem Westen verheerend. Auch in der
kulturellen Zusammenarbeit stünden wir vor einem
Scherbenhaufen. All das in Jahrzehnten mühsam Erreichte wäre dahin."