Magazinrundschau
Lang leben die Schnecken!
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
21.07.2026. Kulturkämpfe, wo man hinguckt: Isaac Butler erzählt im Guardian, wie Linke und Rechte seit den achtziger Jahren die Klingen schärfen. New Lines erzählt, warum dem türkischen Comedian Deniz Göktaş sechs Jahre Haft drohen. In Fathom fragt der britische Schriftsteller Howard Jacobson, seit wann es okay ist, einen unbewiesenen Genozidvorwurf als Tatsache hinzustellen. In der New York Times glaubt Zohran Mamdani, viele Demokraten würden sich einfach nur nicht trauen, von einem Genozid Israels zu sprechen. Die LRB schwelgt in Federn. HVG sucht eine ungarische Beerdigungskultur.
Guardian (UK), 21.07.2026

New Lines Magazine (USA), 20.07.2026
Evan Pheiffer beobachtet einen Auftritt des türkischen Comedians Deniz Göktaş, der in der Türkei für Furore gesorgt und ihn, der schon öfter wegen seiner regierungskritischen Comedy ins Visier der Behörden geraten war, ins Gefängnis brachte. In seinem eineinhalbstündigen Auftritt teilt Göktaş gegen alle aus, erzählt Pheiffer, nicht nur gegen Erdogan, sondern "gegen Politiker, Ordensgemeinschaften, Rassisten, Mafiosi, Therapeuten, Woke-Aktivisten, Intellektuelle, Selbstmordattentäter und die säkulare Bourgeoisie" und auch gegen die Gülen-Bewegung, deren Mitglieder nach dem gescheiterten Putschversuch 2016 untertauchen mussten: "'Hoş geldiniz' ('Willkommen'), sagt er zu den potenziellen Gülenisten in der Menge, worauf diese üblicherweise 'Hoş bulduk' ('Schön, hier zu sein') antworten würden. 'Aber sagt bloß nicht Hoş bulduk!', warnt er. 'Wie schade wäre es doch, wenn ihr nach zehn Jahren im Untergrund plötzlich eure Tarnung auffliegen lassen würdet." Wie die Mormonen waren auch die Gülenisten eine aufstrebende religiöse Bewegung, die schließlich viele staatliche Organe unterwanderte. Angesichts ihrer sozialen Herkunft und ihrer eigentümlichen Organisationsstrukturen - Dexter Filkins verfasste ein hervorragendes Porträt, in dem er detailliert beschreibt, wie Anhänger einst den Schuh ihres Anführers aßen - dürften die Zuhörer wenig Verständnis für ihre Lage aufbringen. Göktaş kümmert das natürlich nicht. 'Ich bin nicht hier, um euch zu verurteilen', sagt er. 'Wenn euch jemand in diesem Raum versteht, dann ich. Ich habe wirklich versucht, der Bewegung beizutreten!', scherzt er. 'In der vierten Klasse wurde ich Zweiter bei der Mathematik-Olympiade und wurde von einer Gülenisten-Schule angeworben. Sie wollten mir einen Computer und ein Stipendium geben. Ich bettelte meine Eltern an: 'Tagsüber werden sie mich einer Gehirnwäsche unterziehen, aber ihr werdet das nachts wieder in Ordnung bringen!'' 'Aber sie dachten nicht an den Profit und haben mich deshalb nicht geschickt', seufzt er." Das Video ist auf Youtube verfügbar (allerdings bisher nur auf Türkisch) und hat 13 Millionen Aufrufe erzielt. Anfang Juli wurde der Comedian verhaftet, berichtet Pheiffer, bei einer Verurteilung drohen Göktaş bis zu sieben Jahre Haft.HVG (Ungarn), 16.07.2026
Im Interview mit Doran Matlin spricht die aus der Süd-Slowakei stammende Schriftstellerin Katarina Durica über ihren jüngsten Roman, der u.a. von der Beerdigungskultur sowie dem Umgang mit dem Tod und den Toten in Ungarn handelt. Beerdigungen sind so teuer, dass nur wenige Ungarn sich einen "würdigen Abschied" leisten können, erzählt sie. "Also nehmen sie die Asche mit nach Hause und stellen die Urne ohne Beerdigung, ohne Zeremonie, ohne Trauerfeier und ohne Familientreffen ins Bücherregal. (…) Die Bestattungskultur in Budapest - oder vielmehr deren Fehlen - ist meiner Meinung nach weltweit einzigartig. Sie wirkt äußerst distanzierend; die Menschen halten sich von all dem fern, wissen nichts und wollen auch nichts wissen, sie besuchen Beerdigungen nur im engsten Kreis. Ein erheblicher Teil der ungarischen Erwachsenen mittleren Alters hat noch nie einen Toten gesehen. (…) Wie wir es hier in Budapest handhaben, ist das Schlimmste, was man tun kann. Alle Fachleute, die sich mit Trauer befassen, sagen, dass der Abschied von dem Toten ein sehr wichtiger Bestandteil des Loslassens ist. Nur so kann man die Dinge abschließen (…). Fehlt dies und gibt es keine Rituale, kann die Trauer ins Stocken geraten, sich in die Länge ziehen und schmerzhafter sein. Oft sagen wir, dass es um die psychische Verfassung der Menschen in Ungarn nicht zum Besten steht. Ich behaupte nicht, dass sich alles darauf zurückführen lässt, aber die Tatsache, dass wir uns nicht würdig von den Verstorbenen verabschieden, spielt dabei sicherlich eine Rolle."Eurozine (Österreich), 20.07.2026
Miriam Țepeș-Handaric blickt auf rechtsextreme Desinformationskampagnen in Rumänien und Bulgarien, die sich gezielt an die Roma-Bevölkerung der Länder richtet. In Bulgarien gibt es diese Strategie schon seit 2019, als rechtsextreme politische Kräfte und Organisationen das geplante Kinderschutzgesetz der Regierung sabotieren wollten und zu diesem Zweck das Netz mit Fake News fluteten: Die bulgarische Regierung plane, Kinder aus ihren Familien zu nehmen, damit sie von homosexuellen Paaren in Norwegen adoptiert werden könnten. So absurd das klingt, löste die Kampagne geradezu eine Panikwelle aus, berichtet die Autorin, vor allem in Roma-Familien. Der Anteil von Fällen, in denen Kinder von Behörden aus Familien genommen werden, ist in der Roma-Community viel höher als anderswo, erklärt Țepeș-Handaric, teilweise wegen struktureller Probleme innerhalb der Community, aber auch wegen staatlicher Willkür und Diskriminierung. Auch in Rumänien, beziehungsweise in der rumänischen Diaspora, versuchen Rechtsextreme immer wieder, mit diesem Thema Wählerstimmen unter den Roma zu fischen: "Während des Präsidentschaftswahlkampfs 2024 besuchte George Simion, Vorsitzender der AUR, mehrere Mitglieder der rumänischen Diaspora: sowohl Rumänen, die von den Überschwemmungen in Spanien betroffen waren, als auch die Roma-Familie, deren Zwangstrennung gewaltsame Proteste in Großbritannien ausgelöst hatte (mehr hier). Aufnahmen, die zeigten, wie Kinder von britischen Behörden zwangsweise abgeführt wurden, einige von ihnen in Handschellen, gingen viral. Während zivilgesellschaftliche Akteure die Vorgehensweise der Sozialdienste in diesem Fall verurteilten und Roma-Aktivisten in beiden Ländern mit den Behörden zusammenarbeiteten, um die Spannungen abzubauen, löste die Situation laut Anda Constantin von der Stiftung 'Roma für Demokratie' eine neue Welle der Angst in den Roma-Gemeinschaften aus. Obwohl es sich um einen Einzelfall handelte, der die Diaspora und das britische Rechtssystem betraf, befürchteten manche Menschen, dass ihnen ihre eigenen Kinder weggenommen werden könnten - 'weil diese Angst ständig geschürt wird', so Constantin." (Allerdings berichtete die BBC schon 2012, dass "Kommunalbehörden wie Rotherham und Sheffield eine steigende Zahl von Roma-Eltern gemeldet hätten, für die Kinderschutzmaßnahmen gelten oder deren Kinder sogar in Pflege genommen wurden".)Lux Magazine (USA), 20.07.2026

New York Times (USA), 19.07.2026
Die New York Times führt ein episches Interview mit ihrem Bürgermeister Zohran Mamdani. Aber es geht nicht nur um New York, sondern auch um die Hoffnungen, die er in die amerikanische Politik setzt. Eines ist klar: Er will einen radikalen Wandel. Und wer die Israelis nicht des "Genozids" bezichtigt, hat keine Chance, bei ihm mitzumachen. "Netanjahu gehört nach Den Haag", meint er. Der bisherigen amerikanischen Politik wirft er die Unterstützung für Israel vor: "Eine verfehltere Gaza- und Palästina-Politik als die unseres Landes ist kaum zu finden - und das beschränkt sich nicht auf eine bestimmte Partei. Wieder und wieder wurde den New Yorkern und Amerikanern eingetrichtert, dass sie sich keine Sorgen über das machen sollen, was sie da sehen. Da kann man kaum zu einem anderen Thema übergehen und sagen: 'Aber hier musst du mir glauben.' Und allzu oft wird man feststellen, dass es weitaus mehr Kongressabgeordnete gibt, die einem privat sagen, dass es sich um einen Völkermord handelt, aber vermeiden, dies öffentlich zu verkünden. Solange es einen Unterschied gibt zwischen dem, was die Menschen glauben, und dem, was sie sich trauen zu sagen, wird es Skepsis und, mehr noch, Verzweiflung unter jenen geben, die überlegen, ob sie sich politisch engagieren sollen oder nicht."Fathom (Großbritannien), 01.07.2026
Quillette (Australien), 20.07.2026

London Review of Books (UK), 23.07.2026

Elet es Irodalom (Ungarn), 17.07.2026
Die Medienrechtlerin Gabriella Cseh denkt über die Auswirkungen einer veränderten Öffentlichkeit auf die öffentlich-rechtlichen Medien nach, die nach der Abwahl Orbans neu gestaltet werden sollen: "Die Meinungsfreiheit wird traditionell als Freiheit des Einzelnen verstanden. Doch konnten die öffentlich-rechtlichen Medien lange Zeit davon ausgehen, dass die demokratische Öffentlichkeit auch gemeinschaftliche Voraussetzungen hat. Es ist nicht nur notwendig, dass sich jeder äußern kann, sondern auch, dass es eine gemeinsame Öffentlichkeit gibt, in der Meinungen aufeinandertreffen können. Aber reicht es aus, wenn jeder die Informationen und Gemeinschaften findet, die seinen eigenen Interessen und Überzeugungen entsprechen? Demokratie ist nicht bloß ein System nebeneinander existierender Meinungen. Sie setzt auch voraus, dass es Themen, Fakten und Fragen gibt, über die wir gemeinsam sprechen können. Möglicherweise liegt die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht in der Wiederherstellung eines gemeinsamen Bildschirms, da heute jeder seinen eigenen Bildschirm hat. Es geht vielmehr darum, ob es weiterhin Institutionen und öffentliche Räume geben wird, die in der Lage sind, die Mindestvoraussetzungen für eine gemeinsame Welt in einem zunehmend personalisierten Informationsumfeld aufrechtzuerhalten. Vielleicht ist es das Paradoxon in der Geschichte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, dass wir seine Bedeutung erst dann zu schätzen beginnen, wenn jene technologischen Formen, mit denen er üblicherweise in Verbindung gebracht wird, allmählich in den Hintergrund treten. Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk ging es nie um Radio, Fernsehen oder irgendein anderes Medium, sondern er ist der Name für die Hoffnung, dass die Mitglieder einer demokratischen Gesellschaft fähig sind, eine gemeinsame Welt zu bewahren, auch wenn sie nicht alle dasselbe darüber denken."New Yorker (USA), 27.07.2026
David D. Kirkpatricks Reportage über den Gaza-Krieg und das Verhältnis der USA zu Israel in dieser Zeit, liest sich über weite Strecken wie ein dröges "der sagte dies, der sagte das, und dann sagte der jenes". Am Ende läuft es darauf hinaus, dass Israel praktisch von Anfang an im Gazakrieg Kriegsverbrechen begangen haben soll und die USA, vor allem Joe Biden, pausenlos an der Nase herumgeführt habe, was diese mitschuldig mache. Der 7. Oktober und die Raketenangriffe auf Israel werden pflichtschuldigst erwähnt, doch die Kriegsführung der Hamas und welche Rolle sie beim Tod vieler palästinensischer Zivilisten gespielt hat, interessiert Kirkpatrick nicht die Bohne, es geht ausschließlich um Israel: "Tatsächlich scheinen Biden und seine engsten Berater rückblickend eine geradezu perverse Passivität gegenüber Israels Heuchelei und Trotz an den Tag gelegt zu haben, insbesondere wenn es um den Schutz palästinensischer Zivilisten ging. Jake Sullivan, Bidens ehemaliger nationaler Sicherheitsberater, erzählte mir, dass Biden und seine Berater oft hinter verschlossenen Türen darüber diskutiert hätten, wie man Israel in Schach halten könne. ... Die israelischen Streitkräfte erklären, dass sie sich stets an das Kriegsvölkerrecht halten und versuchen, zivile Opfer so gering wie möglich zu halten. Doch schon kurz nachdem Israel seinen Gegenangriff auf den Gazastreifen begonnen hatte, schlugen innerhalb der Biden-Regierung erste Alarmglocken wegen möglicher Kriegsverbrechen. Bis zum 1. November 2023 lag die Zahl der palästinensischen Todesopfer bei mindestens 8.800, darunter mehr als 5.800 Frauen und Kinder. Israelische Kampfflugzeuge führten täglich bis zu 800 Luftangriffe auf den Norden des Gazastreifens durch, und Regierungsvertreter, die den Krieg genau verfolgten, sagten mir, dass israelische Militärstrategen unmöglich so viele legitime militärische Ziele wie Tunneleingänge, Raketenwerfer und Hamas-Führer im Voraus ausgewählt oder so schnell identifiziert haben konnten. Ebenso wenig hätten die Israelis sorgfältig abwägen können, ob das Risiko für das Leben von Zivilisten und die Infrastruktur in einem angemessenen Verhältnis zum militärischen Wert jedes einzelnen Ziels stand. ... Die Times berichtete später, dass das israelische Militär am Tag des Hamas-Massakers seine 'Einsatzregeln' offiziell überarbeitet hatte, sodass Offiziere der mittleren Führungsebene Angriffe genehmigen konnten, bei denen das Risiko bestand, bis zu zwanzig Zivilisten zu töten, um einen einfachen Hamas-Kämpfer auszuschalten. Bisherige Regeln hatten Angriffe erlaubt, bei denen bis zu fünf zivile Todesopfer zu befürchten waren, in bestimmten Fällen auch zehn."
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