Magazinrundschau

Lang leben die Schnecken!

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
21.07.2026. Kulturkämpfe, wo man hinguckt: Isaac Butler erzählt im Guardian, wie Linke und Rechte seit den achtziger Jahren die Klingen schärfen. New Lines erzählt, warum dem türkischen Comedian Deniz Göktaş sechs Jahre Haft drohen. In Fathom fragt der britische Schriftsteller Howard Jacobson, seit wann es okay ist, einen unbewiesenen Genozidvorwurf als Tatsache hinzustellen. In der New York Times glaubt Zohran Mamdani, viele Demokraten würden sich einfach nur nicht trauen, von einem Genozid Israels zu sprechen. Die LRB schwelgt in Federn. HVG sucht eine ungarische Beerdigungskultur.

Guardian (UK), 21.07.2026

Kaya Genç berichtet vom Prozess gegen den türkischen Oppositionspolitiker Ekrem İmamoğlu, dem "142 Straftaten, darunter die Führung einer kriminellen Organisation, Bestechlichkeit, die unrechtmäßige Beschaffung personenbezogener Daten, Unterstützung der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), Erpressung, Manipulation öffentlicher Ausschreibungen sowie zahlreiche weitere Finanzdelikte" vorgeworfen werden, Delikte, "die mit Freiheitsstrafen von insgesamt bis zu 2.430 Jahren geahndet werden könnten." Dass die Vorwürfe aus der Luft gegriffen sind und es in Wahrheit darum geht, einen Mann unschädlich zu machen, der seit seinem Sieg bei der Bürgermeisterwahl in Istanbul 2019 dem Erdoğan-Regime gefährlich zu werden drohte, ist ein offenes Geheimnis. Dass die Verhandlung nicht mit einem Freispruch enden wird und İmamoğlu das Gefängnis nicht verlassen wird, solange Erdoğan Präsident ist, ebenso. Im Schatten des spektakulären Prozesses wird die türkische Demokratie fröhlich weiter abgewrackt: "İmamoğlus Fall ist kein Einzelfall: Türkische Staatsanwälte haben im ganzen Land Ermittlungen gegen von der Opposition regierte Kommunen eingeleitet. Fast jede Woche gibt es Berichte über neue Festnahmen von CHP-Bürgermeistern auf Bezirks- und Stadtebene. Nach ihrer Festnahme werden ihre Ämter häufig von ihren Stellvertretern übernommen. Nuri Aslan, İmamoğlus ehemaliger Stellvertreter, leitet inzwischen Istanbul. In den Istanbuler Bezirken Esenyurt und Şişli hat die Regierung sogenannte Kayyıms (Zwangsverwalter bzw. staatlich eingesetzte Treuhänder) ernannt, um die inhaftierten CHP-Bürgermeister zu ersetzen. Die Oxford-Wissenschaftlerin Ezgi Başaran hat ausgerechnet, dass 30 Kommunen in der Türkei mit insgesamt 28 Millionen Einwohnern von Politikern regiert werden, die aufgrund dieser Festnahmen nicht von der Bevölkerung gewählt wurden. Zwischen den Kommunalwahlen im März 2024 und Mai 2026 wechselten 76 Bürgermeister verschiedener Parteien - darunter 17 von der CHP - zur AKP, vermutlich um dem Schicksal İmamoğlus zu entgehen."

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Isaac Butlers Buch "The Perfect Moment: God, Sex, Art, and the Birth of America's Culture Wars" beschäftigt sich mit der Vorgeschichte der Kulturkämpfe der Gegenwart. Letzte Woche hatte Louis Menand es im New Yorker besprochen (unser Resümee). Für den Guardian trifft sich David Smith mit dem Autor und lernt, dass die entscheidenden Weichen in den USA Ende der 1980er gestellt wurden: "Die religiöse Rechte hatte maßgeblich zur Wahl Ronald Reagans zum Präsidenten beigetragen. Doch am Ende seiner zweiten Amtszeit war sie der Ansicht, dafür kaum Gegenleistungen erhalten zu haben: Schwangerschaftsabbrüche waren weiterhin legal, und ihre legislativen Erfolge blieben überschaubar. Mit dem Ende des Kalten Krieges suchte sie nach einem neuen Gegner, um ihre Anhängerschaft zu mobilisieren und ihren Einfluss in der US-Politik auszubauen." Da kam Kunst und insbesondere Kunst von schwulen Künstlern wie Robert Mapplethorpe zum Beispiel als Gegner genau recht. Angeregt zu seinem Buch habe ihn jedoch die Absage einer Retrospektive des amerikanischen Malers Philip Guston in der National Gallery of Art 2020, erzählt Butler (unsere Resümees). "Guston, ein lebenslanger Antirassist und jüdischer Künstler, dessen frühe Werke vom Ku-Klux-Klan zerstört worden waren, stellte in seinen späten Gemälden häufig skurrile, karikaturistische Darstellungen von Klanmitgliedern dar. Die Kunstszene, von einer plötzlichen moralischen Panik erfasst, befürchtete, die Bilder seien in ihrer antirassistischen Sichtweise nicht 'ausreichend eindeutig' und könnten die Betrachter verstören. 'Ich war fassungslos' so Butler, 'dass Menschen, die ich als meine Verbündeten betrachten würde - also wohlmeinende Linke in der Kunstwelt -, einem anderen Künstler, einem lebenslangen Antirassisten, so etwas antun wollten. Als Jude war ich ziemlich wütend darüber, dass die jüdischen Erfahrungen mit dem Klan ausgeblendet wurden... Ich wollte die freie Meinungsäußerung als linken Wert zurückerobern, weil ich sah, wie immer mehr meiner Freunde ihm skeptisch gegenüber standen. Was meiner Meinung nach eine verständliche Reaktion auf die schreckliche Lage ist, die seit 2020 herrschte und weiterhin herrscht.' Gleichzeitig schärfte die Rechte ihre eigenen Klingen. Der Aufstieg von Persönlichkeiten wie Ron DeSantis, dem republikanischen Gouverneur von Florida, und die Einführung von 'Don't say gay'-Gesetzen kamen Butler alarmierend bekannt vor. 'Jeder republikanische Kandidat überbot den anderen geradezu darin, herauszufinden, wer Trans-Menschen am stärksten unterdrücken und zum Schweigen bringen könnte. All das passierte wieder - und es kam mir so vertraut vor angesichts dessen, was ich selbst durchlebt hatte. Da dachte ich mir: Oh ja, ich möchte die Geschichte jener Zeit aufschreiben, die für mich so wichtig war. Es war eine Feuerprobe, in der meine Identität geformt wurde."
Archiv: Guardian

New Lines Magazine (USA), 20.07.2026

Evan Pheiffer beobachtet einen Auftritt des türkischen Comedians Deniz Göktaş, der in der Türkei für Furore gesorgt und ihn, der schon öfter wegen seiner regierungskritischen Comedy ins Visier der Behörden geraten war, ins Gefängnis brachte. In seinem eineinhalbstündigen Auftritt teilt Göktaş gegen alle aus, erzählt Pheiffer, nicht nur gegen Erdogan, sondern "gegen Politiker, Ordensgemeinschaften, Rassisten, Mafiosi, Therapeuten, Woke-Aktivisten, Intellektuelle, Selbstmordattentäter und die säkulare Bourgeoisie" und auch gegen die Gülen-Bewegung, deren Mitglieder nach dem gescheiterten Putschversuch 2016 untertauchen mussten: "'Hoş geldiniz' ('Willkommen'), sagt er zu den potenziellen Gülenisten in der Menge, worauf diese üblicherweise 'Hoş bulduk' ('Schön, hier zu sein') antworten würden. 'Aber sagt bloß nicht Hoş bulduk!', warnt er. 'Wie schade wäre es doch, wenn ihr nach zehn Jahren im Untergrund plötzlich eure Tarnung auffliegen lassen würdet." Wie die Mormonen waren auch die Gülenisten eine aufstrebende religiöse Bewegung, die schließlich viele staatliche Organe unterwanderte. Angesichts ihrer sozialen Herkunft und ihrer eigentümlichen Organisationsstrukturen - Dexter Filkins verfasste ein hervorragendes Porträt, in dem er detailliert beschreibt, wie Anhänger einst den Schuh ihres Anführers aßen - dürften die Zuhörer wenig Verständnis für ihre Lage aufbringen. Göktaş kümmert das natürlich nicht. 'Ich bin nicht hier, um euch zu verurteilen', sagt er. 'Wenn euch jemand in diesem Raum versteht, dann ich. Ich habe wirklich versucht, der Bewegung beizutreten!', scherzt er. 'In der vierten Klasse wurde ich Zweiter bei der Mathematik-Olympiade und wurde von einer Gülenisten-Schule angeworben. Sie wollten mir einen Computer und ein Stipendium geben. Ich bettelte meine Eltern an: 'Tagsüber werden sie mich einer Gehirnwäsche unterziehen, aber ihr werdet das nachts wieder in Ordnung bringen!'' 'Aber sie dachten nicht an den Profit und haben mich deshalb nicht geschickt', seufzt er." Das Video ist auf Youtube verfügbar (allerdings bisher nur auf Türkisch) und hat 13 Millionen Aufrufe erzielt. Anfang Juli wurde der Comedian verhaftet, berichtet Pheiffer, bei einer Verurteilung drohen Göktaş bis zu sieben Jahre Haft.

HVG (Ungarn), 16.07.2026

Im Interview mit Doran Matlin spricht die aus der Süd-Slowakei stammende Schriftstellerin Katarina Durica über ihren jüngsten Roman, der u.a. von der Beerdigungskultur sowie dem Umgang mit dem Tod und den Toten in Ungarn handelt. Beerdigungen sind so teuer, dass nur wenige Ungarn sich einen "würdigen Abschied" leisten können, erzählt sie. "Also nehmen sie die Asche mit nach Hause und stellen die Urne ohne Beerdigung, ohne Zeremonie, ohne Trauerfeier und ohne Familientreffen ins Bücherregal. (…) Die Bestattungskultur in Budapest - oder vielmehr deren Fehlen - ist meiner Meinung nach weltweit einzigartig. Sie wirkt äußerst distanzierend; die Menschen halten sich von all dem fern, wissen nichts und wollen auch nichts wissen, sie besuchen Beerdigungen nur im engsten Kreis. Ein erheblicher Teil der ungarischen Erwachsenen mittleren Alters hat noch nie einen Toten gesehen. (…) Wie wir es hier in Budapest handhaben, ist das Schlimmste, was man tun kann. Alle Fachleute, die sich mit Trauer befassen, sagen, dass der Abschied von dem Toten ein sehr wichtiger Bestandteil des Loslassens ist. Nur so kann man die Dinge abschließen (…). Fehlt dies und gibt es keine Rituale, kann die Trauer ins Stocken geraten, sich in die Länge ziehen und schmerzhafter sein. Oft sagen wir, dass es um die psychische Verfassung der Menschen in Ungarn nicht zum Besten steht. Ich behaupte nicht, dass sich alles darauf zurückführen lässt, aber die Tatsache, dass wir uns nicht würdig von den Verstorbenen verabschieden, spielt dabei sicherlich eine Rolle."
Archiv: HVG

Eurozine (Österreich), 20.07.2026

Miriam Țepeș-Handaric blickt auf rechtsextreme Desinformationskampagnen in Rumänien und Bulgarien, die sich gezielt an die Roma-Bevölkerung der Länder richtet. In Bulgarien gibt es diese Strategie schon seit 2019, als rechtsextreme politische Kräfte und Organisationen das geplante Kinderschutzgesetz der Regierung sabotieren wollten und zu diesem Zweck das Netz mit Fake News fluteten: Die bulgarische Regierung plane, Kinder aus ihren Familien zu nehmen, damit sie von homosexuellen Paaren in Norwegen adoptiert werden könnten. So absurd das klingt, löste die Kampagne geradezu eine Panikwelle aus, berichtet die Autorin, vor allem in Roma-Familien. Der Anteil von Fällen, in denen Kinder von Behörden aus Familien genommen werden, ist in der Roma-Community viel höher als anderswo, erklärt Țepeș-Handaric, teilweise wegen struktureller Probleme innerhalb der Community, aber auch wegen staatlicher Willkür und Diskriminierung. Auch in Rumänien, beziehungsweise in der rumänischen Diaspora, versuchen Rechtsextreme immer wieder, mit diesem Thema Wählerstimmen unter den Roma zu fischen: "Während des Präsidentschaftswahlkampfs 2024 besuchte George Simion, Vorsitzender der AUR, mehrere Mitglieder der rumänischen Diaspora: sowohl Rumänen, die von den Überschwemmungen in Spanien betroffen waren, als auch die Roma-Familie, deren Zwangstrennung gewaltsame Proteste in Großbritannien ausgelöst hatte (mehr hier). Aufnahmen, die zeigten, wie Kinder von britischen Behörden zwangsweise abgeführt wurden, einige von ihnen in Handschellen, gingen viral. Während zivilgesellschaftliche Akteure die Vorgehensweise der Sozialdienste in diesem Fall verurteilten und Roma-Aktivisten in beiden Ländern mit den Behörden zusammenarbeiteten, um die Spannungen abzubauen, löste die Situation laut Anda Constantin von der Stiftung 'Roma für Demokratie' eine neue Welle der Angst in den Roma-Gemeinschaften aus. Obwohl es sich um einen Einzelfall handelte, der die Diaspora und das britische Rechtssystem betraf, befürchteten manche Menschen, dass ihnen ihre eigenen Kinder weggenommen werden könnten - 'weil diese Angst ständig geschürt wird', so Constantin." (Allerdings berichtete die BBC schon 2012, dass "Kommunalbehörden wie Rotherham und Sheffield eine steigende Zahl von Roma-Eltern gemeldet hätten, für die Kinderschutzmaßnahmen gelten oder deren Kinder sogar in Pflege genommen wurden".)
Archiv: Eurozine

Lux Magazine (USA), 20.07.2026

Christian Maurel, Für den Arsch. Auf Deutsch erschienen 2019 im August Verlag (heute ein Imprint von Matthes & Seitz)
Auch in queeren Kreisen ist Misogynie kein unbekanntes Phänomen, lernt Aditya Gandhi für Lux, das hat der heute fast vergessene französische Autor Christian Maurel in seinem Text "Screwball Asses" festgehalten, der lange fälschlicherweise Guy Hocquenghem zugeschrieben wurde und erstmals 1973 in der Ausgabe "Trois milliards de pervers" von Felix Guattari herausgegebenen Zeitschrift Recherches erschienen war. "'The Screwball Asses' ist als eine Reihe von Mini-Polemiken aufgebaut und nimmt die schwulen Männer der französischen Linken scharf ins Visier, deren theorielastiger und phallozentrischer Aktivismus viele Lesben vertrieb und das revolutionäre Potenzial der Organisation Effeminists zunichte machte. ... So sehr er auch die abstrakten Theoretisierungen kritisiert, 'The Screwball Asses' ist doch ein Text, der sich der widersprüchlichen, über die Logik hinausweisenden Philosophie der deleuze'schen Tradition verschreibt. Einige der Ideen sind veraltet, andere bizarr - so wie seine Mini-Polemik darüber, warum schwule Jungs und Lesben Liebe machen sollten - und wieder andere sind nachdenklich und weitsichtig, zum Beispiel in ihrem Infragestellen von Geschlecht. In einer strahlenden Sequenz von Sätzen, die all diese Eigenschaften zusammenbringt, schreibt Maurel: 'Oh! Frau sein zu wollen, fruchtbar zu sein, fotzig zu sein, anstatt den kapitalistischen Drang zu schwängern zu spüren! Ich weiß, ich fasele. Lang leben die Schnecken! Welches Glück sie haben, männlich und weiblich zugleich zu sein, ohne je das andere Geschlecht zu kopieren.'"
Archiv: Lux Magazine

New York Times (USA), 19.07.2026

Die New York Times führt ein episches Interview mit ihrem Bürgermeister Zohran Mamdani. Aber es geht nicht nur um New York, sondern auch um die Hoffnungen, die er in die amerikanische Politik setzt. Eines ist klar: Er will einen radikalen Wandel. Und wer die Israelis nicht des "Genozids" bezichtigt, hat keine Chance, bei ihm mitzumachen. "Netanjahu gehört nach Den Haag", meint er. Der bisherigen amerikanischen Politik wirft er die Unterstützung für Israel vor: "Eine verfehltere Gaza- und Palästina-Politik als die unseres Landes ist kaum zu finden - und das beschränkt sich nicht auf eine bestimmte Partei. Wieder und wieder wurde den New Yorkern und Amerikanern eingetrichtert, dass sie sich keine Sorgen über das machen sollen, was sie da sehen. Da kann man kaum zu einem anderen Thema übergehen und sagen: 'Aber hier musst du mir glauben.' Und allzu oft wird man feststellen, dass es weitaus mehr Kongressabgeordnete gibt, die einem privat sagen, dass es sich um einen Völkermord handelt, aber vermeiden, dies öffentlich zu verkünden. Solange es einen Unterschied gibt zwischen dem, was die Menschen glauben, und dem, was sie sich trauen zu sagen, wird es Skepsis und, mehr noch, Verzweiflung unter jenen geben, die überlegen, ob sie sich politisch engagieren sollen oder nicht."
Archiv: New York Times

Fathom (Großbritannien), 01.07.2026

Calev Ben-Dor unterhält sich sehr ausführlich mit dem Autor Howard Jacobson. Der größte Teil des Gesprächs handelt von seinen Büchern, von denen einige ins Deutsche übersetzt sind. Verzweifelt klingt er, als das Gespräch auf die Lage der Juden in Großbritannien kommt, und den Hass, der ihnen entgegenschlägt. Die Atmosphäre verdüstert sich immer weiter, so Jacobson: "Nach dem 7. Oktober fiel mir auf, dass einige der besten Moderatoren - die BBC habe ich schon aufgegeben, sie hat mich zu sehr erzürnt, obwohl ich sie früher bewundert habe - einige der besten Moderatoren im Talkradio einem Anrufer nicht einfach den Ausdruck 'Genozid' durchgehen ließen. Sie sagten: Moment mal, das ist nicht bewiesen, das ist eine haltlose Anschuldigung, ich werde nicht zulassen, dass Sie 'Genozid' sagen. Einige der Besten unter ihnen hielten wochenlang, ja sogar monatelang gewissenhaft daran fest. Einige der Schlechtesten taten das nie - sie hatten 'Genozid' von Anfang an übernommen. Doch nach und nach ließen selbst die Besten unter ihnen den Begriff passieren, als ob ihnen die Energie ausgegangen wäre, ihm weiterhin zu widersprechen. Das erschreckt mich - dass einigen von uns die Energie ausgeht, einer abscheulichen Lüge zu widersprechen… Was auch immer Israel jetzt tut, wird als Völkermord bezeichnet. Hier ist also die eigentliche Frage: Wie können wir das stoppen? Wenn ich mit jüdischen Gruppen spreche, sage ich: Ihr müsst jedes Mal widersprechen, wenn ihr 'Genozid' oder eine der anderen Lügen hört - wie jene Lüge, die ich während des Gaza-Kriegs immer wieder hörte, dass auf jedem Dach und an jedem Laternenpfahl ein israelischer Scharfschütze stand, dessen einzige Aufgabe darin bestand, palästinensische Kinder zu töten. Ich habe das so oft gehört, dass ich mich daran erinnere, zu meiner Frau gesagt zu haben: 'Könnte das etwa wahr sein?' Und wir waren uns beide einig, dass das nicht sein konnte. Aber wer weiß schon, was nicht hätte sein können. Das ist die Wirkung einer Lüge, die immer und immer wieder erzählt wird: Sie wird zur Wahrheit."
Archiv: Fathom

Quillette (Australien), 20.07.2026

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Wie Jeffrey Herf neulich im Israel Journal of Foreign Affairs und im Perlentaucher (alle Links), setzt sich auch der renommierte israelische Zeithistoriker Benny Morris intensiv mit Omer Bartovs Buch "Israel - What Went Wrong" auseinander. Morris ist strenger mit Israel als Herf, wirft den Israelis durchaus vor, etwa in den besetzten Gebieten ein Apartheidsregime zu betreiben. Mit Sorge benennt er auch die Radikalisierung in der israelischen Gesellschaft. Dennoch lässt er kein gutes Haar an Bartovs Buch. In einem Punkt gibt Morris Bartov allerdings recht, auch wenn seine Pointe in die genau entgegengesetzte Richtung weist: "Holocaust und Nakba sind eng miteinander verflochten. Der Holocaust trieb Hunderttausende (überlebender) europäischer Juden nach Palästina, dem einzigen Ort, der ihnen Zuflucht gewährte (trotz langwieriger, gewalttätiger Bemühungen der Palästinenser, Großbritannien dazu zu zwingen, ihnen die Einreise zu verweigern); und die Schrecken des Holocaust veranlassten die (von Schuldgefühlen geplagten) westlichen Demokratien, die Gründung eines jüdischen Staates zu unterstützen (neben einem palästinensisch-arabischen Staat). Im Jahr 1948 beteiligten sich viele Holocaust-Überlebende am Kampf der Haganah und der IDF gegen die angreifenden Palästinenser und die Armeen der einfallenden arabischen Staaten - und zweifellos motivierte die Erinnerung an den noch nicht lange zurückliegenden Holocaust die israelischen Truppen, ihre Angreifer zu besiegen, und die zionistische Führung, sich um die rasche Gründung eines Staates zu bemühen, der den Juden den Schutz bieten würde, der ihnen in Europa so schmerzlich fehlte. Und natürlich hatten die Araber im Großen und Ganzen einen deutschen Sieg im Zweiten Weltkrieg unterstützt, und der antisemitische Führer der Palästinenser, Haj Amin al-Husseini, verbrachte die Kriegsjahre in Berlin, wo er in Radiosendungen in den Nahen Osten dazu aufrief, die Juden zu schlachten. Er führte sein Volk dann in das Jahr 1948. In verschiedener Hinsicht waren der Holocaust und die Nakba also miteinander verbunden. Doch Bartovs vereinfachende Sichtweise - 'eine Tragödie, die eine andere hervorruft und aufrechterhält' - geht am Kern der Sache etwas vorbei."
Archiv: Quillette

London Review of Books (UK), 23.07.2026

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Clare Jackson schwelgt in der Farbpracht amerikanischer Flora und Fauna dank des Buches "A Golden World" der britischen Historikerin Lauren Working, die hier erzählt, wie die indigenen Völker Amerikas die Renaissance in England prägten. Ob Robbenfell-Parkas, Biberhüte, Smaragden aus Kolumbien, Seide oder Perlen - das Tudor-England wäre ein anderes ohne die indigenen Einflüsse, zeigt Working: "Auch die 'unglaublich schillernde Wirkung' amerikanischer Federkopfschmuckstücke, Kunstwerke, Schilde und Wandbehänge zog jakobinische Sammler in ihren Bann. Im frühneuzeitlichen England 'waren die Menschen ständig von Federn umgeben', denn 'der Adel ließ seine Falken fliegen, die Bediensteten rupften Vögel für die Mahlzeiten und die Sekretäre spitzten Federkiele, um Briefe zu schreiben'. Bei den Tupi sprechenden Völkern Brasiliens hingegen wurden Vögel als 'Brücke zwischen irdischem Wissen und dem himmlischen Reich' verehrt. Auch südamerikanische Papageien und Aras wurden einem als 'Tapirage' bekannten Verfahren zur Farbveränderung unterzogen: Federn in kühleren Farbtönen wurden lebenden Vögeln gezupft, deren Haut anschließend mit Salben aus pflanzlichen Farbstoffen, tierischen Sekreten oder tierischen Fetten eingerieben wurde, um das natürliche Melanin der Vögel zu unterdrücken. Danach, wie Working beschreibt, 'wuchsen neue Federn in wärmeren Gelb- und Orangerottönen nach, schimmernde Kanäle zum goldenen Licht der Sonne.' Moderne ethnozoologische Forschung hat die Bedeutung des Tapirage in indigenen künstlerischen und rituellen Praktiken untersucht, wobei die Federbearbeitungstechniken der Tupi möglicherweise eine mimetische Funktion in Zeremonien hatten, die mit der Identifikation von Vögeln verbunden waren."

Elet es Irodalom (Ungarn), 17.07.2026

Die Medienrechtlerin Gabriella Cseh denkt über die Auswirkungen einer veränderten Öffentlichkeit auf die öffentlich-rechtlichen Medien nach, die nach der Abwahl Orbans neu gestaltet werden sollen: "Die Meinungsfreiheit wird traditionell als Freiheit des Einzelnen verstanden. Doch konnten die öffentlich-rechtlichen Medien lange Zeit davon ausgehen, dass die demokratische Öffentlichkeit auch gemeinschaftliche Voraussetzungen hat. Es ist nicht nur notwendig, dass sich jeder äußern kann, sondern auch, dass es eine gemeinsame Öffentlichkeit gibt, in der Meinungen aufeinandertreffen können. Aber reicht es aus, wenn jeder die Informationen und Gemeinschaften findet, die seinen eigenen Interessen und Überzeugungen entsprechen? Demokratie ist nicht bloß ein System nebeneinander existierender Meinungen. Sie setzt auch voraus, dass es Themen, Fakten und Fragen gibt, über die wir gemeinsam sprechen können. Möglicherweise liegt die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht in der Wiederherstellung eines gemeinsamen Bildschirms, da heute jeder seinen eigenen Bildschirm hat. Es geht vielmehr darum, ob es weiterhin Institutionen und öffentliche Räume geben wird, die in der Lage sind, die Mindestvoraussetzungen für eine gemeinsame Welt in einem zunehmend personalisierten Informationsumfeld aufrechtzuerhalten. Vielleicht ist es das Paradoxon in der Geschichte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, dass wir seine Bedeutung erst dann zu schätzen beginnen, wenn jene technologischen Formen, mit denen er üblicherweise in Verbindung gebracht wird, allmählich in den Hintergrund treten. Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk ging es nie um Radio, Fernsehen oder irgendein anderes Medium, sondern er ist der Name für die Hoffnung, dass die Mitglieder einer demokratischen Gesellschaft fähig sind, eine gemeinsame Welt zu bewahren, auch wenn sie nicht alle dasselbe darüber denken."

New Yorker (USA), 27.07.2026

David D. Kirkpatricks Reportage über den Gaza-Krieg und das Verhältnis der USA zu Israel in dieser Zeit, liest sich über weite Strecken wie ein dröges "der sagte dies, der sagte das, und dann sagte der jenes". Am Ende läuft es darauf hinaus, dass Israel praktisch von Anfang an im Gazakrieg Kriegsverbrechen begangen haben soll und die USA, vor allem Joe Biden, pausenlos an der Nase herumgeführt habe, was diese mitschuldig mache. Der 7. Oktober und die Raketenangriffe auf Israel werden pflichtschuldigst erwähnt, doch die Kriegsführung der Hamas und welche Rolle sie beim Tod vieler palästinensischer Zivilisten gespielt hat, interessiert Kirkpatrick nicht die Bohne, es geht ausschließlich um Israel: "Tatsächlich scheinen Biden und seine engsten Berater rückblickend eine geradezu perverse Passivität gegenüber Israels Heuchelei und Trotz an den Tag gelegt zu haben, insbesondere wenn es um den Schutz palästinensischer Zivilisten ging. Jake Sullivan, Bidens ehemaliger nationaler Sicherheitsberater, erzählte mir, dass Biden und seine Berater oft hinter verschlossenen Türen darüber diskutiert hätten, wie man Israel in Schach halten könne. ... Die israelischen Streitkräfte erklären, dass sie sich stets an das Kriegsvölkerrecht halten und versuchen, zivile Opfer so gering wie möglich zu halten. Doch schon kurz nachdem Israel seinen Gegenangriff auf den Gazastreifen begonnen hatte, schlugen innerhalb der Biden-Regierung erste Alarmglocken wegen möglicher Kriegsverbrechen. Bis zum 1. November 2023 lag die Zahl der palästinensischen Todesopfer bei mindestens 8.800, darunter mehr als 5.800 Frauen und Kinder. Israelische Kampfflugzeuge führten täglich bis zu 800 Luftangriffe auf den Norden des Gazastreifens durch, und Regierungsvertreter, die den Krieg genau verfolgten, sagten mir, dass israelische Militärstrategen unmöglich so viele legitime militärische Ziele wie Tunneleingänge, Raketenwerfer und Hamas-Führer im Voraus ausgewählt oder so schnell identifiziert haben konnten. Ebenso wenig hätten die Israelis sorgfältig abwägen können, ob das Risiko für das Leben von Zivilisten und die Infrastruktur in einem angemessenen Verhältnis zum militärischen Wert jedes einzelnen Ziels stand. ... Die Times berichtete später, dass das israelische Militär am Tag des Hamas-Massakers seine 'Einsatzregeln' offiziell überarbeitet hatte, sodass Offiziere der mittleren Führungsebene Angriffe genehmigen konnten, bei denen das Risiko bestand, bis zu zwanzig Zivilisten zu töten, um einen einfachen Hamas-Kämpfer auszuschalten. Bisherige Regeln hatten Angriffe erlaubt, bei denen bis zu fünf zivile Todesopfer zu befürchten waren, in bestimmten Fällen auch zehn."
Archiv: New Yorker
Stichwörter: Gazakrieg, Israel, Biden, Joe