Magazinrundschau

Blaue Einhörner, zweibeinige Biber, geflügelte Humanoiden

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
14.07.2026. Le Monde schickt eine Reportage über die Homosexuellen im Senegal, die inzwischen auch vom Staat aufs Korn genommen werden. Die New York Times lernt: Nicht nur Hacker können Daten klauen, auch britische Einbrecher. Andererseits gibt es die chinesische Hackergruppe Volt Typhoon, die mindestens genauso geschickt ist, lernt Wired. Eurozine erkundet das rebellische Potential von Pop-Phänomenen in China. Der New Yorker stellt ein Buch über die amerikanischen Kulturkämpfe seit den 1980ern vor. Der Observer erinnert an ein hochbezirztes Vogue-Porträt der Assad-Ehefrau Asma. Die London Review bemüht sich um einen Termin beim Oba von Benin.

Le Monde (Frankreich), 06.07.2026

Für eine beeindruckende lange Reportage hat Coumba Kane, die von Le Monde in die Hauptstadt Senegals, nach Dakar geschickt wurde, mit einigen Homosexuellen gesprochen, die sich sämtlich unter Pseudonym äußern. Im Senegal stehen seit einigen Monaten mehrjährige Gefängnisstrafen auf Homosexualität (unsere Resümees). Man begreift das als postkolonialen Befreiungsakt, denn man wirft dem "Westen" vor, die Sitten im Senegal verdorben zu haben. Man steht aber auch unter dem Einfluss reaktionärer Missionare, sowohl evangelikaler als auch muslimischer, die nicht nur die Rechte von Homosexuellen, sondern auch von Frauen immer weiter einschränken. Kane hat unter anderem mit Ndongo gesprochen, der aus dem Norden Senegals kommt. Er sagt, dass Homosexualiät doch nicht die einzige Sünde sei, es gebe auch Wucher und Ehebruch, die überhaupt nicht geahndet würden. "Im gleichen Ton weist er die Behauptung zurück, seine Homosexualität sei ihm vom Westen 'eingepflanzt' worden, wie Politiker und Aktivisten andeuten. 'Ich bin bis zu meinem 30. Lebensjahr fernab der Hauptstadt und der Weißen aufgewachsen. Wie hätten sie mich beeinflussen können?', fragt Ndongo. 'Als Kind hatte ich nur die 'Goor-Jigéen' gekannt.' Als Zusammensetzung der Wolof-Begriffe 'goor' ('Mann') und 'jigéen' ('Frau') nahmen die Goor-Jigéen - Männer, die sich als Frauen verkleideten und manchmal homosexuell waren - lange Zeit einen zentralen Platz bei Festlichkeiten ein. Als 'Begleitdamen' der Drianké - eleganter und gesellschaftlich angesehener Frauen - oder als Unterhalter bei traditionellen Zeremonien hatten die Goor-Jigéen einen Platz und eine soziale Funktion, die keine so massive Ablehnung hervorriefen wie heute. 'Sie wurden bei unseren Zeremonien bejubelt', erinnert sich Ndongo. 'Sie unterhielten uns mit ihren Manieren und schockierten niemanden.'"
Archiv: Le Monde

New York Times (USA), 12.07.2026

Im New York Times Magazine erzählt Nathaniel Rich die Geschichte eines großen Datenklaus - aber nicht Hacker haben 2007 ein fettes Datenpaket geklaut, das mutmaßlich kriminelle Banker belastet hätte: Es waren ganz (un)gewöhnliche Diebe, die nicht direkt die Daten klauten, sondern die Server (achtzig Stück, um genau zu sein), auf denen sie lagen - aus einem bestens gesicherten Gebäude des amerikanischen Telekommunikationskonzerns Verizon. Ein guter Grund über den Begriff Cloud-Computing nachzudenken. Er macht die Daten so wolkig, als würden sie frei in der Luft schweben. Aber das ist ein Irrtum: "Amazon und die anderen Datenriesen sprechen über den Wert ihres Rechenzentrumsbetriebs etwa genauso offen wie über ihre internen Algorithmen. Zwei Jahre lang nach dem Bau seines ersten Rechenzentrums weigerte sich Google, dessen Existenz anzuerkennen; bis heute müssen Besucher aller seiner Zentren Geheimhaltungserklärungen unterzeichnen. Amazon und Microsoft geben nach wie vor weder die genaue Anzahl noch die Größe ihrer Rechenzentren bekannt und geben deren Standorte lediglich nach Region oder 'Verfügbarkeitszone' an." Wir sprechen hier von Daten beispielsweise des US-Finanzministerium, der National Security Agency, der US-Steuerbehörde IRS, der britischen Regierung oder OpenAI, die auf den Servern der Tech-Riesen lagern. Die Geheimhaltung hat sicher mehrere Gründe, der wahrscheinlichste dürfte jedoch Sicherheit sein: "Die anonymen Lagerhäuser, die wir Rechenzentren nennen, sind der Tresor der Weltwirtschaft. 'Man könnte morgen die Wall Street in die Luft jagen, und es hätte nur minimale Auswirkungen auf den Aktienmarkt', sagt Brian Higgins, der Katastrophenmanagement am John Jay College of Criminal Justice lehrt und die Sicherheitsberatungsfirma Group 77 leitet. Die New Yorker Börse handelt tatsächlich über ein Rechenzentrum in Mahwah, New Jersey. Wenn man das globale Finanzsystem in die Knie zwingen wolle, so Higgins, müsse man Mahwah bombardieren. 'Die Leute denken, dass Informationen keinen Wert haben, dass sie einfach so in der Luft schweben', sagt Maryam Farboodi, Professorin für Finanzwesen an der Cornell University, die sich mit der Ökonomie von Big Data beschäftigt. Doch wenn riesige Datenmengen in einer einzigen Einrichtung konzentriert sind, sind sie anfällig für Diebstahl. Und zwar nicht nur durch Hacker. 'Wir neigen dazu, Datenlecks unter dem Gesichtspunkt der Cybersicherheit zu betrachten', sagt Farboodi. 'Aber es wird kaum berücksichtigt, dass Daten physisch irgendwo vorhanden sind. Und dass jemand hingehen und sie stehlen kann.' Jemand hat das tatsächlich bereits getan."
Archiv: New York Times

Wired (USA), 08.07.2026

Andy Greenberg hat bei einem Planspiel mit Vertretern der größten Versicherungsunternehmen teilgenommen, bei dem ein großer chinesischer Hacker-Angriff auf die Wasserversorgung der USA simuliert wurde. Dass ein solcher Angriff kaum zu bewältigen ist, lässt ihn ebenso erschüttert zurück wie die Tatsache, dass er gar nicht mal so unwahrscheinlich ist: "Im Mai 2023 machten Microsoft, die National Security Agency und CISA die Entdeckung von, wie sie es nannten, Volt Typhoon bekannt, eine Gruppe von Hackern im Dienst des chinesischen Militärs. Die Eindringlinge hatten sich Zugang zu den Netzwerken von Einrichtungen der kritischen Infrastruktur im ganzen US-Gebiet sowie im US-Territorium von Guam verschafft. Die Ziele umfassten alles - von der Produktion über die Telekommunikation bis hin zum Stromnetz. Besonders alarmierend waren diese Durchbrüche, weil die Hacker über das für die chinesische Cyberspionage typische Maß hinausgingen. Microsoft zufolge versuchten sie 'Fähigkeiten zu entwickeln, die die Kommunikationsinfrastruktur zwischen den USA und Asien in einer zukünftigen Krise zerschlagen könnten'." so etas könnte etwa vor eine Invasio in Taiwan nützlich sein. "Weitere Untersuchungen zeigten, dass die Liste der Ziele der Hacker nicht auf Netzwerke beschränkt waren, die die Sabotage von Anlagen des US-Militärs gestatten. Sie umfassten auch IT-Systeme von Wasserwerken in Hawaii, zahlreiche US-Häfen und mindestens eine Öl- und Gaspipeline von wahrscheinlich militärischer Relevanz, aber auch Hunderte anderer Einrichtungen, darunter die Wasser- und elektronische Infrastruktur einer so kleinen Stadt wie Littleton, Massachusetts, einer Stadt mit etwa 10.000 Einwohnern. 'Es gibt nur einen einzigen Grund dafür, solche Ziele anzuvisieren", sagt der frühere CISA-Geschäftsführer Brandon Wales: 'man will in der US-Gesellschaft Chaos stiften.'"
Archiv: Wired

Aktualne (Tschechien), 08.07.2026

Aňa Geislerová und Simona Boledovičová in Ivan Ostrochovskýs "Pramen"


Auf dem eben zu Ende gegangenen Filmfestival von Karlovy Vary stellte der slowakische Regisseur Ivan Ostrochovský seinen neuen Film "Pramen" ("Only Beautyful Things to Look at" - Trailer) vor, der sich einem dunklen Kapitel der tschechoslowakischen Geschichte widmet - staatlich gesteuerter Geburtenkontrolle, Abtreibungskommissionen und der systematischen Sterilisierung von Romnija. Filmkritiker Martin Šrajer berichtet: "Während uns TV-Serien in der Zeit der 'Normalisierung' - allen voran 'Das Krankenhaus am Rande der Stadt' - jahrzehntelang mit dem Mythos selbstloser Ärzte und eines erstklassigen sozialistischen Gesundheitswesens versorgt haben, zertrümmert Pramen dieses Narrativ bereits in den ersten Minuten. Vergessen Sie hell erleuchtete, steril saubere Operationssäle: Ostrochovský versetzt uns in die unwirtlichen Flure eines heruntergekommenen Bezirkskrankenhauses Mitte der 1980er Jahre", wo eine Atmosphäre der Überlastung und Apathie herrscht, in der sich Frauen vor den Kommissionen auf demütigende Weise für ihre persönlichen, familiären und sozialen Lebensumstände rechtfertigen müssen. "Im Falle der Roma-Frauen übte diese Politik offenen Druck aus: Der Staat bot ihnen eine finanzielle Belohnung oder soziale Vorteile an, wenn sie sich dem Eingriff unterzogen. Viele von ihnen willigten unter Stress ein - während einer Geburt oder eines Kaiserschnitts -, ohne dass ihnen jemand die irreversiblen Folgen erklärt hätte. Umso erschreckender ist die Tatsache, dass diese Praxis nicht mit dem Jahr 1989 endete, sondern in Form von Eingriffen ohne vorherige Aufklärung noch jahrzehntelang fortgeführt wurde." Šrajer würdigt, dass der Film statt einer Schwarz-Weiß-Anklage gegen das Regime und eindimensionaler Bösewichte ein subtiles Porträt jenes Pragmatismus liefere, der der gesamten Gesellschaft innewohnte. Gelobt wird auch die (in Tschechien gefeierte) Hauptdarstellerin Anna Geislerová: Sie spielt die Gynäkologin Ingrid, die sowohl Kinder zur Welt bringt als auch Sterilisationen durchführt - in der Überzeugung, tatsächlich die Lebensqualität dieser Frauen zu verbessern und einer guten Sache zu dienen."
Archiv: Aktualne

Eurozine (Österreich), 14.07.2026

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Die amerikanische Osteuropahistorikerin Marci Shore erinnert sich an die Ende Juni im Alter von 77 Jahren verstorbene kroatische Schriftstellerin Slavenka Drakulić. Schon als junge Studentin war Shore beeindruckt von Drakulics Texten, die sich mit dem Krieg und den ethnischen Säuberungen im ehemaligen Jugoslawien auseinandersetzen, später machte sie die Bekanntschaft der Autorin und freundete sich mit ihr an. Draculic "stellte Fragen, auf die es keine bequemen Antworten gab", so Shore: "Wie fühlte sich Radko Mladić, der 'Schlächter von Bosnien', nachdem seine dreiundzwanzigjährige Tochter Suizid mit seiner Pistole begangen hatte? Kann ein Schlächter dieselben Gefühle empfinden wie seine Opfer?" In ihrem Buch "Keiner war dabei" über die Prozesse gegen serbische Kriegsverbrecher in Den Haag "schreibt Drakulić über Zoran Vuković, einen bosnischen Serben, der sich wegen der Massenvergewaltigung bosnisch-muslimischer Frauen in der Stadt Foča vor Gericht verantworten musste. Slavenka hört zu, wie er aussagt: Nach der Vergewaltigung eines fünfzehnjährigen Mädchens habe er ihr erklärt, er habe sich entschieden, nicht so brutal gegen sie vorzugehen, wie es möglich gewesen wäre - in Anbetracht der Tatsache, dass seine eigene Tochter im selben Alter sei. Dies war im Grunde seine Verteidigung: Ich hätte schließlich noch grausamer sein können. Slavenka, deren Texte maßgeblich dazu beitrugen, das Ausmaß der Grausamkeit serbischer Kriegsverbrechen zu vermitteln, wurde zur Zielscheibe einer Hasskampagne kroatischer Nationalisten. Man bezeichnete sie als Hexe - weil sie Feministin, Antinationalistin und eine Humanistin war, die nach universellen Kategorien des Verstehens strebte. Auch darin erinnerten ihre Haltung und ihre Sensibilität an Hannah Arendt. Sie sah die Wurzel des Bösen nicht in einer genetischen Veranlagung der Serben, sondern in den Verwundbarkeiten, die der menschlichen Existenz innewohnen. Sie war der Überzeugung, dass 'die Dehumanisierung der Täter nur dazu beiträgt, das Kernproblem zu verkennen: Wir alle tragen das Potenzial für das Gute wie für das Böse in uns. In kritischen Situationen gibt es keine Gewissheit darüber, für welche Seite wir uns entscheiden werden.'" Einen weiteren Nachruf schreibt die Literaturkritikerin und Essayistin Marija Ott Franolić.



Zixuan Liu ergründet das rebellische Potential von Popkultur-Phänomenen in China am Beispiel der Pop-Punk-Band "The Flowers", die von 1998 bis 2008 existierte. Die Band wurde mit dem Debütalbum "On the Other Side of Happiness" (幸福的旁边, 1999) berühmt und sprach das Lebensgefühl vieler junger Chinesen an, lesen wir, "eingängig statt aggressiv, aber dennoch verwurzelt im DIY-Ethos des Punk und in jugendlicher Aufrichtigkeit." Obwohl "The Flowers" nicht explizit politisch waren, besaßen ihre Texte ein gewisses subversives Moment, so Liu, das sich jedoch mit zunehmendem Erfolg der Band immer weiter abschwächte. Nach ihrer Auflösung, startete der Sänger Da Zhang Wei nun unter dem Namen Wowkie Zhang eine Solo-Karriere. Mit ihm feierte nun eine neue Musikrichtung Erfolge: der sogenannte "Happyisme" bietet bunte, knallige Ablenkung, "eine Utopie der Flucht, die Fans in eine Blase einlädt, in der alles hell, rhythmisch und unbeschwert ist." Vom "kantigen Pop-Punk der Flowers bis zu Wowkie Zhangs neonfarbenem Happyism treten zwei aufeinanderfolgende utopische Logiken in der chinesischen Musik des 21. Jahrhunderts zutage. Die erste Phase - von 1999 bis 2005 - entwarf eine Jugend-Utopie des Widerstands: schnelle Akkorde, DIY-Stil und spielerische Respektlosigkeit eröffneten kurzzeitig einen Raum jenseits staatlich verordneter Gefühle und des aufkommenden Konsumismus. Doch wie Marcuse vielleicht vorausgesagt hätte, wurde dieser Funke vom Markt schnell aufgesogen: 'Xi Shua Shua' wurde zur Gala-Unterhaltung, Rebellion kommerzialisiert und entpolitisiert. Zhangs Solokarriere nach 2007 zeigt die zweite Mutation dieser Utopie: eine eskapistische Utopie der Freude. Der 'Happyism' verkauft hyperpositive Gefühle - Regenbögen, EDM-Beats, einprägsame Slogans - die sofort den Druck mildern und fügt sich nahtlos in Chinas Diskurs über 'positive Energie' ein. Glück wird zum Simulakrum, zum Produkt, das Erlösung verspricht, während Kritik hinausgezögert wird. Fans finden in dieser bonbonfarbenen Blase dennoch kurzzeitige Freiheit, während Zyniker nur Ablenkung sehen. Die beiden Phasen offenbaren eine Dialektik, die heute typisch für den chinesischen Mainstream ist: Alternative Impulse tauchen ständig auf, werden monetarisiert und kehren dann in neuen Formen zurück. Kurzvideo-Plattformen mögen diesen Zyklus beschleunigen, doch jede Runde hinterlässt Spuren - Punk-Ikonografie, Meme-Ästhetik -, die den Nährboden für zukünftige Experimente bilden."
Archiv: Eurozine

New Yorker (USA), 13.07.2026

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Schon mit Interesse liest Louis Menand Isaac Butlers Buch "The Perfect Moment. God, Sex, Art, and the Birth of America's Culture Wars", das sich den amerikanischen Kulturkämpfen seit den 1980er Jahren widmet. Ganz ernst nehmen kann er diese Kämpfe allerdings nicht mehr (was vielleicht auch daran liegt, dass er nur über die Kulturkämpfe konservativer amerikanischer Christen spricht und die konservativer amerikanischer Muslime ignoriert). Anstoß war die von empörten Christen geführten Diskussionen um Andres Serranos "Piss Christ", die Fotografie eines Kruzifixes, das in einen Behälter mit Urin getaucht war. Dies führte dazu, dass die Corcoran Gallery of Art aus Angst, man könne ihr staatliche Gelder kürzen, eine Ausstellung von Robert Mapplethorpe mit Fotografien von schwulen BDSM-Posen und nackten Kindern absagte. Und dann ging es richtig los: Die einen waren beleidigt, die anderen riefen "Zensur". Kommt einem alles bekannt vor. Und dann doch wieder nicht, denn gestritten wurde auch innerhalb der Republikanischen Partei, die den größten Teil der 70er und 80er Jahre den Leiter der nationalen Kulturbehörde N.E.A. gestellt hatte. "Der Krieg innerhalb der Republikanischen Partei war jedoch nicht in erster Linie ein ideologischer Krieg. Es war ein Klassenkampf. Ein Patrizier wie George W. Bush war dazu erzogen worden, zu akzeptieren, dass anspruchsvolle Kunst und Literatur anstößig sein konnten. Anstößig zu sein, war ihre gesellschaftliche Rolle - harmlos, solange die Kunst sicher in einem Museum untergebracht war. Wem die Kunst nicht gefiel, der ging eben nicht ins Museum. Als die Dinge bei der N.E.A. irgendwann aus dem Ruder liefen, schrieb Bush eine Notiz an den damaligen N.E.A.-Leiter Frohnmayer: 'Ich unterstütze Sie - schwieriger Job. Aber Barbara und mich stören diese anzüglichen Sachen - Urin … Faust im Rektum.' Das ist ein Gespräch, das ich gerne mitgehört hätte. Doch für [die konservativen Senatoren] Wildmon und Buchanan war provokative Avantgarde-Kunst eine Beleidigung für den Durchschnittsbürger, ganz sicher für den durchschnittlichen amerikanischen Christen. Diese Menschen wollten nicht dafür bezahlen, und es war ihr Recht, Einwände zu erheben - so wie man Einwände dagegen erheben könnte, dass die eigenen Steuern für den Bau eines Triumphbogens verwendet werden oder dass die Regierung Reden von Verfechtern der Vorherrschaft der weißen Rasse finanziert. In Amerika ist es in Ordnung, Einwände zu erheben. Wenn wir diese 'Kriege' nicht mehr führen würden, wären wir weniger eine Demokratie."

Weitere Artikel: Jonathan Blitzer besucht das größte Abschiebungszentrum von ICE.
Archiv: New Yorker

Observer (UK), 11.07.2026

Der Observer ist ein wenig aus dem Blickfeld geraten, seit der Guardian ihn abgestoßen hat. Chloe Hadjimatheou, Sarah Dadouch und Gary Marshall präsentieren einen langen Hintergrundbericht über eine Engländerin, die einen Rieseneinfluss in Syrien, besonders in den letzten superfinsteren Jahren Baschar al-Assads hatte: seine Frau, die hauchzarte und wunderhübsche Asma al-Assad, die einst Gegenstand eines hochbezirzten Vogue-Porträts war (mehr dazu hier). Als sich die Wolken immer mehr über dem Regime zusammenzogen und Baschar sogar seinen Cousin Rami Makhlouf in Ungnade fallen ließ, der bis dahin das Geld fürs Regime organisiert hatte, trat sie an seine Stelle. Was die Reportage im Observer erzählt, ist nicht schön, so verwaltete Asma etwa über ihre mildtätigen NGOs einige Waisenhäuser, wo auch Kinder von Gefängnisinsassen gehalten wurde. "Ein Mitarbeiter, der eng mit der Hilfsarbeit in Syrien befasst ist und anonym bleiben will, erzählt, Asma habe ein Netzwerk aufgebaut, um so viel wie möglich von der humanitären und Entwicklungshilfe, die ins Land gelangte, an sich zu reißen. Die UNO sei sich bewusst gewesen, dass das Regime davon profitierte - es sei ein intern diskutiertes moralisches Dilemma gewesen, sagte man -, doch letztlich sei man zu dem Schluss gekommen, dass dies ein Preis sei, den es sich zu zahlen lohne, selbst wenn nur wenige Bedürftige Hilfe erhielten. Die First Lady sah zudem tatenlos zu, während die syrischen Geheimdienste Hunderte von Kindern als Geiseln festhielten, um sie im Krieg als Verhandlungsmasse einzusetzen - entweder bei Gefangenenaustauschen oder um Druck auf ihre Eltern auszuüben, die möglicherweise inhaftiert waren oder der Opposition angehörten. Der Observer hat Einblick in Dokumente, in denen Waisenhäuser, die von Asmas NGOs finanziert und unterstützt wurden, angewiesen wurden, die Kinder nicht an Verwandte zu übergeben. Mitarbeiter von Waisenhäusern, die unter der Schirmherrschaft der First Lady gearbeitet hatten, gaben an, sie direkt über diese Praxis informiert zu haben, entweder in Berichten oder in direkten Gesprächen. 'Sie wusste alles, über alle Verbrechen. Ich meine, zu hundert Prozent', sagt ein Mitarbeiter eines Waisenhauses. Eine andere Mitarbeiterin berichtet, Asma habe ihr gesagt, sie solle sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern, es handele sich um Kinder von Terroristen."
Archiv: Observer

Elet es Irodalom (Ungarn), 10.07.2026

Der Schriftsteller Zsolt Kácsor gratuliert seinem Kollegen Gábor T. Szántó zu dessen 60. Geburtstag: "Ich sage ja, es mag den Anschein haben, als würde Gábor Szántó T. die Last, die ihm die Jahrtausende auf die Schultern geladen haben, recht gelassen tragen, aber ich weiß, dass das höfliche, freundliche Gesicht, das man der Außenwelt zeigt, gelegentlich nur eine aus Vorsicht aufgesetzte Maske ist. Wenn wir einen Blick hinter diese Fassade werfen wollen, dann schlagen wir einen Roman oder einen Erzählband von Szántó auf und wundern uns nicht, dass uns Ost- und Mitteleuropa zwischen den Zeilen so heftig ins Gesicht schlägt, dass wir vom Westen abprallen. (…) Seine Werke zeichnen ein charakteristisches literarisches Universum, in dem das ungarisch-jüdische Leben das Hauptmerkmal ist, doch glücklicherweise wurde das Werk von Gábor T. Szántó deshalb nicht in eine 'jüdische' Schublade gesteckt. Schließlich schildert er kein in sich geschlossenes jüdisches Leben in Budapest. Der Horizont seiner schriftstellerischen Sichtweise hat sich auf Europa und innerhalb dessen insbesondere auf Mittelosteuropa erweitert. Das Epizentrum seiner Welt ist Budapest, ihre Peripherie erstreckt sich jedoch von Auschwitz über Prag bis zum Balkan; und sein schriftstellerisches Denken wird nicht nur von den Bildern der Familienerinnerung und den Traumata der zweiten Generation bestimmt, sondern auch von jenem besonderen historisch-gesellschaftlichen Umfeld, das im Wesentlichen nichts anderes ist als die noch immer nicht beseitigten Trümmer der Monarchie und der sowjetischen Herrschaft unter Kádár. (...) Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Gábor T. Szántó! Ich wünsche dir, dass du 120 Jahre alt wirst und in den nächsten 60 Jahren noch viele erzählenswerte Schätze zwischen den Trümmern der Welten findest, die über uns zusammengebrochen sind. Mazel Tov!"

New York Review of Books (USA), 25.06.2026

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Der Historiker David S. Reynolds blickt mit dem Buch "A Flood of Pictures" des Kunsthistorikers Michael Leja zurück auf die Anfänge der Bildreproduktion und Verbreitung in den USA im 19. Jahrhundert. Zunächst als Holzgravur, später als Fotografie wurden Illustrationen vor allem für den Sensations-Journalismus unerlässlich: "Eines der berühmtesten Beispiele war die sogenannte Mondfalschmeldung von 1835. In einer in der New York Sun veröffentlichten Artikelserie wurde fälschlicherweise berichtet, der angesehene Astronom Sir John Herschel habe eine üppige Mondlandschaft entdeckt, die von seltsamen Wesen bewohnt sei. Der Autor der Serie, Richard Adams Locke, bevölkerte den Mond mit blauen Einhörnern, zweibeinigen Bibern und geflügelten Humanoiden. Obwohl sein Bericht gänzlich erfunden war, fand er breite Glaubwürdigkeit. Illustratoren griffen die fantastischen Bilder auf und schufen Szenen mit fliegenden Menschfledermäusen und exotischen Landschaften, die die Fantasie der Öffentlichkeit beflügelten. Edgar Allan Poe bezeichnete die Episode später als 'zweifellos den größten Sensationserfolg', der jemals in Amerika oder Europa hervorgebracht wurde."

Blätter (Deutschland), 01.07.2026

Journalismus ist auch Vorkosten! Der arme Thomas Assheuer hat sich nochmal über all jene Bücher gebeugt, die Wolfram Weimer geschrieben hat, bevor er Staatsminister für Kultur wurde, und die, nach allem was man hört, zurecht kaum Resonanz gefunden hatten: "Wahr ist, dass Weimers Elaborate Weltbildbroschüren ähneln; sie sind Konservativismus to go für Lobbygruppen wie die 'Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft' oder für Gäste des Ludwig-Erhard-Gipfels am Tegernsee, veranstaltet von der Weimer Media Group. Und dennoch: Auch wenn sie nicht als satisfaktionsfähig gelten, so emittieren diese Texte nicht nur heiße Luft, sondern enthalten, wenngleich in starker Verdünnung, messbare Anteile an bürgerlich-konservativem Geist." An Weimers Auslassungen fällt Assheuer vor allem der positive Bezug zum Religiösen auf. Dabei attestiert Assheuer Weimer durchaus eine gewisse Modernität im Blick auf die "mosaische Revolution", die er dann aber doch wieder mit der konservativen Floskel vom "Christlich-jüdischen Abendland" abwerfe. "Wenn nicht alles täuscht, dann gilt sein Credo eher einer konformistischen Brauchtums-Religion, die mit kryptopolitischen Sinnofferten Gottvertrauen ins System erzeugt und - hier zögert er noch - 'womöglich' als 'Gefäß kollektiver Identität' gute Dienste tut. Weimers nationale Funktionsreligion sorgt für Trübsalsminderung, erhöht die wirtschaftliche Leistungsbereitschaft und versprüht - Stichwort Geburtenrate - einen demografisch fruchtbaren Optimismus." Außerdem wünscht sich Assheuer von Weimer : "Nicht nur die Verteidigung des israelischen Staates ist unbedingt zwingend, sondern zwingend ist auch die Kritik an einer Regierung, die im Vergeltungskrieg gegen die Hamas das Völkerrecht bricht."
Archiv: Blätter

London Review of Books (UK), 14.07.2026

Was hat es mit Palantir auf sich, fragen Peter Geoghegan und Lucas Amin. Die beiden Investigativjournalisten untersuchen die Art und Weise, wie das Unternehmen in Großbritannien Fuß fasst - insbesondere im Gesundheitswesen, in Form einer "federated data platform" (FDP), die von einer von Palantir geführten Unternehmensgruppe entwickelt wird. Allzu gut scheint die Implementierung nicht zu laufen: "Hinter verschlossenen Türen räumen führende Manager des NHS ein, dass es Probleme mit Palantirs Technologie gibt - nicht zuletzt, weil sie bei Datenanalystinnen und -analysten äußerst unbeliebt ist. In einem Briefing für leitende NHS-Verantwortliche vom Februar heißt es, die FDP sei 'langsam und schwerfällig'. Die Bearbeitung von Datenabfragen dauere 'Berichten zufolge vier bis fünf Minuten statt dreißig Sekunden' wie bei den bisherigen Systemen. Ein NHS-Datenanalyst, der täglich mit der FDP arbeitet, sagte uns, selbst diese Angabe sei noch zu optimistisch. 'Mit vier oder fünf Minuten wäre ich schon zufrieden', sagte er. 'Meistens warte ich eher zehn Minuten.'" Hinzu kommt, dass das britische Gesundheitssystem sich nun ein proprietäres Softwaresystem aufgehalst hat, das nur von Palantir-Mitarbeitern gewartet werden kann. Insgesamt erscheint das Unternehmen bei näherem Hinsehen weniger spektakulär und bahnbrechend, als man angesichts mancher Medienberichte denken könnte. "So sehr die Palantir-Chefs Peter Thiel und Alex Karp auch mit Allwissenheit, KI-gestützter Kriegsführung und einem Kampf der Zivilisationen prahlen - im Kern ist Palantir ein Softwareunternehmen. Es verfügt weder über ein grundlegendes KI-Modell wie OpenAI oder Anthropic, noch baut es Raketen oder Überwachungsdrohnen wie Elon Musk. Was die Unternehmensführung jedoch verstanden hat, ist, dass es im Zeitalter eines revanchistischen Nationalismus von Vorteil sein kann, die eigene Gefährlichkeit zu überhöhen. Wie der Technologiejournalist James Ball argumentiert hat, verdeckt die von Palantir gepflegte Selbstmythologisierung 'was letztlich ein ziemlich banales Produkt ist'."

Vor fünf Jahren hatte der nigerianische Schriftsteller Adewale Maja-Pearce in der LRB argumentiert, dass die Benin-Bronzen erst dann zurückgegeben werden sollten, wenn ihr Verbleib in Nigeria geklärt ist. Er gehört damit zu den ganz wenigen Stimmen, die eine bedingungslose Rückgabe kritisch sahen (unsere Resümees). In Benin ist zwar das fünfzehn Hektar große Museum of West African Art (MOWAA), entworfen von dem ghanaisch-britischen Architekten David Adjaye, fertiggestellt worden, die Eröffnung des Museums wurde allerdings von Demonstranten vereitelt, die das Museum als Beleidigung des Oba von Benin ansehen, erinnert Maja-Pearce. Wo die Benin-Bronzen verblieben sind, geschweige denn aufbewahrt werden sollen, ist nach wie vor ein Rätsel, hierzulande scheint das auch niemanden mehr zu interessieren. Maja-Pearce versuchte indes, den Oba persönlich zu sprechen: "In Benin-City besuchte ich den Palast, doch mir wurde mitgeteilt, ich könne niemanden sprechen: Der Oba bereitete sich gerade darauf vor, 'wichtige' Delegierte zu empfangen. Ich wurde in die staubige, schummrig beleuchtete Bibliothek weitergeleitet, wo mich ein Mann abwimmelte, der gerade eine Mitarbeiterin beschimpfte. Hochmütiges Auftreten auf allen Ebenen ist tief in der Palastkultur verwurzelt, besonders an der Spitze. Zwei Wochen nach meiner Rückkehr nach Lagos wurde ein Schauspieler namens Don Pedro, der Bruder des ehemaligen Gouverneurs von Edo - Godwin Nogheghase Obaseki, der sich stets für die Rückkehr der Bronzen in das neue Museum eingesetzt hatte - von bewaffneten Männern angegriffen, während er Fußball spielte: 'Ich wurde … schwer verprügelt, misshandelt … nackt ausgezogen und in den Palast des Oba von Benin gebracht … wo man mich zwang, öffentlich niederzuknien.' Sein Vergehen? 'Ich war in London und sagte in einer öffentlichen Erklärung: 'Mögen die Menschen von Edo lange leben und gedeihen.' Ich hätte sagen sollen: 'Möge der Oba lange leben und gedeihen.'' Weder der Palast noch die Polizei haben sich zu dem Übergriff geäußert. Am Tag nach dem Protest vor dem MOWAA drohte Monday Okpebholo, der derzeitige Gouverneur von Edo, damit, die dem Museum gewährte Grundbesitzurkunde 'im übergeordneten öffentlichen Interesse' zu widerrufen, und bekräftigte seine Loyalität gegenüber dem Oba, 'um sicherzustellen, dass der Monarch seine Rolle als Hüter des reichen kulturellen Erbes des Volkes von Benin wahrnimmt'."