Magazinrundschau
Blaue Einhörner, zweibeinige Biber, geflügelte Humanoiden
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
14.07.2026. Le Monde schickt eine Reportage über die Homosexuellen im Senegal, die inzwischen auch vom Staat aufs Korn genommen werden. Die New York Times lernt: Nicht nur Hacker können Daten klauen, auch britische Einbrecher. Andererseits gibt es die chinesische Hackergruppe Volt Typhoon, die mindestens genauso geschickt ist, lernt Wired. Eurozine erkundet das rebellische Potential von Pop-Phänomenen in China. Der New Yorker stellt ein Buch über die amerikanischen Kulturkämpfe seit den 1980ern vor. Der Observer erinnert an ein hochbezirztes Vogue-Porträt der Assad-Ehefrau Asma. Die London Review bemüht sich um einen Termin beim Oba von Benin.
Le Monde (Frankreich), 06.07.2026
New York Times (USA), 12.07.2026
Wired (USA), 08.07.2026
Andy Greenberg hat bei einem Planspiel mit Vertretern der größten Versicherungsunternehmen teilgenommen, bei dem ein großer chinesischer Hacker-Angriff auf die Wasserversorgung der USA simuliert wurde. Dass ein solcher Angriff kaum zu bewältigen ist, lässt ihn ebenso erschüttert zurück wie die Tatsache, dass er gar nicht mal so unwahrscheinlich ist: "Im Mai 2023 machten Microsoft, die National Security Agency und CISA die Entdeckung von, wie sie es nannten, Volt Typhoon bekannt, eine Gruppe von Hackern im Dienst des chinesischen Militärs. Die Eindringlinge hatten sich Zugang zu den Netzwerken von Einrichtungen der kritischen Infrastruktur im ganzen US-Gebiet sowie im US-Territorium von Guam verschafft. Die Ziele umfassten alles - von der Produktion über die Telekommunikation bis hin zum Stromnetz. Besonders alarmierend waren diese Durchbrüche, weil die Hacker über das für die chinesische Cyberspionage typische Maß hinausgingen. Microsoft zufolge versuchten sie 'Fähigkeiten zu entwickeln, die die Kommunikationsinfrastruktur zwischen den USA und Asien in einer zukünftigen Krise zerschlagen könnten'." so etas könnte etwa vor eine Invasio in Taiwan nützlich sein. "Weitere Untersuchungen zeigten, dass die Liste der Ziele der Hacker nicht auf Netzwerke beschränkt waren, die die Sabotage von Anlagen des US-Militärs gestatten. Sie umfassten auch IT-Systeme von Wasserwerken in Hawaii, zahlreiche US-Häfen und mindestens eine Öl- und Gaspipeline von wahrscheinlich militärischer Relevanz, aber auch Hunderte anderer Einrichtungen, darunter die Wasser- und elektronische Infrastruktur einer so kleinen Stadt wie Littleton, Massachusetts, einer Stadt mit etwa 10.000 Einwohnern. 'Es gibt nur einen einzigen Grund dafür, solche Ziele anzuvisieren", sagt der frühere CISA-Geschäftsführer Brandon Wales: 'man will in der US-Gesellschaft Chaos stiften.'"Aktualne (Tschechien), 08.07.2026

Eurozine (Österreich), 14.07.2026

Zixuan Liu ergründet das rebellische Potential von Popkultur-Phänomenen in China am Beispiel der Pop-Punk-Band "The Flowers", die von 1998 bis 2008 existierte. Die Band wurde mit dem Debütalbum "On the Other Side of Happiness" (幸福的旁边, 1999) berühmt und sprach das Lebensgefühl vieler junger Chinesen an, lesen wir, "eingängig statt aggressiv, aber dennoch verwurzelt im DIY-Ethos des Punk und in jugendlicher Aufrichtigkeit." Obwohl "The Flowers" nicht explizit politisch waren, besaßen ihre Texte ein gewisses subversives Moment, so Liu, das sich jedoch mit zunehmendem Erfolg der Band immer weiter abschwächte. Nach ihrer Auflösung, startete der Sänger Da Zhang Wei nun unter dem Namen Wowkie Zhang eine Solo-Karriere. Mit ihm feierte nun eine neue Musikrichtung Erfolge: der sogenannte "Happyisme" bietet bunte, knallige Ablenkung, "eine Utopie der Flucht, die Fans in eine Blase einlädt, in der alles hell, rhythmisch und unbeschwert ist." Vom "kantigen Pop-Punk der Flowers bis zu Wowkie Zhangs neonfarbenem Happyism treten zwei aufeinanderfolgende utopische Logiken in der chinesischen Musik des 21. Jahrhunderts zutage. Die erste Phase - von 1999 bis 2005 - entwarf eine Jugend-Utopie des Widerstands: schnelle Akkorde, DIY-Stil und spielerische Respektlosigkeit eröffneten kurzzeitig einen Raum jenseits staatlich verordneter Gefühle und des aufkommenden Konsumismus. Doch wie Marcuse vielleicht vorausgesagt hätte, wurde dieser Funke vom Markt schnell aufgesogen: 'Xi Shua Shua' wurde zur Gala-Unterhaltung, Rebellion kommerzialisiert und entpolitisiert. Zhangs Solokarriere nach 2007 zeigt die zweite Mutation dieser Utopie: eine eskapistische Utopie der Freude. Der 'Happyism' verkauft hyperpositive Gefühle - Regenbögen, EDM-Beats, einprägsame Slogans - die sofort den Druck mildern und fügt sich nahtlos in Chinas Diskurs über 'positive Energie' ein. Glück wird zum Simulakrum, zum Produkt, das Erlösung verspricht, während Kritik hinausgezögert wird. Fans finden in dieser bonbonfarbenen Blase dennoch kurzzeitige Freiheit, während Zyniker nur Ablenkung sehen. Die beiden Phasen offenbaren eine Dialektik, die heute typisch für den chinesischen Mainstream ist: Alternative Impulse tauchen ständig auf, werden monetarisiert und kehren dann in neuen Formen zurück. Kurzvideo-Plattformen mögen diesen Zyklus beschleunigen, doch jede Runde hinterlässt Spuren - Punk-Ikonografie, Meme-Ästhetik -, die den Nährboden für zukünftige Experimente bilden."
New Yorker (USA), 13.07.2026

Weitere Artikel: Jonathan Blitzer besucht das größte Abschiebungszentrum von ICE.
Observer (UK), 11.07.2026
Elet es Irodalom (Ungarn), 10.07.2026
Der Schriftsteller Zsolt Kácsor gratuliert seinem Kollegen Gábor T. Szántó zu dessen 60. Geburtstag: "Ich sage ja, es mag den Anschein haben, als würde Gábor Szántó T. die Last, die ihm die Jahrtausende auf die Schultern geladen haben, recht gelassen tragen, aber ich weiß, dass das höfliche, freundliche Gesicht, das man der Außenwelt zeigt, gelegentlich nur eine aus Vorsicht aufgesetzte Maske ist. Wenn wir einen Blick hinter diese Fassade werfen wollen, dann schlagen wir einen Roman oder einen Erzählband von Szántó auf und wundern uns nicht, dass uns Ost- und Mitteleuropa zwischen den Zeilen so heftig ins Gesicht schlägt, dass wir vom Westen abprallen. (…) Seine Werke zeichnen ein charakteristisches literarisches Universum, in dem das ungarisch-jüdische Leben das Hauptmerkmal ist, doch glücklicherweise wurde das Werk von Gábor T. Szántó deshalb nicht in eine 'jüdische' Schublade gesteckt. Schließlich schildert er kein in sich geschlossenes jüdisches Leben in Budapest. Der Horizont seiner schriftstellerischen Sichtweise hat sich auf Europa und innerhalb dessen insbesondere auf Mittelosteuropa erweitert. Das Epizentrum seiner Welt ist Budapest, ihre Peripherie erstreckt sich jedoch von Auschwitz über Prag bis zum Balkan; und sein schriftstellerisches Denken wird nicht nur von den Bildern der Familienerinnerung und den Traumata der zweiten Generation bestimmt, sondern auch von jenem besonderen historisch-gesellschaftlichen Umfeld, das im Wesentlichen nichts anderes ist als die noch immer nicht beseitigten Trümmer der Monarchie und der sowjetischen Herrschaft unter Kádár. (...) Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Gábor T. Szántó! Ich wünsche dir, dass du 120 Jahre alt wirst und in den nächsten 60 Jahren noch viele erzählenswerte Schätze zwischen den Trümmern der Welten findest, die über uns zusammengebrochen sind. Mazel Tov!"New York Review of Books (USA), 25.06.2026

Blätter (Deutschland), 01.07.2026
Journalismus ist auch Vorkosten! Der arme Thomas Assheuer hat sich nochmal über all jene Bücher gebeugt, die Wolfram Weimer geschrieben hat, bevor er Staatsminister für Kultur wurde, und die, nach allem was man hört, zurecht kaum Resonanz gefunden hatten: "Wahr ist, dass Weimers Elaborate Weltbildbroschüren ähneln; sie sind Konservativismus to go für Lobbygruppen wie die 'Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft' oder für Gäste des Ludwig-Erhard-Gipfels am Tegernsee, veranstaltet von der Weimer Media Group. Und dennoch: Auch wenn sie nicht als satisfaktionsfähig gelten, so emittieren diese Texte nicht nur heiße Luft, sondern enthalten, wenngleich in starker Verdünnung, messbare Anteile an bürgerlich-konservativem Geist." An Weimers Auslassungen fällt Assheuer vor allem der positive Bezug zum Religiösen auf. Dabei attestiert Assheuer Weimer durchaus eine gewisse Modernität im Blick auf die "mosaische Revolution", die er dann aber doch wieder mit der konservativen Floskel vom "Christlich-jüdischen Abendland" abwerfe. "Wenn nicht alles täuscht, dann gilt sein Credo eher einer konformistischen Brauchtums-Religion, die mit kryptopolitischen Sinnofferten Gottvertrauen ins System erzeugt und - hier zögert er noch - 'womöglich' als 'Gefäß kollektiver Identität' gute Dienste tut. Weimers nationale Funktionsreligion sorgt für Trübsalsminderung, erhöht die wirtschaftliche Leistungsbereitschaft und versprüht - Stichwort Geburtenrate - einen demografisch fruchtbaren Optimismus." Außerdem wünscht sich Assheuer von Weimer : "Nicht nur die Verteidigung des israelischen Staates ist unbedingt zwingend, sondern zwingend ist auch die Kritik an einer Regierung, die im Vergeltungskrieg gegen die Hamas das Völkerrecht bricht."London Review of Books (UK), 14.07.2026
Was hat es mit Palantir auf sich, fragen Peter Geoghegan und Lucas Amin. Die beiden Investigativjournalisten untersuchen die Art und Weise, wie das Unternehmen in Großbritannien Fuß fasst - insbesondere im Gesundheitswesen, in Form einer "federated data platform" (FDP), die von einer von Palantir geführten Unternehmensgruppe entwickelt wird. Allzu gut scheint die Implementierung nicht zu laufen: "Hinter verschlossenen Türen räumen führende Manager des NHS ein, dass es Probleme mit Palantirs Technologie gibt - nicht zuletzt, weil sie bei Datenanalystinnen und -analysten äußerst unbeliebt ist. In einem Briefing für leitende NHS-Verantwortliche vom Februar heißt es, die FDP sei 'langsam und schwerfällig'. Die Bearbeitung von Datenabfragen dauere 'Berichten zufolge vier bis fünf Minuten statt dreißig Sekunden' wie bei den bisherigen Systemen. Ein NHS-Datenanalyst, der täglich mit der FDP arbeitet, sagte uns, selbst diese Angabe sei noch zu optimistisch. 'Mit vier oder fünf Minuten wäre ich schon zufrieden', sagte er. 'Meistens warte ich eher zehn Minuten.'" Hinzu kommt, dass das britische Gesundheitssystem sich nun ein proprietäres Softwaresystem aufgehalst hat, das nur von Palantir-Mitarbeitern gewartet werden kann. Insgesamt erscheint das Unternehmen bei näherem Hinsehen weniger spektakulär und bahnbrechend, als man angesichts mancher Medienberichte denken könnte. "So sehr die Palantir-Chefs Peter Thiel und Alex Karp auch mit Allwissenheit, KI-gestützter Kriegsführung und einem Kampf der Zivilisationen prahlen - im Kern ist Palantir ein Softwareunternehmen. Es verfügt weder über ein grundlegendes KI-Modell wie OpenAI oder Anthropic, noch baut es Raketen oder Überwachungsdrohnen wie Elon Musk. Was die Unternehmensführung jedoch verstanden hat, ist, dass es im Zeitalter eines revanchistischen Nationalismus von Vorteil sein kann, die eigene Gefährlichkeit zu überhöhen. Wie der Technologiejournalist James Ball argumentiert hat, verdeckt die von Palantir gepflegte Selbstmythologisierung 'was letztlich ein ziemlich banales Produkt ist'."Vor fünf Jahren hatte der nigerianische Schriftsteller Adewale Maja-Pearce in der LRB argumentiert, dass die Benin-Bronzen erst dann zurückgegeben werden sollten, wenn ihr Verbleib in Nigeria geklärt ist. Er gehört damit zu den ganz wenigen Stimmen, die eine bedingungslose Rückgabe kritisch sahen (unsere Resümees). In Benin ist zwar das fünfzehn Hektar große Museum of West African Art (MOWAA), entworfen von dem ghanaisch-britischen Architekten David Adjaye, fertiggestellt worden, die Eröffnung des Museums wurde allerdings von Demonstranten vereitelt, die das Museum als Beleidigung des Oba von Benin ansehen, erinnert Maja-Pearce. Wo die Benin-Bronzen verblieben sind, geschweige denn aufbewahrt werden sollen, ist nach wie vor ein Rätsel, hierzulande scheint das auch niemanden mehr zu interessieren. Maja-Pearce versuchte indes, den Oba persönlich zu sprechen: "In Benin-City besuchte ich den Palast, doch mir wurde mitgeteilt, ich könne niemanden sprechen: Der Oba bereitete sich gerade darauf vor, 'wichtige' Delegierte zu empfangen. Ich wurde in die staubige, schummrig beleuchtete Bibliothek weitergeleitet, wo mich ein Mann abwimmelte, der gerade eine Mitarbeiterin beschimpfte. Hochmütiges Auftreten auf allen Ebenen ist tief in der Palastkultur verwurzelt, besonders an der Spitze. Zwei Wochen nach meiner Rückkehr nach Lagos wurde ein Schauspieler namens Don Pedro, der Bruder des ehemaligen Gouverneurs von Edo - Godwin Nogheghase Obaseki, der sich stets für die Rückkehr der Bronzen in das neue Museum eingesetzt hatte - von bewaffneten Männern angegriffen, während er Fußball spielte: 'Ich wurde … schwer verprügelt, misshandelt … nackt ausgezogen und in den Palast des Oba von Benin gebracht … wo man mich zwang, öffentlich niederzuknien.' Sein Vergehen? 'Ich war in London und sagte in einer öffentlichen Erklärung: 'Mögen die Menschen von Edo lange leben und gedeihen.' Ich hätte sagen sollen: 'Möge der Oba lange leben und gedeihen.'' Weder der Palast noch die Polizei haben sich zu dem Übergriff geäußert. Am Tag nach dem Protest vor dem MOWAA drohte Monday Okpebholo, der derzeitige Gouverneur von Edo, damit, die dem Museum gewährte Grundbesitzurkunde 'im übergeordneten öffentlichen Interesse' zu widerrufen, und bekräftigte seine Loyalität gegenüber dem Oba, 'um sicherzustellen, dass der Monarch seine Rolle als Hüter des reichen kulturellen Erbes des Volkes von Benin wahrnimmt'."
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