Es ist auch bei uns Mode geworden, sich selbst als Rassist zu bezeichnen - reumütig, versteht sich - wie es Georg Seeßlen zum Beispiel
gestern tat. In den USA ist "White Fragility" ein Buch der ehemaligen Konzernberaterin
Robin DiAngelo, selbst weiß, ein Riesenbestseller - sowohl in der Amazon-Verkaufsliste als auch bei Kritikern großer Zeitungen wie der
New York Times.
Rolling-
Stones-Mitarbeiter Matt Taibbi
fasst sich in seinem Blog an den Kopf: Haben die Kollegen das Buch, das Weißen keinerlei Identität zubillige außer Träger eines
rassistischen Suprematismus zu sein, eigentlich mal gelesen, fragt er. "DiAngelo weist uns darauf hin, dass hier nichts zu tun ist, außer 'sich zu bemühen,
weniger weiß zu sein'. Lehnt man diese Theorie ab oder schleicht sich unverfroren aus der Langeweile ihrer Vorträgen hinaus - was sie als 'Verlassen der stressverursachenden Situation' beschreibt - bestätigt man damit nur ihre Auffassung von der Vorherrschaft der Weißen. Dieses
intellektuelle Äquivalent zur Hexenprobe (wenn man ins Wasser geworfen wird und schwimmt, ist man eine Hexe) ist Orthodoxie in weiten Teilen der akademischen Welt."
Auch in der
Zeit ist Jörg Scheller obergenervt von einer Rassismus-Diskussion, in der sich eine Seite die
diskursive Oberhoheit zuspricht, während die andere mit dem Vorwurf des "
weißen Privilegs" jederzeit mundtot gemacht werden kann: "Immer wieder ist zu lesen, Weiße seien
per se privilegiert. Seltsam - ist das nicht die grundlegende Funktionsweise des Rassismus: Einzelne mit Gruppen gleichzusetzen, den Kollektivsingular an die Stelle präziser Beobachtung und Empirie zu setzen? In Wahrheit ist die Sache ja vertrackter. Warum ist es ausgerechnet dem Afroamerikaner Jay-Z gelungen, zum ersten Rap-Milliardär zu avancieren? Ist der
ausgebeutete Rumäne in einem Tönnies-Schlachthof privilegiert, weil seine Hautfarbe Weiß ist?"
In
Atlantic staunt der Politologe
Yascha Mounk, wie gut sich amerikanische
Konzerne mit Rassismuskritikern verstehen, selbst wenn diese weit über das Ziel hinaus schießen. Mounk erzählt an einigen Beispielen von Menschen, die nach Rassismusvorwürfen in den sozialen Medien umgehend gefeuert wurden - ohne dass die Firmen auch nur nachgehakt hätten. So wichtig der Kampf gegen Rassismus sei, dies führe in die falsche Richtung: "Erstens beschädigen diese Vorfälle das
Leben unschuldiger Menschen, ohne einem edlen Zweck zu dienen. Zweitens sind solche Ungerechtigkeiten geeignet, einen politischen Gegenschlag zu provozieren. Wenn viele Amerikaner das Gefühl bekommen, dass diejenigen, die sich angeblich gegen Rassismus stellen, bereit sind, Unschuldige zu bestrafen, um in den Augen der Öffentlichkeit
gut dazustehen, könnten sie durchaus zynisch gegenüber dem Unternehmen als Ganzes werden."
Was ist denn so schlimm daran, wenn man
Menschen "
zum Besseren erziehen" will - aktuell etwa mit Blick auf "gendergerechte Sprache oder antirassistischer Bedachtsamkeit",
fragt der
Schriftsteller Robert Misik in der
NZZ: "Norbert Elias beschrieb in seinem 'Prozess der Zivilisation' monumental, wie sich über die Jahrhunderte
Schamgefühl ausbreitete und Schamgrenzen entstanden, wie sich bewusste Affektbewältigung durchsetzte, Peinlichkeitsempfinden nach und nach weitere Kreise zog und die Menschen ihr Verhalten änderten - was auch heißt, dass als erwünscht angesehenes Verhalten sich automatisierte."
"Viele derer, die unnachsichtig den
Namenswechsel von Schulen und Straßen fordern, weil sie in dieser oder jener Weise an Deutschlands schlimmste Epoche erinnern, sind bei Personen aus dem
extrem linken Milieu flugs dabei, deren historisches Wirken offensiv zu rechtfertigen oder aus der Zeit heraus zu erklären",
ärgert sich der Politologe Eckhard Jesse ebenfalls in der
NZZ: In Deutschland kann man "mit noch immer
613 Ernst-
Thälmann-
Straßen oder -Plätzen - die Erinnerung an den moskauhörigen Vorsitzenden der KPD in der Weimarer Republik aushalten. Vielleicht ist es sogar gut, sie wachzuhalten. Schließlich weisen Namen nicht zwangsläufig auf die Vorbildhaftigkeit des Tuns ihrer Träger hin."
Weiteres: Kürzlich verurteilte
Giorgo Agamben in der
NZZ den
Kapitalismus als "leere Religion" (
Unser Resümee). Agamben hat den Kapitalismus offenbar nicht verstanden,
erwidert ihm Kaspar Villiger nun ebenfalls in der
NZZ: "
Kapitalismus funktioniert, und alle andern Ordnungen, wie etwa der Sozialismus oder der Staatskapitalismus, funktionieren nicht. Sie hinterlassen in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen Armut,
Gulags und Hunger." Außerdem
analysiert Ulrich M. Schmid in der
NZZ noch einmal ausführlich
Waldimir Putins geschichtsrevisionistische Aussagen (
Unsere Resümees) zum Hitler-Stalin-Pakt.