9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.07.2020 - Ideen

Das Debattenklima ist in den USA und Großbritannien und den USA noch um einiges rauer als hiezulande. Wer nicht ganz auf Linie ist, wird gefeuert - und zwar auf Intervention tugendhaft empörter Linker. Yascha Mounk hat das neulich beklagt (Resümee) und deshalb gleich ein neues Medium gegründet (Resümee), in der Magazinrundschau haben wir zwei Artikel zum Phänomem (mehr hier) zitiert. Nun haben einige angloamerikanische Intellektuelle - darunter einiger Betonlinke wie Noam Chomsky, aber auch Autoren wie J.K. Rowling oder Salman Rushdie und Francis Fukuyama - in Harper's unter dem Titel "A Letter on Justice and Open Debate" einen offenen Brief veröffentlicht, in dem sie vor dem gnadenlos verschärften Ton warnen: "Die Kräfte des Antiliberalismus werden weltweit stärker und haben einen mächtigen Alliierten in Donald Trump, der eine wirkliche Bedrohung für die Demokratie darstellt. Aber der Widerstand darf sich nicht zu zu seiner eigenen Version von Dogmatismus und Zwang verhärten - was von rechten Demagogen stets ausgebeutet wird. Die demokratische Integration, die wir wollen, kann nur erreicht werden, wenn wir uns gegen ein intolerantes Klima auf allen Seiten aussprechen."

Die Bayreuther Anglistin Susan Arndt, eine weiße Spezialistin für Intersektionalitätsstudien und Rassismusforschung, legt in der taz doppelseitig dar, dass Rassismus den Deutschen und Europäern gewissermaßen unauslöschlich ins Gemüt gesenkt ist: "Die etablierte christliche Farbsymbolik hielt dazu ein verlockendes Angebot bereit: Schwarz steht für das Teuflische, Animalische, Böse. Weiß dagegen für das Göttliche, Überlegene, Gute. Von hier war es nur ein kleiner Schritt zu der ebenso simplen wie fatalen Logik: es gibt eine 'weiße Rasse' - und diese ist allen anderen überlegen. Das erforderte einen krassen Abstraktionsprozess; menschliche Komplexionen bewegen sich in Nuancen verschiedener Beige- und Brauntöne und niemand war je weiß oder schwarz."

Auch die amerikanische, in Berlin arbeitende Philosophin Susan Neiman spricht mit Claudia Schwartz in der NZZ über Rassismus - diesmal in den USA: "Der Süden hat den Bürgerkrieg verloren, aber er hat das Kriegsnarrativ gewonnen. Diese Verherrlichung, diese Elegie über den Süden, das zieht sich durch die gesamte amerikanische Kultur durch, auch dort, wo linke fortschrittliche Leute das nicht einmal vermuten. Hollywood hat da eine große Rolle gespielt."

Ein wirklich wütender Sohrab Ahmari kritisiert im Spectator die linke Revolution, die im Umfeld von BLM gefordert wird. Links ist daran gar nichts, meint der iranisch-amerikanische Kolumnist: Es "ist vielmehr eine Konterrevolution der neoliberalen Klasse - Akademiker, Medien, Großkonzerne, 'Experten', Big Tech - gegen die nationalistische Revolution von 2016. Die vermeintlichen Aufständischen und die Eliten marschieren gemeinsam durch die Straßen und beugen das Knie. Sie suchen nicht nach einer radikal neuen Regelung, sondern nach einer Rückkehr zum Status quo ante vor Trump, vor Brexit, der für sie sehr gut funktionierte. Weniger gut lief es natürlich für die Arbeiterklasse aller Rassen, die die Hauptlast ihres bevorzugten Policy-Mix trug: offene Grenzen, Freihandel ohne Grenzen, ein aggressiver kultureller Liberalismus, der Tradition und Gemeinschaft zersetzte, eine technokratische 'Global Governance', die Demokratie und Politik als solche kastrierte." Selbst die neue politisch korrekte Sprache, die auf jeder Eliteschule gelehrt werde, diene dazu, sich die Arbeiterklasse vom Hals zu halten.

Außerdem: Georg Diez greift ebenfalls in der taz einen Artikel Historikerin Sarah Churchwell  aus der NYRB auf (unser Resümee), die Amerika auf dem Weg zum Faschismus sieht, und stimmt ihr zu.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.07.2020 - Ideen

Thomas Thiel kommt in der FAZ nochmal auf die Debatte um J.K. Rowling (der wenige Medien zur Seite standen) und den Begriff "Personen, die menstruieren" anstelle von "Frauen" zurück. Die Gender-Fraktion führt sich mit solchen Begriffen selbst ad absurdum meint er: "Wie will man männliche und weibliche Rollenmuster untersuchen, wenn Geschlecht keinen realen Bezugspunkt mehr hat? Wie soll man für Frauenrechte eintreten, wenn Weiblichkeit nur Fiktion ist, die nicht benannt werden darf? Man tut es bislang, indem man die eigene Theorie nicht immer so genau nimmt. Die Kontroverse um J.K. Rowling macht indes deutlich, dass auch die Frau zum Feindbild in den Identitätskämpfen geworden ist."

Im Rassismus erweist sich die Zweischneidigkeit der Aufklärung, schreibt Arno Widmann in der Berliner Zeitung: "Kants (1724-1804) Kosmopolitismus war weiß. Auch Frauen kamen darin nicht vor. Je stolzer Europa auf die eigene Aufklärung wurde, desto verächtlicher sah es auf die anderen, die Unaufgeklärten, herab. Der Mangel an Aufklärung wurde ein weiteres Indiz für die Zurückgebliebenheit ganzer Völkerschaften. Dass es sich bei vielen von ihnen um 'tribes without rulers' handelte, machte sie nicht interessant für die europäischen Philosophen, sondern bewies ihren Mangel an Zivilisation. Ernst genommen wurden nur staatlich organisierte Gesellschaften und auch nur so lange, bis man sie sich unterworfen hatte." Widmann warnt aber auch die Antirassisten, die jetzt "weg mit Kant" rufen: "Es gibt keine Reinheit. Sie einzufordern, ist selbst Rassismus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.07.2020 - Ideen

Die Linke und die Rechte haben in den USA mächtige Bastionen in Thinktanks und Universitäten, nicht so eine linksliberale Mitte, konstatiert der Politologe Yascha Mounk im Gründungsmanifest seiner neuen Community Persuasion. Positionen der Mitte können an Unis kaum mehr verfochten werden, schreibt er - und zieht daraus die Konsequenz: "Statt unseren Kontrollverlust über das Establishment zu beklagen, sollten wir dem Beispiel anderer Bewegungen folgen, die erfolgreich ihre eigenen Institutionen gegen das Establishment aufgebaut haben. Das ist das Ziel, das ich im Sinn hatte, als ich mit Persuasion begann." In einem zweiten Artikel erklärt Mounk, wie Persuasion funktionieren soll, als Medium und als Community - für zahlende Mitglieder.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.07.2020 - Ideen

Statt nur Denkmäler zu stürzen und damit Orte möglicher Auseinandersetzung aus dem Blickfeld zu nehmen, sollten wir Denkmäler errichten, meint Doris Akrap in der taz. Zum Beispiel für den Beitrag, den die Gastarbeiter in Westdeutschland leisteten. Nur eines ist ihr bisher aufgefallen: "Es handelt sich um einen in Beton gegossenen Ford Transit in Miniaturform, der über und über mit verschnürtem Dachgepäck aus Matratzen, Koffern, Hühnerställen und Waschmaschinen beladen ist und auf einem kleinen Sockel in Bremen steht. Es erinnert an die Sommerreisen der Gastarbeiter*innen in ihre Herkunftsländer. Zwar fuhren viele von ihnen damals gar nicht Ford Transit, sondern Ford Taunus, aber geschenkt. Das damalige Lebensgefühl dieser Menschen - im Transit zu leben - ist mit dem Namen des Kleintransporters einfach perfekt getroffen." Das Denkmal steht in Bremen, hier ein Bild im Weser Kurier.

Der Historiker Wolfgang Reinhard hat in einem großen FAZ-Gespräch neulich (unser Resümee) nahezu alle heutigen Israelklischees in geradezu triumphalem Ton proklamiert - Israel sei ein kolonialistisches Projekt und ein Apartheidregime. Vehement widerspricht heute der Judaist Karl E. Grözinger: "So wie Tötung nicht gleich Mord ist, ist 'Siedlung' nicht gleich Kolonialismus. Von einem Historiker sollte man mehr Differenzierungsvermögen verlangen. Die Motive für den Zionismus sind eben ganz andere als die der britischen East India Company oder der Russia Company und Ähnlichen. Zur Geschichte gehört immer eine Vorgeschichte, anders kann man sie nicht verstehen und missdeutet sie. Und das muss man allen vorwerfen, die nun wieder einmal in einer 'Gelehrtendebatte' und ideologischen Straßenkämpfen die Juden, hier als Staat Israel, als Urgrund allen Übels betrachten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.07.2020 - Ideen

Nein, es gibt kein allgemeinmenschliches "Holocaust-Trauma", das in eine Generalgeschichte der Unterdrückung inklusive Israels Besatzungspolitik gehört, wie neulich Henning Melber in der taz postulierte (unsere Resümees). Der Holocaust ist keine Chiffre, schreibt Michael Wuliger in der Jüdischen Allgemeinen: "Wenn Juden an die Schoa denken, denken sie konkret. Sie sehen vor sich ihre ermordeten Verwandten, von denen wenig blieb als einige vergilbte Fotos. Sie denken an ihre Eltern und Großeltern, die, wenn sie überlebt hatten, seelisch zutiefst beschädigt waren. Sie spüren Schmerz über einen nie wieder gutzumachenden menschlichen Verlust. Den Luxus, die Ermordung von sechs Millionen Individuen als abstrakte Kategorie zu denken, haben sie nicht. Dafür braucht man wohl einen anderen Familienhintergrund."

In der NZZ kritisiert Lucien Scherrer das zunehmend modische Bekenntnis zum Antifaschismus. Schließlich war der ein oder andere Revolutionär schlicht ein ideologischer Mörder oder unterstützte aus ideologischen Gründen mörderische Diktatoren. Soll man das wirklich vergessen? Oder sind die Antifaschisten oft einfach schlicht Antidemokraten? "Wichtig ist in dieser Weltsicht einzig, ob jemand gefühlsmäßig der faschistischen Seite zugeordnet wird oder der antifaschistischen. Ob jemand Gewalt ablehnt und sich an demokratische Gepflogenheiten hält, spielt dagegen bei Freund wie Feind keine Rolle. Diese Logik passt bestens zur gegenwärtigen Woke-Kultur, die ihre Stärke gerne in Form von Shitstorms, Schnellurteilen und der Verehrung seltsamer Heiliger demonstriert. Sie gehört indes schon lange zum Wesen eines militanten Antifaschismus, der das demokratisch-kapitalistische 'System' zu delegitimieren versucht, indem er möglichst viele Leute als Faschisten entlarvt. ... Denn wo ein neuer Faschismus droht, ist Gewalt legitim, und die Frage nach den wahren politischen Zielen der Gewalttäter ist geradezu obszön."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.07.2020 - Ideen

Es ist auch bei uns Mode geworden, sich selbst als Rassist zu bezeichnen - reumütig, versteht sich - wie es Georg Seeßlen zum Beispiel gestern tat. In den USA ist "White Fragility" ein Buch der ehemaligen Konzernberaterin Robin DiAngelo, selbst weiß, ein Riesenbestseller - sowohl in der Amazon-Verkaufsliste als auch bei Kritikern großer Zeitungen wie der New York Times. Rolling-Stones-Mitarbeiter Matt Taibbi fasst sich in seinem Blog an den Kopf: Haben die Kollegen das Buch, das Weißen keinerlei Identität zubillige außer Träger eines rassistischen Suprematismus zu sein, eigentlich mal gelesen, fragt er. "DiAngelo weist uns darauf hin, dass hier nichts zu tun ist, außer 'sich zu bemühen, weniger weiß zu sein'. Lehnt man diese Theorie ab oder schleicht sich unverfroren aus der Langeweile ihrer Vorträgen hinaus - was sie als 'Verlassen der stressverursachenden Situation' beschreibt - bestätigt man damit nur ihre Auffassung von der Vorherrschaft der Weißen. Dieses intellektuelle Äquivalent zur Hexenprobe (wenn man ins Wasser geworfen wird und schwimmt, ist man eine Hexe) ist Orthodoxie in weiten Teilen der akademischen Welt."

Auch in der Zeit ist Jörg Scheller obergenervt von einer Rassismus-Diskussion, in der sich eine Seite die diskursive Oberhoheit zuspricht, während die andere mit dem Vorwurf des "weißen Privilegs" jederzeit mundtot gemacht werden kann: "Immer wieder ist zu lesen, Weiße seien per se privilegiert. Seltsam - ist das nicht die grundlegende Funktionsweise des Rassismus: Einzelne mit Gruppen gleichzusetzen, den Kollektivsingular an die Stelle präziser Beobachtung und Empirie zu setzen? In Wahrheit ist die Sache ja vertrackter. Warum ist es ausgerechnet dem Afroamerikaner Jay-Z gelungen, zum ersten Rap-Milliardär zu avancieren? Ist der ausgebeutete Rumäne in einem Tönnies-Schlachthof privilegiert, weil seine Hautfarbe Weiß ist?"

In Atlantic staunt der Politologe Yascha Mounk, wie gut sich amerikanische Konzerne mit Rassismuskritikern verstehen, selbst wenn diese weit über das Ziel hinaus schießen. Mounk erzählt an einigen Beispielen von Menschen, die nach Rassismusvorwürfen in den sozialen Medien umgehend gefeuert wurden - ohne dass die Firmen auch nur nachgehakt hätten. So wichtig der Kampf gegen Rassismus sei, dies führe in die falsche Richtung: "Erstens beschädigen diese Vorfälle das Leben unschuldiger Menschen, ohne einem edlen Zweck zu dienen. Zweitens sind solche Ungerechtigkeiten geeignet, einen politischen Gegenschlag zu provozieren. Wenn viele Amerikaner das Gefühl bekommen, dass diejenigen, die sich angeblich gegen Rassismus stellen, bereit sind, Unschuldige zu bestrafen, um in den Augen der Öffentlichkeit gut dazustehen, könnten sie durchaus zynisch gegenüber dem Unternehmen als Ganzes werden."

Was ist denn so schlimm daran, wenn man Menschen "zum Besseren erziehen" will - aktuell etwa mit Blick auf "gendergerechte Sprache oder antirassistischer Bedachtsamkeit", fragt der Schriftsteller Robert Misik in der NZZ: "Norbert Elias beschrieb in seinem 'Prozess der Zivilisation' monumental, wie sich über die Jahrhunderte Schamgefühl ausbreitete und Schamgrenzen entstanden, wie sich bewusste Affektbewältigung durchsetzte, Peinlichkeitsempfinden nach und nach weitere Kreise zog und die Menschen ihr Verhalten änderten - was auch heißt, dass als erwünscht angesehenes Verhalten sich automatisierte."

"Viele derer, die unnachsichtig den Namenswechsel von Schulen und Straßen fordern, weil sie in dieser oder jener Weise an Deutschlands schlimmste Epoche erinnern, sind bei Personen aus dem extrem linken Milieu flugs dabei, deren historisches Wirken offensiv zu rechtfertigen oder aus der Zeit heraus zu erklären", ärgert sich der Politologe Eckhard Jesse ebenfalls in der NZZ: In Deutschland kann man "mit noch immer 613 Ernst-Thälmann-Straßen oder -Plätzen - die Erinnerung an den moskauhörigen Vorsitzenden der KPD in der Weimarer Republik aushalten. Vielleicht ist es sogar gut, sie wachzuhalten. Schließlich weisen Namen nicht zwangsläufig auf die Vorbildhaftigkeit des Tuns ihrer Träger hin."

Weiteres: Kürzlich verurteilte Giorgo Agamben in der NZZ den Kapitalismus als "leere Religion" (Unser Resümee). Agamben hat den Kapitalismus offenbar nicht verstanden, erwidert ihm Kaspar Villiger nun ebenfalls in der NZZ: "Kapitalismus funktioniert, und alle andern Ordnungen, wie etwa der Sozialismus oder der Staatskapitalismus, funktionieren nicht. Sie hinterlassen in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen Armut, Gulags und Hunger." Außerdem analysiert Ulrich M. Schmid in der NZZ noch einmal ausführlich Waldimir Putins geschichtsrevisionistische Aussagen (Unsere Resümees) zum Hitler-Stalin-Pakt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.07.2020 - Ideen

Die Kommunikationswissenschaftlerin und Soziologin Natasha A. Kelly hält es in der taz für abwegig, den Begriff "Rasse" aus dem Grundgesetz zu streichen und kritisiert, dass dieser Vorschlag mal wieder von Weißen gemacht wurde: "Den Vorteil, den wir Schwarzen Sozialwissenschaftler*innen gegenüber den Jurist*innen haben, ist, dass wir das englischsprachige Wort race verwenden, was beispielsweise ermöglicht hat, Alltagsrassismus auf der sozialen Ebene (Wohnungs- und Arbeitsmarkt) zu untersuchen. Damit konnten wir die hier deutlich gewordene Problematik umgehen. Während dem englischen Begriff eine soziale Definition zugrunde liegt, bleibt der deutsche Begriff in seinem historisch-biologistischen Entstehungskontext verhaftet, was letztendlich zur Forderung der Grünen geführt hat." Dann hätten also gerade jene Länder, die die Sklaverei am intensivsten betrieben haben, wenigstens einen fortschrittlichen Begriff von "Rasse"?!

Tilgt man das Wort "Rasse" aus dem Grundgesetz, bleiben immer noch die transnationalen Diskriminierungsverbote wegen der "Rasse" - in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948, in der Grundrechtscharta der EU oder der Europäischen Menschenrechtskonvention, erinnert in der SZ Andreas Zielcke, der die bislang vorgebrachten Gründe für eine Streichung des Begriffs ziemlich "unterbelichtet" findet: Es sei keineswegs eindeutig, "dass der deutsche Verfassungsgeber 1949 den inhumanen NS-Gehalt von 'Rasse' übersehen und damit dem Gleichheitssatz einen unheilbaren Makel aufgebürdet hat. Ist es nicht mindestens ebenso plausibel, dass die parlamentarischen Autoren seinerzeit den alten Wortlaut 'Rasse' bewusst übernommen haben, um ihn gegen seine historisch-barbarische Intention in Stellung zu bringen? Das semantische NS-Erbe also mit seinem eigenen Terminus zu schlagen? Schließlich lässt die Stoßrichtung des Art. 3 an antirassistischer Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig. Es gibt, soweit ersichtlich, kein höchstgerichtliches Urteil, das den Antirassismus des Art. 3 nicht begriffen hätte."

Außerdem: Auf Zeit online diagnostiziert Georg Seeßlen eine "Allgegenwärtigkeit des Rassismus" hierzulande und fragt sich etwas ratlos, wie damit umzugehen sei.

Der Begriff der "Intentionalität" ist wichtig, um Verschwörungstheorien von rationaleren Versuchen, die Welt zu verstehen, zu unterscheiden, schreiben die Soziologinnen Carolin Amlinger und Nicola Gess bei geschichtedergegewart.ch und beziehen sich dabei auf den Forscher Timothy Melley: "Treibstoff moderner Verschwörungstheorien ist nach Melley eine paradoxe 'agency panic': Diese Panik sieht - durchaus korrekt - das Selbstbild vom autonomen Individuum (das seine Intentionen kennt, sie umsetzen und auf diese Weise auch sein Leben und seine Geschichte selbstbestimmt gestalten kann) in Gefahr und glaubt paradoxerweise gerade deswegen an eine Verschwörung, die in ihrem 'intentionalen' Angriff gegen dieses Individuum genau jenes überkommene Menschen-, Gesellschafts- und Geschichtsbild aufrechterhält: Eine Gruppe von Verschwörer*innen oder ein monolithisches 'System' steuere intentional das Weltgeschehen nach einem geheimen Plan..."

In der NZZ wundert sich der Historiker Wolfgang Kraushaar über das Schweigen um Horst Mahler. Klar, der Jurist, einst Mitbegründer der RAF, heute ein Neonazi, ist für einstige Weggefährten wie Gerhard Schröder, Otto Schily oder Hans-Christian Ströbele schwer peinlich geworden. Sie tun sich aber immer noch "ausgesprochen schwer damit, ihm gegenüber auf Abstand zu gehen und ihn öffentlich zu kritisieren. Als Schily etwa in einem Dokumentarfilm über linke Anwälte nach Mahler gefragt wurde, meinte er ebenso schmallippig wie ausweichend, das sei wohl eine 'Tragödie'. Ganz so, als sei seinem Ex-Partner, dem er während seiner RAF-Zeit auch noch als Verteidiger zur Seite gestanden hatte, etwas widerfahren, was außerhalb seiner Macht gelegen habe. So als handle es sich bei einer antisemitischen Gesinnung um eine Art Schicksalsschlag. Und der sonst so bekenntnisstarke Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele, der 1969 zusammen mit Mahler und Klaus Eschen das Sozialistische Anwaltskollektiv gegründet hatte und in den Jahren darauf als der umtriebigste aller RAF-Verteidiger in Erscheinung getreten war, ist hinsichtlich seines Ex-Genossen völlig verstummt. Kein Kommentar und schon gar kein Wort der Kritik oder der Distanzierung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.06.2020 - Ideen

Spätmoderne Gesellschaften brauchen nicht weniger Staat, sondern mehr Staat oder zumindest einen mehr regulierenden Staat, meint der Soziologe Andreas Reckwitz im SZ-Interview mit Peter Lindner: "Wir haben in den 80er-Jahren einen Wandel vom Wohlfahrtsstaat zum Wettbewerbsstaat erlebt. Der Staat ist vor allem als Dynamisierer in Erscheinung getreten, der Märkte und Wettbewerb ermöglicht. Der sich eher zurückzieht auf die Rolle des Schiedsrichters oder Coaches. Diese zurückhaltende Rolle des Staates steht schon seit etwa zehn Jahren zurecht in der Kritik. Bei der Finanzkrise wurde zum ersten Mal auch einer größeren Öffentlichkeit deutlich vor Augen geführt, dass dieser Staat Marktversagen nicht mehr regulieren kann." Reckwitz optiert für einen Infrastrukturstaat, der die Qualität öffentlicher Güter wie Bildung, Gesundheit, Wohnen, Verkehr sicherstelle.

Mit leisem Zweifel an den Corona-Maßnahmen und den damit verbundenen Eingriffen in Grundrechte rät der Philosoph Thomas Sören Hoffmann in der NZZ zur Hegel-Lektüre. Denn Hegel beschrieb, was es bedeutet, wenn der Bürger das Vertrauen in den Staat verliert, raunt Hoffmann: "Der Bürger hört auf, an seinem Staat 'existenziell' zu partizipieren - was im Entscheidenden gar nicht einzelne Bekenntnisse und Handlungen meint, sondern die tatsächliche Lebensform, das Ethos betrifft, in dem Staatlichkeit wurzeln können muss. Die Entfremdung des Bürgers vom Staat ist dabei für das Individuum schmerzhaft, für den Staat aber ist sie in letzter Instanz tödlich.

In der NZZ wirft Joachim Krause, Direktor des Kieler Instituts für Sicherheitspolitik und geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift Sirius, jenen Politikern, die den Begriff der "Rasse" aus dem Grundgesetz streichen wollen, einen "Rausch des Antirassismus" vor: "In jedem Fall würde eines der zentralen Abwehrrechte gegen jegliche Politik des Rassismus schwer beschädigt werden. Zudem wird den 'Vätern und Müttern' des Grundgesetzes implizit Rassismus unterstellt - das ist zutiefst anmaßend."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.06.2020 - Ideen

In der FR ist Christian Thomas der Furor, mit dem Denkmäler gestürzt werden, nicht geheuer. Ihm graut vor einem "Regime der Affekte", das mit der Identitätspolitik einziehe und bei dem das Argument durch die allergische Reaktion ersetzt werde: "Abgesehen davon, dass es, wie Berichte aus der Reformation oder der Französischen Revolution nahelegen, auch um so etwas wie Sadismus am toten Objekt geht, wird im Denkmalsturz nicht die Differenzierung verfolgt, sondern die Generalisierung exekutiert. Generell, so das undifferenziert-ignorante Urteil, handele es sich bei Kolumbus um einen Kolonialisten. Wobei noch unheimlicher als diese Zuschreibung ist, dass in den letzten Tagen nicht etwa ein so entsetzlicher Schlächter wie der Eroberer Mittelamerikas, Hernan Cortéz, ins Visier von Attentätern geraten ist - dafür aber Immanuel Kant. Weil man Kant kennt, weil man Kants Werk zu beherrschen glaubt?"

Kant stürzen? Niemals!, ruft Micha Brumlik in der taz und erinnert daran, wie streng der Königsberger Aufklärer mit der Unterdrückung fremder Völker ins Gericht ging: "Kurzum: Immanuel Kant hatte zwar rassistische Vorurteile, glaubte aber nicht daran, dass 'Rasseeigenschaften' angeboren und unveränderlich seien. Er war zudem ein Gegner von Leibeigenschaft wie Sklaverei und schon früh einer der schärfsten Kritiker der kolonialen Expansion europäischer Staaten."

Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann antwortet in der Welt Thomas Schmid, der ihr vorgeworfen hatte, den Holocaust zu relativieren, ihm seine Singularität abzusprechen und einen Schlusstrich ziehen zu wollen (unser Resümee). Perfide findet sie das: "Die Singularität des Holocaust ist das eine, die Feststellung einer Fixierung auf diese Singularität ist etwas anderes... Im nationalen Gedächtnis der Deutschen hat durch Fixierung auf den Holocaust manches noch keinen Platz gefunden, was wirklich skandalös ist. Damit meine ich nicht die Kolonialgeschichte, die durch Mbembe Eingang in die Debatte gefunden hat, und die noch an Bedeutung gewinnen wird. Ich meine auch nicht den Gulag, den Schmid ganz am Ende seines Artikels als eines der 'beiden großen Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts' noch schnell in die Singularität des Holocaust mitaufnimmt. (Und da kann ich ihm nur zustimmen!) Ich meine noch ein weiteres Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts, das bisher noch kaum im Bewusstsein der Gesellschaft angekommen ist: die Erinnerung an die Millionen und Abermillionen Opfer der deutschen Besatzung und des rassistischen Vernichtungskrieges in ganz Europa. Deshalb habe ich mit zwei Historikern gerade einen Antrag an den deutschen Bundestag gestellt, der die Regierung auffordert, in der Mitte Berlins 75 Jahre nach Kriegsende ein Dokumentationszentrum zu errichten, das diese Opfer würdigt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.06.2020 - Ideen

In Wirklichkeit sind wir dem Kolonialismus noch gar nicht entkommen. Die Kritik an Achille Mbembe ist einzig und allein dazu da, "von den Blindstellen europäischer Gewaltgeschichte" abzulenken, meint der in Südafrika lehrende Politologe Henning Melber in der taz: "Dabei kommt es den Kritiker*innen kaum in den Sinn, das Holocaust-Trauma als Verantwortung zu begreifen, um im Sinne des Never Again gegen jede Form von Diskriminierung, Rassismus und Gewalt Position zu beziehen (was auch eine Kritik an Menschenrechtsverletzungen durch den Staat Israel verlangt). Nicht nur aus Empathie oder Solidarität mit den Betroffenen, sondern weil es gilt, das 'Nie wieder' als (Selbst-)Verpflichtung ernst zu nehmen. Genozidale Denk- und Handlungsweisen sind ja nicht durch exklusive Auseinandersetzung mit dem Holocaust bewältigt und ausgeräumt."

Cristina Nord, ehemals Goethe-Institut, jetzt Leiterin des Berlinale-Forums, legt im Merkur einen langen und persönlichen Essay zur Mbembe-Debatte vor. Sein BDS-Engagement will sie ihm nicht durchgehen lassen und hofft am Ende eher darauf, dass Mbembe es schafft, die israelische Erfahrung in seine Philosphie der Segregation und Versöhnung aufzunehmen: "Je schärfer die Auseinandersetzung um ihn geführt wird, umso unwahrscheinlicher ist, dass dies geschieht. Wem wirklich daran liegt, dass Mbembe sein Verhältnis zu Israel und zum Antisemitismus reflektiert, sollte sich fragen, wie er dieses Ziel erreicht: mit Maximalvorwürfen und Ausladung? Oder indem er auf eine Weise Kritik übt, die es dem Kritisierten erlaubt, sein Gesicht zu wahren?"

In der NZZ erklärt der Soziologe Rainer Paris den Unterschied zwischen Typisierung und Etikettierung von Menschen und stigmatisierendem Vorurteil: "Etikettieren heißt bezeichnen. Indem wir Dinge oder Personen in bestimmter Weise benennen, nehmen wir nicht nur Klassifizierungen, sondern auch Festlegungen vor. Diese können neutral, aber auch mehr oder minder wertend und abwertend sein, ja es ist geradezu ein Charakteristikum der Wortwahl und Namensgebung, hier mit subtilen Mischungen zu operieren. ... Wir können nicht nicht bewerten, sonst wären wir vollkommen orientierungslos - wer behauptet, dies sei dennoch möglich, macht es sich zu leicht. Und wir sind auch nicht frei, auf Benennungen und Bezeichnungen zu verzichten - ohne sie wären jeder Austausch und jede Verständigung unmöglich."

Außerdem: In der FAZ fragt der Autor Ernst-Wilhelm Händler, ob Niklas Luhmann, Bruno Latour und Pierre Bourdieu doch nicht recht hatten, als sie in ihren Gesellschaftstheorien den Menschen abschafften.