Jetzt erst entdeckt: Im
Merkur-Blog erinnert Claus Leggewie daran, dass die Debatten um
Kolonialismus und Holocaust schon immer quer liefen, nämlich: seit
Joschka Fischer auf der PLO-Konferenz 1969 in Algier die restlose Befreiung Palästinas forderte oder
Hans Jürgen Wischnewski die Gelder der Befreiungsfront FLN schmuggelte: "In den 1960er Jahren hat unsere Generation wie gesagt zwei 'Entdeckungen' gemacht: das sich abzeichnende
Ausmaß der Judenvernichtung, die damals noch kaum einer Holocaust nannte, und die
Befreiung der '
Dritten Welt', wie man Länder Afrikas, Asiens und Südamerikas nannte, die sich - friedlich im Rahmen der Bandung-Konferenz oder mit Gewalt in Guerillakämpfen - aus dem Joch kolonialer Fremdbestimmung, imperialer Abhängigkeit und kapitalistischer Ausbeutung zu lösen suchten. Fischer und andere waren in Algier (und andere dann in Peking, Hanoi oder La Paz), weil die 'Gedächtniszeit' (Diner) des Holocaust, begonnen 20 Jahre nach der Befreiung von
Auschwitz, Dachau und Buchenwald mit der Erlebniszeit der Entkolonisierung zusammenfiel. Dramatisiert wurde dies durch die Erfahrung des Vietnamkriegs, die weltweit (nicht nur) junge Menschen auf die Straßen trieb."
Kant war kein Rassist, schreibt der
Philosoph und Kant-Forscher
Volker Gerhardt in einem engagierten Essay in der
Welt: "Zwar ist es so richtig wie unerlässlich, ihm seine
Urteile über Frauen, über die fehlende Selbstständigkeit von Hausangestellten oder seine bis in die Neunziger Jahre festgehaltene moralische Wertschätzung von
Krieg und Kolonialismus vorzurechnen. Doch daraus die Abwertung seines philosophischen Lebenswerks zu machen, ist entweder ein Zeichen mangelnder Kenntnis oder fehlender Urteilskraft. Das gilt insbesondere für die in Umlauf gebrachten Versuche, den Begriff der '
Race' zur Diskreditierung der Kritischen Philosophie als ganzer zu nutzen."
"Natürlich war
Churchill ein Rassist", konstatiert dagegen Churchill-Biograf Thomas Kielinger ebenfalls in der
Welt mit Blick auf britische Vorstöße
Churchill-
Statuen zu entfernen. Aber: "Ohne Churchills Weigerung, mit Hitler zu verhandeln, stünde es prekär um die Freiheit der Insel und die Freiheit der heute Demonstrierenden."
In Mailand wurde dagegen die Statue des einst populären italienischen Journalisten und Verleger
Indro Montanelli zum Ziel des Zorns und mit den Worten "Rassist" und "Vergewaltiger" verunziert, berichtet Matthias Rüb in der
FAZ. Montanelli hatte sich noch 2000 im
Correre della sera gebrüstet, im Abessinienkrieg ein zwölfjähriges Mädchen geheiratet zu haben: "In mehreren öffentlichen Einlassungen zur
Causa Destà, von den achtziger Jahren bis zur ominösen Kolumne im
Corriere anderthalb Jahre vor seinem Tod, zeigte Montanelli keine Spur von Zweifel, dass sein Verhalten falsch gewesen sein könnte. Einmal brüstete er sich damit, 'gut gewählt zu haben', Destà sei '
una bellissima ragazza' (sehr schönes Mädchen) gewesen. Ein anderes Mal beschrieb er sie als '
animalino docile' (fügsames Tierchen). Gewalt sei in seiner 'Beziehung' zu Destà nie im Spiel gewesen, versicherte Montanelli: In Afrika gehe es eben anders zu."
Den Begriff '
Rasse' aus dem
Grundgesetz zu streichen,
findet Arno Widmann in der
FR durchaus überfällig (
unser Resümee). Klar, wenn es keine Rassen gibt, kann aber niemand aufgrund seiner Rasse benachteiligt werden. Aber warum soll der Begriff dann ein Satz weiter wieder eingeführt werden? "Es wäre vernünftig, das Wort 'Rasse'
einfach aus dem Artikel 3 zu streichen. Es wäre Unsinn, es an anderer Stelle als 'rassistisch' wieder auftauchen zu lassen. Aber natürlich ist das ein Streit um Worte. Der reale Rassismus findet nicht im Grundgesetz, sondern auf unseren Straßen, in unseren Institutionen statt. Auf unseren Straßen werden eine Kippa tragende Menschen zusammengeschlagen und Menschen mit dunkler Haut verprügelt. Häuser, in denen sie wohnen, werden angezündet, und immer wieder schreitet die Polizei nicht ein. Dagegen gilt es vorzugehen.
Polizisten schützen das Grundgesetz. Wo der Verdacht besteht, dass sie es nicht tun, muss untersucht werden."
Überflüssig
erscheint dagegen dem Juristen
Gregor Thüsing in der
Welt die Idee: "Bei der Suche nach einer Präzisierung des Begriffs hilft zum Beispiel das
Internationale Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung vom
7.3.1966. Der Begriff der 'Rassendiskriminierung' wird dort verstanden als 'jede auf der Rasse, der Hautfarbe, der Abstammung, dem nationalen Ursprung oder dem Volkstum beruhende Unterscheidung, Ausschließung, Beschränkung oder Bevorzugung, die zum Ziel oder zur Folge hat, dass dadurch ein gleichberechtigtes Anerkennen, Genießen oder Ausüben von Menschenrechten und Grundfreiheiten im politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen oder jedem sonstigen Bereich des öffentlichen Lebens vereitelt oder beeinträchtigt wird'. Diese Auslegung steht mit dem Begriff des Grundgesetzes
in Einklang."