Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

570 Presseschau-Absätze - Seite 28 von 57

Magazinrundschau vom 16.02.2016 - London Review of Books

Hierzulande verschwanden die Enthüllungen der Journalisten Gianluigi Nuzzi (mehr hier) und Emiliano Fittipaldi über die millionenschweren Veruntreuungen im Vatikan schnell wieder aus der Öffentlichkeit. Dabei zweifelt Tim Parks keine Sekunde an der Echtheit der veröffentlichten Dokumente. Schon weil der Papst ihren Gehalt nicht dementiert hat: "Die Einzelfälle sind ohne Zahl: Der Monsignore, der sich einen Raum verschaffte, in dem er die Wände zu der Nachbarwohnung eines ärmeren Pristers einreißen lässt, während der im Krankenhaus liegt. Der Priester, der im Diplomatengepäck Mafia-Gelder über die Schweizer Grenze schmuggelt; das Missionswerk Propaganda Fide, das wenig Geld für seinen eigentlichen Zweck ausgibt, während es in und um Rom rund tausend Gebäude besitzt, die an Freunde und Günstlinge weit unter Marktwert vermietet werden. Es ist verblüffend, wie viele katholische Organisationen eine ganze Reihe von lukrativen Tätigkeiten ausüben können, die nichts mit ihrem ursprünglichen Auftrag zu tun haben, während sie als religiöse Institution von der Steuer befreit sind: Als Priester in Salerno 2,3 Millionen Pfund öffentliche Gelder gewährt wurden für ein Waisenhaus in einem verarmten Viertel, bauten sie stattdessen ein Luxuhotel."

Apropos Finanzen: Sonst geben die Briten wer weiß was auf ihre Tradition, aber auf einmal können sie sogar ihren guten alten Robin Hood umdeuten, staunt James Meek: "In dieser Version herrscht der Sheriff von Nottingham über ein ruchloses Reich der politischen Korrektheit, in dem die Häuser der ehrlichen Bauer geplündert werden, um die Wohlversorgten zu finanzieren: die Arbeitslosen, die Behinderten, die Flüchtlinge, alleinerziehende Mütter, die Drückeberger, Schnorrer, Proleten, Gauner und Schwindler. In dieser Version ist Robin Hood der Steuersenker und Gegner der Sozialhilfe. Er ist Jeremy Clarkson, Nigel Farage, Margaret Thatcher und Ronald Reagan. Im Pub steht er neben einem und erzählt vom Flüchtling, der gerade aus dem Sozialamt gekommen ist, mit einem Scheck über 1000 Pfund."

Außerdem: Adam Shatz erkennt Anflüge einer Putinisierung in Israel, wenn NGOs als ausländische Agenten gebrandmarkt werden und Kulturinstitute nur noch gefördert werden sollen, wenn sie ihre Loyalität zum Staat unter Beweis stellen. Sheila Fitzpatrick bespricht Julian Barnes' Schostakowitsch-Roman "The Noise of Time", und zwar nicht besonders gnädig.

Magazinrundschau vom 02.02.2016 - London Review of Books

Instruktiv, aber auch ziemlich entmutigend findet Joost Hiltermann Pierre Razouxs Buch über den Krieg zwischen Iran und Irak, in dem sich bereits von 1980 bis 1988 - wie heute in Syrien, nur unter anderen Vorzeichen - Araber und Perser, Sunniten und Schiiten, Säkulare und Theokrate ausweglos gegenüber standen: "Nach acht Jahren Krieg und Hunderttausenden von Toten und Verwundeten auf beiden Seiten, war die jüngere Generation im Iran gefährlich verbraucht, seine Truppen erschöpft, die Bevölkerung demoralisiert. Die neue Republik war in Folge der Geiselkrise zudem international isoliert. Der Irak dagegen war zwar an vielen Fronten verwundbar, gewann jedoch mit arabischer und westlicher Unterstützung an Stärke. Doch der Krieg wurde nur beendet, argumentiert Pierre Razoux, weil sich die Sowjetunion aus Afghanistan zurückzog. Das ermöglichte eine Annäherung zwischen Teheran und Moskau, an der den Sowjets sehr gelegen war, denn sie fürchteten, eine Niederlage Irans würde den Einfluss der USA auf den Golf ausdehnen. Laut Razoux kamen Reagan und Gorbatschow überein, dass die Sowjets Druck auf Iran ausüben sollten, um den Konflikt zu beenden, im Gegenzug würde Washington Pakistan und Saudi-Arabien dazu bringen, den sowjetischen Abzug aus Afghanistan zu erleichtern. Das heißt im Grunde, dass in einem regionalen Konflikt keine Fortschritte bei Friedensverhandlungen erreicht werden können, solange es der internationale Kontext nicht erlaubt."

Weitere Artikel: Jonathan Meades liest Martin Kitchens stählerne Albert-Speer-Biografie, die weder Hitlers Architekten noch seinen späteren Bewunderern etwas durchgehen lässt. Der frühere Labourchef Ed Miliband wirbt für sein Programm gegen die wachsende Ungleichheit.

Magazinrundschau vom 22.12.2015 - London Review of Books

Der Krieg in Syrien wächst sich zu einem immer irrsinnigeren Stellvertreterkrieg aus. Seymour Hersh berichtet jetzt, dass auch CIA und Pentagon eher gegeneinander als miteinander agieren. Offenbar waren die Militärs ziemlich sauer auf die CIA, die nicht nur moderate Rebellen ausbildete, sondern auch Extremisten, also die al-Nusra-Front und den Islamischen Staat mit Waffen aus Libyen versorgte. "'Unsere Strategie, Assads Opposition mit Waffen zu versorgen, war nicht nur erfolglos, sondern kontraproduktiv', sagte mir ein früher Berater der Joint Chiefs of Staff: 'Die Joint Chiefs meinten, dass Assad nicht durch Fundamentalisten ersetzt werden dürfte. Die Politik der Regierung entsprach dem Gegenteil. Sie wollte, dass Assad verschwindet, doch die Opposition war von Extremisten beherrscht. Wer also sollte ihn ersetzen? Dass Assad gehen soll, ist schön und gut, aber das hieß auch, dass jeder andere besser wäre. Damit hatten die JCS ein Problem.' Die Joint Chiefs glaubten, dass eine direkte Konfrontation mit Obamas Politik 'null Chance auf Erfolg' hätte. Also entschieden sie 2013, Schritte gegen die Extremisten zu unternehmen, ohne über politische Kanäle zu gehen und gaben Informationen an die Militärs anderer Staaten in der Annahme weiter, dass diese an die syrische Armee gegeben und gegen den gemeinsamen Feind benutzt würden, die al-Nusra-Front und den Islamischen Staat. Als die Quelle zu sprudeln begannen, gaben Deutschland, Israel und Russland Informationen über Stellungen und Absichten der Dschihadisten an die syrische Armee weiter. Im Gegenzug lieferte Syrien Informationen über seine eigenen Kapazitäten und Absichten."

Magazinrundschau vom 15.12.2015 - London Review of Books

Die Schriftstellerin Anne Enright erweist den irischen Antigones ihren Respekt, die den Lebenden wie jenen Toten zu ihrem Recht verhelfen, die - wie ungetaufte Kinder, Wöchnerinnen und Selbstmörder bis in die sechziger Jahre - auf den berüchtigten Cillíní (Kinderfriedhöfe für Ungetaufte) verscharrt wurden. Oder wie unverheiratete Mütter, deren Misshandlung bis in die Neunziger andauerte: "Die Toten lügen nicht. Im Tode werden wir von Zeugen zu Beweisen. Und dieser Beweis ist unauslöschlich, denn er ist stumm. Es begann 1993, als der Orden Sisters of Our Lady of Charity of Refuge ein Stück Land an einen Developer verkauften, um Verluste an der Börse wettzumachen. Zum Geschäft gehörte, dass sie ein Massengrab auf dem Land ausheben mussten, das die Leichen von 133 'Helferinnen' barg, Frauen, die bis zu ihrem Tod in der 1991 geschlossenen Magdalenenwäscherei von High Park arbeiteten. Es gab zehn von diesen Wäschereien in Irland. Von den Nonnen wurden sie als Zuflucht für marginalisierte Frauen bezeichnet, die dort ein monastisches Lebes von Arbeit und Gebet führten. Die Frauen wurden als Büßerinnen beschrieben, das Waschen als symbolische Handlung. Doch die Wäschereien waren aktive Konzerne, die für Hotels, Krankenhäuser und die Armee arbeiteten und ihre Konkurrenten unterbieten konnten, weil sie ihre Arbeitskräfte nicht bezahlten. So könnte man diese Wäschereien auch als Arbeitslager bezeichnen, als Straflager, in das Frauen ohne Prozess für ein Verbrechen geschickt wurden, das man nicht benennen konnte."

Ein "super-dezentralisiertes Netzwerk" wie Isis zu bombardieren dürfte ebenso aussichtslos sein wie die Bombardierung von Al Qaida oder den Taliban, meint James Meek. Es bringt einfach nichts und führt nur dazu, dass die halbe Welt aufrüstet. Selbst China will seine erste Militärbasis in Übersee, in Dschibuti, errichten. Meek plädiert dafür, dass die Großmächte sich militärisch raushalten und ihre Verbündeten im Nahen Osten zu Friedensverhandlungen anhalten. Aber auch das hat einen Preis, den Meek ganz deutlich benennt: "Es ist schön, wenn Britannien beweist, dass es kein Werkzeug des neoliberalen Neoimperialismus ist und kein fremdes Blut an seinen Händen klebt, aber es ist zum Vorteil Britanniens, nicht Syriens. Wenn britische Bomber Syrien in Ruhe lassen und nichts sich ändert, dann wird das Morden weitergehen: die grausamen Fanatiker des IS, die anderen, etwas weniger mittelalterlichen Dschihadisten-Gruppen, der skrupellose Bashar al-Assad und seine russischen Alliierten, die Kurden und die zerstrittenen lokalen anti-Assad-Kämpfer werden sich weiter gegenseitig abschlachten und die Millionen von Syrern, die irgendwie versuchen einfach weiterzuleben, werden leiden oder fliehen. Die Weigerung in einen Krieg zwischen einer Gruppe von Fremden zu waten, ist vernünftig und mag ihnen auf lange Sicht sogar nützen, aber sie ist der Selbstsucht näher als der Menschenliebe."

Magazinrundschau vom 24.11.2015 - London Review of Books

Adam Shatz dröselt in einem etwas ratlosen Text auf, welche Fehler Frankreich gemacht hat, in den Banlieues und im Nahen Osten, und hält die Rolle des Islams eher für zweitrangig: "Die meisten jungen Dschihadisten radikalisieren sich nicht in der Moschee, sondern im Internet. Einige der Attentäter vom 7. Januar und vom 13. November haben eine Karriere von Verhaftungen und Gefängnis hinter sich; ungefähr 25 Prozent der französischen IS-Rekruten sind angeblich Konvertiten. Den meisten Dschihadisten scheint jedes ernsthafte Beschäftigung mit der Religion abzugehen: den meisten Studien zufolge gibt es ein umgekehrtes Verhältnis zwischen muslimischer Frömmigkeit und dem Liebhäugeln mit dem Dschihad. Wie Olivier Roy kürzlich sagte, wir haben es weniger mit der Radikalisierung des Islams zu tun als mit der Islamisierung des Radikalismus."

Magazinrundschau vom 01.12.2015 - London Review of Books

Warum spricht Ta-Nehisi Coates eigentlich nicht von Rassismus, sondern nur von weißer Vorherrschaft? fragt der amerikanische Publizist Thomas Chatterton Williams. Warum kennt er nur Strukturen, keine Menschen, und Schwarze nur als Opfer? Als führte der Weg zu Freiheit und Gleichheit über die Infantilisierung: "Für ihn sind Rassismus und Ungleichheit, die ja trotz aller unleugbaren Fortschritte in Sachen Gleichberechtigung in den USA weiter bestehen, vollkommen unverrückbar, eine unpersönliche Macht, eine Naturkatastrophe, für die niemand zur Verantwortung gezogen werden kann ... Nicht nur die schwarzen Jugendliche in Problemvierteln sind vom Pech verfolgte Automaten. In Coates' Sicht besitzt niemand Handlungsmacht. Der junge Schwarze, der herumballert, muss sich keine Gedanken über sein Handeln machen, denn 'das Universum spielt mit gezinkten Würfeln'. Alarmierend, wenn auch beruhigend für ein weißes Publikum, ist, dass nach dieser Analyse auch Weiße nicht wirklich individuelle Akteure sind."

David Runciman liest den zweiten Teil von Charles Moores voluminöser Thatcher-Biografie. Mary-Kay Wilmers huldigt der großen Dichterin Marianne Moore, die ihr lang eine glückliche Jungfer und die Tochter ihrer Mutter blieb.

Magazinrundschau vom 17.11.2015 - London Review of Books












Francisco de Goya, "Die Herzogin von Alba" (1797), The Hispanic Society of America, New York und "Die Gräfin von Fernán Núñez" (1803), Colección Duques de Fernán Núñez, Madrid

T.J. Clark besucht in der National Gallery in London die große Goya-Schau. Vor den Porträts geht er auf die Knie, weil sie so lebensecht und traumhaft zugleich erscheinen können: "Unwirklichkeit beschleicht uns, und manchmal - im Falle der Gräfin von Fernán Núñez oder der Herzogin von Alba - schüchtert sie uns ein und stampft mit ihren hübschen Füßen. Aber was meine ich, wenn ich unwirklich sage? Unwirklichkeit muss, nach dem was Harry Berger sagt (und in Bezug auf Barthes Realitätseffekt) ein Effekt sein - eine Fiktion, etwas Erzeugtes, auf materieller und ideologischer Basis. Ich möchte diese Unwirklichkeit wertschätzen, wenn ich ihr begegne - ich möchte sie (unter bestimmten Umständen) als eine Form der Wahrhaftigkeit begreifen und als ästhetischen Triumph."

Weiteres: In die USA wandern kaum noch Mexikaner ein, berichtet Tom Stevenson aus dem amerikanischen Grenzgebiet in Texas, stattdessen fliehen die Menschen jetzt zu gleichen Teilen aus den in Gewalt versinkenden Ländern Honduras, El Salvador und Guatemala. Jacqueline Rose rollt noch einmal unter den Vorzeichen von Sexismus und Rassismus in Südafrika den Fall Oscar Pistorius auf.

Magazinrundschau vom 03.11.2015 - London Review of Books

Allein seit Juli sind in China mehr als 300 Anwälte und Bürgerrechtler verhaftet worden, berichtet die seit dem Massaker auf dem Tienanmen Platz in den USA lebende Aktivistin und Literaturwissenschaftlerin Chaohua Wang. Dabei gehe Peking nicht unbedingt gegen Regimekritiker vor, sondern vor allem gegen Anwälte, die sich öffentlich für Solidarität mit den Armen und Entrechteten einsetzen - vor allem wenn die Geschäftsinteressen der Behörden im Spiel sind: "Die vom Regime unterdrückten 'Vorfälle' werden in der Regel durch Enteignungen von Bauern ausgelöst, durch Vertreibungen aus den Städten und schlechte Behandlung durch Behörden, aber auch Streiks und Proteste wegen nicht gezahlter Löhne sind ein häufiger Grund. Die lokalen Behörden sind fast immer direkt oder indirekt involviert. Heute kommen nicht nur Fälle des Straf- oder bürgerlichen Rechts vor Gericht, sondern auch des Öffentlichen Rechts - das heißt nicht die Verfolgung von Bürger durch den Staat oder Streitigkeiten zwischen Bürgern, sondern Streitigkeiten zwischen Bürgern und Staat."

Patrick Cockburn zeichnet ein sehr eindrückliches Bild von der ungemein verfahrenen Lage in Syrien, wo die russischen Luftschläge den Rückzug der syrischen Armee gestoppt, aber den Status quo noch nicht ernsthaft verändert haben. Dann kommt Cockburn zu einem erstaunlichen Schluss: "Die USA haben niemals den IS anzugreifen gewagt, wenn er die syrische Armee bekämpfte, weil sich Washington nicht vorwerfen lassen wollte, Assad an der Macht zu halten. Diese Vorgehensweise hat die Amerikaner ohne Verbündete am Boden gelassen, abgesehen von den Kurden, deren Stärke außerhalb ihres Gebiets begrenzt ist. Die große Schwäche der amerikanischen Strategie sowohl im Irak wie in Syrien bestand darin vorzugeben, dass eine 'moderate sunnitische Opposition' existiert oder geschaffen werden kann."

Besprochen werden Oliver Hilmes' ins Englische übersetzte Alma-Mahler-Biografie "Malevolent Muse" und Marlon James' Bob-Marley-Roman "A Brief History of Seven Killings".

Magazinrundschau vom 06.10.2015 - London Review of Books

Ghaith Abdul-Ahad hat sich unter die Flüchtlinge begeben, die über die Türkei, Griechenland und Serbien nach Europa kommen, unter Kommandeure der syrischen Rebellen und kurdische Kämpfer aus Kobane, aber auch Hipster aus dem Irak, Afghanistan und Pakistan. Sehr spannend beschreibt Abdul-Ahad, was sich in diesem Jahr geändert hat: Zum einen sind Grenzen nicht mehr dicht, die Türkei lässt Leute raus und Griechenland lässt sie rein. Zum anderen aber brauchen die Leute keine Schlepper mehr. Jetzt reichen 2.500 Dollar und ein Smartphone: "Die Mobilisierungstechniken des Arabischen Frühlings, die Tausende von Demonstranten an einen bestimmten Platz brachten, werden nun dafür genutzt, die Wellen der Migration zu organisieren. Das ist nicht mehr der Exodus der Unterdrückten und Unglücklichen - auch wenn viele es noch immer sind -, sondern eine Pilgerfahrt der Jungen und Ausgebildeten aus der Mittelschicht. Der Zusammenbruch der europäischen Grenzen ärgert besonders zwei Gruppen von Leuten, die nichts lieber als die alte Ordnung wiederherstellen würden: die EU-Politiker und die Schlepper."

(In der New York Review of Books sieht Hugh Eakin dagegen das Geschäft der Schlepper florieren und die Preise steigen, beruft sich jedoch auf Zahlen von 2014: "Während Libyen nach der Revolution von 2011 in Chaos und Gewalt versank, wurde es zu einem Hort der Schlepper, die sich darauf spezialisierten, Asylsuchende nach Lampedusa zu verschiffen. Die Schlepper werden im Voraus bezahlt und steuern die Boote nicht selbst; sie haben jeden Anreiz, so viele Menschen wie möglich in die kleinen Holzkähne zu verfrachten und es der italienischen und europäischen Küstenwache zu überlassen, die Menschen zu retten, wenn sie kentern.")

Weiteres in der LRB: James Meek erzählt von den sehr mysteriösen Umständen, unter denen der russische Regisseur Ilya Khrzhanovsky in London einen Film über den sowjetischen Physiker Lew Landau drehte. Colm Tobin liest neue Bücher zur Geschichte der Kastraten und lernt etwa von Martha Feldmans, dass meist die zweitgeborenen Söhne italienischer Familie eine Laufbahn als Sänger einschlagen mussten, wenn sie dies nicht im Militär oder in der Kirche tun wollten.

Magazinrundschau vom 22.09.2015 - London Review of Books

Der junge Oxforder William MacAskill ist mit seinem "effizienten Altruismus" zum neuen Lieblingsphilosophen des Silicon Valley avanciert. Mit seinem Karriereplaner 80.000 Hours und in dem Buch "Doing Good Better" erklärt er, wie man die Wirkungen guter Taten bemessen kann: Mit Hilfe von Qalys - quality-adjusted life-years - könne man berechnen, dass es sinnvoller sei, als Investmentbanker viel Geld zu verdienen und zu spenden, anstatt selbst als Arzt in einem Entwicklungsland zu arbeiten. Oder dass es mehr Qalys bringt, einen Blinden wieder sehen zu lassen (30), als einem HIV-Patienten die nötigen Medikamente zu geben (6,5). Amia Srinivasan findet das nur bedingt lustig: Nach Zusammenhängen oder Gerechtigkeit werde bei dieser Pseudo-Moral überhaupt nicht gefragt und schließlich laufe das Ganze nur darauf hinaus, X-Risks zu verhindern - also die großen Risiken für die Menschheit: "X-Risks können viele Formen annehmen - die Klimaerwärmung, Meteoriteneinschläge, Plagen -, doch die Form, über die effiziente Altruisten sich am liebsten sorgen, ist die Superintelligenz: Künstliche Intelligenz übernimmt die Weltherrschaft und vernichtet die Menschheit. Die bevorzugte Lösung ist, mehr Geld in KI-Forschung zu investieren. Die humanitäre Logik der effizienten Altruisten führt zu dem Schluss, dass mehr Geld für Computer ausgegeben werden muss: Warum in Malaria-Netze investieren, wenn es gilt, eine Roboter-Apokalypse aufzuhalten?"

Weiteres: Thomas Laqueur liest Nikolaus Wachsmanns umfangreiche Studie "KL: A History of the Nazi Concentration Camps". Christian Lorentzen bespricht Hanya Yanagiharas Roman "A Little Life". Und Iain Sinclair erzählt, wie er im Pool des Shard-Hotels baden war und durch die Glaswände die Hubschrauber kreisen sah.