Demontage oder
Selbstdemontage einer Politikerin? Groß und wahlkampfgemäß und ein bisschen vielleicht auch dem Sommerloch geschuldet ist die Aufregung um
Annalena Baerbocks Buch
"Jetzt - Wie wir unser Land erneuern". Auch in den Feuilletons ist es Thema Nummer 1. Die
Grünen reagieren auf die Plagiatsvorwürfe gegen das Buch sehr scharf,
wundert sich Ulrich Schulte in der
taz: "Sie haben mit Christian Schertz einen der prominentesten Medienanwälte Deutschlands beauftragt, sie empören sich
reihenweise auf Twitter. Wahlkampfmanager Michael Kellner fasst die grüne Gefühlslage so zusammen: 'Es ist der perfide
Versuch eines Rufmordes aus Angst vor einer grünen Kanzlerin.'"
Aber vielleicht sollte man erstmal den "Plagiatsjäger"
Stefan Weber selber zitieren, der die wortgleichen Absätze gefunden hat - es handelt sich nicht nur um Sätze. Weber
argumentiert in seinem Blog durchaus gelassen. "Vollkommen klar: Ein Sachbuch einer Politikerin im Ullstein-Verlag ist
keine Dissertation." Auch heute früh
präsentiert Weber eine teilweise gedoppelte Passage, diesmal aus einem
taz-
Interview mit
Maja Göpel. Hier werden nicht einfach Fakten wiederholt, so Weber. Man könne von einer Art "
Libretto-Plagiarismus" sprechen. "Unter Vorlage anderer Texte hat sie eigene Kopfarbeit simuliert." Für
taz online hat Ulrich Schulte mit Weber
gesprochen: "Die Frage einer Urheberrechtsverletzung ist gegenüber dem Plagiatsvorwurf sekundär. Mir geht es um
Zitierethik, nicht ums Urheberrecht, dessen Kritiker ich sogar bin."
In der
SZ erkennt Constanze von Bullion klar auf Demontage: "Richtig ist (…), dass der österreichische Plagiats- und Baerbock-Jäger Stefan Weber bei seiner ausdauernden
Hatz auf die grüne Kanzlerkandidatin wissenschaftliche Distanz vermissen lässt. Die von ihm wichtigtuerisch angekündigten, schwerwiegenden Verfehlungen bei Baerbock sind
so gravierend eben nicht. Wer aufzählt, welche osteuropäischen Staaten 2004 der EU beigetreten sind oder welche Holzhochhäuser wann und wo gebaut wurden, begeht keinen Urheberrechtsbruch, sondern greift auf öffentlich zugängliches Wissen zu. Das kann und sollte man geschickter machen. In einem nicht-akademischen Text aber ist das
nicht verboten und auch kein Ausweis der Kanzlerinnenuntauglichkeit." Auch Stefan Niggemeier
verteidigt Barbock in den
Uebermedien.
Baerbocks eigentliches Problem ist: Sie hält sich für perfekter als sie ist und steht damit für ein
politisches Milieu, das nicht nur, aber besonders bei den Grünen zu finden ist,
meint indes Thomas Schmid in der
Welt: "Es handelt sich um junge Menschen, denen insofern alle Türen offenstehen, als es heute ein weitgefächertes, man könnte auch sagen:
aufgeblähtes System von Jobs in Parteien, parteinahen Stiftungen, Parlamenten und NGOs gibt. Wer es in dieses System schafft, kann hoffen, von Station zu Station weiterzukommen - ohne je Erfahrungen mit einer Wirklichkeit
außerhalb der bubble zu machen... Kommt dann noch, wie häufig bei den Grünen, die felsenfeste Überzeugung hinzu, man verkörpere
fast weltgeistartig ein weit über den Wassern des unaufgeklärten Mittelmaßes schwebendes
Moralwissen: Dann besteht in der Tat die Gefahr der großen Selbstüberschätzung."
Paul Ingendaay fragt sich in der
FAZ, wie dieser Fehler überhaupt passieren konnte: "Hier wurde abgeschrieben,
nicht mehr und nicht weniger. Und so entsteht leider nur der Eindruck, die Autorin Annalena Baerbock habe ein paar Abkürzungen genommen und viel zu spät begriffen, dass sie unter Beobachtung steht. " Und Gustav Seibt
weist in der SZ auf das insgesamt windige Genre des
Politikerbuchs hin, an das man inhaltlich und sprachlich nicht so hohe Ansprüche stellen dürfe. Aber als Empfehlung liest sich, was er er schreibt, auch nicht ganz: "Baerbock macht gern etwas mehr aus sich, als von ihren nachprüfbaren Qualifikationen gedeckt ist, das weiß man jetzt. Aber das ist weniger eine Frage des wissenschaftlichen Ethos als der
persönlichen Glaubwürdigkeit."