Magazinrundschau

Mehr Poesie als Logik

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
23.03.2021. In Atlantic suchen Anne Applebaum und Peter Pomerantsev das Internet der Zukunft. Im New Statesman erwärmt sich John Gray für den Humor Derridas. Himal schildert die verzweifelte Lage vergewaltigter Frauen in Indien. Osteuropa verzweifelt an der Trägheit der russischen Bevölkerung. Bloomberg erzählt, wie man sich über beflockte Nasopharyngealtupfer zerstreiten kann. Harper's sucht die klassischen Gauner unter den Tieren. Das New York Magazine überlegt, warum der Westen so versagt hat in der Coronabekämpfung.

The Atlantic (USA), 23.03.2021

Anne Applebaum und Peter Pomerantsev machen sich Gedanken, wie das Internet der Zukunft aussehen könnte, wenn es nicht mehr von einer Handvoll Konzerne beherrscht wird. Zerschlagung ist nicht ihr Ziel, vielmehr wollen sie viele kleine soziale Netzwerke schaffen, die die großen zumindest teilweise ersetzen können. Die Ideen und das Werkzeug dafür sind längst da, meinen sie und nennen als Beispiel die Idee der taiwanesischen Politikerin Audrey Tang von partizipatorischen "Township-Institutionen", in denen Bürger sich mit sicheren Identitäten bewegen können, wie sie der brasilianische Anwalt Ronaldo Lemos skizziert, und in der die Algorithmen von "Bürger-Wissenschaftlern" kontrolliert werden, wie es der Forscher J. Nathan Matias vorschlägt: "Diese Idee, so argumentiert er, ist nicht neu: Bereits im 19. Jahrhundert haben unabhängige Wissenschaftler und Verbraucherschützer zum Beispiel die Stärke von Glühbirnen und die Wirkung von Medikamenten getestet und sogar aufwändige Maschinen erfunden, um die Haltbarkeit von Socken zu prüfen. Als Reaktion darauf haben die Unternehmen ihre Produkte entsprechend verbessert. Vielleicht ist es an der Zeit, unabhängige Forscher die Auswirkungen von Algorithmen testen zu lassen, die Ergebnisse zu teilen und - unter Beteiligung der Öffentlichkeit - zu entscheiden, welche Algorithmen am nützlichsten sind. ... Das vielleicht treffendste historische Vorbild für die algorithmische Regulierung ist nicht das Trust-Busting, sondern der Umweltschutz. Um die Ökologie rund um einen Fluss zu verbessern, reicht es nicht aus, einfach die Verschmutzung durch Unternehmen zu regulieren. Es wird auch nicht helfen, die verschmutzenden Unternehmen einfach zu zerschlagen. Man muss darüber nachdenken, wie der Fluss von den Bürgern genutzt wird - welche Art von Wohngebäuden an den Ufern errichtet werden, was flussaufwärts und flussabwärts transportiert wird - und die Fische, die im Wasser schwimmen. Fischer, Segler, Umweltschützer, Immobilienentwickler und Anwohner müssen alle ein Mitspracherecht haben. Übertragen Sie diese Metapher auf die Online-Welt: Politiker, Bürgerwissenschaftler, Aktivisten und gewöhnliche Menschen werden zusammenarbeiten müssen, um eine Technologie mitzugestalten, deren Auswirkungen vom Verhalten jedes Einzelnen abhängen und die für unser Leben und unsere Wirtschaft genauso wichtig sein wird, wie es Flüsse einst für die Entstehung früher Zivilisationen waren." Für die Demokratie könnte das Wunder wirken, glauben Applebaum und Pomerantsev. Allerdings nagt an ihnen leise der Verdacht, die Leute könnten ein so gezähmtes Internet langweilig finden.
Archiv: The Atlantic

Osteuropa (Deutschland), 17.03.2021

Einige sehr erhellende Schlaglichter wirft die russische Journalistin Marija Lipman auf die Lage in Russland, wo die Unzufriedenheit der Bevölkerung wächst, wie sie feststellt: Der Anschlag auf Alexei Nawalny und das Video über den protzigen Palast Wladimir Putins haben den russischen Staatschef in Bedrängnis gebracht, das Referendum zur Verfassungsänderung war in himmelschreiender Offensichtlichkeit manipuliert und die Armut im Land nimmt zu. Trotzdem, fürchtet Lipman, muss sich Putin in naher Zukunft noch keine Sorgen machen: "Ungeachtet einiger Unterschiede zu den Protesten früherer Jahre spricht alles dafür, dass es sich nur um eine neue Welle handelte, die kam und wie alle vorherigen nun wieder abflaut. Erneut zeichnet sich ab, dass keine Organisationsstrukturen entstehen, insbesondere keine Parteien. Das Wort 'Opposition', mit dem die Unzufriedenen in Russland oft bezeichnet werden, ist irreführend. Es gibt in Russland keine Opposition, keine politische Kraft, die durch ein gemeinsames Ziel vereint ist. Die Bewegung hat keinen Führer. Letzten Endes möchte eine Mehrheit der Menschen in Russland immer noch den Status quo bewahren. Sie sind nicht zufrieden mit der Lage der Dinge, aber sie fürchten, es könne noch viel schlechter kommen. Daher ist die Unterstützung für jene, die zu einem Wandel aufrufen, so gering. Denis Volkov formuliert es so: 'Wer in Russland substantielle Reformen erreichen will, stößt nicht nur auf den Widerstand der Staatsmacht, sondern auch auf eine nahezu unüberwindbare Trägheit der Bevölkerung.'"
Archiv: Osteuropa

Harper's Magazine (USA), 01.04.2021

Krähen, die sich schwarmweise bestimmte Familien als Opfer zum Piesacken herauspicken, eine Frau, die von sich behauptet, mit Tieren auf einer tieferen, therapeutischen Ebene kommunizieren können: Was ist dran an solchen Geschichten aus dem Grenzbereich zur Esoterik, fragt sich Lauren Markham in der aktuellen Ausgabe von Harper's - und ist dabei mitunter eine deutliche Spur weniger skeptisch als dies angemessen wäre. Mit Frans de Waal findet sie immerhin auch einen etwas weniger enthusiastischen Verhaltensforscher, der von selbsternannten Tierflüsterern nicht sonderlich viel hält: Als Reaktion auf entsprechende Geschichten erzählt er von Rupert Sheldrake, "einem weitgehenden diskreditierten Biologen, der den Begriff der 'morphischen Resonanz' geprägt hat, um den theoretischen Austausch von Gefühlen und Wissen zwischen Tieren über Zeit und Raum hinweg zu beschreiben. ... 'Dafür braucht man aber kontrollierte Experimente', sagt de Wall, 'und sobald man diese durchführt, fallen sie auseinander'. Für Verhaltensforscher wie de Waal sind einige der Tierkommunikatoren klassische Gauner, die ihr Auftreten insofern manipulieren, dass sie offensichtliche Schlussfolgerungen ziehen oder einfach nur das erzählen, was die Tierbesitzer gerne hören wollen. ... Aber Biologen und Hellseher neigen gleichermaßen zu der Ansicht, dass wir die Intelligenz von Tieren und die Komplexität ihrer Gefühlswelt dramatisch unterschätzen. ... Tiere kommunizieren in einer Myriade von verbalen und nichtverbalen Sprachen, betont de Wall. Und Menschen sind dazu in der Lage, sie zu entziffern. Umgekehrt greifen auch Tiere menschliche Auslösereize auf, um sich zu schützen, und auch aus so etwas wie Liebe heraus. 'Die Intelligenz der Tiere ist an sich schon wunderschön und faszinierend', sagt de Waal. 'Man muss sie nicht noch mit fiktiven Elementen ausschmücken. Sie ist schon rein aus sich heraus ziemlich frappierend.'"
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Magyar Narancs (Ungarn), 17.03.2021

Die angehende Regisseurin Lilla Kizlinger (Filmregie-Studentin an der Budepester SZFE) erhielt bei der diesjährigen Berlinale den Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle im Film "Forest - I see you everywhere" von Bence Fliegauf. Im Interview mit Dorka Czenkli spricht sie über das Schauspielen: "Ich bin kein Mensch, der fünf Jahre lang Schauspielkunst lernt und haargenau weiß, woraus das Schauspielerdasein besteht (...). Wahrscheinlich besteht meine Schauspielerei daraus, dass ich nicht schauspielern kann. Ein professioneller Schauspieler kann viel mehr machen, während ich gegebene Rollen auf mich projizieren und so wiedergeben kann, wie ich spreche, wie ich bin. Das kann manchmal gut sein, manchmal nicht, denn ich kann zum Beispiel nicht so artikulieren, wie es Schauspieler generell können. Aber das störte mich und auch Bence Fliegauf nicht. Er holte auch aus den professionellen Schauspielern ihre hypernatürliche Seite heraus. Danach suchte er. (...) Ich weiß nicht, ob ich ein Amateur bin. Kann jemand, der auf der Berlinale einen Silbernen Bären erhält, ein Amateur sein? Sicherlich habe ich kein Schauspieldiplom und werde auch nie eins haben. Mit Zwanzig ist man höchstwahrscheinlich immer ein Amateur, egal was man macht. Nun, mit Ausnahme von Sportlern, die seit ihrer Kindheit Sport treiben."

New York Times (USA), 21.03.2021

In einem Text des aktuellen New York Times Magazines erkundet Kashmir Hill die Gefahren der Gesichtserkennung und die Tätigkeiten einer geheimnisvollen Firma, die auf dem Gebiet dabei ist, neue Standards zu setzen: "Clearview AI ist heute 109 Millionen wert und wird von mehr als 3000 Strafverfolgungsbehörden verwendet, das Militär und die Air Force gehören zu den Kunden, außerdem wird es von den Behörden gegen Kindesmissbrauch eingesetzt … Die juristischen Einwände gegen Clearview gehen derweil durch die Instanzen und Clearview verteidigt sich mit dem First Amendment für die Rede-, Religions- und Pressefreiheit. Viele Anwälte für Zivilrecht fürchten, das Unternehmen könnte damit durchkommen, und sie fürchten die Konsequenzen. Eine Befürchtung ist, dass Gesichtserkennung zu unzuverlässig für die Nutzung durch die Behörden ist. Das National Institute of Standards und Technology (NIST) untersucht die Genauigkeit der Algorithmen für Gesichtserkennung, aber Clearview hat sein Programm nicht eingereicht. 2019 hat NIST festgestellt, dass viele Algorithmen fehlerhaft sind, wenn es um die Identifizierung von farbigen Menschen geht, was Vorurteile im Strafrecht weiter schüren könnte. Vergangenes Jahr sind drei Fälle bekannt geworden (keiner davon mit Clearview), bei denen Polizeibeamte aufgrund eines Gesichtserkennungsalgorithmus die falsche Person festgenommen hatten, alle drei fälschlicherweise Verdächtigte waren schwarz."

Außerdem: David Marchese verrät, wie die Palliativmedizin unser aller Covid-Trauma heilen könnte. Und George Black und Christopher Anderson besuchen Opfer des Vietnamkrieges in Laos.

New Statesman (UK), 17.03.2021

Jacques Derridas Denken war niemals obskur, auch wenn seine Prosa mitunter etwas rätselhaft erscheint, versichert John Gray und freut sich über Peter Salmons ideengeschichtlichte Derrida-Biografie "An Event, Perhaps". Geradezu triumphal findet Gray, wie Salmon den französischen Philosophen gegen die Kritiker der Dekonstruktion verteidigt, allerdings weniger erfolgreich, wenn es um die Verteidigung Derridas gegen die eigenen Anhänger geht: "Da die Welt eine menschliche Konstruktion sei, scheinen sie zu glauben, kann sie von Menschen nach deren Belieben neugestaltet werden. Aber diese Annahme, dass die Welt eine konzeptionelle Konstruktion ist, missachtet die inhumane Realität, die Menschen zu erkennen und durch Wissenschaft, Religion oder andere Praktiken zu überwinden trachten. Wie bei Nietzsche ist das Ergebnis dieses Postmodernismus nur ein weiterer Humanismus. Derrida ist vorsichtiger und subversiver. Was Nietzsche als Nihilismus bezeichnete, war für ihn die inhärente Instabilität jeglicher Bedeutung. Ein Teil des Menschseins, nicht ein Zustand, den man überwinden kann. Vielmehr legt Derrida eine Rückkehr zur Philosophie nahe, eine, die um die Grenzen der Sprache weiß und damit spielt, mehr Poesie als Logik oder Metaphysik. Die spielerische Qualität von Derridas Schreiben wird weithin vernachlässigt. Von der Meditation über die Grenzen der Sprache wandelte sich so die Dekonstruktion in einen Kult der Antinomien. Die postmoderne Intelligentsija wütet gegen die westlichen Traditionen, von denen sie erst hervorgebracht wurde. Sie denkt nie daran, sich selbst zu dekonstruieren. Hier würde Derridas Schatten lachen. Derridianer sein heißt, den Witz nicht zu verstehen."

Bloomberg Businessweek (USA), 22.03.2021

Die Coronakrise ist nicht nur ein langer öder Schlauch. Man kann auch unterhaltsame Geschichten über sie erzählen, zum Beispiel über die Firma Puritan im winzigen Städtchen Guilford, Maine, die von zwei komplett zerstrittenen, gegeneinander prozessierenden Cousins geleitet wird. Leider wurde die Firma kriegswichtig, erzählt Olivia Carville. Denn nur hier werden jene langen Tupfer hergestellt, die man bei Coronatests in die Nase gesteckt bekommt. Die Firma hat ihre Umsätze vervielfacht, die Cousins streiten immer noch, die amerikanische Regierung und andere Abnehmer kaufen wie verrückt. Denn diese Tupfer muss man erstmal hinkriegen: "Puritan stellt mehr als 65 verschiedene Arten von Tupfern und Abstrichstäbchen her: für die Reinigung elektronischer Geräte, die Entnahme von Blutproben an Tatorten, Tests auf Streptokokken und sexuell übertragbare Krankheiten. Beflockte Nasopharyngealtupfer waren eher ein Nischenprodukt, das typischerweise nur verwendet wurde, wenn ein Patient so krank war, dass er mit einem Atemwegsvirus ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Die Mediziner bevorzugen sie, weil die winzigen Fasern an der Spitze leicht Viruspartikel absorbieren und sie schnell für Tests freigeben. Sie sind komplexer als sie aussehen. Ein Tupfer muss in der Lage sein, den schmalen Nasenschaft hinauf zu wandern, durch einen weniger als 4 Millimeter breiten Durchgang, bis zu einem Bereich etwa auf halber Strecke zwischen den Ohren."

Rest of World (USA), 09.03.2021

Wer wirklich coden lernen will, sollte Israeli sein und seinen Wehrdienst - nachdem er oder sie die Eingangsprüfungen bestanden hat - bei der Einheit 8.200 machen. Sie hat in der Fachwelt der Spionage-und Überwachungsdienste einen Ruf wie Donnerhall, und viele Unternehmen, die behaupten, sämtliche Handys der Welt abhören und auslesen zu können, ohne dass es einmal Klick macht, sind Start ups, die von Ehemaligen der Kompanie gegründet wurden. Israel, so scheint es, ist nicht zimperlich, was den Verkauf der Software angeht, obwohl man offiziell erklärt, ethische Standards einzuhalten. Gern arbeitet man mit Länder wie den arabischen Emiraten, Marokko oder Russland zusammen. Auch Hongkong-Aktivisten sollen mit israelischer Software abgehört worden sein. Allerdings sind auch die Gegner dieser Deals in Israel nicht ohne, schreibt Amos Barshad, der sich zum Beispiel mit dem Aktivisten Eitay Mack unterhalten hat: "Israel hat eine strenge Militärzensur. Das bedeutet, dass es für Mack als israelischer Staatsbürger eigentlich illegal ist, geheime israelische Militärinformationen zu erhalten. Mack macht also seine gesamte Arbeit auf der Grundlage von Informationen, die er von anderen Aktivisten und aus offenen Quellen bekommt. 'Eine Menge Informationen sind ohnehin schon online', erklärt er leicht belustigt. 'Diese Art von Regimes sind stolz darauf, israelische Technologie zu erwerben.'"

Himal (Nepal), 23.03.2021

Im Interview mit Himal skizziert die Juraprofessorin Pratiksha Baxi von der Jawaharlal Nehru University in Neu Delhi die verzweifelte Lage von vergewaltigten Frauen in Indien. Oft wird ihnen nicht geglaubt, sie werden obskuren Wahrheitstest unterzogen, psychologische Betreuung ist praktisch unbekannt - nicht mal Ersatzkleider bekommen sie gestellt, wenn sie auf der Polizei ihre Kleidung als Beweisstücke abgeben müssen. Dalit-Frauen sind besonders hart betroffen: In ihrem Buch "Public Secrets of Law" habe sie "versucht zu zeigen, dass die Benennung von Vergewaltigung als Gräueltat in jeder Phase des Strafprozesses auf institutionalisierte Gegenreaktionen stößt", sagt Baxi. "Das Gesetz wurde erlassen, um die unerträgliche Duldung der Vergewaltigung von Dalit-Frauen und -Kindern, die in Praktiken der Unberührbarkeit begründet ist, abzuschaffen. Während meiner Feldforschung in Gujarat stellte ich jedoch fest, dass es eine Reihe von Strategien gibt, um zu vermeiden, dass eine Vergewaltigung als Kastengrausamkeit benannt wird. Eine Strategie ist es, keine Anzeige bei der Polizei zu erstatten oder eine Anzeige abzuschwächen. Medizinisch-juristische Beweise werden, wenn sie nicht vernichtet werden, nicht rechtzeitig oder nicht mit angemessener Sorgfalt gesammelt. Im gesellschaftlichen und juristischen Diskurs werden Dalit-Frauen routinemäßig beschuldigt und als Lügnerinnen bezeichnet. Entschädigung wird nicht als Ersatz, sondern als Motiv zum Lügen gesehen. Wahrheitstechnologien wie die Narkoanalyse, die keinen Beweiswert haben, wurden in den 1990er Jahren eingesetzt, um die Frauen von einer Aussage abzuhalten. Gerichte bestehen auf Kastenzertifikaten, um zu beweisen, dass die Vergewaltigung aus Gründen der Kastenzugehörigkeit erfolgte. Obwohl das Gesetz zur Verhinderung von Gräueltaten in der Folgezeit geändert wurde, hat sich nicht viel geändert. Im Gegenteil, die Repressalien gegen Dalit-Frauen und -Kinder haben sich verschärft."

Außerdem: Die Mehrheit der Myanmaren akzeptiert den Militärputsch in ihrem Land nicht, erklärt im Interview Nai Aue Mon, Direktor einer Menschenrechtsorganisation in Myanmar, der Protest ist nach wie vor groß. Aber auch die internationale Gemeinschaft könnte helfen, so Mon: "In der gegenwärtigen Situation müssen sich alle Anstrengungen darauf konzentrieren, den Geldfluss des Militärs abzuschneiden. Wir müssen ihre Geschäfte boykottieren und Firmen, mit denen sie geschäftlich zu tun haben, ermutigen, dasselbe zu tun. Wir brauchen gezielte Sanktionen gegen sie und ihre Militärkonglomerate, einschließlich der Myanmar Economic Corporation (MEC) und der Myanmar Economic Holdings Limited (MEHL), bei denen der Großteil der Einnahmen dem Militär zugute kommt und nicht dem Volk von Myanmar. Wir fordern auch ein weltweites Waffenembargo und den UN-Sicherheitsrat auf, sofort zu handeln und eine verstärkte Überwachungs- und Interventionsmission nach Myanmar zu entsenden, um die Gewalt gegen friedliche Demonstranten zu stoppen und weitere Verluste an Menschenleben zu verhindern.
Archiv: Himal

Elet es Irodalom (Ungarn), 19.03.2021

Nach dem Austritt der ungarischen Europaabgeordneten der Regierungspartei Fidesz aus der Fraktion der EVP, trat nun auch die Fidesz als Partei aus der EVP aus (und kam damit einem Verweis zuvor). Kurzer Zeit später verkündete der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán, dass er nun bemüht sei, eine "neue europäische Rechte" aufzubauen. János Széky meint dazu: "Und da haben wir auch gleich das Problem, denn was die ungarische Regierungspropaganda als 'neue demokratische Rechte' bezeichnet ist weder neu noch demokratisch, vielmehr die Aufwärmung der katholisch gefärbten faschistischen und faschistoiden Versuche der 1930er und frühen 40er Jahre (Salazar, Dollfuß und Schuschnigg, Franco und das Vichy-Regime). ... Es kann zwar als Deckungsideologie durchgehen, doch ihre Strahlkraft wird kaum ausreichen, zumal wenn die Erfinder selbst an dem Ideenkonstrukt nicht glauben. (...) Was allerdings gelingen kann, ist ein auf das politische Machtmonopol basierender Wirtschaftserfolg und die innenpolitische Ausschaltung jeglicher Feinde."
Stichwörter: Ungarn, Orban, Viktor, 40er

Caravan (Indien), 19.03.2021

Die amerikanische Historikerin Audrey Truschke ist sowohl an der Rutgers University in New Jersey, wo sie lehrt, als auch in Indien unter Beschuss geraten - mit Hassmails, Drohbriefen und Todesdrohungen - weil ihre Bücher Hindunationalisten missfallen. Im Interview mit Surabhi Kanga erklärt sie, warum: "Es macht mich für die rechte Hindu-Szene gefährlich, dass ich ihre Mythologie über die indische Vergangenheit untergraben kann und das auch tue. Außerdem habe ich in ihren Augen die falsche Farbe und das falsche Geschlecht. Neben anderen Sünden ist der hinduistische Nationalismus zutiefst frauenfeindlich. Am Ende sind sie aber nicht nur hinter mir her. Sie greifen zuerst mich an, und als nächstes haben sie alle Akademiker im Visier, die über Südasien arbeiten und sich weigern, ihre Wissenschaft durch eine hasserfüllte Ideologie beeinträchtigen zu lassen. ... Ich denke, dass es wichtig ist, die kolonialen Ansätze (und die sind plural) beim Studium der südasiatischen Geschichte und des Hinduismus zu verstehen. Zum Beispiel sprachen die Gelehrten der Kolonialzeit von 'Hindu-Geschichte', ein Ausdruck, den wir heute nicht mehr verwenden, unter anderem wegen der problematischen Theorie vom Primat der religiösen Identität, die zu kommunalen Spannungen führte. Eine unappetitliche Realität ist, dass sich viele der Angriffe auf mich auf eine hindu-nationalistische Rhetorik berufen, die Vorurteile aus der Kolonialzeit wiederholt - anstatt sie abzubauen -, insbesondere in Bezug auf die Bedeutung und die Natur religiöser Identitäten und Konflikte in der vormodernen indischen Geschichte."
Archiv: Caravan

New York Magazine (USA), 15.03.2021

In einem Beitrag für das Magazin stellt David Wallace-Wells noch einmal unmissverständlich klar, dass die Vorstellung von den reichen westlichen Staaten, die kein Virus umhaut, ein für alle Mal ins Märchenbuch gehört, wohingegen Staaten wie Südkorea, Neuseeland und auch China über Corona triumphierten. Aber warum? "Schon im vergangenen Frühjahr sprach der ehemalige portugiesische Diplomat Bruno Maçaes angesichts der Gleichgültigkeit in Europa und den USA von einem pandemischen Orientalismus. Als China über Wuhan den Lockdown verhängte, erklärt Maçaes, wurde das von den NATO-Staaten schändlich ignoriert. Corona wurde als Auswuchs archaischer Märkte und exotischer Küche betrachtet und der Lockdown nicht als Demonstration großer Ernsthaftigkeit, sondern als Reflex eines autoritären Regimes und seiner gehorsamen Bevölkerung. Tatsächlich war der Vorgang auch für China Neuland … Ein früher, globaler Reisestopp, so der Virologe Florian Krammer, hätte die Katastrophe womöglich verhindert und wäre moderat gewesen verglichen mit den teuren späteren Lockdowns … Aber es ging nicht nur um Sinophobie. Auch als das Virus in Europa angekommen war, spielte man Abwarten und Teetrinken und wollte lieber nicht in das Leben der Menschen und die Wirtschaft eingreifen. Der Ausbruch in Italien und Spanien führte nicht zu raschen Maßnahmen auf dem Kontinent, ebenso bewegte sich New York nicht, als es in Washington losging … Als die Maßnahmen kamen, waren sie nicht nur zu spät, sondern auch unpassend … In Ostasien wartete man nicht auf die Vorgaben der WHO, um Maskenpflicht, Social-distancing und Quarantäne anzuordnen … Wir dagegen sind davon ausgegangen, dass uns nichts Schlimmes passieren kann und es einen Ausweg gibt - nächsten Monat schon. Es war immer ein Monat, und solange die Lösung nur einen Monat entfernt ist, gibt es kein echtes Problem. Das scheint mir ein Symptom einiger Länder und Gesellschaften zu sein, die lange mit keiner Notlage umzugehen hatten. Wir fühlen uns unwohl mit den harten Entscheidungen, die es zu treffen gilt."