Magazinrundschau

Vor seinem erhabenen Profil

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
30.06.2026. Eurozine lernt aus einer Studie, dass die Iraner immer atheistischer werden. Dekoder erklärt, warum die postsowjetischen Völker oft so genervt von den Russen sind. Lidove noviny erinnert an die große tschechische Schriftstellerin Věra Linhartová. Brooklyn Rail interviewt den Fotografen Thomas Demand. La Regle du Jeu versucht sich hübsch boshaft, Dominique de Villepin als Staatspräsident vorzustellen.In Elet es Irodalom wünschte sich der Autor Miklós Vámos etwas Selbstkritik von den Ungarn. New Lines beobachtet die Flamingorevolution in Albanien.

Brooklyn Rail (USA), 29.06.2026

Der deutsche Fotograf Thomas Demand interessiert sich besonders für alles, was sich in einem Raum abspielt, bevor er ihn ablichtet, erzählt er Jurriaan Benschop im Interview für Brooklyn Rail. Das Reale und das Symbolische stehen für ihn gleichermaßen im Bild: "Bei 'Tunnel' (1999) faszinierte mich weniger der Tunnel, wie er tatsächlich aussah, als Prinzessin Diana dort ums Leben kam, als vielmehr die gemeinsamen Eindrücke, die wir sofort davon im Gedächtnis gespeichert hatten. Zum Zeitpunkt ihres Todes lebte ich in Paris, und in den Tagen danach sah man nur die ungeschicktesten Nachstellungen dessen, was sich im Tunnel zugetragen hatte. Man konnte ihn nicht betreten, da dort noch ermittelt wurde. Nach ein paar Tagen meldete sich ein Zeuge und sagte, er habe den Fahrer von Dianas Auto möglicherweise erschreckt, als er von rechts durch eine Einfahrt in den Tunnel einbog. Auch wenn sich herausstellte, dass dies nicht die Unfallursache war, veränderte sich plötzlich das Bild, das wir uns von dem Tunnel machten, auf einmal war eine zusätzliche Spur da, die von der Place de la Concorde kam." Ihm gehe es darum, diese Gefühle, diese Regungen auch in seinen Fotos zu zeigen, für die er ganze Kulissen und Räume baut: "Was ich in den größeren Fotografien, wie zum Beispiel 'Ballroom', erreichen möchte, ist das Gefühl, dass gerade jemand den Raum verlassen hat. Dann ist es still, und man kann hineinlinsen. Es ist kein überfüllter Raum; es ist immer ein leerer Raum, aber kein idealisierter. Es ist ein ganz bestimmter Moment und ein ganz bestimmter Ort. Diese Konkretheit ist wichtig, um einen Hinweis darauf zu geben, woher das Bild stammt - falls man daran interessiert ist, die Geschichte dahinter zu erfahren. Eine Ausstellung muss in den ersten dreißig Sekunden überzeugen, aber wenn es nur bei diesen dreißig Sekunden bleibt, reicht das nicht - sie muss zu etwas anderem führen. In meinem Fall liegt ein Teil davon darin, wie es gemacht ist - dass man erkennt, dass alles eine große Fälschung ist. Aber auch der Bezug zu etwas anderem bietet diesen Einstiegspunkt. Bei der Malerei sieht man den Pinselstrich - sie hat einen objektartigen Charakter. Die Fotografie hat das nicht. Sie hat eine industrielle Oberfläche. Wenn ich diesen Aspekt der Malerei haben möchte, muss ich ihn selbst erzeugen."
Archiv: Brooklyn Rail

Eurozine (Österreich), 30.06.2026

Saleem Vaillancourt beschäftigt sich mit einer Online-Umfrage der niederländischen Group for Analyzing and Measuring Attitudes in Iran, an der im Jahr 2020 mehr als 50 000 Iraner teilnahmen. Im Zentrum stand die Rolle der Religion im Leben der Befragten - tatsächlich bekannte sich lediglich ein knappes Drittel der Teilnehmer zum Shia-Islam, der offiziellen Staatsreligion. Fast die Hälfte der Befragten gab hingegen an, vom Glauben abgefallen zu sein. Vaillancourt gesteht zwar ein, dass derartige Online-Umfragen durchaus ihre Schwäche haben und nicht allzu zuverlässige Daten liefern. Dennoch weist einiges darauf hin, dass sich immer mehr Iraner nach einem Leben ohne Religion sehnen: "Die Gamaan-Umfrage ergab, dass inzwischen neun Prozent der Iranerinnen und Iraner Atheisten und sechs Prozent Agnostiker sind, wobei jüngere Befragte ein höheres Maß an Religionsferne aufweisen. Allerdings kann Atheismus 'mit dem Tod bestraft werden kann', so Arash Azizi, Dozent an der Yale University und Atheist. Dies habe 'offensichtlich Auswirkungen' darauf, wie Atheisten ihr Leben führen. ... Vor 1979 hätten zudem Hunderttausende Marxisten im Iran eine wichtige Rolle bei der Verbreitung des Atheismus gespielt, ergänzt Azizi. Nach der Revolution wurden marxistische Führungspersönlichkeiten verhaftet und gefoltert, und 1988 wurden Tausende wegen ihres Atheismus hingerichtet. Dennoch gebe es in der iranischen Gesellschaft bis heute 'ein Verlangen' nach Atheismus, sagt Azizi, 'und das schon seit geraumer Zeit. Die Menschen hassen die Islamische Republik und suchen nach Antworten', die viele in einer atheistischen und mitunter auch humanistischen Weltsicht gefunden hätten."

Multikulti hat sich irgendwie doch nicht als großer Vereiniger erwiesen, stellt Arundhati Virmani fest und macht das an einem Film von Payal Kapadia von 2024 deutlich, "All We Imagine as Light", in dem eine hinduistische Krankenschwester ihren muslimischen Liebhaber nur treffen kann, wenn sie sich in einer Burka durch die Stadt bewegt. "Intimität kann hier kein natürlicher Zustand menschlicher Verbundenheit sein. Sie kann nur das Ergebnis eines komplexen, kräftezehrenden logistischen Manövers sein, das im Schatten einer pluralistischen Gesellschaft vollzogen werden muss. Dieses eindrucksvolle Bild strategischen Überlebens stellt die bequemen, klassisch-liberalen Ideale des 'globalen Dorfes' in Frage, die den heutigen Mainstream-Diskurs prägen." Jahrzehntelang propagierten die Bollywood-Blockbuster der 1990er und 2000er Jahre eine Welt, in der Musik, Tanz und Liebe alle Vorurteile überwinden könne. Im 21. Jahrhundert jedoch hat das "alternative Kino aufgehört, die Illusion einer harmonischen, geeinten Nation zu kuratieren. Stattdessen richtet es sein Augenmerk auf die Spaltungen, die, wenn sie unbeachtet bleiben, eine Gesellschaft letztendlich auseinanderreißen können. Viele dieser Filme spiegeln eine Welt wider, in der gewöhnliche Menschen Wege finden müssen, mit den Vorurteilen umzugehen, denen sie im Alltag begegnen." Und mit der alltäglichen Überwachung in einer misstrauisch die sozialen und religiösen Grenzen kontrollierenden Gesellschaft. Im Film drängt eine Kollegin Prabha, Anus Vorgesetzte und Mitbewohnerin, "Anu 'im Auge zu behalten', weil diese sich mit einem muslimischen Mann trifft und alle über sie tratschen. Als Prabha erklärt, das sei nicht ihre Sache, entgegnet die Kollegin: 'Aber sie ist deine Mitbewohnerin. Du solltest ein Auge auf sie haben.' Das Gespräch zeigt, wie soziale Missbilligung eher über alltägliche soziale Bindungen als über formelle Verbote zirkuliert. Gerade diese informelle Kontrolle entspricht am ehesten Goffmans Beobachtung, dass das soziale Leben oft vom Management des Scheins abhängt."

Und Carl Henrik Fredriksson schreibt einen Nachruf auf die kämpferische feministische kroatische Autorin Slavenka Drakulić, die 1992 ihre Heimat wegen ihrer Kritik am nationalistischen Kurs Franjo Tudjmans verlassen musste: Ihre "Integrität war unerschütterlich. Wenn sie einen Konflikt, eine Gesellschaft oder eine menschliche Notlage beschrieb, war sie nicht bloß eine maßgebliche Beobachterin, sondern ein moralischer Kompass. Der Einfluss der kroatischen Schriftstellerin auf Generationen von Leserinnen und Lesern, Autorinnen und Autoren, Journalistinnen und Journalisten, Feministinnen - auf Frauen und Männer auf der ganzen Welt - kann kaum überschätzt werden. Kommunismus und Postkommunismus, Krieg und Nachkriegszeit, Verbrechen und Gerechtigkeit, selbstlose Güte und banales Böses, Feminismus und Gegenreaktion, Liebe und sexuelle Gewalt, Gesundheit und Krankheit: Sie half uns, all das zu verstehen. Nicht durch eine großartige Erzählung oder eine allumfassende Analyse, sondern durch eine akribische und einfühlsame Konzentration auf die Details: auf Tampons oder Toilettenpapier, ein Designerarmband oder den harten, kalten Boden neben einem Bett auf der Covid-Station. Und auf die Menschen.
Archiv: Eurozine

Dekoder (Deutschland), 24.06.2026

Viele Russen sind komplett apathisch, wenn es um Politik geht und treffen dabei vor allem bei Belarusen einen Nerv, meint Olga Loiko auf Plan B (deutsche Übersetzung bei Dekoder von Ruth Altenhofer). Denn genau dieses Ausblendung politischer Entwicklungen führe dazu, dass Russen nicht verstehen würden, warum Belarusen und Ukrainer (und andere Bürger postsowjetischer Staaten) sie so hassen. "Und unterdessen staunen die Guten: Woher kommt dieser Hass? Warum erzählt die ukrainische Mama ihren Kindern so scheußliche Dinge über Putin? Was soll die Schadenfreude über Benzinmangel auf der besetzten Krim? Und nennenswertes Mitleid für 'eure Jungs', die sich an der Front eine goldene Nase verdienen wollten, haben nicht mal die Belarusen, die ihr für eure kleinen Brüder haltet. Was sie in Rage bringt. Genau wie die belarusische Sprache und dass man euch permanent an die korrekte Bezeichnung des Landes erinnern muss: Belarus." Spannungen gibt es auch zwischen Belarusen und Ukrainern, wofür Loiko Folgendes empfiehlt: "Das Gespräch (meistens auf Englisch) mit dem 'Glaubensbekenntnis' jedes vernünftigen Menschen zu beginnen, ist ein Anfang: Die Krim ist ukrainisch. Putin hat einen blutigen Krieg in der Ukraine begonnen und muss dafür die Verantwortung tragen. Ich unterstütze diesen Krieg nicht und weiß genau, wer ihn vom Zaun gebrochen hat. Mir ist bewusst, dass ich als belarussische Staatsbürgerin für die Mitwirkung meines Landes an diesem Krieg Verantwortung trage. Und ich weiß, von wo aus die russischen Truppen am 24. Februar 2022 in die Ukraine einmarschiert und sie mit Raketen beschossen haben. Dann können wir zu Russisch wechseln, wenn sich alle Gesprächsteilnehmende damit wohlfühlen. Wir können auch auf Englisch weitersprechen, auf Ukrainisch und Belarusisch, wie es uns beliebt. Wir stehen auf derselben Seite. Auf der, wo man nicht seine Nachbarn bedroht, wo man nicht mit Oreschnik-Raketen herumwedelt, wo man sich nicht herausnimmt, seinem Nachbarland vorzuschreiben, ob es Mitglied der EU oder der Eurasischen Wirtschaftsunion sein darf. Wo man fremde Sprachen und die freie Wahl respektiert."
Archiv: Dekoder

Lidove noviny (Tschechien), 28.06.2026

Im Alter von 88 Jahren starb in Paris die tschechische Schriftstellerin Věra Linhartová - in der Würdigung von Radim Kopáč "eine der Letzten, die in ihrem Leben und Werk die Stärke und bunte Vielfalt der tschechoslowakischen Kultur der 1960er-Jahre bezeugten" . Von den Avantgarden der 1920er und 1930er Jahre beeinflusst - besonders dem französischen Surrealismus -, kuratierte die studierte Kunsthistorikerin in der Tschechoslowakei zahlreiche Ausstellungen, die oft den Unmut kommunistischer Funktionäre auf sich zogen. Als Autorin  gehörte sie zu der Gruppe der sogenannten "Sechsunddreißiger", zu der zum Beispiel auch Václav Havel und Josef Topol gehörten. "Sie schrieb jedoch immer auf ihre ganz eigene Art", so Kopáč, "suchte nach dem präzisesten Ausdruck; dicht verbunden mit der Lautlichkeit und der Bildhaftigkeit. Für sie war der Text ein Ort, um über sich selbst und die Welt nachzudenken - aber auch über den Text selbst, den sie gerade verfasste. Ihr Schreiben klingt bis heute wie ein Traumgemurmel, wie ein Mantra außerhalb von Zeit und Raum; es ist magisch, eindringlich, fesselnd. Und natürlich fordert es den Leser heraus: Entweder man lässt sich auf Linhartovás Spiel ein, oder eben nicht." Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Warschauer-Pakt-Truppen emigrierte Linhartová nach Paris, wo sich ihre Prosa wandelte: "Sie wurde vergeistigter, klarer und auf wesentliche Strukturen reduziert. Linhartová widmete sich nun überwiegend dem Essay - und richtete ihren Blick auf Asien, insbesondere auf Japan." Und sie wirkte fortan in zwei Sprachen, schrieb wie Milan Kundera fast nur noch auf Französisch. Věra Linhartová erhielt mehrere renommierte Auszeichnungen, darunter den Jaroslav-Seifert-Preis, den F.-X.-Šalda-Preis und den Tom-Stoppard-Preis.
Archiv: Lidove noviny

La regle du jeu (Frankreich), 27.06.2026

Dominique de Villepin, einst Premierminister unter Jacques Chirac, sieht ein bisschen aus wie einer, den der Asterix-Zeichner Albert Uderzo als Cäsar karikiert hätte. Er dichtet, er trägt teure Anzüge, er berät die Prinzen von Katar (Gehalt unbekannt), er kritisiert Israel, er ist insgesamt ein hochedler Mensch und möchte im nächsten Jahr gern französischer Präsident werden. Der Psychoanalytiker Michael Larivière nimmt sich in diesen Wochen die Kandidaten vor. Auf Villepins politische Ansichten geht er gar nicht ein, ihn interessiert nur der Habitus: "Er geht nicht, er teilt die Luft, sicher, dass die Luft vor seinem erhabenen Profil zurückweichen wird... Sein Programm ist kein Haufen Papier, sondern ein episches Poem. Wo andere Prozentzahlen und Wachstumskurven aneinanderreihen, beschwört er die 'Grandeur', die Souveränität und den 'großen Atem'. Er spricht nicht über Kaufkraft, sondern über 'wiedererlangte Würde'. Die Schuldenlast ist für ihn nur eine missglückte rhetorische Figur, die er mit einem Federstrich ausradieren wird. Seine Kabinettssitzungen muss man sich als Beratungen einer Akademie vorstellen, das Budget wird in ebenmäßigen Versen verabschiedet."
Archiv: La regle du jeu

Elet es Irodalom (Ungarn), 26.06.2026

Der Schriftsteller Miklós Vámos ist zwar immer noch ganz euphorisch nach diesen Wahlen, aber er beobachtet auch eine zunehmende Ungeduld, besonders in der Kultur, dass sich die Dinge schneller ändern mögen. Das ist nicht ganz fair, findet er: "Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich das nun hinweggefegte, herrschsüchtige und ausbeuterische Regime nicht mochte. Besonders ärgerte es mich, dass man die Äußerlichkeiten, die Parolen, die Literatur und die Symbole der Horthy-Ära wiederbelebt hatte. Hand in Hand mit einer stupiden nationalen Überheblichkeit, wonach wir im Vergleich zu den Nachbarvölkern die Könige seien. Hinzu kamen ein gewisser versteckter oder zeitweise schamlos offener Rassismus sowie die Herabwürdigung der Frauen. (…) Ich hatte gehofft, dass es früher oder später ein Ende nehmen würde, so wie jedes autoritäre System, das zu einer Diktatur erstarrt. Nicht einmal in meinen schönsten Träumen hätte ich zu glauben gewagt, dass es gerade jetzt, bei den Wahlen im Frühjahr, passieren würde." Er sei immer noch euphorisch, bekennt Vamos. Doch "zurück in das Land namens Erde, in die Heimat der Ungarn. Ich genieße es, dass das viele dumme Geschwätz vorerst eine Pause einlegt. Ich bedaure jedoch, dass in intellektuellen Kreisen die Freude bereits bröckelt und die Euphorie allmählich von zunehmender Stichelei abgelöst wird. Warum kümmert sich die Regierung nicht sofort um die Lage der Schauspieler? Um die der bildenden Künstler? Um die der Wissenschaftler? Um die der Kulturzeitschriften? Warum bringt sie nicht unverzüglich das Gesundheitswesen, das Rentensystem, die Steuer und so weiter und so fort in Ordnung? (…) Die Ungeduld ist freilich nachvollziehbar. Aber warum haben wir Ungarn all das sechzehn lange Jahre lang ertragen, dessen Umgestaltung wir nun innerhalb weniger Tage oder Wochen von dieser Regierung erwarten?"
Stichwörter: Ungarn, Vamos, Miklos

HVG (Ungarn), 25.06.2026

Ähnlich sieht es Boróka Parászka: Die Ungarn sollten sich nicht mit dem Wahlerfolg Magyars zufrieden geben, sondern die Chance zu einer gesellschaftlichen Aufarbeitung der 16 Orbán-Jahre nutzen, fordert sie. Dazu gehöre auch die Frage, was man selbst dazu beigetragen habe: "In Rekordgeschwindigkeit haben durch verfassungsmäßige Verfahren gewählte Gesetzgeber im Herzen der Europäischen Union den ungarischen Staat vor den Augen der gesamten Gesellschaft in Gefangenschaft genommen - über einen langen Zeitraum hinweg, mit einer scheinbar demokratischen Unterstützung durch die Mehrheit sowie durch die Unterwerfung und Einbindung staatlicher Institutionen und Behörden. Millionen passiver Bürger sind Zeugen und auf die eine oder andere Weise an der Gefangennahme des Staates beteiligt gewesen. Jeder von ihnen war ein Komplize. Diese sehr ungarische Form der organisierten Kriminalität ist unsere gemeinsame Geschichte auf allen Ebenen der Gesellschaftsschichten und der Machthierarchie. Deshalb wird die Konfrontation, die Rechenschaftslegung unendlich schmerzhaft sein. So wie sich innerhalb der Europäischen Union eine ganz eigene Form der organisierten Kriminalität entwickelt hat, um an EU-Mittel zu gelangen und diese zu veruntreuen, so bedarf es einer ganz eigenen ungarischen Tugend, gesellschaftlichen Selbsterkenntnis und Arbeit, um diese zu beseitigen. Wenn wir Erfolg haben, kann nicht nur die ungarische Gesellschaft, sondern auch die europäische Gemeinschaft viel davon profitieren - das kann uns bei der vor uns liegenden, unvorhersehbar langwierigen Arbeit Trost spenden. Auf das tiefgreifende Scheitern nach dem Systemwechsel in Ungarn kann tatsächlich ein einzigartiges ungarisches Befreiungsprogramm folgen - diese Chance hat sich uns eröffnet."
Archiv: HVG
Stichwörter: Ungarn

New Lines Magazine (USA), 30.06.2026

Jared Kushner und Ivanka Trump haben in Albanien eine rasch wachsende Protestbewegung ins Leben gerufen; allerdings unfreiwillig, berichtet Mauro Mondello, durch ihren Plan, eine viele Millionen Dollar teure Luxushotelanlage zu errichten. Entstehen soll sie im albanischen Naturschutzgebiet Vjosa-Narta, das diesen Namen nicht mehr verdient, seit die Regierung des Landes unter Premierminister Edi Rama ein Naturschutzgesetz aufgeweicht hat - um Investoren vom Schlage Kushner und Trump ins Land zu locken. Womit Rama und seine Mitstreiter nicht gerechnet haben: Die bislang, dank jahrzehntelanger autokratischer Unterdrückung im besonders bleiernen Staatssozialismus Albaniens, politisch apathische Bevölkerung hat die Nase voll: "Die Menschen, die sich jeden Abend in Tirana versammeln, fordern einen grundlegenden Wandel. Sie wünschen sich ein anderes Albanien - eines, in dem Emigration eine Entscheidung und keine Notwendigkeit mehr ist. Innerhalb dieser umfassenderen Vision sind die unmittelbaren Forderungen nach der Rücknahme der Änderungen des Gesetzes über Schutzgebiete und Stopp des Resortprojekts Vjosa-Narta zu einem starken Symbol geworden. Sie dienen als Sammelpunkt für eine Bewegung, die ablehnt, was viele Demonstranten als jahrzehntelanges Missmanagement öffentlicher Angelegenheiten durch das politische Establishment Albaniens betrachten. Deshalb richten sich die Sprechchöre, Parolen und Reden nicht nur gegen Rama, die Sozialistische Partei und die derzeitige Regierung. Sie richten sich auch gegen die oppositionelle Demokratische Partei und ihre bekannteste Persönlichkeit, Sali Berisha, der mehr als ein Jahrzehnt lang Ministerpräsident war. Dies sind die Politiker und Parteien, die die albanische Politik seit 1991 geprägt haben. Zunehmend werden sie von den Demonstranten zurückgewiesen, deren prägender Ruf lautet: 'Rama në burg, Berisha në burg' - 'Rama ins Gefängnis, Berisha ins Gefängnis.'"

Außerdem: John Klopotowski erinnert an die Armenierin Vartuhi Kalantar, die 1915 in ein osmanisches Gefängnis geworfen worden war und 1918 freikam: Sie war die erste Frau im Nahen Osten, die ein Gefängnismemoir schrieb, so Klopotowski.

Hudson Review (USA), 29.06.2026

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Peter Matthiessen war Mitbegründer der Paris Review, Zen-Buddhist, Romanautor und CIA-Spion, all diese Facetten kann Charles McGrath in Lance Richardsons Biografie "True Nature: The Pilgrimage of Peter Matthiessen" kennenlernen. Wobei die Romane viel uninteressanter sind als das Leben Matthiessens mit seinen vielen Widersprüche und Richtungswechsel: "Als Spion war er vor allem damit beschäftigt, französische Kommunisten und nach links tendierende amerikanische Expats wie Richard Wright im Auge zu behalten. Seine wichtigstes Überwachungsobjekt war jemand, den er als 'Monsieur X' bezeichnete, hinter dem Richardson Tristan Tzara vermutet, den Dada-Poeten und Essayisten. Wer auch immer er war, Monsieur X war erfolgreich darin, den Spion umzuformen, nicht umgekehrt. Zu Beginn des Jahres 1953, nach langen Gesprächen mit X, war Matthiessen weit genug nach links geschwenkt, dass er die CIA und ihren reflexhaften Antikommunismus nicht länger aushalten konnte und kündigte. (…) Was Richardson nicht sagen kann, ist, dass Matthiessen in vielerlei Hinsicht ein gescheiterter Buddhist war, oder zumindest ein unvollständiger. Die 'true nature' aus Richardsons Titel ist der buddhistische Begriff für die Leere oder Abwesenheit des Selbst - ein Stadium, das Matthiessen selten erreichte. Sein Ego war zu groß. Er war auch nicht in der Lage, sein Privatleben zu entrümpeln, wie es Buddha empfohlen hätte. Er hatte zu viele Ablenkungen. Und auch in seinen Schriften gibt es kaum Spuren von Zen. Matthiessen war viel häufiger Maximalist denn Vereinfacher, er arbeitete immer noch zusätzliche Details ein, als wäre Überfluss, nicht Sparsamkeit, der einzige Weg, den Dingen auf den Grund zu gehen."
Archiv: Hudson Review

London Review of Books (UK), 09.07.2026

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Zehn Jahre lang war die britische Malerin Celia Paul eine der vielen Geliebten Lucian Freuds, beide haben einen gemeinsamen Sohn. Paul, die vierzig Jahre lang überwiegend verletzliche Porträts ihrer Mutter schuf, saß Freud nicht nur Modell, er lernte auch von ihr, wie Marina Warner erzählt. Sie nimmt den vergangenes Jahr erschienenen Band zu Pauls Werk, der auch Essays von Karl Ove Knausgard, Rachel Cusk und Edmund de Waal enthält, zum Anlass um zu erzählen, wie sich die Künstlerin von Freud, der sie weder als Frau noch als Modell besonders gut behandelte, emanzipierte: "Im Laufe der Jahrzehnte, in denen sie sich von Freud distanzierte, hat sich Paul zu einer zurückhaltend metaphysischen Künstlerin entwickelt, die in ihren Motiven eine Tiefe und ein Geheimnis entdeckt, das den Betrachter dazu einlädt, hinter den Schein zu blicken. Sie lässt immer mehr weg - Zeit, Umstände, Schauplatz, Objekte. Der asketische Habitus ihrer Werke steht in meinen Augen in Verbindung mit ihrem kirchlichen Hintergrund und dem Schock, den ihre Begegnung mit Freuds antinomistischer Teufelei bei ihr ausgelöst hat. Er rückte sie in einigen denkwürdigen, wenn auch von Qual geprägten Gemälden, die er von ihr schuf, besonders in den Vordergrund; insbesondere im letzten, das Angus Cook, einen gemeinsamen Freund, auf einem Bett ausgestreckt und mit entblößten Genitalien zeigt, während Paul mit dem Pinsel in der Hand dasteht und eine Farbtube unter ihrem nackten Fuß zerdrückt (hier zu sehen). Es wurde als Moment triumphaler Selbstverwirklichung interpretiert - von Paul als Künstlerin, nicht als Muse, als Malerin, nicht als Modell. Auch dieses Gemälde hat sie in einer geisterhaften Variation wieder aufgegriffen und die rechte Seite der Leinwand, wo Cook gelegen hatte, mit graubraunen Farbstrichen ausgefüllt. Es gibt Erinnerungen, die sie nicht vergessen kann, auch wenn sie versucht, sie auszulöschen." Mehr darüber, wie Freud sie behandelte, erzählte Paul vergangenes Jahr dem Guardian.
Stichwörter: Paul, Celia, Freud, Lucian