Spätaffäre - Archiv

Für Sinn und Verstand

95 Presseschau-Absätze - Seite 5 von 10

Spätaffäre vom 07.04.2014 - Für Sinn und Verstand

In einer Riesenrecherche verfolgt Seymour Hersh für die London Review of Books weiter, wer für den Giftgasangriff von Damaskus im August 2013 verantwortlich ist. In seinen Augen spricht alles für die Türkei, die ihre Felle davon schwimmen gesehen habe, als die sogenannte "Rattenlinie" geschlossen wurde - also als der CIA verboten wurde, über die türkische Grenze Waffen aus Libyen nach Syrien zu schmuggeln. Hersh Report ist voll von solchen wahnwitzigen Geschichten: "Ein amerikanischer Geheimdienstberater sagte mit, dass er einige Woche vor dem 21. August ein streng geheimes Dossier für Dempsey und Verteidigungsminister Chuck Hagel gesehen hatte, das die aktuelle Befürchtung der Regierung Erdogan über die 'schwindenden Aussichten der Aufständischen' beschrieb. Die Analyse warnte, dass die türkische Führung es für erforderlich halte, 'etwas zu tun, was eine militärische Reaktion Amerikas herbeiführen würde'. Im Spätsommer hatte die syrische Armee noch immer die Oberhand über die Aufständischen, erklärte der frühere Geheimdienstmitarbeiter, und nur amerikanische Luftschläge könnten das Blatt wenden. Im Herbst, fuhr der Geheimdienstler fort, spürten die Analysten der Nachrichtendienste, die an den Ereignissen vom 21. August arbeiteten, 'dass Syrien die Angriffe nicht geführt hat. Aber die große Frage war, wie das geschehen ist? Der unmittelbare Verdacht fiel auf die Türken, denn sie hatten alles, was es dafür braucht.'"

Für den neuen New Yorker liest Jane Kramer aktuelle vegetarische Kochbücher für Fleischesser und kann keinen Widerspruch erkennen: "Ich selbst würde mich als vorsichtigen Fleischesser bezeichnen, der seinen Speck zum Frühstück nicht missen möchte oder den Lachs auf dem Bagel … Der Grund für Leute wie mich, Gemüse zu essen, hat weniger mit Vegetariern und ihren Theorien zu tun, als mit Köchen und Kochbuchautoren, die irgendwann damit anfingen, Gemüse wirklich schmackhaft zuzubereiten, indem sie sich zum Beispiel eines Blumenkohls mit der gleichen kulinarischen Inspiration annahmen wie gedünsteten mexikanischen Rippchen oder einem Schweinerollbraten. Höchste Zeit, dass so etwas passierte, wenn man sich die drögen vegetarischen Kochbücher ansieht, die seit Martha Brothertons erstem Buch dieser Art in englischer Sprache, also seit Anfang des 19. Jahrhunderts, erschienen sind. Brothertons 'A New System of Vegetable Cookery' war eine bibeltreue, sehr erfolgreiche Mission, dem Gemüse alles sündig Freudvolle auszutreiben. Das wirkte bis in die streitbaren vegetarischen Landkommunen und Kollektive der 60er und 70er nach mit ihren Brotlaibern und Möhrenkuchen, die fast genauso viel wogen wie die Leute, die sie sich einverleibten."

Außerdem im Heft zu lesen: "Box Sets", eine taufrische Erzählung von Roddy Doyle, in der wir erfahren, was es heißt, im goldenen Zeitalter der TV-Serien zu leben.

Spätaffäre vom 04.04.2014 - Für Sinn und Verstand

Wie schreibt man? Welche Rolle spielen Freunde/Autoren, Verlag und Lektor bei der Entstehung eines Buchs? Der norwegische Autor Karl Ove Knausgård beschreibt das in einem großartigen, ganz dicht an den eigenen Erfahrungen entlang geschriebenen Essay für Samtiden, den Eurozine ins Englische übersetzt hat. Er beginnt mit zwei der berühmtesten Lektoren der jüngeren Literaturgeschichte, Maxwell Perkins und Gordon Lish. Sind die beiden zu weit gegangen, als sie quasi den Ton schufen, für den ihre Autoren berühmt werden sollten? "Um zu begreifen, was sich im Schatten dieser dunklen Zone abspielt, hilft es, ein Gedankenexperiment vorzunehmen: Wie wären diese Bücher ohne Lektoren geworden? In meinem Fall ist die Antwort einfach: Es gäbe keine Bücher. Ich wäre kein Autor geworden. Das heißt nicht, dass mein Lektor [Geir Gulliksen] meine Bücher für mich schreibt, sondern dass seine Gedanken, Ideen und Einsichten für mein Schreiben wesentlich sind. Diese Gedanken, Ideen und Einsichten sind sein Beitrag zu meiner Arbeit, und daher auch zu mir. Wenn er andere Autoren lektoriert, gibt er ihnen andere Dinge. Idealerweise ist der Job eines Lektors undefiniert und offen genug, um den Forderungen, Erwartungen, dem Talent und der Integrität jedes individuellen Autors genau angepasst werden zu können. Über allem beruht er auf Vertrauen und ist viel abhängiger von persönlichen Eigenschaften und einem Verständnis für andere als von formalen literarischen Kompetenzen."

Gestern hätte Marlon Brando seinen Neunzigsten gefeiert. Der New Yorker gratuliert, indem er Truman Capotes wunderbar stimmungsvollen Bericht von seinem Besuch in Brandos Hotelzimmer in Tokio online stellt, wo sich der Schauspieler 1957 für den Dreh des Melodramas "Sayonara" aufhielt: "Brando gähnte; es musste Viertel nach eins sein. In weniger als fünf Stunden musste er geduscht, rasiert und gefrühstückt am Set sein, damit der Maskenbildner sein blasses Gesicht in dem Mulattenton anmalen konnte, der für Technicolor erforderlich ist. 'Lass uns noch eine Zigarette rauchen', sagte er, als ich Anstalten machte, mir den Mantel anzuziehen. 'Möchtest du etwas trinken?' Draußen hatten sich die Sterne verdunkelt und es hatte zu nieseln begonnen, die Aussicht auf einen Schlummertrunk war also verlockend, zumal ich zu Fuß zu meinem eine Meile entfernten Hotel zurückkehren musste. Ich schenkte mir Wodka ein, Brando lehnte ab. Doch dann griff er nach meinem Glas, nippte daran, setzte es zwischen uns ab und sagte unvermittelt, aber nicht ohne Gefühl: 'Meine Mutter. Sie zerbrach wie ein Stück Porzellan.'"

Spätaffäre vom 03.04.2014 - Für Sinn und Verstand

Im Bookforum geht Doug Henwood anhand von Thomas Pikettys voluminöser und, wie Henwood findet, enorm wichtiger Studie "Capital in the Twenty-First Century" der Frage nach, wo sich innerhalb der Gesellschaft in den vergangenen zwei Jahrhunderten bevorzugt Kapital gebildet und vermehrt hat. Henwood gefällt, dass der Autor die 400 Forbes-Kandidaten in seine Darstellung mit aufnimmt, die meist durch alle Statistiken rutschen, weil sie so VIP sind. Ansonsten beschränkt Piketty sich allerdings im Wesentlichen auf die USA, England, Frankreich, Deutschland und Japan, wenn er Konstanten, wie die Kapitalakkumulation beim berühmten einen Prozent der Bevölkerung, und Veränderungen festhält, wie diese hier: "Gehörten zu dem einen Prozent früher vor allem Rentiers, wird es heute von den großen CEOs dominiert, die so selbstgefällig sind anzunehmen, sie würden für ihre außerordentlichen Talente entlohnt … Das alte Kapital ist allerdings ausdauernd. Zwar gibt es die neuen Reichen. Bill Gates und Mark Zuckerberg kommen nicht aus dem Geldadel. Dennoch schätzt Piketty, dass die Hälfte der großen Vermögen aus Erbbesitz stammen. Meine Vermutung war übrigens immer, dass die treibende Kraft hinter der Aufhebung der Vermögenssteuer die Tech-Mogule waren, die sich um ihr Vermächtnis sorgten. Damit schließt sich der Kreis."

Außerdem in dieser Ausgabe: Geoff Dyer erkennt in August Sanders Fotografien verloren gegangene Gesichter. Und David Marcus beobachtet, wie der Schriftsteller Benjamin Kunkel stramm nach links rückt.

Die Italiener lesen kaum noch, stellt ein tief besorgter Roberto Saviano in L'Espresso fest und zitiert die Studie 'L'Italia dei libri 2011-2013' (hier als pdf), die herausgefunden hat, dass nurmehr 20 Prozent der Italiener in der Lage seien, komplexere Sachverhalte lesend zu rezipieren. Ein Heilmittel könnte ausgerechnet das Fernsehen sein, meint Saviano und weist nicht ganz uneitel auf die erfolgreiche Gesprächssendung "Che tempo che fa" hin, die er im italienischen Staatsfernsehen moderiert hat. "Als ich auf Rai 3 über Warlam Schalamows Gulag-Erfahrungen sprach, als ich die Geschichte von Ken Saro Wiwa erzählte, als ich Gedichte von Wisława Szymborska vorlas oder über Anna Politkowskaja sprach, wurden unglaublicherweise die Bücher in den Tagen nach der Sendung in die Regale der Buchläden gestellt."

Spätaffäre vom 02.04.2014 - Für Sinn und Verstand

Der 20. Februar war der gewalttätigste Tag in der ukrainischen Geschichte seit dem Mauerfall. Mehr als hundert Demonstranten wurden getötet, die meisten davon offenbar von Scharfschützen, denn sie hatten auffällig präzise Wunden in Kopf- oder Herznähe. Jamie Dettmer bringt in The Daily Beast Belege, dass die Scharfschützen aus einer Eliteeinheit des ukrainischen Geheimdiensts SBU kamen. Er bezieht sich auf Fotomaterial ukrainischer Bürger, das zeigt, wie sich Geheimdienstler in ihrem Hauptquartier versammeln und verkleiden: "Der SBU ist Nachfolger des ukrainischen Zweigs des KGB aus Sowjetzeiten und hat bis heute außerordentlich enge Beziehungen zu Moskau. Lange Zeit 'kamen führende SBU-Beamte vom KGB', sagt Boris Volodarsky, ein früherer russischer Geheimdienstler und Autor des Buchs 'The KGB's Poison Factory'. Nach seinen Angaben hat der heutige russische Geheimdienst über Jahre sichergestellt, dass er in sein ukrainisches Gegenstück einbezogen ist und dass 'Agenten und Ansprechpartner vor Ort bleiben'. Dies war unter der Präsidentschaft des Russland-Freunds Janukowitsch leicht zu bewerkstelligen." Eine unabhängige Untersuchung der Vorfälle scheint bis heute nicht angestoßen zu sein. Die Übergangsregierung hat den SBU selbst (wenn auch unter neuer Führung) prominent in ihre Ermittlungen einbezogen.

Vor zwei Jahren ging "KONY 2012" online, eine Kurzdokumentation, in der Jason Russell von der Aktivistengruppe Invisible Children seinem fünfjährigen Sohn von ugandischen Kindersoldaten erzählt. Der Clip wurde in wenigen Tagen hundertmillionenfach gesehen und avancierte zum viralsten Video aller Zeiten (mehr hier). Es folgten ein Shitstorm und ein Nervenzusammenbruch, danach wurde es still um Invisible Children. Doch der Rebellenführer Joseph Kony ist noch immer auf freiem Fuß, und Invisible Children arbeitet noch immer daran, das zu ändern, berichtet Jessica Testa in einer ausführlichen Reportage in Buzzfeed: "Die zehn Jahre, die sie sich mit ausgestelltem Idealismus diesem Thema gewidmet haben, haben bei den Mitarbeitern einen Zustand permanenter Antizipation hervorgerufen. Sie glauben fest daran, dass Kony jeden Tag irgendwo gesichtet werden könnte. Zu dieser Erwartung gesellt sich die noch stärkere Hoffnung auf Rehabilitation. 'Es wäre großartig. Die Leute würden zu uns zurückkommen und sagen: Ich habe euch von Anfang an unterstützt. Ich wollte auch, dass Kony geschnappt wird', sagt Russell. 'Wir sind uns absolut bewusst, dass wir diesen Sieg brauchen, und dass die Zukunft von Invisible Children und das Ziel unserer Arbeit vollkommen davon abhängen, dass wir wissen, dass dieser Sieg unmittelbar bevorsteht. Ich glaube nicht, dass wir das Narrativ sonst noch sehr viel länger aufrechterhalten können.'" Womöglich ist das Ziel tatsächlich in Reichweite: wie die Washington Post meldet, hat Barack Obama gerade 150 Soldaten mit Spezialflugzeugen zur Suche nach Kony abkommenadiert.

Spätaffäre vom 01.04.2014 - Für Sinn und Verstand

Deutet sich ein Paradigmenwechsel beim Begriff der Rasse an, fragen Claude-Olivier Doron und Jean-Paul Lallemand-Stempak in La Vie des Idées und sichten zur Einordnung mehrere - interdiziplinäre - Beiträge zum Thema. Bei Juristen, Anthropologen und Soziologen sei jedenfalls seit einigen Jahren ein Anstieg von Untersuchungen zur Rückkehr des biologischen Rassekonzepts in der medizinischen, rechtsmedizinischen oder genealogischen Forschung zu verzeichnen. Oft wird die Neudefinition von den Minderheiten selbst betrieben, betonen die Autoren: "Catherine Bliss zeigt, dass diese Logik der freiwilligen Inklusion in der Medizin und Genetik von engagierten Forschern ausgeht, die aus den Minderheiten kommen und ihre Forschung mit einem politischen Engagement verbinden, um gesundheitliche Nachteile auszugleiche, unter denen ihre Gruppen leiden. Auf diese Weise erscheinen die Begriffe 'Rasse' oder 'Ethnie' nicht mehr als negative Begriffe und Vehikel der Hegemonie, sondern 'positive' strategische Instrumente, die es erlauben Ungleichheiten anzuprangern und zu bekämpfen."

Holger Schulze gibt im Merkur eine Einführung in die Sound Studies und zeichnet anhand mehrerer Neuerscheinungen nach, wie das Hören seinen ephemeren Charakter verlor und etwas Materielles und Körperliches wurde. Zum Beispiel lernt man von Julian Henriques, wie jamaikanische Sound Systems funktionieren: "In Resonanz einer Crew aus MC, Platten-Selector und einem Toningenieur mit den Tanzenden und mit den Lautsprecherboxen. Ein Gefüge von Akteuren im Klang, das weder auf Modelle des konzertant-sitzenden, pietistischen Hörens seit dem 19. Jahrhundert noch auf Modelle des choreografierten und eheanbahnende Tanzens bei einem Ball oder einer Diskothek der 1970er zurückzuführen ist. Die räumliche, akustische und situative Verbindung von technisch musizierenden, sozial interagierenden und sich tänzerisch artikulierenden Körpern um ein Sound System herum erzeugt einen kaum auflösbaren musikalisch-tänzerischen Zusammenhang der 'sonic bodies'."

Spätaffäre vom 31.03.2014 - Für Sinn und Verstand

Bashar Al-Assads Baath-Regimes mag streng säkular sein und die Muslimbrüder brutal unterdrückt haben, doch den Dschihad haben die syrischen Geheimdienste seit Beginn des Irak-Krieg nach Kräften unterstützt, erklärt Peter Neumann in einem kenntnisreichen Report der London Review of Books. Einerseits um die Islamisten loszuwerden, andererseits um die alliierten Truppen zu schwächen: "Bashar al Assad beschuldigt meist das Ausland - insbesondere die Türkei und die Golfmonarchien -, Geld und Einfluss zur Unterstützung des Aufstands bereitgestellt zu haben, die Rebellen zu bewaffnen und fremde Kämpfer zu rekrutieren. Das ist sicherlich richtig, aber nur die eine Hälfte der Geschichte. In den Jahren vor dem Aufstand waren Assad und seine Geheimdienste der Ansicht, dass der Dschihad gefördert und genutzt werden könnte, um den Zwecken der syrischen Regierung zu dienen. Damals kamen die ersten Dschihadisten ins Land und halfen die Strukturen und Versorgungslinien aufzubauen, die jetzt dem Kampf gegen die Regierung dienen. In der Hinsicht bekämpft Assad einen Feind, den er selbst mitgeschaffen hat."

Einerseits sagt man, dass die Begeisterung für die Wikipedia nachlässt (aber vielleicht liegt es nur daran, das die Aufbauarbeit abgeschlossen ist), andererseits entdecken in den USA immer stärker auch Organisationen wie etwa Museen die Wikipedia und laden Wikipedianer zu "edit-a-thons" ein, um bisher unerschlossene Wissensbereiche zugänglich zu machen, berichtet Noam Cohen im Kunstteil der New York Times: "Dutzende solcher 'edit-a-thons' sind in den letzten Jahren abgehalten worden zu Themen wie 'Frauen in Wissenschaft und Kunst', 'die Geschichte von Greenwich Village' oder 'die Geschichte der Schwarzen in North Carolina'. Institutionen wie das Smithsonian American Art Museum, das Art Institute of Chicago, das Children's Museum of Indianapolis und die Gerald R. Ford Presidential Library haben sich beteiligt."

Spätaffäre vom 28.03.2014 - Für Sinn und Verstand

Leben und Sterben in Amerika - so lautet die Überschrift zu dieser atmosphärischen Reportage in Vanity Fair und nichts könnte passender sein. Nancy Sales und Jonas Karlsson erzählen von einer handvoll junger iranischer Rockmusiker, die nach Amerika kamen um zwei Dinge zu tun: Musik machen und Party feiern. Am Ende schoss einer von ihnen mit einer halbautomatischen Schnellfeuerwaffe auf die anderen und tötete drei Menschen: "Seit dem Tag der Schießerei, als der Polizeichef Ray Kelly sie als das Ergebnis 'einer Auseinandersetzung ... über Geld' beschrieb, hat die New Yorker Polizei über die Waffe nur mitgeteilt, dass sie erstmals legal 2006 in einem nun geschlossenen Waffenladen in New York gekauft wurde. Iraner, die die Opfer kennen, sind perplex, wie ihren Freunden die Freiheit, die sie in Amerika gesucht hatten, durch einen Schützen genommen wurde. Wie konnte Ali Akbar Rafie - arbeitslos, arm und Immigrant mit einem abgelaufenen Visum - ein Sturmgewehr in die Hand bekommen, fragen sie. 'Man hört solche Geschichten nicht im Iran, dass Leute verrückt werden und ihre Freunde oder Familie in die Luft jagen', sagt der Autor Hooman Majd. Die Eltern von Ali Eskandarian sprachen den Eltern der anderen Opfer auf der Facebookseite ihres Sohnes ihr Beileid aus. 'An Ali Rafie', schrieben sie, 'wir verzeihen dir vom Grunde unseres Herzens.'"

Das New York Magazin feiert 100 Jahre Popmusik in New York. In der Coverstory fragt Jody Rosen, ob es so etwas wie einen typischen Sound der Stadt gibt: "Hier wurde aus Folk Pop und dann wiederum Folk. 1886 starteten die Teenager Isidore, Julius und Jay Witmark ihren Musikverlag aus einer Ladenzeile in der West 40th Street, der Beginn des modernen Popsong-Geschäfts … Der Straßenhändlerstil war charakteristisch für das Geschäft mit Populärmusik damals in New York. Später wurde Boston zu einem Hauptort. Die Musikverleger dort waren europhil und viktorianisch mit einem Hang zur Wiener Operette. In New York ging es weniger hochfahrend zu - frech, grell, zeitgemäß und ohne Scheu vor dem Markt. Diese Musik wurde wie Schuhe oder Duschvorhänge angeboten und verkauft. In anderen Worten: New York City Music."

Zum Artikel gibt es eine Karte mit den Orten in New York, an denen Popmusikgeschichte geschrieben wurde, vom Bamville Club bis zum Studio 54. Außerdem eine umfangreiche Slideshow mit Fotos und Texten über die Protagonisten, von Irving Berlin und den Gershwins über Patti Smith, Bob Dylan und Madonna bis Lady Gaga.

Spätaffäre vom 27.03.2014 - Für Sinn und Verstand

Im letzten Jahr, 35 Jahre seiner der Ermordung durch eine vergifteten Regenschirmspitze, verjährte der tödliche Anschlag auf den bulgarischen Schriftsteller Georgi Markov in London. Sein Cousin Luben versucht zwar immer noch, Beweise für die Verantwortung des Geheimdienstes SSS zu finden, aber Dimiter Kenarov erscheint das in seinem riesigen Text über Markov für The Nation nicht sehr aussichtsreich. "'In Bulgarien gab es keine echte Dekommunisierung, keine Lustration und die Geheimdienstakten des SSS wurde sehr spät geöffnet, um einen kontrollierten Übergang in die Demokratie zu erreichen', sagt der Journalist Hristo Hristov. 'Aber im Endergebnis wird die Gesellschaft immer noch durch die selben Apparate manipuliert, in denen die ehemaligen Mitgliedern des SSS präsent sind - in der Politik, in der Wirtschaft, in den Medien. Das ist der Grund, warum wir keine Erinnerung an Georgi Markov haben. Und die Erinnerung an Markov fehlt, weil es insgesamt keine Erinnerung an die Opfer des Kommunismus gibt." In Bulgarien sei es viel einfacher die Memoiren des ehemaligen kommunistischen Staatschefs Todor Schiwkow zu finden als Markovs Romane "Das Porträt meines Doppelgängers" oder "Die Frauen von Warschau".

Über dreißig Jahre ist es her, dass der französische Soziologe Pierre Bourdieu sein Opus magnum "Die feinen Unterschiede" vorlegte. Zeit also, einmal zu überprüfen, ob seine Thesen zur Entstehung und Funktion des "Klassengeschmacks" sowie seine Konzepte und Begriffe auch heute noch Gültigkeit haben. "Klassifiziert kulturelles Kapital noch?" lautet denn auch die Überschrift der Besprechung eines Sammelbandes zum Thema in La vie des idées. Der Band beinhaltet auch aktuelle internationale Forschungsbeiträge, etwa zur Dominanz eines "traditionellen Geschmacks" der reichsten Einwohner von Sao Paulo, der jeglichen Avantgardismus ablehnt, oder "zu einem Vergleich zwischen Großbritannien und Dänemark, der sich unter anderem auch auf Forschungen in Serbien bezieht und zu zeigen versucht, dass in diesen sehr unterschiedlichen Kulturen nach wie vor eine wenn auch schwächer werdende legitime Wissenskultur existiert, mittels derer die Angehörigen der dominanten Gesellschaftsklassen sich weiterhin abgrenzen."

In einem flankierenden Gespräch bestätigt Herausgeber Philippe Coulangeon die erstaunliche Anpassungsfähigkeit von Bourdieus Analyseinstrumentarium auch an andere historische und kulturelle Kontexte. Natürlich könne man sagen, was in den Siebzigerjahren über soziale Positionen und gewisse Merkmale wie Geschmack, Lebensstil geschrieben wurde, heute nicht mehr funktioniere. Aber sie existierten immer noch, manifestierten sich allerdings nicht mehr in gleicher Weise. "Ich persönlich glaube, dass die Matrix absolut zutreffend und aussagekräftig ist, um gewisse Sachverhalte zu verstehen, auch wenn sich deren Erscheinungsformen stark verändert haben."

Spätaffäre vom 26.03.2014 - Für Sinn und Verstand

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker untersucht Malcolm Gladwell die umstrittene Belagerung der Branch Davidians in Mount Carmel, Waco, Texas,1993 durch das FBI. 82 Mitglieder der Sekte kamen damals beim Brand der Siedlung ums Leben sowie der Anführer David Koresh, der sich für das Lamm Gottes hielt und mit 12-jährigen Prinzessinnen eine künftige Königsdynastie zeugen wollte. Gladwell lässt die Ereignisse durch die Augen des Überlebenden Clive Doyle Revue passieren und kommt zu dem Schluss, das FBI habe die Sekte gründlich missverstanden, was schließlich zur Katastrophe geführt habe: "Das FBI dachte, es handle sich um einen fragilen Kult und dass die Davidianer durch die Belagerung paranoid werden und sich verteidigen würden. Keiner realisierte, dass die Gruppe anders war und es liebte, in sechsstündigen Bibellektüresitzungen eine knifflige Passage aus der Offenbarung zu diskutieren … Folgenschwerer war, dass die Polizei den religiösen Glauben der Davidianer nicht ernstnahm und sie für exzentrische Spinner hielt, für eine Bedrohung, die sie mit riesigen Scheinwerfern und 24-h-Beschallung mit tibetischen Gesängen und Weihnachtsliedern bekämpfte … Was sie nicht verstanden: die Davidianer glaubten, sie würden eine späte Phase der Endzeit durchleben, in der sie zu leiden hätten. Darum gaben sie nicht nach."

Deborah Weisgall, Tochter eines Komponisten, ist mit Opern groß geworden. Sie liebt sie, aber mit der Metropolitan Opera in New York ist sie nie so recht warm geworden, erzählt sie in American Prospect. Alles so weit weg, selbst wenn man einen wirklich guten Platz hat. Aber ins Kino? Zu einer Opernübertragung der Met, wie sie in dieser Saison in knapp 1950 Kinos in 65 Ländern (auch in Deutschland) gezeigt werden? Als sie dann doch ging, war es das erste von vielen Malen: "Ich habe seitdem wenig Opern im Kino verpasst. Das Multiplex, sein Popcorn und die Videospiele, wurde zu einem Teil seines populistischen Charmes. Es kümmerte mich nicht, dass Maschinengewehrfeuer aus 'Zero Dark Thirty' im Nebensaal Aidas zärtliche Heimweh-Arie unterbrach - oder dass die Kamera nur einen flüchtigen Blick auf die Tänzer udn Pferde, die triumphierenden Truppen des Bühnenspektakels werfen konnte." Weisgall geht inzwischen nicht nur ins Kino, sondern auch wieder in die Met, zu der sie erst im Kino ein innige Beziehung knüpfte.

Hier eine Kostprobe: 21 Minuten "Lucia di Lammermoor" mit Natalie Dessay in HD



Spätaffäre vom 25.03.2014 - Für Sinn und Verstand

Emma Brockes porträtiert in der Guardian Book Review die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie, deren neuer Roman "Americanah" gerade erschienen ist. In den USA, erzählt Adichie, fühlte sie sich eher als Frau denn als Schwarze zurückgesetzt. Den Unterschied zwischen westlichem und afrikanischem Sexismus erklärt sie so: "Obwohl es eine ganze Menge sexistischen Mist in Nigeria gibt, legen die Frauen im Westen viel mehr Wert darauf, gemocht zu werden. Und als Frau gemocht zu werden, hat eine gewisse Bedeutung. Wenn in Nigeria eine Frau bei der Arbeit der Chef ist, dann kämpft sie. Die Leute, die für sie arbeiten, Männer wie Frauen, respektieren sie. Aber wenn sie nach Hause geht, wird dieselbe Frau bereitwillig alle Gender-Stereotype erfüllen. Und in der Öffentlichkeit wird sie sagen müssen: 'Mein Mann unterstützt mich und erlaubt mir ...'"

In The New Republic schickt Noam Scheiber eine herzergreifende, hüstel, Reportage über Ungerechtigkeiten unter den Onepercentern in Silicon Valley: Dort leiden Programmierer über 35 unter massiver Diskriminierung. "Während ich dies schreibe, wirbt ServiceNow, eine große IT-Company in Santa Clara, um neue Mitarbeiter - in Großbuchstaben und unter dem Slogan: 'Wir suchen Leute, die ihre beste Arbeit noch vor sich haben, nicht hinter sich'. Und das ist nur, was man öffentlich sagt. Ein Ingenieur in seinen Vierzigern erzählte mir kürzlich über ein Treffen mit einem CEO, der versuchte, seine Firma zu kaufen: 'Sie müssen der Quotengraubart sein', sagte der CEO, der in seinen späten Zwanzigern oder frühen Dreißigern war. Er sah ihn an uns sagte: 'Nein, ich bin der Quotenerwachsene.' Nachdem ich acht Monate lang mit Dutzenden von Leuten rund um Silicon Valley geredet habe - Ingenieuren, Unternehmern, Finanziers, unangenehm neugierigen Schönheitschirurgen - überkam mich das starke Gefühl, dass ich besser nicht aussehen sollte wie jemand, der schon in den Achtzigern gewählt hat. Dann lieber naiv und unreif."

Und hier ein paar von den 15- bis 22-jährigen Wunderkindern aus dem Silicon Valley.