Nachgereicht um 10.45 Uhr: Seit der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung,
Felix Klein, die Einladung
Achille Mbembes zur Eröffnung der Ruhrtriennale kritisiert hat, tobt ein Streit darüber, ob Mbembes Haltung zu Israel postkolonialistisch oder schlicht antisemitisch ist, weil er den BDS unterstützt. Mbembe sieht sich verleumdet und zensiert. Er selbst hat allerdings 2018 mit dafür gesorgt, dass die israelische Psychologin
Shifra Sagy von einer Konferenz in Stellenbosch, Südafrika ausgebootet wurde, weil sie Israelin ist, wie Sagy im
Interview mit der
Welt erzählt: "Unser Projekt, das wir in Südafrika vorstellen wollten, heißt 'Empathie gegenüber dem Anderen'. Ich bin 74, habe ein Zentrum für Konfliktforschung gegründet und arbeite seit sehr vielen Jahren
zusammen mit palästinensischen Kollegen für Frieden und Versöhnung. Eine Voraussetzung dafür ist, den Anderen und seine Sichtweise zu akzeptieren. Wenn die BDS-Leute sich tatsächlich für die Rechte der Palästinenser einsetzen, wie sie behaupten, sind
wir das falsche Ziel. Ich kämpfe den gleichen Kampf."
Mbembe hatte zusammen mit Sarah Nuttall angekündigt, die Konferenz in Stellenbosch zu boykottieren, falls Sagy dort auftreten würde, wie man in dieser
gemeinsamen Erklärung von Mbembe und Nuttall lesen kann: "We let the organisers know this morning that we would have
no option but to withdraw from the conference if a satisfactory agreement was not found between the Boycott, Divestment and Sanctions (
BDS) movement and the Organising Committee."
---Die Debatte um
Achille Mbembe zeigt
SZ-Redakteurin Sonja Zekri vor allem eins: Deutschland ist in seiner Betrachtungsweise des
Holocaust in einer Zeit vor den Postkolonialismusstudien stecken geblieben. Heute sympathisiere der israelische Premier Netanjahu
mit Rechten wie Victor Orban, weshalb Zekri eine proisraelische Einstellung für AfD-nah zu halten scheint. Aber vor allem sollte man vielleicht nicht mehr die "Singularität des Holocaust" betonen, da dies dazu führe, argumentiert Zekri mit Alaida Assmann, "die
Schoah zu isolieren und als Erinnerung abzukapseln. Das macht sie letztlich steril. Die letzten Zeitzeugen sterben. Syrer, Iraker, Eritreer aber bringen
andere Traumata mit. Wer ihre Empathie für den Holocaust wecken will, muss ihre Gewalterfahrungen ernstnehmen und
in Beziehung zur Schoah setzen, sonst wird man sie verlieren."
"Achille Mbembe hat tatsächlich in unklarer Begrifflichkeit und unscharfer Moralisierung eine missliche, ja
verheerende Opferkonkurrenz provoziert, und seine Verteidigerinnen haben darüber großzügig hinweggesehen, weil sie ihn als Opfer einer Hexenjagd, ja rassistischen Verfolgung sehen wollten",
meint dagegen
Claus Leggewie in der
FR. Doch sollten sich alle Seiten mäßigen und nicht in einem Streit über Opferhierarchien versinken, der den
eigentlichen Gegner aus dem Blick verliere: Wo sich eine "
Logik der Extermination wieder abzeichnet - und das ist bei den völkischen Nationalisten heute der Fall -, kann man nach genauer Prüfung von einer Vorläuferschaft des Holocaust im Kolonialismus und seinen Nachwirkungen in heutigen Kontexten sprechen. Und am Ende in eine Gegnerschaft zum
heutigen weißen Suprematismus einmünden, der bei aller Streitlust im linken und liberalen Lager, wo man gerne den Narzissmus der kleinsten Differenz feiert, doch den zweifelsfreien Hauptgegner darstellen sollte."
In der
NZZ prangert Giorgio Agamben die Medizin in der Coronakrise als "neue Religion" an, die Philosophen wie ihn, die ihr widersprächen, bald auf den Scheiterhaufen bringen könnte: "Ich weiß nicht, ob die
Scheiterhaufen wieder lodern werden und Bücher auf den Index kommen, doch sicher wird das Denken derer, die weiterhin nach der Wahrheit suchen und die vorherrschende Lüge verwerfen - wie es bereits vor unseren Augen geschieht -, ausgeschlossen und beschuldigt werden, Falschmeldungen zu verbreiten (Meldungen, nicht Gedanken, denn die Meldung ist wichtiger als die Realität!). Wie in allen realen oder vorgetäuschten Notsituationen werden wir wiederum erleben, wie unwissende Menschen
Philosophen verleumden und wie
Schurken versuchen, von dem Unglück zu profitieren, das sie
selbst verursacht haben."
Es gibt keinen Gegensatz zwischen Geisteswissenschaften, Künsten und neuen Technologien,
erklärt der
Philosoph Tobias Rees in der
NZZ. Voraussgesetzt, man sei nicht total strukturkonservativ. Auch auf sein Drängen hin gebe es heute "
Philosophie-
und Kunstteams bei Element AI, Facebook und Google wie auch in den AI-Labors am Massachusetts Institute of Technology und den Universitäten von Berkeley und Stanford. ... Was wir heute brauchen, ist ein innovatives Modell für einen Lehrbetrieb, der eine
neue Art von Fachleuten hervorbringt. Wir brauchen Arbeitskräfte, die anders denken, die technische und naturwissenschaftliche Sachgebiete - von KI über Mikrobiom-Forschungen und synthetische Biologie bis zum Geo-Engineering und vielen anderen Disziplinen - als philosophische und künstlerische Praktiken verstehen, die den
Menschen immer neu definieren. Wir brauchen eine Art
neue Bauhaus-
Bewegung, aber eine, die weit über die Architektur hinausgeht."