9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Ideen

2277 Presseschau-Absätze - Seite 119 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.05.2020 - Ideen

Die postkolonialen Studien sind längst nicht mehr postkolonial, sondern sind inzwischen vor allem in den hiesigen Geisteswissenschaftern verinnerlicht und zu einer Art Doxa geworden. Und so übernimmt die hiesige akademische Linke etwa Achille Mbembes Denken über Israel, diagnostiziert Jens Jessen in der Zeit. Dabei habe man "die Opferskala des Postkolonialismus längst von Hautfarben und Kategorien des historischen Rassismus befreit .. und kurzerhand alle Schwachen und Ohnmächtigen zu 'Schwarzen' und alle Starken und Herrschenden zu 'Weißen' erklärt. Von dort ist es nur ein kleiner Schritt zur Perhorreszierung Israels als eines florierend kapitalistischen und mit den USA verbündeten 'weißen' Herrenstaates - unter souverän kaltherziger Ausblendung der jüdischen Opfer- und Leidensgeschichte."

In Antwort auf einen Artikel Daniel Bax' (unser Resümee) fasst Remko Leemhuis vom American Jewish Committee (AJC) in der taz einfach nochmal alle Äußerungen Mbembes zu Israel zusammen - eine für Mbembe insgesamt recht peinliche Bilanz: "So bezeichnet er den israelisch-palästinensischen Konflikt als größten 'moralischen Skandal des 21. Jahrhunderts'. Schon diese schiefe Optik wirft Fragen auf. Hat Mbembe noch nie vom Bürgerkrieg in Syrien gehört? Oder vom Bürgerkrieg im Jemen und der dort anhaltenden Hungersnot? Und um weitaus dramatischere Konflikte zu finden, muss sich Mbembe nicht mal mit dem Nahen Osten beschäftigen. Dem Hochschullehrer in Südafrika sollte ein Blick über die Grenze nach Simbabwe genügen, wo Robert Mugabe über Jahrzehnte grausam geherrscht hat... Wo bleibt die moralische Entrüstung über die misogynen Faschisten von Boko Haram? Zu alldem hat er sich wenig oder nicht geäußert. Nur der israelisch-palästinensische Konflikt erregt offenbar so sehr Mbembes Zorn, dass er fordert, Israel 'global zu isolieren'."

Das Robert-Koch-Institut muss umbenannt werden, fordert der Globalhistoriker Jürgen Zimmerer im Dlf-Kultur-Gespräch mit Ute Welty. Im Auftrag der deutschen Kolonialverwaltung experimentierte Koch zur Bekämpfung der Schlafkrankheit im heutigen Tansania an Afrikanern mit dem arsenhaltigen Mittel Atoxyl, das bald zur Erblindung führte, erklärt Zimmerer: "Er erhöhte die Dosen noch mal, und das führte zu Erblindung und bis zum Tod einzelner Leute. Und obwohl er das wusste, empfahl er dann der deutschen Kolonialverwaltung eine großflächige Atoxyl-Kampagne, zu sagen, im Grunde sterben zwar die Leute, während sie diese Behandlung haben, sie werden nicht geheilt, auch das war klar, er konnte keinen Beweis erbringen, dass eine endgültige Heilung möglich ist. Aber während sie behandelt werden, sind sie als Erregerherd eigentlich ausgeschaltet. Das heißt, um andere zu schützen - und da wird es jetzt auch sehr modern, die Frage - um andere zu schützen, hat er im Grunde Einzelne geopfert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.05.2020 - Ideen

Engels in der Hängematte: Bild aus der Ausstellung, Stadt Wuppertal


In Wuppertal wurde eine Ausstellung aus Anlass von Friedrich Engels' 200. Geburtstag eröffnet, die offenbar auch chinesische Touristen anziehen soll, denn davon kamen vor Corona 600.000 im Jahr nach Wuppertal, nur wegen Engels, und gaben laut chinesischem Botschafter 800 Euro pro Kopf aus, berichtet Max Florian Kühlem in der taz. Und zur Ausstellung: "Den aus heutiger Sicht schwierigen Spagat, den Engels zeitlebens ausführte, symbolisieren Ausstellungsstücke wie Schlittschuhe aus dem 19. Jahrhundert (schnürbare Lederriemen über verrosteten Kufen), ein Kartenspiel, ein Fechtdegen und eine Zeichnung, in der sich Friedrich Engels, der zur Zeit seiner Ausbildung gern mit Hängematte und Zigarre im leeren Kontor chillte, selbst karikiert und sein Lebensmotto beschreibt: 'Take it easy.' Dabei kann das eigentlich nicht so leicht gewesen sein: Früh gegen den kapitalistischen und religiösen Geist seiner Heimat aufzubegehren, Anfang des 19. Jahrhunderts frei und republikanisch zu denken, Revolutionär zu sein und gleichzeitig Unternehmer, der an der Börse spekuliert."

"Welche Israel-Kritik ist antisemitisch? Das ist keine unwichtige Frage, aber die Realität hat sich verändert und die Debatte über diese Frage wird sich ebenfalls ändern müssen", meint der israelische Philosoph Omri Boehm in der SZ anlässlich der Debatte um Achille Mbembe und skizziert das Dilemma pro-israelischer Deutscher: "Zwar misstraut die israelische Botschaft in Berlin der AfD, aber warum sollte die Partei nach Orbán und Trump nicht ebenfalls in Yad Vashem willkommen geheißen werden? Während die 'böse' EU eine Sanktionsliste gegen Israel wegen der Annexionen im Westjordanland vorbereitet, würde die AfD als Partei auftreten, die als einzige der deutschen Vergangenheit treu geblieben ist. Sie unterstützt Israels ethnischen Nationalismus aus vollem Herzen und pflegt keine scheinheiligen Vorbehalte gegen Annexionen oder verschiedene Rechtssysteme für Juden und Araber. Stattdessen stehen liberale Deutsche, die Israel kritisieren, als abstoßende Israel-Hasser da."

Wir rühmen uns in Europa zwar gern für unseren Individualismus, tatsächlich ist die westeuropäische Gesellschaft jedoch "durch Konformismus gekennzeichnet", meint der Ideenhistoriker Christian Marty in der NZZ: "Am Parteitag wird 'Geschlossenheit' propagiert. Am Arbeitsplatz ist 'Teamwork' angesagt. Und in einer Vielzahl von universitären Zirkeln herrscht eine geistlose Übereinstimmung der Ansichten - vor allem bei Fragen zur sozialen Gerechtigkeit, zur ökologischen Nachhaltigkeit oder zum Verhältnis der Geschlechter haben Intellektuelle in den meisten Fällen die genau gleiche Meinung. Ein gewitzter Soziologe aus Berlin hat unlängst gesagt, auch im Intellektuellenmilieu herrsche der 'Grokon', der große Konsens."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.05.2020 - Ideen

Perlentaucher Thierry Chervel sieht die Mbembe-Debatte als einen Historikerstreit mit umgekehrten Vorzeichen. Nun seien es Linke, die den Holocaust relativieren, eine Tendenz, die Chervel vor allem bei den Verteidigern Mbembes auffällt: "Der Blick aus dem Süden soll Israel in ein neues Licht stellen und auf eine paradoxe Art die dunkelsten Momente der eigenen Geschichte relativieren: Es gab nicht nur den Holocaust, es gab den Kolonialismus, und Israel ist eine Kolonialmacht. Es entsteht hier ein neues, nicht wirklich klar benanntes Kontinuum, in dem sich die Verantwortung von den Deutschen auf den 'Westen' und die 'Weißen' verlagert."

Sehr scharf polemisiert im Deutschlandfunk Stephan Detjen, Chefkorrespondent im Hauptstadtstudio des Senders, gegen die Position eines Antisemitismusbeauftragten in der Bundesregierung: "Die Bundesregierung macht damit eine intellektuelle Abschottung Deutschlands zum politischen Programm. Als diskursiver Schrankenwärter setzt sich der Antisemitismusbeauftragte ein und versucht, ein in Deutschland gewachsenes Geschichtsbild gegen Irritationen von außen zu immunisieren. Politische Staatsraison wird so zur Zivilreligion und der Antisemitismusbeauftragte ihr Hohepriester."

Zornig und ausführlich antwortet Alan Posener in starke-meinungen.de auf Detjens Kommentar und besonders auf Detjens Behauptung, Mbembe solle aus dem "deutschen Diskrusraum" ausgeschlossen werden: "Mbembe wurde von höchsten Regierungsstellen und Institutionen hofiert, mit Preisen und Ehrungen überhäuft. Offensichtlich hatte sich niemand die Mühe gemacht, sein Werk zu lesen. Oder man war heimlich mit den antisemitischen Passagen einverstanden und freute sich, dass ein 'afrikanischer Wissenschaftler' das sagte, weil man sich im Zweifelsfall darauf zurückziehen könne, es sei rassistisch, einem Schwarzen Antisemitismus vorzuwerfen."

700 afrikanische Intellektuelle haben Mbembe in einem offenen Brief unterstützt, der auf der Plattform avaaz.org veröffentlicht ist, allerdings ohne die Namen der Unterzeichner, eine Merkwürdigkeit, die Patrick Bahners in der FAZ erstaunt: "Medien können bei der Pressestelle der Organisation die Einsicht beantragen. Diese Zeitung hat die Liste erhalten, gemäß den Regeln von Avaaz.org unter der Bedingung, die Namen nicht zu veröffentlichen. Wir dürfen keinen einzigen Namen nennen."

Der französische Philosoph Jean-Luc Nancy spricht mit Astrid Kaminski in der taz über seine Philosophie der Berührung in Corona-Zeiten, aber auch über sich selbst, inzwischen achtzigjährig und mit dem transplantierten Herz eines anderen lebend. Dass er mit Giorgio Agambens Wüten gegen die Beschränkungen nicht einverstanden ist, versteht sich da. Agamben argumentiere nicht objektiv: "Im Gegenteil. Jede Intervention des Staates, ganz gleich, um welche Geste es sich handelt, interpretiert er als Übergriff. Ich glaube, das ist eine absolut überzogene Projektion. Ich kenne ihn ja gut persönlich, auch seine Phobie vor einer Beherrschung durch moderne Technologien. Ein großer Heideggerianer in diesem Punkt. Als es darum ging, mir das Herz austauschen zu lassen, warnte er mich: Nein, mach das nicht! Das sind nichts als Dummheiten der modernen Medizin! Aber ich weiß, dass er nicht recht hatte. Ich wäre gestorben, wenn ich den Eingriff nicht unternommen hätte."

Der Kulturwissenschaftler Thomas Macho unterhält sich mit Saskia Trebing in Monopol über die Kulturgeschichte er Hygiene-Idee - und er fordert, dass die gesundheitliche und politische Dimension des Begriffs klar reflektiert werden: "Schon lange vor Corona gab es die Bilder, wie Menschen, die mit Booten auf Lampedusa ankamen, von medizinischem Personal in Schutzausrüstung empfangen wurden und zuerst auf Krankheiten untersucht wurden. Das war auch schon auf Ellis Island bei den Migranten aus Europa so. Und natürlich hat das seine Berechtigung. Gleichzeitig muss man aber aufpassen, dass keine symbolische Übertragung passiert und diese Menschen als potenzielle Feinde wahrgenommen werden, weil sie Erreger mitbringen könnten."

Weiteres: In der NZZ erklärt Hoo Nam Seelman, wie man in Asien und vor allem in Korea starke Emotionen wie Hass kulturell einzuhegen pflegt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.05.2020 - Ideen

Auch Claus Leggewie kann im Freitag nicht umhin, Achille Mbembe für sein Opfergehabe in der Debatte zu kritisieren: "Drastisch wird Diskussionsverweigerung, wo Intellektuelle und Akademiker sich anmaßen, 'Opfergruppen' zu vertreten. Wo nicht mehr die Interpretation, sondern die persönlichen 'credentials' eines Interpreten geprüft werden." Dennoch beharrt Leggewie, dass Kontinuitätslinien zwischen Kolonialismus und Holocaust durchaus zurecht benannt werden. Es gebe "tatsächliche Gemeinsamkeiten, die Hannah Arendt 1951 im Blick auf die Burenherrschaft in Südafrika auf den Punkt brachte: 'Hier... verlor die Idee der Menschheit und des gemeinsamen Ursprungs des Menschengeschlechts... zum ersten Mal ihre zwingende Überzeugungskraft, und der Wunsch nach systematischer Ausrottung ganzer Rassen setzte sich... fest.' Ähnliches gilt für den Völkermord in 'Deutsch-Südwestafrika', bei dem Menschen ganz 'grundlos', also nicht aus Habgier, Sadismus oder anderen niedrigen Motiven ausgerottet wurden."

In Deutschland bekommt die Israelboykottbewegung BDS nach Auseinandersetzungen in den letzten Jahren, besonders auch um Achille Mbembe und nach dem Beschluss der deutschen Politik, BDS nicht zu subventionieren, keinen Fuß mehr auf den Boden, freut sich Stefan Laurin bei den Salonkolumnisten: "In Sendern und stiftungsfinanzierten Projekten genoss man bislang Freiräume, die weniger erarbeitet wurden als vielmehr dem Desinteresse einer Gesellschaft geschuldet waren, der weitgehend egal war, was sie an ihren Rändern finanzierte. Diese Zeit dürfte vorbei sein. Die Bereitschaft, Antisemitismus mit öffentlichen Mitteln zu unterstützen, lässt nach, und auch hier geschieht nun, was im Kampf gegen Rechtsextremismus schon immer gefordert wurde: Genau hinschauen, aufdecken und öffentlich machen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.05.2020 - Ideen

Achille Mbembe hat eine Entschuldigung vom Antisemitismusbeauftragten Felix Klein gefordert (unser Resümee). Aber der sieht das im Gespräch mit Adam Soboczynski von der Zeit überhaupt nicht ein: "Ich habe einen Themenkomplex angeschnitten, über den in den vergangenen Jahren zu wenig gesprochen wurde, und zwar auch international zu wenig. Nämlich die Frage, wie es um das Verhältnis der postcolonial studies zum Antisemitismus bestellt ist. Ganz offensichtlich kollidieren manche dieser Theorien mit unserer Erinnerungskultur, die ich als Errungenschaft ansehe. Es mag sein, dass man in anderen Ländern dafür weniger sensibilisiert ist, aber etwas aus deutscher Sicht Falsches wird doch nicht dadurch richtig, dass es von außen kommt."

Im Interview mit der SZ empfiehlt der Philosoph Alain de Botton im Umgang mit Krisen einen fröhlichen Pessimismus: "Meine Freunde fragen mich oft: Was wird noch passieren, werden wir im September von einer zweiten Infektionswelle heimgesucht? Ich sage dann: Lasst uns vom schlimmsten Fall ausgehen. Wir müssen uns vorstellen, wie wir mit einer Situation umgehen, wenn uns etwas wirklich Schreckliches widerfährt. Dann sind wir vorbereitet, wenn es wirklich dazu kommt. ... Das ist die Haltung, die wir einnehmen müssen: eine Art fröhlichen Pessimismus, gepaart mit Galgenhumor und Galgenhoffnung."

Der vollkommen durchgeknallte, einst als respektabel angesehene Philosoph Michel Onfray gründet eine Zeitschrift namens Front populaire, unter deren Autoren er ein Who's Who der extremen Rechten in Frankreich versammelt, darunter sogar Alain de Benoist, den einflussreichen Erfinder der "Neuen Rechten", berichten Lucie Soullier und Abel Mestre in Le Monde: "Fast zwanzig Jahre nachdem er eine Université populaire in Caen betrieb, um gegen die Ideen Jean-Marie Le Pens einzustehen, erhält Michel Onfray heute sogar die Salbung von dessen Erbin Marine Le Pen, die ihn in einem Tweet für 'eine positive Initiative, die mich sehr erfreut' beglückwünscht. Eine Hommage unter vielen anderen, verteidigt sich der Philosoph, der auf Distanz zu Figuren der Partei achtet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.05.2020 - Ideen

Der vor einigen Tagen annoncierte offene Brief von 700 afrikanischen Intellektuellen pro Achille Mbembe ist nun auf der senegalesischen Seite seneplus.com erschienen: "Sehr geehrte Frau Kanzlerin, sehr geehrter Herr Präsident, wir  Intellektuellen, Denker, Künstler, Schrifsteller und Künstler Afrikas verurteilen mit allem Nachdruck die falschen Beschuldigungen des Antisemitismus gegen Professor Achille Mbembe, die von Grüppchen der extremen und der konservativen und fremdenfeindlichen Rechten in Deutschland vorgebracht wurden."

Spiegel-Autor Tobias Rapp wendet sich gegen die Behauptung, die Einzigartigkeit des Holocaust sei so etwas wie eine deutsche Marotte der Vergangenheitsbewältigung: "Nichts an dieser These ist deutsch. Menschen aus Deutschland, Großbritannien, den USA, Polen, Frankreich, Israel und allen möglichen anderen Ecken der Welt haben versucht zu verstehen, wie die industrielle Ermordung der europäischen Juden möglich werden konnte. Das macht andere Verbrechen nicht kleiner. Aber wer, wie viele deutsche Verteidiger Mbembes, das wegwischt und dieses Nachdenken zu einer Art deutschem Provinzphänomen erklärt, zeigt erstaunliche Unkenntnis."

Die BDS-Bewegung besteht selbst im wesentlichen darin, Auftritte von Forschern und Künstlern zu boykottieren, weil sie Israelis sind - damit soll gegen die israelische Politik in besetzten Gebieten protestiert werden. Die Bewegung übt auch großen Druck auf KünstlerInnen aus, nicht in Israel aufzutreten. Achille Mbembe, der selbst aktiv für den Boykott israelischer Forscher eintrat (unser Resümee), ist attackiert worden, weil er eine Keynote bei der Ruhrtriennale über sein Thema "Versöhnung" hallten sollte. Sein Auftritt fiel auch Beschlüssen der deutschen Politik zum Opfer, der BDS-Bewegung keinen Raum zu geben. Fatal für die Meinungsfreiheit, meint Daniel Bax in der taz: "Die BDS-Beschlüsse haben Folgen. Jede Akademie und jedes Festival, jedes Theater, jede Universität und jeder kleine Verein, der öffentliche Gelder erhält, muss nun im Zweifel nachweisen können, keinen Israelboykott zu unterstützen. Verantwortliche müssen schon im Vorfeld jeder Veranstaltung hre Gäste überprüfen, um kein Risiko einzugehen. Unterlassen sie es, droht ihnen das, was der Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp widerfahren ist: Weil sie nicht alle Schriften und Äußerungen von Achille Mbembe kannte, bevor sie ihn einlud, heißt es nun, sie sei vertrauensselig und naiv gewesen. Das schüchtert ein." Israelische Künstler und Forscher werden es nachvollziehen können.

David Ranan sieht es bei Dlf Kultur ähnlich wie Bax: "Wieso kann in einem Land, in dem die Meinungsfreiheit im Grundgesetz verankert ist, ein preisgekrönter Intellektueller wie der Ruhrtriennalen-Referent mundtot gemacht werden? Der Mechanismus dahinter heißt: 'Antisemitismusbeschuldigung'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.05.2020 - Ideen

Wie immer bei akademischen Debatten steht auch im Hintergrund der Mbembe-Debatte ein Streit um Stellen, Forschungsgelder und Einfluss, schreibt im Tagesspiegel der Soziologe Natan Sznaider aus Tel Aviv. Dabei seien sich Postkolonialismus und Zionismus ähnlicher als man glauben möge, denn "beide entsprangen aus der Kritik des Universalismus und der Aufklärung. Beide zogen Konsequenzen aus dem Scheitern der Aufklärung, beide sind partikulare politische Ideologien, die sich universal geben müssen, um gehört zu werden. Beide sind Bewegungen, die sich gegen eine 'weiße' Mehrheit stemmten. Auch der Zionismus war eine post-kolonialistische Bewegung, die Konsequenzen aus dem Scheitern der Aufklärung für die Juden in Europa zog. Aber es war vielleicht die politisch erfolgreichste politische post-kolonialistische Bewegung."

Nachzutragen ist der Hinweis auf Interventionen des FAZ-Herausgebers Jürgen Kaube und Aleida Assmanns im NDR, die beide erwartbarer Weise bei ihren Positionen bleiben. "Worum ging es in dieser Debatte? Achille Mbembes Behauptung, er habe nichts mit BDS zu schaffen, ist unwahr", schreibt Kaube. Aleida Assmann erhofft sich hingegen von Mbembe einen neuen Blick auf den Holocaust: "Dafür brauchen wir einen Antisemitismusbegriff, der uns nicht trennt, sondern zusammenführt und stärkt im entschlossenen Kampf gegen Judenhass, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie."

Home-Office ist die Zukunft der Arbeitswelt. Und damit einhergehen muss ein "Führen auf Distanz", meinen der Zukunftsforscher Daniel Dettling und sein Bruder Thomas J. Dettling in der NZZ. Sie sehen die schöne neue Arbeitswelt schon vor sich: "Leadership bedeutet Loslassen. In der Arbeitswelt von morgen geht es um mehr Selbständigkeit, um unternehmerisches Mitgestalten und um die Entfaltung aller Potenziale. Mitarbeitern maximale Freiräume zu geben sowie sie Neues in vernetzten und agilen Teams erproben und selbstbestimmt erfahren zu lassen, hat etwas mit 'los-lassen' zu tun. Das Grundprinzip der Digitalisierung ist Vernetzung. Unternehmen werden zu vernetzten Teams. In Communitys wird Plattform-basiert gelernt, Wissen geteilt, neu vernetzt und direkt angewendet. Mitarbeiter und Unternehmen werden so adaptiver."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.05.2020 - Ideen

ZeitOnline bringt den Aufruf, in dem eine Tausendschaft von Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlern von Thomas Piketty bis Elizabeth Anderson einen Umbau der Arbeitswelt fordert. Denn Corona habe nicht nur gezeigt, dass PflegerInnen oder VekäuferInnen systemrelevant sind, sondern auch, dass all die Angestellten im HomeOffice ganz ohne Kontrolle und Überwachung ihre Arbeit tun: "Wenn man sich ernsthaft fragt, wie die Unternehmen und die Gesellschaft als Ganzes diese Beiträge ihrer Mitarbeitenden in Krisenzeiten anerkennen könnten, ist die Antwort: durch Demokratisierung. Gewiss, wir müssen die Kluft der Einkommensungleichheit schließen und die Mindestlöhne erhöhen - aber das allein reicht nicht aus. Nach den beiden Weltkriegen war der unbestreitbare Beitrag der Frauen zur Gesellschaft ein wichtiger Faktor dafür, ihnen das Wahlrecht zuzugestehen. Jetzt ist es aus den gleichen Gründen an der Zeit, den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern Stimmrechte in den Firmen zu verleihen."

Der italienische Philosoph Roberto Esposito zeigt in der NZZ auf, wie sich in Coronazeiten Biopolitik artikuliert, wie sich zum Beispiel Politik medikalisiert und Medizin politisiert: "Einerseits ist da die Politik, die vor einem nunmehr blassen ideologischen Hintergrund die eigene schützende Rolle angesichts realer oder imaginierter Gefahren hervorhebt und dabei Ängste verfolgt, die sie selbst erzeugt. Andererseits ist da die medizinische Praxis, die der Wissenschaftsfreiheit zum Trotz die Rahmenbedingungen ihrer Tätigkeit nicht ausblenden kann. Gemeint sind beispielsweise die wirtschaftlichen oder politischen Folgen der von Wissenschaftern empfohlenen Maßnahmen. Dies erklärt in gewisser Weise auch die verblüffende Uneinigkeit der bedeutendsten Virologen bezüglich der Natur und des möglichen Verlaufs der Coronavirus-Epidemie."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2020 - Ideen

Nachgereicht um 10.45 Uhr: Seit der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, die Einladung Achille Mbembes zur Eröffnung der Ruhrtriennale kritisiert hat, tobt ein Streit darüber, ob Mbembes Haltung zu Israel postkolonialistisch oder schlicht antisemitisch ist, weil er den BDS unterstützt. Mbembe sieht sich verleumdet und zensiert. Er selbst hat allerdings 2018 mit dafür gesorgt, dass die israelische Psychologin Shifra Sagy von einer Konferenz in Stellenbosch, Südafrika ausgebootet wurde, weil sie Israelin ist, wie Sagy im Interview mit der Welt erzählt: "Unser Projekt, das wir in Südafrika vorstellen wollten, heißt 'Empathie gegenüber dem Anderen'. Ich bin 74, habe ein Zentrum für Konfliktforschung gegründet und arbeite seit sehr vielen Jahren zusammen mit palästinensischen Kollegen für Frieden und Versöhnung. Eine Voraussetzung dafür ist, den Anderen und seine Sichtweise zu akzeptieren. Wenn die BDS-Leute sich tatsächlich für die Rechte der Palästinenser einsetzen, wie sie behaupten, sind wir das falsche Ziel. Ich kämpfe den gleichen Kampf."

Mbembe hatte zusammen mit Sarah Nuttall angekündigt, die Konferenz in Stellenbosch zu boykottieren, falls Sagy dort auftreten würde, wie man in dieser gemeinsamen Erklärung von Mbembe und Nuttall lesen kann: "We let the organisers know this morning that we would have no option but to withdraw from the conference if a satisfactory agreement was not found between the Boycott, Divestment and Sanctions (BDS) movement and the Organising Committee."

---

Die Debatte um Achille Mbembe zeigt SZ-Redakteurin Sonja Zekri vor allem eins: Deutschland ist in seiner Betrachtungsweise des Holocaust in einer Zeit vor den Postkolonialismusstudien stecken geblieben. Heute sympathisiere der israelische Premier Netanjahu mit Rechten wie Victor Orban, weshalb Zekri eine proisraelische Einstellung für AfD-nah zu halten scheint. Aber vor allem sollte man vielleicht nicht mehr die "Singularität des Holocaust" betonen, da dies dazu führe, argumentiert Zekri mit Alaida Assmann, "die Schoah zu isolieren und als Erinnerung abzukapseln. Das macht sie letztlich steril. Die letzten Zeitzeugen sterben. Syrer, Iraker, Eritreer aber bringen andere Traumata mit. Wer ihre Empathie für den Holocaust wecken will, muss ihre Gewalterfahrungen ernstnehmen und in Beziehung zur Schoah setzen, sonst wird man sie verlieren."

"Achille Mbembe hat tatsächlich in unklarer Begrifflichkeit und unscharfer Moralisierung eine missliche, ja verheerende Opferkonkurrenz provoziert, und seine Verteidigerinnen haben darüber großzügig hinweggesehen, weil sie ihn als Opfer einer Hexenjagd, ja rassistischen Verfolgung sehen wollten", meint dagegen Claus Leggewie in der FR. Doch sollten sich alle Seiten mäßigen und nicht in einem Streit über Opferhierarchien versinken, der den eigentlichen Gegner aus dem Blick verliere: Wo sich eine "Logik der Extermination wieder abzeichnet - und das ist bei den völkischen Nationalisten heute der Fall -, kann man nach genauer Prüfung von einer Vorläuferschaft des Holocaust im Kolonialismus und seinen Nachwirkungen in heutigen Kontexten sprechen. Und am Ende in eine Gegnerschaft zum heutigen weißen Suprematismus einmünden, der bei aller Streitlust im linken und liberalen Lager, wo man gerne den Narzissmus der kleinsten Differenz feiert, doch den zweifelsfreien Hauptgegner darstellen sollte."

In der NZZ prangert Giorgio Agamben die Medizin in der Coronakrise als "neue Religion" an, die Philosophen wie ihn, die ihr widersprächen, bald auf den Scheiterhaufen bringen könnte: "Ich weiß nicht, ob die Scheiterhaufen wieder lodern werden und Bücher auf den Index kommen, doch sicher wird das Denken derer, die weiterhin nach der Wahrheit suchen und die vorherrschende Lüge verwerfen - wie es bereits vor unseren Augen geschieht -, ausgeschlossen und beschuldigt werden, Falschmeldungen zu verbreiten (Meldungen, nicht Gedanken, denn die Meldung ist wichtiger als die Realität!). Wie in allen realen oder vorgetäuschten Notsituationen werden wir wiederum erleben, wie unwissende Menschen Philosophen verleumden und wie Schurken versuchen, von dem Unglück zu profitieren, das sie selbst verursacht haben."

Es gibt keinen Gegensatz zwischen Geisteswissenschaften, Künsten und neuen Technologien, erklärt der Philosoph Tobias Rees in der NZZ. Voraussgesetzt, man sei nicht total strukturkonservativ. Auch auf sein Drängen hin gebe es heute "Philosophie- und Kunstteams bei Element AI, Facebook und Google wie auch in den AI-Labors am Massachusetts Institute of Technology und den Universitäten von Berkeley und Stanford. ... Was wir heute brauchen, ist ein innovatives Modell für einen Lehrbetrieb, der eine neue Art von Fachleuten hervorbringt. Wir brauchen Arbeitskräfte, die anders denken, die technische und naturwissenschaftliche Sachgebiete - von KI über Mikrobiom-Forschungen und synthetische Biologie bis zum Geo-Engineering und vielen anderen Disziplinen - als philosophische und künstlerische Praktiken verstehen, die den Menschen immer neu definieren. Wir brauchen eine Art neue Bauhaus-Bewegung, aber eine, die weit über die Architektur hinausgeht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.05.2020 - Ideen

Zeit-Autor Thomas Assheuer hat mit Interesse Achille Mbembes "Brief an die deutschen Leser" gelesen (unser Resümee), in dem der Philosoph auch über seine Erziehung bei den Dominikanern redet. Die hätten das Bild vom strafenden Gott der Hebräer, auf das Mbembe gern rekurriert, besonders intensiv gepflegt, so Assheuer: "Es wäre ein Fall tragischer Ironie, wenn der altkatholische Blick auf die Hebräische Bibel nun als intellektueller Re-Import durch die Postcolonial Studies zurückkehrte."

Die postkolonialen Studien haben als Ganzes ein Problem mit dem Antisemitismus, schreibt der marxistisch geprägte Philosoph Ingo Elbe in der taz unter Bezug auf Bücher von Gil Anidjar, Michael Rothberg, Santiago Slabodsky oder Abigail Bakan. Das Problem ist, dass Antisemitismus einfach als Spezialfall des Rassismus eingemeindet wird. "Um es vereinfacht zu sagen: Ein am Modell des europäischen Kolonialismus gebildeter Begriff von Rassismus und 'Othering' wird, ohne Rücksicht auf den zu erforschenden Gegenstand, als weltanschauliche Schablone verwendet. Das führt zunächst dazu, den Antisemitismus notorisch auf eine Ebene mit dem Rassismus gegenüber Schwarzen oder Arabern zu stellen.  Bei den Behauptungen, Juden seien im Antisemitismus als 'less than white' (Bakan) behandelt, als antizivilisatorische 'Barbaren' (Slabodsky) diskriminiert oder in Auschwitz gar als 'Muslime' ermordet worden (Anidjar), geht die Spezifik der modernen Judenfeindlichkeit verloren, die in den Juden ja gerade die Inkarnation von Hypermodernität, Abstraktheit und anonymen konflikthaften Dynamiken des Kapitalismus sieht."

Weiteres: In der NZZ plädiert der Philosoph und Neurobiologe Tobias Rees für eine Vernetzung von Technologie, Naturwissenschaften und Philosophie.