Aus dem Streit um Achille Mbembe wird ein
Streit um Felix Klein.
Die israelische Soziologin
Eva Illouz gehört zu den Akademikern, die eine
Absetzung Kleins, des Antisemitismus-Beauftragten der Bundesregierung, fordern (unser
Resümee). Hintergrund ist der Streit um Mbembe, dessen dezidiert
für Israelboykott eintretende Position (unser
Resümee) sie um der
Meinungsfreiheit willen im Gespräch mit Martin Eimermacher in der
Zeit verteidigt. "Wir nehmen die Frage, wer ein Antisemit ist und wer nicht, viel ernster, als es bisher der Fall war. Durch die Ausweitung des Antisemitismus-Begriffs
verharmlost man gefährliche Menschen, die Juden für Ungeziefer halten, indem man sie mit Menschen gleichsetzt, die
Menschenrechte verteidigen und glauben, Israel betreibe eine unmenschliche Politik. In Israel herrscht eine Atmosphäre der Einschüchterung, die jetzt exportiert wird. Die politischen Spaltungen Israels sind auf die jüdischen Gemeinden übertragen worden, die früher viel geeinter und solidarischer waren."
Wer
Achille Mbembe als
Antisemiten bezeichnet, hat seine Bücher nicht gelesen - Mbembe beschäftige sich
nicht mal mit Israel und habe auch nie einen
Aufruf des BDS unterschrieben, behauptet
Stefanie Carp, Intendantin der abgesagten Ruhrtriennale im
SZ-
Gespräch mit Egbert Tholl. Die ganze Aufregung kann sie beim besten Willen nicht verstehen, der
Kritik an Felix Klein schließt sie sich an: "Wenn man aus den wenigen Passagen, in denen er im Rahmen einer Argumentation über Segregationen in sich demokratisch wähnenden Gesellschaften die palästinensischen Wohngebiete in Israel beschreibt, einen Antisemitismus-Vorwurf konstruieren möchte, kann man das bei jedem Intellektuellen oder
Künstler aus dem globalen Süden machen, weil afrikanische und südamerikanische Intellektuelle den Westen und Israel anders wahrnehmen als wir Deutsche. (…) Es scheint in dieser beispiellosen und beschämenden
Diffamierungskampagne für einige Personen nur darum zu gehen, Recht zu haben."
Weiteres zur Debatte: Im
Freitag schlägt Daniel Bax vor, nicht nur über Felix Klein, sondern gleich auch über
sein Amt nachzudenken. Inzwischen kursiert aber auch ein offener Brief vieler jüdischer Organisationen, darunter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin,
pro Klein,
berichtet Frederik Schindler in der
Welt. "Bereits am Montag hatte sich
die Bundesregierung zur Kritik an Klein geäußert. Klein habe Mbembe nicht als Antisemiten bezeichnet, sondern darauf hingewiesen, 'dass das immer wieder benutzte Bild, Parallelen zwischen Israel und dem Apartheidsystem Südafrikas zu ziehen, sehr problematisch ist und
antisemitische Klischees bedient', sagte Seehofers Sprecher Steve Alter."
============ Reichlich abstrakt streiten sich in der Zeit
Jürgen Habermas und der Rechtstheoretiker
Klaus Günther über die Frage, ob
Lockerung vor "
Lebensschutz" gehen kann. Habermas ist sehr skeptisch und fragt: "Was kann in dieser Lage die geforderte '
Abwägung' des Lebensschutzes gegen schwerwiegende Eingriffe in andere Grundrechte heißen?" Günther gibt zu bedenken: Der Lebensschutz, von dem erst in unserer modernen Medizin realistisch die Rede sein könne, sei kein absoluter Wert, er stehe "unter dem
Vorbehalt des Möglichen; keine Gesellschaft kann alle ihre Ressourcen in das Gesundheitssystem stecken".
Initiiert von
Juliette Binoche und dem Astrophysiker
Aurelien Barrau haben etwa 200 Künstler und Wissenschaftler, darunter
Robert de Niro,
Cate Blanchett und
Wim Wenders in
Le Monde einen recht unspezifischen Aufruf
publiziert, in dem sie dazu auffordern, nach Corona nicht zum Status quo zurückzukehren, sondern das Konsumverhalten zu überdenken. Der Deutsche will zurück zur Normalität, der Franzose proklamiert die
Zeitenwende,
konstatiert die Historikerin
Ingrid Gilcher-
Holtey, die in der
FR weitere Stimmen von französischen Intellektuellen zusammengetragen hat.
In der
Berliner Zeitung wendet Petra Kohse ein: "Diejenigen, die sprechen, gehören trotzdem alle zu einer ähnlich gut ausgebildeten, bestimmt
gut verdienenden Schicht, die in vergleichsweise sicherer Umgebung lebt." Auch im
Tagesspiegel glaubt die Ökonomin
Renate Schubert weder an eine Deglobalisierung noch an ein verändertes Konsumverhalten nach Corona: "Zum einen sind lang andauernde Verhaltensänderungen nach Krisen eher selten. Menschen beispielsweise, deren Haus von einer Flut bedroht worden ist, ziehen mehrheitlich weder weg noch schließen sie eine Versicherung gegen Hochwasser ab. Darüber hinaus dürfte der Druck, Konsumgüter zu möglichst niedrigen Preisen kaufen zu können, nach der Krise sogar noch größer sein als zuvor."
Außerdem: Wir geraten keineswegs in die "
Barbarei",
erwidert Michael Coors, Professor für Theologische Ethik,
Giorgio Agamben (Unser
Resümee) in der
NZZ. Er verteidigt die Corona-Schutzmaßnahmen: "Dass wir uns in einem politischen Ausnahmezustand befinden, zeigt nur, dass die Regierung ihren Job macht: Sie schützt die Schwächsten in der Gesellschaft vor einer tödlichen Gefahr, die derzeit anders nicht abzuwehren ist."