9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.05.2020 - Ideen

Charlotte Wiedemann, taz-Reporterin und Autorin des Buchs "Der lange Abschied von der weißen Dominanz" verteidigt Achille Mbembes Sicht auf Israel und möchte ähnlich wie neulich Stefanie Carp (unser Resümee) den Blick auf Israel aus postkolonialer Perspektive neu definieren: "Es gibt gute Gründe, die Schoah wegen des Ausmaßes und des Charakters der Vernichtung als einzigartig zu betrachten. Aber die Singularität taugt nicht als Waffe, um anders gelagerten Schmerz in die zweite Reihe zu verweisen - und schon gar nicht darf sie Waffe in der Hand von Deutschen sein. Warum fällt es so schwer zu dulden, dass Menschen, die nicht unsere Tätergeschichte teilen, einen anderen Blick auf Israel haben? Für die Nachfahren von Kolonisierten, die seit Jahren ein deutsches Mahnmal für koloniales Unrecht fordern, ist es ein weißes Privileg, ausschließlich des Holocausts zu gedenken."

Es ist gerade Mbembes Ideal der Versöhnung, das Mbembes Verhältnis zu Israel so heikel macht, schreibt in geschichtedergegenwart.ch Caspar Battegay, Autor des Buchs "Geschichte der Möglichkeit - Utopie, Diaspora und die 'jüdische Frage'", der sich mit Mbembes "Kritik der schwarzen Vernunft" auseinandergesetzt hat. Mbembe sehe in "divergierenden Identitäten auch Hindernisse auf dem Weg zu der gemeinsamen Welt". Minderheiten, so Mbembe, sollten ihren Anteil am Menschlichen nicht durch die Proklamation der Differenz wieder gewinnen wollen. Battegay dazu: "So ehrbar dieses Ideal auch erscheinen mag, so problematisch ist es. Denn der Idealismus immunisiert gleichsam gegen jegliche Kritik. Mbembes Argumente können in seiner Perspektive keinerlei Antisemitismus enthalten, denn sie sind ja auf das Ideal der allgemeinen Versöhnung ausgerichtet. Konsequent blendet eine solche Sicht aber diejenigen aus, die im Alltag an pragmatischen und lebenswerten Alternativen arbeiten. Das Markieren von Differenzen und konfrontative Auseinandersetzungen gehören zu diesem Alltag."

In der Coronakrise funktioniert der Föderalismus besser als der Zentralismus, meint der Oxford-Historiker Oliver Zimmer im Interview mit der NZZ. Nur in Schweden ist noch mal alles anders, weil hier nicht nur die Bürger dem Staat vertrauen, sondern auch der Staat den Bürgern: "Jedenfalls scheint dieses Modell besser zu funktionieren als jenes, in dem die Bürger den Staat als das Andere ihrer selbst wahrnehmen, als mächtige, quasi-absolutistische Instanz, der man charismatische Fähigkeiten zuschreibt."

Identitätsdenken ist überall! Thomas Thiel bespricht in der FAZ Ulrike Ackermanns neues Buch "Das Schweigen der Mitte" über die Polarisierung der Debatte: "Ulrike Ackermann beobachtet ein identitäres Gruppendenken, das rechts unter völkischem Label und links als Opferkollektiv in Erscheinung trete - jeweils unter Ausschluss individueller Freiheit. Besonders ausgeprägt sei diese Tendenz an den Universitäten, wie zahlreiche Veranstaltungen der jüngeren Vergangenheit belegten, die im Krawall endeten. Statt einer Vielfalt der Positionen und Argumente, wie sie für die Wissenschaft wesentlich ist, erlebe man hier willkürliche Ausschließung von Gegenpositionen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.05.2020 - Ideen

Achille Mbembe schickt der taz einen sehr milden, versöhnenden "Brief an die Deutschen", in dem er zwar auf das Thema Israel eingeht, aber nicht direkt auf die Kritik an seinen Äußerungen (eine Entschuldigung verlangt er aber nach wie vor). Er versucht eher, sein Denken zu erklären, dass der Essenzialisierung von Identitäten und Differenzen zu entkommen suche. Gelernt habe er das, als er nach dem Vergleich der Erfahrungen der Apartheid und des Rassismus in Amerika verstanden habe, dass sie zu unterschiedlich seien, um daraus eine Philosophie der "Blackness" zu entwickeln: "Unter diesen Umständen ist es geboten, die Suche nach der Möglichkeit einer mit der Gesamtheit des Lebenden solidarischen Menschheit mit neuem Schwung aufzunehmen. Ich versuche, diese Rückkehr zur Idee einer 'Menschenrasse' mit der Idee des Lebenden insgesamt zu verknüpfen, mit der Integration der unteilbaren Biosphäre. Dies ist der Sinn der Kritik von Feindseligkeit in 'Politiques de l'inimitié' und anderen jüngeren Texten."

377 internationale Künstler und Professoren erklären, nicht mehr in deutsche universitäre Kommissionen eintreten zu wollen, falls dort BDS-nahe Künstler oder Wissenschaftler nicht erwünscht sind, melden die Ruhrbarone. Im Text der Erklärung heißt es: "Die Unterzeichner verpflichten sich, nicht in Jurys, Preiskomitees oder universitäre Einstellungsausschüsse in Deutschland einzutreten, wenn es 'klare Indikatoren gibt, dass ihre Entscheidungen ideologischer oder politischer Einflussnahme oder Lackmustests unterworfen" wird." Zu den Unterzeichnern gehört auch Achille Mbembe, neben vielen der üblichen Verdächtigen wie Judith Butler, Etienne Balibar, Noam Chomsky. Der volle Text findet sich hier.

Ähnlich wie gestern der mazedonische Schriftsteller Nikola Madzirov (unser Resümee) ist auch Daniel Barenboim der Ansicht, dass Erinnerung nicht bedeuten darf, sich zum Sklaven der Vergangenheit zu machen: "Mit dem Erinnern muss ein zusätzlicher konstruktiver Aspekt verbunden sein, es muss ein aktives Erinnern stattfinden", schreibt er in der FAZ. "Übertragen auf die Erinnerung an den Holocaust, bedeutet dies, dass der Erwerb von Wissen durch das Verstehen seines eigentlichen Wesens es uns ermöglicht, nicht Sklave einer Erinnerung zu sein, die wir nicht vergessen dürfen. Andernfalls wird es eine Rechtfertigung für undemokratische und militaristische Tendenzen bieten, welche Gegenwart und Zukunft sowohl der israelischen als auch der palästinensischen Gesellschaft ernsthaft gefährden."

Im Guardian findet Kenan Malik die Vorstellung, die geplagte Natur schlage zurück mit dem Coronavirus, ziemlich albern, um nicht zu sagen boshaft angesichts der vielen Toten. "Die Romantisierung des 'Natürlichen' ist, so der Religionswissenschaftler Alan Levinovitz, im Privileg verwurzelt. Nur wer einen Lebensstil genießt, der ausreichend vor den Verwüstungen der Natur geschützt ist, hat die Lizenz, sie zu romantisieren. In Ländern mit robusten Gesundheitssystemen haben die Menschen die Wahl, sich für eine natürliche Geburt oder alternative Medizin zu entscheiden oder Impfstoffe abzulehnen. In vielen Teilen der Welt, in denen die 'natürliche' Geburt für Frauen ein Zwang und keine Wahl ist, ist sowohl die Mütter- als auch die Säuglingssterblichkeitsrate erschreckend hoch. Es ist die Armut, die so viele im globalen Süden dazu verurteilt, sich auf die traditionelle Medizin zu verlassen oder ohne Impfstoffe zu leben."

Außerdem: In der FR denkt der Philosoph Otfried Höffe über das Menschen- und Naturbild des Trans- und des Posthumanismus nach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.05.2020 - Ideen

Achille Mbembe hat schon am Freitag in einem zweiten Text auf die Debatte reagiert, die in Deutschland um seine Äußerungen zu Israel und seine Unterstützung der Israel-Boykottbewebung BDS entstanden ist. In dem kamerunischen Magazin cameplus.com attackiert er den FDP-Politiker Lorenz Deutsch, der seine Einladung als Keynote-Sprecher der Ruhrtriennale zuerst in einem offenen Brief kritisiert hatte. Ein typisches Manöver eines Rassisten, so Mbembe: "Unser Politiker wollte nicht sagen, dass er keinen Neger auf dem Festival haben will. Er konnte nicht sagen, dass er sich mir entgegenstellte, weil ich antikoloniale Thesen vertrete. Oder weil ich für die Rückgabe afrikanischer Kunstobjekte eingetreten bin. Oder weil ich die europäische Behandlung der Migranten und Asylsuchenden kritisiere. Da ist ihm eine diabolische Idee gekommen. Ein antisemitischer Neger, so schlage ich zwei Fliegen mit einer Klappe." Zur Kritik des Antisemitismusbeauftragen Felix Klein schreibt er: "Da sich Klein im Namen seines Amtes in der Bundesregierung geäuißert hat, schuldet er mir eine öffentliche Bitte um Entschuldigung, und ich werde sie bis zum letzten Atemzug von ihm verlangen."

FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube greift diesen Text in der FAS auf, attackiert die universitären Unterstützer Mbembes, die in zwei Petitionen Mbembe verteidigten und die Entlassung von Klein forderten (und hier besonders Aleida Assmann). Und er will Mbembes Distanzierungen von BDS nicht glauben: "Merkwürdig genug ist, dass Mbembe vor diesem Hintergrund bestreitet, in Verbindung zur BDS-Kampagne zu stehen. 'Die Wahrheit ist', sagte Mbembe dem Deutschlandfunk, 'dass ich keinerlei Beziehung zum BDS habe.' Das ist gelogen. Einnahmen aus jenem Sammelband, dem er das Vorwort zugunsten der globalen Isolation Israels schrieb, gingen an eine der Gründungorganisationen des BDS. 2015 unterschrieb er eine Petition südafrikanischer Forscher, die dazu aufrief, von Israel finanzierte wissenschaftliche Konferenzen zu boykottieren." Alle unseren Resümees der Debatte um Mbembe finden Sie hier.

In der taz antwortet der Wiener Politologe Stephan Grigat, Vordenker der "Antideutschen", auf eine Verteidigung Mbembes von Amos Goldberg und Alon Confino (unser Resümee): "'Die Palästinenser' existieren bei Goldberg und Confino, ganz wie bei Mbembe, nur als passive Opfer. Kein Wort von den mannigfachen Zurückweisungen der diversen Teilungspläne in den letzten hundert Jahren, kein Wort über die arabischen Angriffskriege, kein Wort über die antijüdische Dauerpropaganda. Der Antisemitismus auf Seiten der Palästinenser wird als berechtigte Wut rationalisiert."

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Es heißt immer, wer die Geschichte nicht kennt, sei verdammt, sie zu wiederholen. Aber auch Geschichte und Erinnerungen können eine Zukunft unmöglich machen, schreibt in der NZZ der mazedonische Schriftsteller Nikola Madzirov: "Lange Zeit wurde in die Geschichte investiert, in die dominante Form der kollektiven Erinnerung, so lange, bis diese sich in eine gemeinsame Wahrheit verwandelte, die nach keinen neuen Erinnerungen und Zweifeln sucht, weil jedes Absolute ausschließlich wegen seiner Verehrung erschaffen wird und nicht wegen einer Erinnerung. Es wird das Bild entworfen, dass wir im Balkan ohne Erinnerungen keine Zukunft haben, doch solch eine Zukunft wird schon zu einem historischen Problem, noch bevor sie zur Gegenwart geworden ist. Hier haben die Heiligen und Diktatoren kein Gedächtnis, sondern bewohnen für lange Zeit unseren Verstand und unsere Herzen als Erinnerungen an immerwährende Unsicherheit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2020 - Ideen

Der Historiker Thomas Weber ("Wie Adolf Hitler zum Nazi wurde") hat einen Artikel des damals 35-jährigen Achille Mbembe aus einer Kameruner Zeitung ausgegraben, den der später berühmte Philosoph 1992 unter dem Titel "Israel, die Juden und wir" veröffentlichte. Es ist ein durchaus differenzierter und lesenswerter Artikel, so Weber, aber einer, der dann eben doch auf die fatale Tendenz hinausläuft, dass Mbembe "Antisemitismus, Holocaust, israelische Politik und imperiale und postkoloniale Verbrechen als wesensgleich" ansieht. Und Weber zitiert aus Mbembes Text: "In dem Maße, wie die magische Illusion der 'Befreiung' sich auflöst, versinkt Israel wie die gesamte Postkolonie in der Wiederholung: Wiederholung des Verbrechens, Wiederholung der Käuflichkeit, Wiederholung der verlogenen Versprechen, Wiederholung der Dummheit und des Falschen, Wiederholung des Rechts zur Ungerechtigkeit und zur Untat, Wiederholung der schändlichen Arbeit, die darin besteht, den Platz der Mörder einzunehmen und das dumme Leben derer zu reproduzieren, die, gestern Opfer, heute Verfolger, sich jenem schwachsinnigen Spiel hingeben, das Vergewaltigung, Raub, Kolonisierung und Schutzgelderpressung heißt." Israel, so Weber, ist nicht nur kein nebensächliches Thema bei Mbembe, wie Stefanie Carp sagte (unsere Resümees), sondern liegt am Ursprung seiner Philosophie.

In der Berliner Zeitung resümiert Harry Nutt den jüngsten Stand der Mbembe-Debatte und fragt: "Wäre es an dieser Stelle der verfahrenen Diskussion nicht angebracht, aus den intellektuellen Schützengräben herauszukommen?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.05.2020 - Ideen

Stefanie Carp, die Leiterin der Ruhrtriennale, wo Achille Mbembe die Eröffnungsrede halten sollte (unsere Resümees) veröffentlicht auf Nachtkritik eine sehr persönliche und ausführliche Verteidigung Mbembes. Begeistert ist sie vor allem von seiner Argumentation, dass der heutige Kapitalismus den Kolonialismus gewissermaßen als Grundstruktur verinnerlicht habe und und dass ihm die Praxis des im Kolonialismus erprobten Ausgrenzens eingeschrieben sei. Israels Grenzmauer zu Gaza wird so zum Sinnbild eines globalen Unrechts. Carp kritisiert dann die Artikel der Mbembe-Kritiker, allerdings ohne sie namhaft zu machen. Am Ende plädiert sie dafür, dass auch der Westen im Licht der kolonialen Erfahrungen in südlichen Ländern sein Verhältnis zu Israel neu definiert: "Wir Deutschen nehmen Israel als Staat der Opfer wahr, der gegründet wurde, um den von uns Verfolgten Schutz zu gewähren. Für Menschen aus dem globalen Süden ist Israel ein Staat des Westens. Dürfen wir Menschen mit kolonialen Erfahrungen und Wahrnehmungen aus anderen Teilen der Welt Antisemitismus vorwerfen, wenn sie Israels Regierung kritisieren? Dürfen wir dann Künstler*innen und Intellektuelle aus arabischen Ländern insgesamt nicht mehr nach Deutschland einladen?" Carp protestiert auch gegen die Vorgabe des Landes NRW, BDS-Anhänger zu meiden: "Ich staune, dass ich Naomi Klein nicht nur nicht einladen, sondern noch nicht einmal zitieren darf."

Marko Martin liest für libmod.de das Buch "Das Reich des kleineren Übels - Über die liberale Gesellschaft" des französischen Philosophen Jean-Claude Michèa, der sich gewissermaßen nur zähneknirschend zum Liberalismus bekennt, weil er nach langem Suchen keine besseren Alternativen fand. In einigen Punkten sei das Buch ein Augenöffner, denn "dies ist ja ein realistisches Menetekel: Wenn die liberale Demokratie die Churchillsche Weisheit vergisst, dass sie 'die schlechteste Regierungsform ist - abgesehen von allen anderen Formen', dann erstarrt sie in Selbstgerechtigkeit und läuft Gefahr, 'nach und nach sämtliche Merkmale ihres Erzfeindes' - der totalitären Ideologie - 'zu übernehmen und sich künftig als schöne neue Welt verehren zu lassen.' Um Michéas These zusammenzufassen: das Unbehagen an ihr ist das konstitutive Merkmal einer liberalen Ordnung. Freilich neigt sie dazu, auf dieses Reflexionsniveau allzu selbstgerecht zu verweisen." Zum Trost las Martin dann noch Judith Shklars Essay "Der Liberalismus der Furcht".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.05.2020 - Ideen

Aus dem Streit um Achille Mbembe wird ein Streit um Felix Klein.

Die israelische Soziologin Eva Illouz gehört zu den Akademikern, die eine Absetzung Kleins, des Antisemitismus-Beauftragten der Bundesregierung, fordern (unser Resümee). Hintergrund ist der Streit um Mbembe, dessen dezidiert für Israelboykott eintretende Position (unser Resümee) sie um der Meinungsfreiheit willen im Gespräch mit Martin Eimermacher in der Zeit verteidigt. "Wir nehmen die Frage, wer ein Antisemit ist und wer nicht, viel ernster, als es bisher der Fall war. Durch die Ausweitung des Antisemitismus-Begriffs verharmlost man gefährliche Menschen, die Juden für Ungeziefer halten, indem man sie mit Menschen gleichsetzt, die Menschenrechte verteidigen und glauben, Israel betreibe eine unmenschliche Politik. In Israel herrscht eine Atmosphäre der Einschüchterung, die jetzt exportiert wird. Die politischen Spaltungen Israels sind auf die jüdischen Gemeinden übertragen worden, die früher viel geeinter und solidarischer waren."

Wer Achille Mbembe als Antisemiten bezeichnet, hat seine Bücher nicht gelesen - Mbembe beschäftige sich nicht mal mit Israel und habe auch nie einen Aufruf des BDS unterschrieben, behauptet Stefanie Carp, Intendantin der abgesagten Ruhrtriennale im SZ-Gespräch mit Egbert Tholl. Die ganze Aufregung kann sie beim besten Willen nicht verstehen, der Kritik an Felix Klein schließt sie sich an: "Wenn man aus den wenigen Passagen, in denen er im Rahmen einer Argumentation über Segregationen in sich demokratisch wähnenden Gesellschaften die palästinensischen Wohngebiete in Israel beschreibt, einen Antisemitismus-Vorwurf konstruieren möchte, kann man das bei jedem Intellektuellen oder Künstler aus dem globalen Süden machen, weil afrikanische und südamerikanische Intellektuelle den Westen und Israel anders wahrnehmen als wir Deutsche. (…) Es scheint in dieser beispiellosen und beschämenden Diffamierungskampagne für einige Personen nur darum zu gehen, Recht zu haben."

Weiteres zur Debatte: Im Freitag schlägt Daniel Bax vor, nicht nur über Felix Klein, sondern gleich auch über sein Amt nachzudenken. Inzwischen kursiert aber auch ein offener Brief vieler jüdischer Organisationen, darunter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, pro Klein, berichtet Frederik Schindler in der Welt. "Bereits am Montag hatte sich die Bundesregierung zur Kritik an Klein geäußert. Klein habe Mbembe nicht als Antisemiten bezeichnet, sondern darauf hingewiesen, 'dass das immer wieder benutzte Bild, Parallelen zwischen Israel und dem Apartheidsystem Südafrikas zu ziehen, sehr problematisch ist und antisemitische Klischees bedient', sagte Seehofers Sprecher Steve Alter."

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Reichlich abstrakt streiten sich in der Zeit Jürgen Habermas und der Rechtstheoretiker Klaus Günther über die Frage, ob Lockerung vor "Lebensschutz" gehen kann. Habermas ist sehr skeptisch und fragt: "Was kann in dieser Lage die geforderte 'Abwägung' des Lebensschutzes gegen schwerwiegende Eingriffe in andere Grundrechte heißen?" Günther gibt zu bedenken: Der Lebensschutz, von dem erst in unserer modernen Medizin realistisch die Rede sein könne, sei kein absoluter Wert, er stehe "unter dem Vorbehalt des Möglichen; keine Gesellschaft kann alle ihre Ressourcen in das Gesundheitssystem stecken".

Initiiert von Juliette Binoche und dem Astrophysiker Aurelien Barrau haben etwa 200 Künstler und Wissenschaftler, darunter Robert de Niro, Cate Blanchett und Wim Wenders in Le Monde einen recht unspezifischen Aufruf publiziert, in dem sie dazu auffordern, nach Corona nicht zum Status quo zurückzukehren, sondern das Konsumverhalten zu überdenken. Der Deutsche will zurück zur Normalität, der Franzose proklamiert die Zeitenwende, konstatiert die Historikerin Ingrid Gilcher-Holtey, die in der FR weitere Stimmen von französischen Intellektuellen zusammengetragen hat.

In der Berliner Zeitung wendet Petra Kohse ein: "Diejenigen, die sprechen, gehören trotzdem alle zu einer ähnlich gut ausgebildeten, bestimmt gut verdienenden Schicht, die in vergleichsweise sicherer Umgebung lebt." Auch im Tagesspiegel glaubt die Ökonomin Renate Schubert weder an eine Deglobalisierung noch an ein verändertes Konsumverhalten nach Corona: "Zum einen sind lang andauernde Verhaltensänderungen nach Krisen eher selten. Menschen beispielsweise, deren Haus von einer Flut bedroht worden ist, ziehen mehrheitlich weder weg noch schließen sie eine Versicherung gegen Hochwasser ab. Darüber hinaus dürfte der Druck, Konsumgüter zu möglichst niedrigen Preisen kaufen zu können, nach der Krise sogar noch größer sein als zuvor."

Außerdem: Wir geraten keineswegs in die "Barbarei", erwidert Michael Coors, Professor für Theologische Ethik, Giorgio Agamben (Unser Resümee) in der NZZ. Er verteidigt die Corona-Schutzmaßnahmen: "Dass wir uns in einem politischen Ausnahmezustand befinden, zeigt nur, dass die Regierung ihren Job macht: Sie schützt die Schwächsten in der Gesellschaft vor einer tödlichen Gefahr, die derzeit anders nicht abzuwehren ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.05.2020 - Ideen

In der SZ staunt der Soziologe Stephan Lessenich, wie Politiker plötzlich mit der feministischen Vokabel "vulnerabel" - also verletztlich - operieren. Unter diesem Vorwand könnten ältere Menschen demnächst "kollektiv in die soziale Isolation verbannt werden, selbstverständlich nur zu ihrem Selbstschutz und der Einfachheit halber ab einem sozialadministrativ willkürlich festgelegten Lebensalter". Dass das zur Zeit niemand plant, ficht ihn nicht an, nur die Inkonsequenzen, die hier deutlich werden. Wenn Verletzlichkeit entscheidend ist, "müssten dann nicht eigentlich die Menschen in den Flüchtlingslagern an der europäischen Peripherie ganz vorne rangieren auf der sozialpolitischen Prioritätenskala?"

Achille Mbembe hat nicht nur für BDS-nahe Publikationen geschrieben, etwa im Jahr 2015 (unser Resümee), er hat im Jahr 2018 auch aktiv an der Ausschließung einer israelischen Forscherin von einer Konferenz mitgewirkt, indem er sein eigenes Fernbleiben androhte, schreibt Ben Cohen im Blog Mena-Watch: "Professorin Shifra Sagy - sie lehrt an der psychologischen Fakultät der Ben-Gurion-Universität (BGU) in Israel - wurde schließlich von der Konferenz an der Universität Stellenbosch ausgeladen, nachdem unter anderem Mbembe Druck auf die Organisatoren ausgeübt hatte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2020 - Ideen

In der NZZ guckt Niall Ferguson auf Zahlen, die schwer zu begreifen sind: Wegen des schlechten Zustands des öffentlichen Gesundheitswesens in den USA werde es wohl zu einer zweiten Welle von Corona-Infektionen kommen. Eine Rezession drohe, und gleichzeitig "brechen wir den Rekord für steigende Wertpapierkurse". Wie das sein kann? Ferguson weiß es auch nicht, aber er vermutet, dass die Finanzwelt einige Folgen von Corona noch nicht "eingepreist" hat: Zum Beispiel "die Auswirkungen, die die Pandemie auf die Nachfrage haben wird, wenn ältere Verbraucher die Einkaufscenter und alles andere samt Menschenansammlungen meiden, auch wenn die Sperrmaßnahmen beendet sein werden. Nicht eingepreist ist auch die politische Gegenreaktion, wenn die Leute sehen, wie große Unternehmen - insbesondere die Airlines - gerettet werden und die Kredite für kleine Betriebe ebenfalls an die großmächtigen Jungs gehen. Nicht eingepreist ist die psychische Depression, die folgen wird, wenn die Menschen in Amerika und in Britannien wieder zur Arbeit gehen, ohne dass es ausreichend zuverlässige Tests oder Möglichkeiten zur Nachverfolgung von Kontakten gibt, mit denen der Umfang der zweiten Welle zu begrenzen wäre."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.05.2020 - Ideen

Schwerpunkt Debatte um Achille Mbembe

Nun wird nochmal breit für Achille Mbembe mobilisiert.

Mbembe sei vor allem ein Theoretiker des "Negerdenkens", schreibt Dominic Johnson in der taz (der die Übersetzung von Mbembes Titel "Critique de la raison nègre" als "Kritik der schwarzen Vernunft" mutlos findet). "Neger" sei für Mbembe praktisch jeder, der nach einem universalisierten Kolonialismusmodell unterdrückt wird: "Die Vorwürfe gegen Israel stehen bei Mbembe nicht im Hauptwerk, sondern bloß in Streitschriften, die im Kontext der universitären Debatten Südafrikas entstanden. Denn der Apartheid-Vorwurf gegenüber dem israelischen Besatzungsregime ist in Südafrika und auch in Israel selbst gang und gäbe, und in beiden Ländern ist auch präsent, dass Israel und Apartheid-Südafrika einst militärisch zusammenarbeiteten und dass Israels radikale Siedlerbewegung das Homelandsystem bejubelte. Heute tritt Israel in Afrika vor allem als Elite-Militärausbilder sowie als Anbieter von Spitzentechnologie zu Kampf- und Überwachungszwecken auf: Hightech gegen den 'Neger'."

Zugleich zirkulieren zwei höchst prominent unterzeichnete Akademikerpetitionen, auf die die taz heute verweist. Im ersten Schreiben fordern israelische Universitätsleute (darunter Eva Illouz) eine Absetzung des Antisemitsmusbeauftragen der Bundesregierung, Felix Klein. Sie beklagen vor allem einen Missbrauch der Antisemitismusdefinition der "International Holocaust Remembrance Alliance" (IHRA). Hier werde Antisemitismus mit "Kritik und Aktivismus mit Bezug zu Israel vermengt, um Gegner der israelischen Politik zu diskreditieren und zum Schweigen zu bringen. Auch hier beobachten wir, dass Herr Klein in Synergie mit der israelischen Regierung arbeitet."

Im zweiten Schreiben verteidigen prominente Wissenschaftler, darunter die Assmanns, Micha Brumlik, Wolfgang Benz, wieder Eva Illouz, Andreas Eckert und Susan Neiman Mbembes Apartheid-Vergleiche: "Ohne die vergleichende Betrachtung wäre ein Erkenntnisgewinn in der Geschichtswissenschaft, wie in den meisten anderen Wissenschaftsdisziplinen, grundsätzlich nicht möglich. Unseren Kollegen dafür der Verharmlosung der Shoa oder gar Gleichsetzung des Genozids an den europäischen Jüdinnen und Juden mit dem rassistischen Regime Apartheid-Südafrikas zu bezichtigen, stellt eine fundamentale Grundlage der Wissenschaft in Frage und ist deshalb falsch." Und in der Berliner Zeitung verteidigt Aleida Assmann Mbembe nochmal extra und beklagt, dass die Einmütigkeit, die wir im Kampf gegen Antisemitismus so dringend brauchen, "gerade durch eine Debatte gestört (wird), die von dieser Aufgabe ablenkt, die Gemüter verwirrt und die falschen Gegner ins Visier nimmt".

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Niko Paech, Prophet der Degrowth-Bewegung und Professor für "plurale Ökonomik" in Siegen, entwickelt auch im Gespräch mit Axel Kannenberg neue Fantasien, wie die Bevölkerung sich zum Schutz der Natur einschränken kann. Ein Weg wäre etwa, das Internet abzuschalten: "Das wird nur graduell und temporär möglich sein, wäre aber die Nagelprobe. Das Internet beispielsweise jeden zweiten Tag abzuschalten oder den Zugang zumindest für Kinder und Jugendliche hart zu limitieren, wäre unumgänglich. Schulen, die vom technischen Fortschrittswahn befreit sind, damit Kinder endlich wieder lernen könnten, worauf es in einer überlebensfähigen Gesellschaft ankommt, statt digital zu verblöden, sind ebenfalls sinnvoll."

Wenn wir neue Lebensformen in den Blick nehmen, die weniger von Produktion und Kapitalismus geprägt sind, dann müssen wir "den ökologischen Niedergang wie ein Emanzipationsprojekt verstehen. Es sollte nicht auf Angst beruhen, wie wir uns helfen können", meint dagegen im Interview mit der FR die französische Philosophin Corine Pelluchon. "Es gibt ein Paradox, das Rousseau betont hat: Es gibt die Regeln eines Sozialvertrags zwischen den Menschen, aber wie kann das eigene Interesse des Menschen, wie kann das Individuum in das allgemeine Interesse integriert werden? Wie kann er einen Sinn für die Pflicht gewinnen? Denn die Demokratie beruht auf Zustimmung und nicht auf Zwang."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.05.2020 - Ideen

Sara Rukaj unternimmt in der FAZ einen Rehabilitationsversuch für die Soziologin Cornelia Koppetsch, deren Buch "Die Gesellschaft des Zorns" nach Plagiatsvorwürfen zuurückgezogen wurde. Inhaltlich, so Rukaj, wurde über das Buch dann gar nicht mehr diskutiert, außer dass der Jungle-World- und Konkret-Autor Tom Uhlig ihr Nähe zur AfD unterstellt habe. Aber Rukaj findet Diskutierenswertes bei Koppetsch: "Mit ihrem Konzept der theoriegeleiteten Empathie nimmt Cornelia Koppetsch den Rechtspopulismus als gesellschaftstheoretische Herausforderung ernst, was notwendig voraussetzt, AfD-Wähler nach den Gründen ihrer Entscheidung zu fragen, ohne schon ein Urteil über sie gefällt zu haben." Mit Empathie sei dabei keineswegs "emotionale Identifikation mit Ausländerhassern und Antisemiten" gemeint, "sondern die Suche nach gesellschaftlichen Ursachen, die solche Haltungen begünstigen". Der MDR-Medienkolumne "Altpapier" ist Rukajs Artikel sauer aufgestoßen.

In der taz antworten Amos Goldberg und Alon Confino in der Debatte um Achille Mbembe auf einen Text von Meron Mendel und Saba-Nur Cheema, die der postkolonialen Theorie eine Verabsolutierung der schwarzen Opferperspektive und Blindheit gegenüber über dem Antisemitismus vorwerfen (unser Resümee): "In ihrer Kritik fehlt die andere Seite der Gleichung - in der deutschen Debatte über Antisemitismus ist kein Platz für die kolonialen Aspekte Israels und des Zionismus ... Die Debatte, wie wichtig der Kolonialismus der Siedler für den Zionismus und Israel war, ist noch nicht abgeschlossen - das gilt besonders für die Zeit nach 1967. Wenn wir den Zionismus auch als eine koloniale Bewegung von Siedlern begreifen, leugnen wir damit nicht, dass er das legitime Ziel verfolgte, eine Heimat für das jüdische Volk zu schaffen. Und wir leugnen auch nicht das Existenzrecht Israels. Wer die USA, Kanada oder Australien als koloniale Siedlerstaaten beschreibt, stellte ja damit auch keineswegs deren Existenzrecht infrage."