Schwerpunkt Corona-Krise: Die Information und der Propagandakrieg Tun deutsche Zeitungen das eigentlich auch? Die
New York Times macht ihre Berichterstattung über die Corona-Krise
online frei zugänglich: "Wir bieten freien Zugang zu den wichtigsten Nachrichten und nützliche Hinweise zum Ausbruch des Coronavirus, um den Lesern das
Verständnis der Pandemie zu erleichtern." Auf
dieser Seite können sich Leser registrieren.
Bundeskanzlerin
Angela Merkel wandte sich in ihrer
gestrigen Ansprache noch an den Gemeinschaftssinn der Bürger, ließ aber durchblicken, dass auch härtere Maßnahmen wie eine Ausgangssperre möglich seien. Nicht nur in Ländern wie
China könnte die Notsituation dazu genutzt werden, dass die
Versammlungsfreiheit dauerhaft eingeschränkt bleibt, sagt der Soziologe
Richard Sennett im
Gespräch mit Christiane Peitz (
Tagesspiegel). Auch in den angelsächsischen Ländern könnten Maßnahmen wie mehr
Überwachung über die Krise hinaus ausgeweitet werden, befürchtet er: "Die Situation erinnert mich an
9/
11 und die Folgen. Auch da wurde das Versammlungsrecht in den USA eingeschränkt - und viele Beschränkungen wurden weit über die Zeit der unmittelbaren Gefahr hinaus aufrechterhalten. Das geht mir in diesen Tagen am meisten durch den Kopf: Wir müssen wachsam sein und jedem Versuch mit
Misstrauen begegnen, der die Maßnahmen zur Eindämmung der Krise nutzt, um
Machtpositionen auszubauen und zu verfestigen. Darin sehe ich die größte politische Gefahr von Corona. Der Ausnahmezustand darf nicht zur neuen Normalität werden."
China weist die Korrespondenten der
führenden amerikanischen Tageszeitungen aus - insgesamt 13 Journalisten (unser
Resümee). Für die Weltöffentlichkeit in Zeiten der Corona-Krise ist das fatal,
meint Fabian Kretschmer in der
taz: "Die großen amerikanischen Tageszeitungen zählen zu den wenigen Medien, die in China Büros mit ausreichend Journalisten für
investigative Recherchen unterhalten. Gerade in den nächsten Monaten wäre ihre kritische Berichterstattung unerlässlich gewesen, etwa wenn es um die Rolle der Behörden und der Regierung beim
Vertuschen des Virusausbruchs geht. Gleichzeitig nämlich startet China derzeit eine
massive Propagandakampagne - sowohl an seine Bevölkerung als auch international -, um seinen Kampf gegen das Virus einzig als eine heroische Heldengeschichte darzustellen."
In der
FAZ erzählt der in Deutschland lebende Student Miechell Yang (Name geändert), wie
chinesische Internetnutzer ein
Interview mit einer Ärztin aus Wuhan zirkulieren ließen, das die
Vertuschungspolitik der chinesischen Regierung dokumentiert - die chinesischen Behörden hatten es natürlich zensiert: "In Windeseile stellten chinesische Nutzer das Interview in
Sprachen und Verfremdungen von neuem ins Netz, um es so vor der Zensur zu retten. So tauchte es plötzlich nicht nur in den früher in ganz China gebräuchlichen Langzeichen auf, sondern auch in mehr als dreitausend Jahre alter Orakelknochenschrift sowie in den Umschriften aller möglichen chinesischen Dialekte auf. Es wurde ins Englische, Deutsche, Französische, Italienische, Japanische, Vietnamesische, Niederländische, Althebräische und sogar ins Klingonische übersetzt."
Mehr zu diesem Thema in
Buzzfeednews.com und
hier bei
quartz.com. Hier ein Link zur
englischen Übersetzung.
Staatliche und staatsnahe
russische Medien verbreiten
Desinformationen über die Corona-Krise,
berichtet Jennifer Rankin im
Guardian unter Bezug auf einen Geheimbericht der EU zum Thema: "Anstatt selbst Desinformationen zu erfinden, verstärkten russische Quellen Theorien, die
aus anderen Ländern wie China, dem Iran oder der extremen Rechten der USA stammten, so die Forscher. 'Mit dieser Taktik vermeiden sie den Vorwurf, selbst Desinformationen zu erstellen, und können stattdessen behaupten, dass sie lediglich über das berichten, was andere sagen', hieß es in dem Bericht." Auch
Reuters berichtet.
Plötzlich redet in
Italien niemand mehr von der "Rückeroberung der
nationalen Souveränität",
notiert der Philosoph
Maurizio Ferraris in seiner Turiner Wohnung: "Dieselben, die bis vor kurzem dazu aufgefordert haben, die Migranten aus dem Land zu werfen, beklagen sich nun darüber, dass die Italiener wie
Pestkranke behandelt werden. So ändern sich die Zeiten. In Wahrheit wollten die Souveränitätsapostel nicht die Souveränität, sondern bloß ihre (vermeintlichen) Privilegien sichern. Damit erweist sich der 'Sovranismo' (wie wir in Italien sagen) als das, was er eigentlich ist: Egoismus."
Weiteres: Viele
Migranten der älteren Generation sprechen
kaum Deutsch und können sich über die Maßnahmen gegen Corona in Deutschland kaum informieren, schreibt Cigdem Toprak in der
Welt: "Wie vernetzt sind wir Menschen aus den migrantischen Communitys mit den Behörden, mit den Medien und mit der
Mehrheitsgesellschaft? Diese Frage stellt sich mehr denn je in dieser Krise. Ich frage mich beispielsweise auch, ob die Behörden nicht nur Bars und Diskotheken im Blick haben, wenn sie Massenveranstaltungen absagen, sondern auch türkische, arabische und kurdische
Hochzeitsäle?" Im
FR-
Interview mit Katja Thorwarth hält der Weltärztepräsident
Frank Ulrich Montgomery nicht viel von Ausgangssperren: "Gibt's jetzt
Knöllchen von der Polizei fürs Spazierengehen? (...) Was wird denn in 30 Tagen so fundamental anders sein, dass man auf sie verzichten kann?"
=========== Der
amerikanische Rückzug aus Afghanistan ist mehr oder weniger eine Kapitulation. Die ersten Opfer werden
die Frauen sein,
meint taz-Redakteur Sven Hansen. Aber auch vorher sei die westliche Intervention nicht bereit gewesen, "für afghanische Frauen einen Konflikt mit Warlords in- und außerhalb der Regierung zu riskieren. Vielmehr wurden Frauenrrechte nur als 'nice to have', also als notfalls
zu opferndes Beiwerk behandelt. USA und Nato zogen in den Krieg, um den islamistischen Terrorismus zu bekämpfen - nicht für die postulierte Befreiung afghanischer Frauen von islamistischen Männern und archaischen und frauenverachtenden Traditionen." Mehr zum Rückzug aus Afghanistan in Richard Herzingers
jünster Intervention für den
Perlentaucher.