Spätaffäre - Archiv

Für Sinn und Verstand

95 Presseschau-Absätze - Seite 7 von 10

Spätaffäre vom 10.03.2014 - Für Sinn und Verstand

Im Men's Journal gibt es Testberichte der neuesten Jeeps, Tipps zum Muskelaufbau und zuweilen lange Reportagen aus einer versunken geglaubten Hemingway-Welt. Düster liest sich Damon Tabors lange Reportage über den wiederauflebenden Elfenbein-Schmuggel, für den Zehntausende Elefanten in Zentralafrika brutal niedergemetzelt werden. Der Run ist so groß, dass Naturschützer ein Aussterben der Art in der Region in zehn Jahren vorhersagen: "Die Nachfrage kommt laut einem einstimmigen Chor von Tierschützern aus Chinas boomendem Elfenbeinmarkt. (Ein wenig wird auch nach Thailand und in die USA geschmuggelt.) In Peking und anderen großen Städten hat die neu aufgestiegene Mittelschicht genug Einkommen, um Elfenbeinschnitzereien zu kaufen - ein Luxus, der einst den vermögendsten Schichten des Landes vorbehalten war. Auf Websites wie Alibaba.coom, der chinesischen Version von Ebay, läuft Elfenbein-Tand unter der Rubrik xiàngyá, das ist Mandarin für 'Elefantenzähne'. Kürzlich verkaufte Christie's eine Elfenbeinschale aus dem 18. Jahrhundert für 842.500 Dollar, zum 28-fachen des Schätzpreises, weil sich zwei chinesische Käufer ein Bietergefecht lieferten."

Etwas akademisch trocken, aber nicht uninteressant liest sich Giacomo Fronzis in Micromega publizierte Erinnerung an Bruno Maderna - den vor 41 Jahren viel zu jung verstorbenen Avantgarde-Komponisten, der mit anderen die elektronische Musik voran brachte: "Aus seinen Werken tönt uns die Raffinesse der Arbeit am klanglichen Material entgegen, vor allem auf Mikroebene, indem sie - musikalisch, technisch und poetisch - pulverfeine Mikrostrukturen hervorbrachten und organisierten. Maderna fragte in einem prekären Moment der Musikgeschichte, als die elektronische die akustische Seite der Musik in tödlicher Umarmung zu ersticken drohte, nach der musikalischen Rolle der verschiedenen Klangquellen. Sie erforschen darum die verschiedenen Dimensionen, in die sich das Klangmaterial öffnen kann und führen einen fruchtbaren Diealog zwischen dem Natürlichen und dem Synthetischen." Das mag ein bisshen abstrakt klingen, aber man versteht sofort,was gemeint ist, wenn man sich ein biscchen auf die Klangwirkungen der "Musica su due dimensioni" (1958) für Flöte und Elektronik einlässt.



Spätaffäre vom 07.03.2014 - Für Sinn und Verstand

Am vergangenen Sonntag ließ Sibylle Lewitscharoff in einer Rede ihrem Abscheu vor künstlicher Befruchtung freien Lauf (mehr hier). Im heute erschienenen SZ-Magazin berichtet die Embryologin Helena Angermaier, die das Verfahren der "Intrazytoplasmatischen Spermieninjektion" (ICSI) mitentwickelt und auf diesem Weg rund 10 000 Kinder gezeugt hat, in einem Interview mit dem Autor Andreas Bernard von ihrer Arbeit. Dabei bekennt Angermaier, dass sie die fehlende Langzeiterfahrung durchaus beunruhigt: "Ich bin ja kein Befruchtungsautomat, sondern ein Mensch mit Gedanken und Gefühlen, und ich frage mich immer noch oft: Was passiert eigentlich wirklich in der Eizelle, wenn ich in sie hineinsteche? Ich mische doch das ganze Zytoplasma durcheinander!" Trotzdem ist sie mit ihrer Lebensleistung im Reinen: "Tausende von Kindern im Labor zu zeugen ist mir einfach lieber, als ein einziges eigenes zu haben. Ich sage das zuweilen auch ganz offen: dass mir Kinder am sympathischsten vor dem fünften Lebenstag sind. Da kann ich sie in den Brutschrank stellen, und sie sind still. Wenn meine Patienten dann später mit ihren Neugeborenen in der Praxis vorbeischauen, freue ich mich natürlich schon, weil ich meinen beruflichen Erfolg in dem Moment ganz anschaulich vor mir sehe. Dann sage ich meinen Standardspruch: 'Dich habe ich schon als Vierzeller gekannt', und diese Tatsache wird ihre Faszination nie verlieren."

Im New York Times Magazine porträtiert Siddhartha Deb die indische Autorin und Aktivistin Arundhati Roy, die gerade an einem neuen Roman arbeitet, dem ersten seit "Der Gott der kleinen Dinge" (hier die Kritiken in FAZ und Zeit). Roy, die bei ihrer Mutter in Kerala aufwuchs, enttäuschte sehr früh die in sie gesetzten Erwartungen der konservativen christlich-syrischen Community, zu der ihre Mutter gehörte. Sie hatte mehr Umgang mit Dalits als mit ihren eigenen Leuten und verließ das College, das sie auf ein Leben als Sekretärin vorbereiten sollte, um in Delhi Architektur zu studieren. Auch hier fügte sie sich nicht ein: "Sie kämpfte, erzählt sie, mit Fragen, auf die ihre Professoren keine Antworten hatten: 'Was für eine Ästhetik habe ich? Für wen entwerfe ich? Und wenn man ein Haus entwirft, wie stellt man sich darin die Beziehung zwischen Mann und Frau vor? Es wurde einfach größer und größer. Wie sind Städte organisiert? Für wen sind Gesetze gemacht? Wer wird als Bürger angesehen? Am Ende floss das alles für mich in etwas sehr Politisches zusammen.' Roy weigerte sich, für ihr Abschlussprojekt ein Gebäude zu entwerfen. Statt dessen schrieb sie eine Thesis über 'Postkoloniale städtische Entwicklung in Delhi'."

Spätaffäre vom 06.03.2014 - Für Sinn und Verstand

Alexis C. Madrigal hat für eine großartige Geschichte in Atlantic (die ausgedruckt gut 30 Seiten umfasst) das gesamte Wasserversorgungssystem des Staates Kalifornien inspiziert. Dort herrscht bekanntlich seit Jahren große Trockenheit. Wo das Land nicht bewässert wird, wächst keine Pflanze mehr. Unter anderem besucht Madrigal das winzige Städtchen Hood, unweit des Sacramento-Deltas, wo der Gouverneur zwei gigantische unterirdische Wasserpipelines bauen will, die länger wären als der Tunnel unter dem Ärmelkanal. Die Einwohner sind begreiflicherweise ein bisschen skeptisch: "Das Delta, so fürchten sie, könnte austrocknen wie das Owens Valley, das einst einen Hundertquadratmeilen-See besaß: Aber Los Angeles schlürfte ihn aus wie ein kaltes Bier an einem heißen Tag. 'Chinatown' handelte von dieser Schlacht, und die Bewohner des Deltas möchten nicht durch eine Fortsetzung dieses Films unsterblich gemacht werden. Allerdings würde aus diesem Ort keine Staubschüssel wie aus dem Owens Valley, sondern eher eine Salzwassergegend. Nach Inbetriebnahme der Tunnel würde Süßwasser aus den Wasserwegen des Deltas verschwinden, und Salzwasser aus der Bucht von San Francisco würde nachdrängen."

Im Oxford American Magazine sucht der Reporter John Jeremiah Sullivan in einem epischen Text nach den Ursprüngen von Ska. Irgendwo am Anfang stand Franklin Delano Alexander Braithwaite, aka Junior Braithwaite, aka Bratty (1949-99), der 14jährige Sänger der Wailers, als Bob Marley noch im Hintergrund die ah-ah-ahs sang. Der am Tag, nachdem er den Song aufgenommen hatte, der die Wailers berühmt machen sollte, mit seiner Familie in die USA flog und zwanzig Jahre dort blieb, eine Familie gründete, als Krankenpfleger arbeitete. Bis Bunny Wailer ihn auftrieb und fragte, ob er bei einem Wiedervereinigungsprojekt der Wailers mitmachen wolle. Er sagte ja und flog auf die Insel zurück. Am nächsten Tag wurde er bei einer Schießerei von Dealern getötet." Die Legende von Junior Braithwaite will es, dass er ins Studio kam, einen einzigen Song sang - geschrieben von Bunny Wailer oder Wailers, wie sie ihn immer noch in Trench Town nennen -, einen Song mit dem Titel 'It Hurts to be Alone'. Und dass der Song so erstaunlich war, so herzzerreißend, dass er unsterblich wurde."

Spätaffäre vom 05.03.2014 - Für Sinn und Verstand

The Caravan veröffentlicht einen langen Auszug aus einem "buchlangen" Vorwort von Arundhati Roy von Bhimrao Ramji Ambedkars Essay "Annihilation of Caste", der darin 1937 die Abschaffung der Kasten gefordert hatte. Roy stellt zwei Personen einander gegenüber: Mahatma Gandhi, Brahmane von Geburt, der trotz bescheidenem Auftreten für den Erhalt eines Kastensystems eintrat und sich zum Beispiel als Anwalt in Indien vehement dafür einsetzte, dass die Inder von den Briten besser behandelt werden sollten als die Schwarzen. Und Ambedkar, Unberührbarer von Geburt, der die Verfassung Indiens mitschrieb und in "Annihilation of Caste" die zersetzende Wirkung des Kastensystems beschrieb: "'Annihilation of Caste' wird oft (sogar von Anhängern) als Ambedkars Utopia beschrieben - als unmöglicher, unausführbarer Traum. Er rolle einen Felsen die Klippen hinauf, sagen sie. Wie kann man von einer Gesellschaft, die so durchtränkt ist von Religion und Aberglauben, erwarten, dass sie sich einer solchen Attacke gegen ihre tiefsten Überzeugungen öffnet? Schließlich ist für Millionen von Hindus aller Kasten, Unberührbare eingeschlossen, der praktizierte Hinduismus eine Art zu leben, die alles durchdringt - Geburt, Tod, Krieg, Ehe; Essen, Musik, Dichtung, Tanz. Es ist ihre Kultur, ihre Identität. Wie kann man dem Hinduismus abschwören, nur weil das praktizierte Kastensystem in den grundlegenden Texten, die die meisten Menschen nicht mal gelesen haben, gebilligt wird? Ambedkars Gegenargument ist: wie kann man nicht abschwören? Wie kann eine solche institutionalisierte Ungerechtigkeit, selbst wenn sie von den Göttern festgelegt wurde, für irgendjemanden akzeptabel sein?"

Drogenhandel war gestern, berichtet Ralph Zapata Ruiz in Letras Libres: "Illegaler Bergbau ist in Peru mittlerweile die wichtigste gesetzeswidrige Tätigkeit. Damit werden etwa drei Milliarden Dollar Umsatz erzielt, 600 Millionen Steuern unterschlagen und um die 500 Tausend Menschen beschäftigt." Mit katastrophalen Folgen für die Umwelt: "50.000 Hektar ehemaliger Wald sind inzwischen verseuchtes, totes Land, vor allem in der Region Madre de Dios. (…) Für jedes dort gewonnene Kilo Gold werden 2,8 Kilo hochgiftiges Quecksilber  aufgewandt, die anschließend in die Flüsse und damit in die Nahrungsmittelkette gelangen. Vom Fischverzehr wird in diesem Gebiet mittlerweile abgeraten. Gekauft wird das Edelmetall von Großhändlern wie Oro Fino, Mega La Red und As Perú, die es auf eigene Kosten verfeinern und in die Schweiz weiterverkaufen, wo Uhren und Schmuck daraus hergestellt werden. Der peruanische Präsident Ollanta Humala sieht sein Land derweil auf dem Weg, einer der wichtigsten Bergbauproduzenten der Welt zu werden."

Spätaffäre vom 04.03.2014 - Für Sinn und Verstand

Hat der Streamingdienst Netflix mit "House of Cards" wirklich eine Politserie geschaffen oder das erste Big-Data-Format, das die Präferenzen seiner Zuschauer genauestens einkalkuliert? Simon Rothöhler erklärt im Merkur mit allen akademischen Mitteln, warum die Qualitätsserien so gut zum Video-on-Demand taugen: "Die 'Sucht', von der Serienzuschauer in entsprechenden Fan-Foren immer sprechen, verweist auf Rezeptionsvorgänge, die oft wiederholt und deshalb angebotsseitig vergleichsweise präzise kalkuliert und kommodifiziert werden können. War zu Beginn des Stream-Zeitalters noch von der Ermächtigung des Zuschauers die Rede, der aus televisuellen Sendeschemata entlassen und selbst zum Programmierer wird, beziehungsweise von der Umstellung von push zu pull media, erscheint das flexible 'Ziehen' von Content heute eher als Intensivierung konsumptiver Berechenbarkeit."

Brennende Fragen wirft Nathaniel Rich im Magazin der New York Times auf. In Kalifornien besucht er das Revive & Restore Labor, in dem enthusiastisch daran gearbeitet wird, längst ausgestorbene Tierarten, wie die 1914 ausgerottete Wandertaube, mit verwandtem DNA-Material wiederzubeleben. Doch wozu Arten zurückholen, deren Lebensraum nicht mehr existiert? Was geschieht, wenn ein hundert Jahre altes Immunsystem auf neue Krankheiten trifft? Und schließlich ist die Wiederbelebung womöglich bloß eine prima Exitstrategie für all unsere drängenden ökologischen Probleme. Problematisch könnte auch sein, dass der Mensch sich mit dem Revival-Programm zum Schöpfer aufspielt: "Man hofft, ein Tier zu erschaffen, das in die gleiche ökologische Nische passt wie sein verstorbenes Pendant, tut es das nicht, dann ab zurück in die Petrischale… Was macht es, ob die Wandertaube 2.0 eine echte Wandertaube ist? Wenn der neue, synthetisch geschaffene Vogel das Ökosystem eines Waldes bereichert, werden höchstens Konservatoren nörgeln, (die nämlich um ihren Job bangen, d. R.). Die genetisch angepassten Vögel würden auch nicht der erste Eingriff des Menschen in ein Ökosystem sein.. Als der Mensch auftauchte, war der Kontinent von Kamelen, zwei Meter großen Biebern und 250 Kilo schweren Riesenfaultieren bevölkert."

Schließlich noch ein Gedicht: "Das Lächeln" von und mit dem portugiesischen Dichter Eugenio de Andrade. Bei lyrikline gibt es alle Informationen und eine Übersetzung. Hier trägt er vor:


Spätaffäre vom 03.03.2014 - Für Sinn und Verstand

In der New York Review of Books stellt Timothy Snyder klar, dass Janukowitschs Oligarchen das reaktionäre Regime war, vor dem die russische Propaganda so gern warnt. Die rechte Svoboda-Partei hat aber durchaus eine wichtige Rolle bei der Revolution gespielt, erklärt er in einem interessanten Hintergrundstück: "Als sie auf die Barrikaden ging, hat sie sich selbst von dem Regime befreit, dem sie als Bollwerk diente. Eine von Janukowitschs moralischen Grausamkeiten war es, die gemäßigt rechte Opposition zu zerschlagen und die Opposition der extremen Rechte zu unterstützen. Indem er seine größte Gegnerin Julia Timoschenko ins Gefängnis warf, konnte Janukowitsch die Demokratie zu einem Spiel machen, in dem nur noch er und die extreme Rechte mitspielten." Aber die Rechnung ging nicht auf: "Gegen den Willen ihrer Parteiführer kämpften jungen Svoboda-Mitglieder in großer Zahl an der Seite von Menschen mit ganz anderen Vorstellungen. Sie kämpften, brachten sich in Gefahr und starben, manchmal um andere zu retten. In postrevolutionären Situationen werden sich diese junge Männer eine neue Führung suchen."

Außerdem: Drew Gilpin Faust liest das voraussichtlich letzte Buch des Historikers David Brion Davis, "The Problem of Slavery in the Age of Emancipation". Und Edward Mendelson stellt den "geheimen Auden" vor.

In n+1 analysiert Greg Afinogenov die ersten 16 Minuten der russischen Nachrichtensendung Vesti nedeli vom 16. Februar (Video), die beispielhaft ist für den offiziellen russischen Umgang mit oppositionellen Stimmen. Angegriffen werden vom Moderator Dmitrii Kiselev in den ersten Minuten der liberale Journalist Viktor Shenderovich und der Dichter Igor Irten'ev, dessen eigentlicher Name, wie Kiselew enthüllt, Rabinovich ist. "In Nazideutschland, erklärt Kiselev finster, wären beide in Konzentrationslager verschleppt worden. Es lohnt sich, darauf näher einzugehen. Die Beschwörung des Jüdischseins beider Autoren dient der Aktivierung einer ganzen Reihe von Reflexen, die in den Pathologien von Nachkriegsrussland begründet liegen. Das Stereotyp lautet, dass die Juden wurzellose Kosmopoliten sind, ohne echte Anhänglichkeit an ihr Land, willens jeden zu verraten, wenn es ihnen nützlich erscheint. Sie sind schwache Feiglinge, die sich vor dem Kriegsdienst drückten, als echte Russen für sie starben, die aber gern das Opfer spielen. Über all dem sind sie eng verbunden mit der angeblich liberalen Ära der 1990er Jahre, als russische Politik vor allem von jüdischen Oligarchen dominiert war. All diese Assoziationen sind für den russischen Zuschauer sofort erkennbar, der diese Narrative sehr gut kennt, auch wenn er selbst kein Antisemit ist."

Spätaffäre vom 28.02.2014 - Für Sinn und Verstand

In einem Essay zeichnet die Filmjournalistin Ursula Michel auf Slate.fr nach, wie der blasse transsylvanische Vampir der old school im Lauf der Kinogeschichte zum amerikanischen Rockstar mutierte. Sie zeigt diese Verwandlung anhand zahlreicher Filmszenen, aus Polanskis "Tanz der Vampire" über Neil Jordans "Interview mit einem Vampir" bis zu "Buffy", "Twilight" und Jim Jarmuschs "Only lovers left alive". "Männlich, jung, amerikanisch mit Rockattitüde: so könnte das Phantombild des Vampirs im 21. Jahrhundert aussehen. Den alten rumänischen Grafen - halb Mensch, halb Fledermaus - in der Versenkung verschwinden lassend, ist der moderne Blutsauger ein Hochglanzmodell, geheimnisvoll, aber nicht furchteinflößend, sexy, aber nicht zu sehr, Vampir, aber kein Mörder. Eine Halbtonmodulation, die versucht, die ursprüngliche Animalität zu tilgen zugunsten einer kulturellen Künstlichkeit, auch was das Outfit angeht. Die subersive Kraft dieses Geschöpfs zu erhalten, indem man seine (soziale, physische) Radikalisierung vermeidet, es in der Rockkultur anzusiedeln, ohne es zu einem Außenseiterrebellen zu machen: Genau darin besteht die ganze Schwierigkeit der Modernisierung des Mythos."

Nach seinen jüngsten Scharmützeln mit Reportern, die ihm den Vorwurf der Homophobie eingetragen hatten, kündigt Alec Baldwin seine Hassliebe zur Presse auf und verabschiedet sich aus der Öffentlichkeit - öffentlich natürlich. In der Coverstory des New York Magazine spielt der Schauspieler jetzt beleidigte Leberwurst und erklärt, dass New York leider nicht mehr seine Auster sei, sondern, so wie der Rest der Welt, ein einziger schlechter Film auf deinem Smartphone: "Als Schauspieler hat man vor einer Kamera das instinktive Bedürfnis zu spielen, einen dramatischen Moment zu erschaffen. Das ist fatal, wenn jeder dauernd eine Kamera auf dich richtet. So werden vor allem deine Fehler millionenfach und bis in alle Ewigkeit reproduziert, denn du wirst immer nur an deinem miesesten Tag gemessen … Was die Presse betrifft, sind liberale und konservative Medien in dieser Hinsicht gleich … Alle sind über die Maßen voreingenommen und nur darauf aus, dich in einem falschen Moment zu erwischen. Unsere Herzen, das politische Leben werden nurmehr noch von Hass angetrieben. Wir sind die Hass AG." Good-bye, poor Mr. Baldwin. Und sicherlich bis bald.

Spätaffäre vom 27.02.2014 - Für Sinn und Verstand

"Das Problem mit dem Futurismus ist, dass wir die Zukunft gesehen haben", schreibt Jed Perl in New Republic angesichts der großen Ausstellung "Italian Futurism: 1909-1944: Reconstructing the Universe" im New Yorker Guggenheim, die ihm die heikle Rolle der Futuristen in der Geschichte der modernen Kunst verdeutlicht: "Ein Ästhet mit einem politischen Programm ist grundsätzlich eine beunruhigende Erscheinung, und es lässt sich nicht leugnen, wie widerlich die avantgardistischen Exkapaden der Futuristen werden können, wenn sich ihr polemischer Überschwang nicht mehr von antidemokratischer Demagogie unterscheiden lässt... Im Großen und Ganzen fühlen sich diejenigen, die mit der Kunstgeschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts betraut sind, mit linken Exzessen wohler als mit rechten, sodass (um nur ein Beispiel zu nennen) El Lissitzkys Arbeit als Propaganist für Stalin und die Sowjetunion mehr Verständnis entgegengebracht wird als der Propaganda für Faschisten." (Links: "Einzigartige Formen der Kontinuität im Raum" von Umberto Boccioni aus dem Jahr 1939)

Wie ein Ausruf der Verzweiflung liest sich, was die Autorin Nilanjana Roy in New Republic zum Fall Wendy Doniger schreibt (deren alternative Geschichte des Hinduismus der Penguin Verlag zurückgezogen hatte, nachdem er jahrelang von orthodoxen Hindus unter Druck gesetzt worden war, mehr hier): "Manchmal wird das 'Nie wieder' zu einer geladenen Waffe an den Schläfen der Kreativen. Wir leben nun seit über zwanzig Jahren (seit der Fatwa gege Salman Rushdie, d.Red.) unter der ständigen Drohung von Gewalt, der wir uns beugen müssen. Und Künstler, Autoren, Historiker, die in irgendeiner Weise als provokativ gelten, werden für die Drohungen gegen sich selbst verantwortlich gemacht. Sie sollen schuld sein an dem Schwert, das andere über ihre Köpfe halten. Seit vielen Jahren sind die beiden Mantras der liberalen Klassen in Indien, besonders bei den Kreativen, schizophren: Immer mehr steigt der Ärger über das Mobbing, dem wir ausgesetzt sind, und immer dringender wird im Gegenzug darauf beharrt, dass wir jede Gefahr eines Aufstands meiden sollen."

Spätaffäre vom 26.02.2014 - Für Sinn und Verstand

Richtungsweisend nennt Solenn Carof in La vie des idées eine Studie der amerikanischen Soziologin Abigail Saguy, die den provozierenden Titel "Was spricht gegen Fett?" trägt ("What's Wrong with Fat?") und eine der ersten systematischen Untersuchungen der "Kollateralschäden des Kampfs gegen Übergewicht" (so der Untertitel) ist. Zwischen der Konstruktion einer sozialen Kategorie und der Verurteilung der Diskriminierungen, denen als "dick" angesehene Menschen ausgesetzt sind, liefert Saguys Arbeit einen wichtigen Beitrag an den Schnittstellen von Soziologie, Gender Studies, Politikwissenschaft und öffentlichem Gesundheitswesen, lobt Carof: "Sie zeichnet einige Debatten und Kontroversen nach, die es seit etwa zwanzig Jahren ermöglicht haben, Übergewicht auf die politische Agenda zu setzen. Und sie erinnert daran, wie der Diskurs über 'die Seuche Fettsucht' zwischen moralischem Kreuzzug oder politischer Zweckentfremdung von zahlreichen Akteuren dazu genutzt wurde, Finanzmittel, Anerkennung oder Medienpräsenz zu erhalten. Übergewichtige ihrerseits versuchten, gegen dieses Machtverhältnis durch eine konkretere, ja sogar forderndere Sichtweise anzukämpfen, indem sie sich nicht zuletzt an Bürgerrechtsbewegungen orientieren."

Michael Wiederstein interviewt für den Schweizer Monat (online in Eurozine) den britischen Politologen David Runciman, für den die Begriffe Demokratie und Krise geradezu Synonyme sind. Für Europa empfiehlt er eine Koordination der nationalen Wahlen: "Bezüglich der EU sprechen immer mehr Kollegen von der Notwendigkeit eines 'europäischen Moments' - also einer gleichzeitigen Wahl in allen Nationalstaaten des Kontinents. Die Idee ist reizvoll - vor allem auch, weil das dafür sorgen würde, dass sich nationale Parteien international abstimmen und gemeinsam Politik machen. So wären Allianzen denkbar, die beispielsweise stumpfem Nationalismus, der billigsten Form des etatistischen Populismus, den Riegel vorschieben. Nationale Ausrufezeichen des Protests würden dann bestenfalls durch diplomatische Anstrengungen ersetzt."

Spätaffäre vom 25.02.2014 - Für Sinn und Verstand

Wo ist die obszöne Dichtung des 17. Jahrhunderts? Wo Nashe und Wilmot? Wo Philipp Larkins Ode auf die Masturbation "Annus Mirabilis"? Sehr lückenhaft findet Germaine Greer New Statesman Sophie Hannahs Anthologie "The Poetry of Sex". Überhaupt ist Poesie immer sexuell, meint Greer: "Dichtung ist ebenso ein sexuelles Phänomen wie Vogelgezwitscher. Typischerweise ist sie eine männliche Darstellung, deren Kunst eher darauf zielt, andere Männchen zu entmutigen und aus dem Feld zu schlagen als das selbstvergessene Weibchen zu verführen, sei es nun ein ungebildeter Mensch oder eine Futter suchende Henne. Die männliche Zurschaustellung ist sexuell, aber es geht ihr nicht um den Sex, sie möchte eine fundamental alltägliche und vorübergehende Interaktion durch Kunstfertigkeit und Erfindungsgabe verfeinern. Wenn sie durchgedrungen ist, fällt Schweigen - über den Vogel und den Dichter."

Maria Antonietta Calabrò hat ihr klassisches Buch "Le mani della Mafia", das die Kapillarverbindungen zwischen Mafia, Vatikan und der P2-Loge untersuchte, nach zwanzig Jahren neu veröffentlicht, auch weil einige Prozesse aus der Zeit der Achtziger erst jetzt zum Abschluss gekommen sind, so etwa der Prozess gegen die Mörder Roberto Calvis. Calvi spielte in diesem italienischen Bermuda-Dreieck eine wichtige Rolle, bis er 1982 ermordet unter eine Londoner Brücke gefunden wurde. In einem langen Interview mit Micromega spricht Calabrò unter anderem über die lateinamerikanische Connection der Vatikanmafiosi und Verschwörer: "Wir müssen nur an den Präsidenten der (mit dem Vatikan verbundenen) Banco Ambrosiano denken, Carlos Guido Natal Coda, ein ehemaliger argentinischer Admiral, der mit der P2 verbunden war und ein Vertrauensmann des berüchtigten Ex-Diktators und Generals Emilio Eduardo Massera war. Generaldirektor war damals der Patriarch einer Bankiersfamilie, der Trusso, der die Diözese von Buenos Aires in den Bankrott führte. Eine höchst komplizierte Situation, die mit großem Geschick vom heutigen Papst Bergoglio bewältigt wurde, als er Kardinal von Buenos Aires geworden war. Vergessen wir nicht, dass dafür der Privatsekretär des Kardinals Quarracino, des Vorgängers von Bergoglio, ins Gefängnis gehen musste."