Annalena Baerbock ist nun also die Kanzlerkandidatin der Grünen, und Patricia Hecht
schreibt dazu in der
taz das Offensichtliche: "Eine andere als diese Entscheidung in der K-Frage wäre für die Grünen, die seit ihrer Gründung auf die Frauenfrage pochen und dennoch vor allem ihre Macker pushten,
frauenpolitisch vernichtend gewesen. Robert Habeck, der sich als Feminist präsentiert - und wenn es darauf ankommt, doch nach vorn prescht und gönnerhaft Stellvertreterinnen benennt?
Nahezu unvorstellbar." Pascal Beucker und Ulrich Schulte
analysieren die recht günstige Ausgangslage der Grünen in diesem Wahljahr.
Ähnlich wie die
taz sieht das auch Sophie Aschenbrenner bei
Süddeutsche/jetzt, der auch gut gefällt, dass Baerbock, "anders als Noch-Kanzlerin Angela Merkel,
Mutter zweier kleiner Kinder ist, sie betont immer wieder, dass ihre Familie ihr wichtig ist. Die Grünen-Politikerin bemüht sich um
gendersensible Sprache - und hat auch die passenden Studien parat, wenn Friedrich Merz in einer Diskussion das Gendersternchen scharf kritisiert. ... Baerbock wird oft in einem Atemzug mit
Sanna Marin genannt, der 1985 geborenen finnischen Ministerpräsidentin, die ihre kleine Tochter auch mal mit zu einer Sitzung bringt, oder mit der neuseeländischen Regierungschefin Jacinda Ardern. Viele junge Menschen verbinden diese Frauen mit der Hoffnung auf eine
neue,
nachhaltige Politik."
Alice Schwarzer fragt dagegen bei
emma.de, ob Baerbock überhaupt Feministin ist: "Warum sagt die Frau am Mikro dann kein einziges Wort zu dem Thema? Sie erwähnt nur am Rande die 'Mütter', 'Großmütter' und 'Rentnerinnen', das allerdings eher im Zusammenspiel der Generationen. Aber als
weltweit strukturell benachteiligte Mehrheit? Stichwort Gender Gap? Stichwort Körperpolitik via Schönheits- und Schlankheitswahn? Stichwort Gewalt in der Familie? Stichwort Frauenhass im Internet? Stichwort Femizid?"
Baerbock hat ihren Höhenflug auch Habeck zu verdanken, der - anders als Baerbock -
als Minister vorgelebt habe, wie man die Ideale der Grünen mit der existierenden Landwirtschaft versöhnen kann,
meint in der
SZ Stefan Braun. "Ob das Experiment Baerbock eine Chance hat, hängt von Habeck mindestens genauso ab wie von der Ab-jetzt-Kanzlerkandidatin. Natürlich hat ihn die Entscheidung geschmerzt; und natürlich wird er das noch eine ganze Weile im Herzen tragen. Umso mehr aber wird er jetzt den Bogen schaffen müssen, trotzdem und unzweifelhaft
an ihrer Seite zu kämpfen. Beide sagten zuletzt, dass nun eine oder einer 'einen halben Schritt' weiter nach vorne gehen werde. Im Bild bleibend kann das nur heißen: Habeck darf nicht mehr als einen halben Schritt zurückbleiben."
"Kanzlerkandidatin ohne Buch",
notiert nebenbei der
Buchreport. Während Habeck geradezu als Philosoph gilt und
einiges publiziert hat, gibt es von und über Baerbock
nichts. Und "Penguin Random House hat offenbar
ganz auf Habeck als die Grünen-Nr. 1 gesetzt: Heyne hat für August: 'Robert Habeck. Eine politische Biografie' von Susanne Gaschke angekündigt. Blessing bringt ganz aktuell 'Das ganze Ding ist ein Risiko: Robert Habeck - eine Nahaufnahme' von Stefan Berkholz heraus."
Auf der anderen Seite, beim eigentlichen Kanzlerwahlverein, ist die Kandidatenfrage noch unbeantwortet. Jürgen Kaube fällt in der
FAZ die komplette Inhaltslosigkeit des Streits zwischen
Armin Laschet und
Markus Söder auf: "So kommt es auch zu dem merkwürdigen Umstand, dass die einen Armin Laschet für den konservativeren Kandidaten halten, die anderen Markus Söder. Wenn jahrzehntelang nichts in die
Frage des Selbstverständnisses investiert worden ist, schlägt das Desinteresse daran, das Angela Merkel verkörpert, in eine fast
beliebige Begriffsverwendung um."
Alexej Nawalny ist kein Intellektueller, sondern ein Politiker, der sein Land nicht nur liebt, sondern auch kennt,
schreibt Timothy Snyder in seinem Substack-Blog. Ließe Wladimir Putin ihn sterben, würde die Lage des Landes sich noch um einiges verdüstern: "Es ist nicht an mir oder Outsidern zu sagen, was Russland braucht. Das müssen die Russen selbst entscheiden. Wenn Nawalny stirbt, dann wird ihnen
diese Wahlmöglichkeit geraubt. Russlands Hauptproblem ist, dass niemand weiß, wer
Wladimir Putin an der Spitze des Staates folgen wird. Russlands zweites Problem ist, dass niemand weiß,
wie diese Machtabfolge ablaufen soll. Mit anderen Worten: Russland fehlen eine Zukunft und ein Weg, dorthin zu gelangen."
Melina Borčak
erinnert in der
taz an die
Belagerung Sarajewos, die vor 25 Jahren nach Tausenden Toten endete. "Warum wird dieses Menschheitsverbrechen mitten in Europa immer noch
weitgehend ignoriert", fragt sie. Es hat mit Kontnuitäten zu tun: "Miloševićs Name ist zum Synonym für Genozide, Massenmorde und Angriffskriege gegen vier Länder geworden, aber natürlich war all das
keine One-Man-Show. Die, die ihn damals unterstützten, sowie der großserbische Nationalismus, leben weiter. Die
große Mehrheit der Serben leugnet den Genozid, auch solche, die antinationalistisch scheinen. Kriegsverbrecher, die serbische Nazi-Kollaboratuere als Helden feiern, sind nun Parlamentsabgeordnete oder willkommene Gäste in Reality Shows."