Im Konflikt mit der Regierung Netanjahu setzt in der
SZ der französische Philosoph
Bernard-
Henri Lévy seine ganze Hoffnung auf die
israelische Zivilgesellschaft: Da sind "diese Hunderttausende Israelis, die auf die Straße gehen, um daran zu erinnern, dass ihre Väter und Großväter ein Volk befreit haben, das bis dahin schutzlos den Winden des Himmels und den Pfeilen der Menschen ausgeliefert war - und dass sie sich nicht geopfert haben, damit das Abenteuer mit diesen Karikaturen des jüdischen Genies endet, die die heutigen 'religiösen Parteien' sind. In diesem Widerstand wohnt der
Geist des Zionismus. Diese großartige Zivilgesellschaft bildet das schlagende Herz Israels. Und es sind diese lebendigen Kräfte, die Juden und ihre Freunde um jeden Preis fördern müssen, überall."
Aber ohne die Deutschen wird das nichts. "Die prodemokratische Bewegung in Israel erwartet von Deutschland ein
Signal des Beistands",
glaubt Charlotte Wiedemann in der
taz. "Darüber sollte der Bundestag debattieren, ohne Fraktionszwang und jenseits üblicher
Floskelstarre. Oder ist die moralische Trägheit zu groß, um zum Thema deutsche Verantwortung einmal eigene, frische Gedanken zu formulieren? In der Zivilgesellschaft gibt es genug
antifaschistisch motivierte Kräfte, um eine solche Debatte einzufordern. Das deutsche Schweigen als Antwort auf die Rufe aus Tel Aviv, Haifa und Jerusalem ist beschämend."
Im übrigen Nahen Osten sitzen derweil
die Autokraten fester im Sattel denn je.
Saudi Arabien arbeitet mit viel Elan daran,
Syriens Schlächter Assad zu rehabilitieren, berichtet Christoph Ehrhardt in der
FAZ. Der wurde kürzlich auch in Moskau feierlicher empfangen als sonst. Und auch mit dem
Iran hat Saudi Arabien unter dem Einfluss
Chinas wieder diplomatische Beziehungen aufgenommen. "Nicht nur gerät die arabische 'Achse des Autoritären' durch die saudisch-iranische Annäherung stärker unter den Einfluss Chinas. Überhaupt dient die Tauwetterstimmung am Golf vor allem dem Erhalt autokratischer Regime. Sowohl Saudi-Arabien als auch seinem Rivalen Iran geht es nicht zuletzt darum, das eigene Herrschaftssystem zu stützen. ... Nicht von ungefähr wird gerade am Golf immer wieder die 'Stabilität' beschworen, damit die arabischen Monarchen den Beweis antreten können, dass ihre Staatsmodelle mit einer effektiven Verwaltung, aber
ohne Freiheitsrechte Modelle für die Zukunft sind."
Im
Irak soll der
Alkoholverkauf verboten werden,
berichtet Lisa Schneider in der
taz. "Die Winzer und Arrakproduzenten, fast alle sitzen in der Autonomen Republik Kurdistan, müssten die Produktion herunterfahren. 'Der Irak ist
kein muslimisches Land', sagt [der Alkoholshop-Besitzer] Elias, der selbst Christ ist. Doch die Regierung, meinen viele, versuche es langsam in ein solches zu verwandeln. Muslime, egal ob Sunniten oder Schiiten, dürfen im Irak grundsätzlich keinen Alkohol verkaufen. Die Alkoholshops sowie Restaurants und Bars, die ausschenken, sind im Besitz von
Christen und Jesiden. Auch der Inhaber des Shops, in dem Elias arbeitet, ist Christ." Elias glaubt nicht, dass das Verbot Bestand haben wird, aber sicher ist das nicht, fürchtet der Restaurantbesitzer Adam: "Dass das Gesetz, das Alkohol verbietet, der islamischen Pietät des Landes dienen soll, glauben weder Adam noch Elias. Im Gegenteil: Alkohol werde verboten, um den Drogenkonsum der Menschen zu fördern, sagen beide. Die
schiitischen Milizen, sagen sie, verdienten mit der Herstellung sowie dem Import billiger, vor allem
chemischer Drogen aus dem Iran gut Geld. Auch andere Iraker, auf das Alkoholverbot angesprochen, teilen ihre Theorie."
"
Wandel durch Handel funktioniert auch in China nicht", warnt der chinesische
Schriftsteller Liao Yiwu den Westen, dem er im
NZZ-
Gespräch mit Roman Bucheli vorwirft, aus
Gier politische Gefahren zu ignorieren: "Die kommunistisch regierten Länder rücken nicht von ihrer Überzeugung ab, dass der
Kommunismus auf der ganzen Welt siegen soll." Dass China als Friedensvermittler im Krieg gegen die Ukraine auftritt, findet er lächerlich: "Ich denke, Xi unterstützt Putin nicht aus Überzeugung, sondern lediglich aus einem eigennützigen Kalkül. Ob China
Taiwan überfällt, hängt sehr vom Ergebnis des Ukraine-Krieges ab. Sollte Putin den Krieg verlieren, würde Xi vermutlich genau überlegen, ob es klug ist, Taiwan anzugreifen. Gefährlich wird es, wenn sich der Krieg in die Länge zieht und das die westlichen Gesellschaften in einem Maß zermürbt, dass man mit einer Verhandlungslösung das Problem aus der Welt schaffen will. Dann könnte Xi zu dem Schluss kommen, dass sich
die westliche Welt nicht getraut, richtig mitzukämpfen. Das könnte ihn ermutigen, Taiwan anzugreifen."
Auch der
Politologe Jan-
Werner Müller bekräftigt im
Welt-Gespräch, dass auch "Wandel durch Handel" die Menschenrechte beachten muss: "Ein Ignorieren von politischen Prinzipien im Namen von Realismus kann auch
machtpolitisch ein Fehler sein. Das immer bemühtere Ignorieren des wahren Charakters von Putins Regime - so ist nicht erst im Nachhinein klar geworden - war ja wohl auch aus machtpolitischer Perspektive
keineswegs klug. Man sollte also versuchen, Spielräume auszuloten, auch kritische Worte anbringen, anstatt von vornherein zu sagen, die Zwänge seien jetzt so groß, dass wir Minderheitenrechte, Pressefreiheit etc. gar nicht erst ansprechen. Diese
vermeintliche Neutralität ist zudem nicht wirklich neutral, sondern de facto ein
Im-
Stich-
Lassen derjenigen, die in manchen Ländern enorm unter Druck stehen. Wer 2011 nichts zu Rechtsstaat und Demokratie in Ungarn gesagt hat, hat sich auch schon nicht neutral verhalten, sondern zugegeben, dass all unsere Sonntagsreden über die EU, die auch Werte schützt,
eigentlich hohl waren."