Magazinrundschau
Im Wesentlichen kontrapunktische Stimmen
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
12.05.2026. John Lanchester fragt in der LRB: Wohin ist die ganze Kohle verschwunden? Der Dichter Ernest Jesuyemi erinnert in Compact daran, dass es mal möglich war, widersprüchliche Emotionen in der Kunst auszuhalten. New Lines erzählt von dem Dichter, Politiker und Piraten Rahmah ibn Jabir, der im 16. Jahrhundert die Straße von Hormus belagerte. Joshua Cohen feiert in der Paris Review die Musikalität von Wolfgang Koeppens Prosa. In Wired erzählt die britische TV-Autorin Ruth Fowler, wie aus KI-Trainern Arbeitssklaven werden.
London Review of Books (UK), 12.05.2026

Ein Buch über kommerzielle Heiratsvermittler im post-revolutionären Frankreich des 19. Jahrhunderts bespricht Jonny Bunning. Autorin Andrea Mansker widmet sich in ihrer Studie unter anderem Claude Villiaume, dessen Geschäft mit der Liebe großen Erfolg hatte. "Villiaume stellte die Liebe als ein Produkt einer neuen, willkürlichen und unbegreiflichen Welt dar, im Gegensatz zu älteren Formen der Brautwerbung und arrangierten Ehe. Seine Zielkundschaft bestand aus Veteranen, Beamten des napoleonischen Staates und anderen entwurzelten Neuankömmlingen ohne soziale Verbindungen in Paris. Seine Kunden waren überwiegend Männer, doch die Zahl der Frauen nahm im Laufe der Zeit zu. Er bot an, einen potenziellen Ehepartner zu finden sowie dessen Vermögen und familiären Hintergrund zu überprüfen. Wenn ein Paar finanziell zueinanderpasste, koordinierte Villiaume zunächst einen Briefwechsel und arrangierte anschließend eine 'zufällige' Begegnung. Wie er in einer Anzeige erklärte, würde ein potenzielles Paar - in diesem Fall ausdrücklich fiktionalisiert - zur selben Zeit in sein Büro eingeladen werden und sich dort gemeinsam mit anderen im Wartezimmer wiederfinden: 'Sie werden Angélique zwangsläufig erkannt haben, und auch sie wird Sie bemerkt haben. Aber ist sie es - oder eine der Frauen neben ihr -, die den Namen trägt, der Ihrem Herzen bereits so teuer ist?' Wenn beide Parteien Interesse bekundeten, erlaubte Villiaume ihnen, sich einander vorzustellen. Wie ein Korrespondent es ausdrückte, war dies eine Vorstellung von Zufall 'ohne jedes Risiko'. Die Kunden scheinen die Idee eines willkürlichen Schicksals gern angenommen zu haben. Für Männer verwandelte sie die Partnersuche in ein Spiel und bot zugleich eine Erklärung für Misserfolge. Frauen, die oft von romantischer Literatur und Briefromanen geprägt waren, nahmen diese Vorstellung ebenfalls begeistert auf: Liebe sollte wie ein Blitz einschlagen - plötzlich und mit überwältigender Kraft."Istories (Lettland / Russland), 06.05.2026
Compact (USA), 12.05.2026
Der nigerianische Dichter Ernest Jesuyemi stand letztes Jahr in der engeren Auswahl für das Emerging Critics Fellowship des National Book Critics Circle. Daraus wurde jedoch nichts, nachdem jemand einen zwei Jahre alten Tweet von ihm ausgegraben hatte, in dem die gleichgeschlechtliche Ehe abgelehnt hatte, "weil die Bibel Homosexualität nicht unterstützt". Das wars dann, erzählt er im Compact Magazin, wo er über die wachsende Politisierung der Künste nachdenkt. Sie hatte durchaus ihre Vorteile, aber inzwischen wird klar, dass auch etwas verloren geht, meint er. "In der heutigen Zeit, in der der Dichter Aktivist ist (oder umgekehrt), fangen die Gedichte auch an, stark nach Phrasendrescherei auszusehen. Ein kürzlich in Poetry erschienenes Gedicht von Cornelius Eady, das zur Feier des Wahlsiegs von Zohran Mamdani als Bürgermeister verfasst wurde, hat über diesen Anlass hinaus keinen erkennbaren Nutzen. Und doch ist ein von Sentimentalität verdorbenes Gedicht nur ein schlechtes Gedicht, wie (un)angenehm die Sentimentalität auch sein mag. Poesie ist der Ausdruck einer eloquenten, aufgeklärten und erleuchtenden Subjektivität. Jede Subjektivität ist von Vorurteilen geplagt, guten wie schlechten. Manchmal sind die ungesunden Vorurteile raffiniert und tief verwurzelt (man denke an T. S. Eliots Antisemitismus), manchmal sind sie billig und irritierend (wie bei Ezra Pound). Keines von beiden ist ein legitimer Grund, einen Dichter oder sein Werk zu ächten. Die Fähigkeit, widersprüchliche Emotionen auszuhalten, so zu reagieren, dass deutlich wird, dass man alle Nuancen einer Sache erfasst hat - das ist es, was die Poesie ermöglicht. Anthony Hecht, der eines der verstörendsten Gedichte zum Gedenken an den Holocaust schrieb ('More Light! More Light!'), der sein ganzes Leben lang von dieser schrecklichen Gräueltat verfolgt wurde und für Antisemitismus sensibel und unauslöschlich geprägt war, war dennoch fähig, Eliot - und Pound - zu lieben und von ihnen zu profitieren. Er trennte die Kunst nicht vom Künstler; das ist unmöglich. Er nahm die Kunst so, wie sie ist, denn gute Kunst verliert nicht an Wert, nur weil sie (für uns) beunruhigende Gefühle enthält."Esprit (Frankreich), 11.05.2026
"Die Zukunft westlicher Demokratien hängt davon ab, ob sie sich aus der fruchtlosen Opposition zwischen Wokeismus und Anti-Wokeismus befreien können", erklärt der Jurist Yves Plasseraud in Esprit (von Eurozine ins Englische übersetzt). Denn: "Das aufkeimende Phänomen des Anti-Wokeismus, das weit davon entfernt ist, lediglich die Exzesse des Wokeismus zu kritisieren, radikalisiert sich und wird zu einer politischen Waffe, um Minderheiten zu stigmatisieren." In Europa sind die Opfer zumeist Einwanderer, Sinti und Roma, Muslime und Juden. Aber überall auf der Welt werden Menschen wegen ihrer Herkunft oder Religion verfolgt: "Das Paradoxon des Wokeismus ist offensichtlich: "Die öffentliche Meinung im Westen steht diesen Ereignissen zunehmend gleichgültig gegenüber. Ermüdet von Identitätskonflikten sowie der Wirtschafts- und Umweltkrise, beschäftigen sich die Menschen weniger mit den Kämpfen von Minderheiten. ... Entstanden, um Minderheiten zu schützen, macht der Wokeismus sie nun zunehmend verwundbar. Da er immer radikaler wurde, verwandelte er sich in den idealen Gegner des Populismus. Die Populisten wiederum nutzen den Anti-Wokeismus, um autoritäre Politik durchzusetzen. Was können wir tun, um zu vermeiden, dass wir die Initiative an diejenigen abgeben, die Chaos verbreiten wollen? Es scheint drei mögliche Wege zu geben, um diesen Stillstand zu überwinden. Der erste besteht darin, den demokratischen Universalismus wiederherzustellen. Es geht nicht darum, Unterschiede zu leugnen, sondern sie in einen gemeinsamen Rahmen einzubetten, der auf der gleichberechtigten Anerkennung von Rechten basiert. Der zweite Weg besteht darin, internationale Institutionen zu stärken: Ohne durchsetzbare Mechanismen bleiben Minderheiten den identitären Agenden der Mehrheiten schutzlos ausgeliefert. Der dritte und letzte Weg besteht darin, den Menschen beizubringen, Komplexität zu schätzen: Demokratie kann ideologische Vereinfachung nicht überleben. Wir müssen neu lernen, mit Widersprüchen, Nuancen und irreduziblen Spannungen umzugehen."New Lines Magazine (USA), 11.05.2026
Am 25. September 1507 begann mit der Ankunft einer portugiesischen Flotte geführt von Afonso de Albuquerque die Geschichte des globalen Kampfes um die Vorherrschaft über die Straße von Hormus, deren wichtigste Stationen Amelia Hankins nachzeichnet. Sie erzählt auch vom sagenumwobenen arabischen Herrscher und Piraten Rahmah ibn Jabir, außerdem ein Dichter und Politiker, den der Kaufmann James Silk Buckingham einst als "den erfolgreichsten und vielleicht am meisten tolerierten Piraten, der jemals ein Meer heimgesucht hat" beschrieb. Im Jahr 1816 hatte Buckingham eine denkwürdige persönliche Begegnung mit Jabir. Er "hielt sich in Maskat auf, als der dort ansässige britische Diplomat Rahmah ibn Jabir und einige seiner Anhänger zum Tee empfing. Diese Begegnung ist bemerkenswert nicht nur wegen des Bildes eines kampferprobten Mannes in einem 'großen schwarzen Ziegenhaarmantel', der eine Tasse englisches Frühstück an die Lippen führte, sondern auch, weil die Briten sich seit Jahren über Angriffe Jabirs beschwert hatten. Buckingham, der sich dabei etwas überfordert fühlte, beschrieb Jabirs Gesicht als 'von Natur aus wild', seine Arme und Beine als 'von Säbel-, Speer- und Kugelwunden zerschnitten und durchbohrt' und dessen offensichtliches Beharren darauf, sich kleidungsmäßig nicht von seinen Anhängern zu unterscheiden, als 'widerlich'. Jabir wird oft auch der prestigeträchtige Titel des ersten Piraten zugeschrieben, der nachweislich eine Augenklappe trug. Er hatte sich zudem gerade von einer schweren Armverletzung erholt, die ihn vom Ellbogen bis zur Schulter knochenlos gemacht hatte. Als ihn einer der Engländer fragte, wie er mit einem solchen Arm seinen Feinden entgegentreten wolle, zog Jabir seinen Dolch und wirbelte mit seinem gesunden Arm den schlaffen Arm, den Dolch in der Hand, im Kreis herum, während er erklärte, er freue sich darauf, weitere Kehlen durchzuschneiden."Desk Russie (Frankreich), 26.04.2026
Vincent Jauvert ist einer der Putin-Experten in Frankreich. desk russie hat neulich ein Kapitel aus seinem Buch "Kremlin confidentiel - Le vrai Poutine" vorabgedruckt. Jauvert behauptet im Gespräch mit desk russie, dass er eine Menge neuer Quellen auswerten konnte - vor allem freigegebene Quellen aus westlichen Außenministerien aus Putins früher Zeit nach 2000 und Memoiren von Diplomaten und Politikern. Jauvert sieht Putin nicht als Ideologen, sondern als einen Mafiaboss, der auch ideologische Versatzstücke einsetzt - allerdings wolle er seit je die Sowjetunion restaurieren. Im Gespräch schildert Jauvert den seiner Meinung nach für Putin entscheidenden Moment, als er beschloss, die Ukraine anzugreifen: "Das war, als Lukaschenko ihn 2020 anrief und ihn bat, ihn nach den gefälschten Wahlen vor den Massenprotesten zu retten. Putin selbst hatte Angst, dass bei ihm zu Hause dasselbe passieren könnte. Außerdem verschaffte ihm das einen Zugang zur Ukraine vom Norden her. Den gab es vorher nicht. 'Mit der Krim hat es geklappt, also mache ich das Gleiche noch einmal', dachte er sich. Außerdem könnte ich eine Verfassungsreform durchführen, die es mir ermöglichen würde, an der Macht zu bleiben. Hinzu kommt, dass Selenski zu dieser Zeit in den Umfragen sehr schlecht abschnitt. Er war sehr unbeliebt und seine Armee schwach. Putin glaubte, einen Coup wie später Trump in Venezuela oder vor allem wie in Afghanistan 1979 inszenieren zu können. Und Selenski zu stürzen. Der FSB soll das Regime stabilisieren, und ich, Putin, werde als Retter auftreten, dachte er sich. Und in zwei Tagen übernehmen wir ganz in Ruhe die Macht. Wir setzen Medwedtschuk, einen alten Kumpel, an die Spitze der Ukraine. Natürlich hat nichts von diesem Plan geklappt!"Paris Review (USA), 04.05.2026
Die Paris Review bringt einen Auszug aus dem Vorwort des amerikanischen Autors Joshua Cohen zur englischen Ausgabe von Wolfgang Koeppens Roman "Der Tod in Rom", den Michael Hofmann übersetzt hat. Ihm imponiert ganz besonders die Musikalität des Romans, der von einem dreitägigen Treffen einer dysfunktionalen Familie, alles "Nazi-Normies", 1954 in Rom erzählt: "Immer wieder treffen und trennen sich die Familienmitglieder, die sich wie musikalische Leitmotive in die römischen Straßen hinein- und wieder hinausschleichen und dabei die alt- (Alarich der Gote) und neuzeitliche (Faschismus) deutsch-römische Geschichte in einem wilden, anspielungsreichen Stil konfrontieren, der sich an der Musik orientiert: Musterbildung, Systematisierung, Thema und Variation. Musikalität ist ein vernachlässigtes Attribut der Prosa, und wenn sie als Beschreibung herangezogen wird - meist von den weniger musikalischen Kritikern -, dient sie als vager Indikator für Sätze, die gut klingen: Alliteration, Assonanz, eine gewisse poetische Ausgewogenheit der klanglichen Oberfläche. Doch Koeppens Musikalität geht tiefer: Sie ist struktureller Natur. Der Satzteil ist die Einheit, die Koeppen im Kanon einsetzt und nach den Prinzipien der Fuge manipuliert, wodurch Sätze entstehen, die in einer komplexen Orchestrierung von im Wesentlichen kontrapunktischen Stimmen singen. Das macht dieses Buch zu einem Meisterwerk der deutschen Sprache, aber teuflisch schwer zu übersetzen, obwohl ich hoffe, Sie stimmen mir zu, dass Michael Hofmann ein fast schon Wunder vollbracht hat, indem er die Klangfarben für das Englische neu erfunden und gleichzeitig die formale Architektur in all ihren Modulationen bewahrt hat".The Atlantic (USA), 08.05.2026

Kaum eine Künstlerin prägte die Vorstellung der Amerikaner vom Impressionismus so wie Mary Cassatt, und kaum eine Malerin wurde derart missverstanden, hält die Kunsthistorikerin Paris A. Spies-Gans fest. Die Werke der Amerikanerin, die gemeinsam mit Renoir, Degas oder Morisot in den Pariser Salons ausgestellt wurden und der die National Gallery of Art in Washington derzeit eine Ausstellung widmet, werden bis heute als süßliche Mutter-Kind-Darstellungen missverstanden, dabei ging es der engagierten Frauenrechtlerin darum, immer wieder die Arbeit von Frauen darzustellen, etwa in "Woman with a Sunflower" aus dem Jahre 1905: Es "zeigt eine namenlose Frau mit einem namenlosen Kind, bei denen es sich wahrscheinlich nicht um leibliche Verwandte handelt. Das junge Mädchen, nackt, blickt uns durch einen Spiegel in ihren Händen an. Hinter diesem Spiegel hängt ein weiterer, größerer Spiegel. Dieses Gemälde stellt uns vor eine Herausforderung - Cassatt und ihre Figuren fordern uns heraus, darüber nachzudenken, was auf dem Spiel steht, wenn wir den weiblichen Körper betrachten oder in ihm leben, dem so viele Erwartungen und Einschränkungen auferlegt werden. Cassatts ungewöhnliche Einbeziehung einer Sonnenblume auf dem Morgenmantel der Frau macht dies deutlich: Sie war ein Symbol der National American Woman Suffrage Association. Von den Körpern, die wir sehen, wurde erwartet, dass sie arbeiten, aber sie durften nicht wählen. Bis vor kurzem wurde dieses Gemälde als banales Beispiel für Cassatts eher kitschige Werke abgetan."
Literary Review (UK), 12.05.2026
Ritchie Robertson empfiehlt zwei Bücher, die sich mit deutscher Geschichte beschäftigen und sich sehr gut ergänzen: Victor Sebestyen liefert mit "Weimar Germany: Death of a Democracy" eine "temporeiche, äußerst lesenswerte Erzählung" vom Untergang der Weimarer Republik, "schafft es jedoch nicht ganz, diese mit einer Darstellung dessen zu verbinden, was wir als 'Weimarer Kultur' bezeichnen - die Explosion von Avantgarde-Kunst, Theater, Kabarett, Film und Literatur, geprägt von Namen wie George Grosz, Bertolt Brecht und Fritz Lang. All dies wird zwar erwähnt, jedoch als Unterbrechungen des politischen Erzählstrangs, sodass sich der letzte Teil des Buches eher holprig liest. Zudem konzentrierten sich diese Phänomene, ebenso wie die politischen Ereignisse, auf Berlin, sodass der größte Teil Deutschlands - abgesehen von den Aufständen in München und der Besetzung des Ruhrgebiets - nur als Hintergrund erscheint, bevölkert von einer schweigenden Mehrheit, die sich mit der Republik nicht abgefunden hat oder ihr gegenüber skeptisch ist. Was geschah in den Provinzen?" Davon erzählt Katja Hoyer am Beispiel der thüringischen Hauptstadt in ihrem Buch "Weimar. Glanz und Grauen der deutschen Geschichte", das auf Archivmaterial basiert und den Zeitraum von 1918 bis 1939 abdeckt. Sie "zeigt, wie sich die Ereignisse - von der Niederlage über die Inflation bis hin zum Aufstieg und zur Festigung der NS-Herrschaft - unter den spezifischen Umständen Weimars abspielten. Während ihre Erzählung, die für jedes Jahr ein eigenes Kapitel vorsieht, gelegentlich zu einer formlosen Chronik zu werden droht, gewinnt sie an Kontinuität und Originalität, indem sie den Erfahrungen mehrerer Personen folgt, deren Lebensgeschichten erhalten geblieben sind. Am prominentesten ist Carl Weirich, ein Buchbinder und Schreibwarenhändler, dessen umfangreiches Tagebuch, das sich über mindestens sechzig Jahre erstreckt, vom Stadtarchiv Weimar erworben wurde, gerade als Hoyer mit ihren Recherchen begann. Weirichs Erfahrungen - Armut, Trauer, Wiederheirat, Wohlstand unter Hitler, erneut Trauer im Jahr 1947 - tragen dazu bei, Hoyers Darstellung eine beeindruckende menschliche Tiefe zu verleihen."Wired (USA), 11.05.2026
Seit den Hollywoodstreiks 2023 hat sich die Entertainment-Branche in den USA kaum mehr gefangen und der Druck durch KI und Streaming hat sich seitdem eher noch erhöht. Insbesondere Drehbuchautoren sehen sich immer länger anhaltenden finanziellen Engpässen ausgesetzt. Wenn gar nichts mehr geht, heuern sie - Ironie des Schicksals! - bei diversen KI-Start-ups an, um KIs zu trainieren, erzählt die britische TV-Autorin Ruth Fowler, die selber in diesen Mahlstrom geraten ist. Bekanntlich stecken hinter den oft erstaunlichen KI-Ergebnissen ja noch immer Menschen, die die Software systematisch durch oft stundenlangen Input trainieren. Die Start-ups locken mit angeblich hohen Stundensätzen und flexiblen Arbeitszeiten. Leichtes Geld? Die Realität sieht anders aus: Ständig schwankende bis völlig unklare Auftragslagen, immer weiter sinkende Honorare, labyrinthische Home-Office-Strukturen, die Grundvoraussetzung, ständig bereit zu sein, sowie die stets bestehende Gefahr, vor die Tür gesetzt zu werden. "'Es fühlt sich so an, als ob wie hier alle in einem Aquarium nur darauf warten, dass unsere Menschenmeister endlich ein bisschen Essen nach unten werfen', schrieb einer in einem Slack-Chat für ein weiteres Projekt, für das ich mich zwar beworben hatte, das aber kaum Arbeit abwarf. 'Und dann können nur diejenigen essen, die schnell genug nach oben schwimmen.' Je normaler dies für mich wurde, desto mehr passte ich mich der knarrenden und schwindelerregenden Einpeitscherei des Jobs an. Während wir in unbezahlter Wartezeit herumlungerten und auf eine Email warteten, die uns Arbeitsaufträge versprach, wurden wir von unseren Teamleitern und deren Ausrufezeichen weiter unter Druck gesetzt. ... Um 7 Uhr abends an einem ganz normalen Wochentag komme ich nach einem langen Tag am Set nach Hause, nachdem ich meinen Mittelschüler vom Basketball abgeholt habe. Ich gehe nochmal mit dem Hund raus, sehe die Mails durch, denke kurz drüber nach, welche Zutaten ich wohl zu einem Abendessen zusammenhaue, als plötzlich mein Telefon virbiert. Mein Slack-Chat quillt über vor 'Go, Team, Go'-Nachrichten von irgendwem, der gerade erst das College absolviert hat, von jemandem, der keinen Dunst davon hat, dass im Laufe vieler Jahrzehnte Leute dafür gestorben sind, um Arbeitsrechte durchzusetzen, die Arbeiter genau vor jenen Bedingungen zu schützen, für die er jetzt verantwortlich ist und dies begleitet von zahlreichen Raketen-Emoji-Reaktionen. Unser furchtloser Anführer erzählt uns, dass es UNUMGÄNGLICH ist, dass wir unseren ersten Auftrag binnen 24 Stunden bewältigen. Wenn nicht, risikieren wir den Rauswurf. Aber du kannst arbeiten, wann du willst."
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