Nun wird die
AfD also als rechtsextremer Verdachtsfall unter Überwachung gestellt. Der Schritt ist überfällig,
findet Konrad Litschko in der
taz, und ja, in gewisser Hinsicht hat er einen Beigeschmack, weil er so kurz vor zwei Landtagswahlen kommt: "Es wirkt wie ein
Abschreckungsmanöver für Wähler:innen - und ist für die AfD eine Steilvorlage in ihrem Vorwurf, der Verfassungsschutz werde politisch instrumentalisiert. Man hätte es verhindern können, wäre die Einstufung längst erfolgt. Auch ist noch nicht ausgemacht, ob die Einstufung
vor Gericht Bestand hat. Denn die rechtsextremen Äußerungen müssen der Gesamtpartei angelastet werden. Und in den östlichen Bundesländern votierte keine radikale Minderheit für die Partei, sondern mehr als 20 Prozent wählten sie."
Die Einstufung als rechtsextrem ist richtig,
sagt der Soziologe
Matthias Quent im Gespräch mit Litschko in der
taz, aber er bezweifelt, "dass
ein Geheimdienst das richtige Instrument ist, um demokratiefeindliche Bestrebungen auf Parteiebene zu benennen. Auch jetzt bleibt für die Öffentlichkeit
intransparent, auf welcher Grundlage das erfolgt. Das Verfassungsschutzgutachten ist nicht öffentlich, man kann sich damit nicht kritisch auseinandersetzen und nicht über die eigentlich zentralen Aspekte, wie Rassismus, diskutieren."
Gut und richtig, nennt auch Ronen Steinke in der
SZ die Entscheidung - aber bringt die Überwachung auch was, fragt er: Es mangelt "den Menschen, die der AfD ihre Wählerstimme geben, eher nicht an Aufklärung über die Ziele oder den
wahren Geist dieser Partei. Die Leute fallen nicht herein (falls sie denn überhaupt jemals hereingefallen sind und nicht vielmehr auch 1933 genau das haben wollten, was sie schließlich bekamen). Die Leute geben sich ihren politischen Illusionen nicht aus einem Mangel an seriösen Informationsquellen hin. Sondern aus
Lust."
Emmanuel Macron hat Familienmitglieder
algerischer Unabhängigkeitskämpfer empfangen, die von französischen Soldaten zu Tode gefoltert worden waren. Ob er sich entschuldigt hat, ist nicht überliefert.
FAZ-Korrespondentin Michael Wiegel berichtet, dass Macron, beraten vom Historiker
Benjamin Stora, neue Akzente in der Vergangenheitsbewältigung setzen will: "Stora hat Macron Vorschläge unterbreitet, den Konflikt zu überwinden. Er plädiert für eine '
Wahrheitskommission', ein französisch-algerisches Jugendwerk nach dem Vorbild des deutsch-französischen Jugendwerks sowie die Öffnung der Militärarchive. Zudem schlägt er vor, ein
öffentliches Totenbuch mit den Namen aller Verschwundenen zu erstellen. Für den Präsidenten, dem im linken Milieu ein Rechtsruck vorgehalten wird, böte sich mit diesem Programm die Gelegenheit, sich deutlich von seiner politischen Gegnerin
Marine Le Pen abzuheben."
"Scheinheilig" nennt Carolina Drüten in der
Welt den "Aktionsplan", mit dem
Recep Tayyip Erdogan den Rechtsstaat und die
Meinungsfreiheit in der Türkei jetzt angeblich stärken will. Erdogan hat die Justiz politisiert, Repressionen gegen die Opposition und Polizeigewalt gegen friedliche Demonstranten eingesetzt, zahlreiche Journalisten sitzen nach wie vor in Haft. Aber er hat auch "erkannt, wie schlecht es um die
türkische Wirtschaft bestellt ist. (...) Das bekommen die Menschen zu spüren. Brot, Eier und Milch sind teuer geworden. Erdogan ist dringend auf
ausländisches Kapital angewiesen - doch Investitionen blieben wegen der politischen Situation vermehrt aus. Im Juli hatte etwa der deutsche Autokonzern VW Pläne für ein neues Werk in der Türkei endgültig gestoppt."
Schwerpunkt SPD und Identität Auch die SPD hat jetzt ihre identitätspolitische Debatte.
Wolfgang Thierse und
Gesine Schwan hatten Identitätspolitik in
FAZ-Artikeln und anderen Medien kritisiert (unsere
Resümees). Die Parteiführer - namentlich
Saskia Esken und SPD-Vize
Kevin Kühnert - haben ziemlich hektisch auf ihre Artikel reagiert und sich "'beschämt' über den Umgang mit der Community in Teilen der Partei gezeigt", wie der
Tagesspiegel berichtete.
Thierses Artikel war eine Online-Diskussion der SPD mit dem Thema "
Kultur schafft Demokratie" vorausgegangen, auf der auch
Sandra Kegels FAZ-Glosse zur #ActOut-Initiative (
Unser Resümee) kritisiert wurde, erzählt Swantje Karich in der
Welt. Als kurz darauf Thierses Artikel erschien, fühlte sich die SPD-Spitze in vorauseilendem Gehorsam aufgerufen, ein Entschuldigungsschreiben an die LGBTI-Community zu schicken. Thierse wiederum antwortet nun in einem Schreiben, das der
Welt vorliegt: "'Nun aber lese ich, dass die Vorsitzende (und ein stellvertretender Vorsitzender) meiner Partei meinen, sich meiner
öffentlich schämen und sich von mir distanzieren zu müssen.' Thierse bittet Esken, ihm ebenso öffentlich, wie dieser Brief gemeint ist, mitzuteilen, ob sein Bleiben in der gemeinsamen Partei weiterhin wünschenswert oder eher
schädlich sei. Er fordert also Saskia Esken auf, sich für oder gegen ihn zu entscheiden, den Daumen zu heben oder zu senken."
Ebenfalls in der
Welt kommentiert Thomas Schmid knapp: "Man kann es nicht fassen, mit welcher Rücksichtslosigkeit Angehörige des SPD-Vorstands einen altgedienten Genossen fallen lassen, um sich
im queeren Milieu lieb Kind zu machen. Das ist
unanständig. Und dumm. Die SPD versuchte in der Vergangenheit meist, liberal zu sein, aber auch jene Schichten zu vertreten, die nicht an der Spitze des Wertewandels marschieren. Dieses Konzept war nicht nur erfolgreich, sondern auch richtig. Auch wenn es damals noch nicht gebräuchlich war, das Wort dafür heißt:
Inklusion."
Willy Brandt hätte heute vermutlich keine Chance mehr in der SPD und auch viele WählerInnen haben zunehmend das Gefühl, die SPD schaue auf sie herab,
schreibt Stephan-Andreas Casdorff im
Tagesspiegel: "Der Anspruch mutet
totalitär genug an: Nur wer das Richtige denkt, sei es auch bloß vermeintlich und vor allem von einer imaginären Mehrheit geteilt, darf reden." Und in der
FR beklagt Klaus Staeck den Übergriff der sozialen Medien auf die Mehrheiten.
Relativ mild
reagiert Alfonso Pantisano, Landesvorsitzender der SPDqueer Berlin, in der
taz: Er hätte die Debatte
für nicht mehr notwendig, für überwunden erachtet. Doch ich hatte mich getäuscht. Gut, dass wir nochmal darüber reden." Für
FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube offenbart der Streit vor allem viel über den
betrüblichen Zustand der SPD, und er zitiert den Staatsrechtler
Christoph Möllers, selbst SPD Mitglied: "Hier kämpfen keine Flügel um Gestaltungseinfluss, sondern Individuen an der
versiegenden Quelle relevanter Posten angesichts der nahenden Oppositionsrolle."