Magazinrundschau

Ich bin die einzige Frau hier

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
03.04.2018. Il Mulino erforscht die Ideologie des Chavismus in Venezuela. Die LRB feiert den Pullover für Frauen. Die Romanischen Studien erklären, warum die Poststrukturalisten 1968 so alt aussahen. In Cinema Scope erklärt Paul Schrader, warum er den Tarkowski-Ring nicht überschreitet. Der New Yorker porträtiert die pakistanische Dokumentarfilmerin Sharmeen Obaid-Chinoy. Im New Statesman erklärt John Gray, wie die 68er den Kapitalismus retteten. 

Il Mulino (Italien), 01.04.2018

Claudio Giunta ist nach Venezuela gereist, um sich selber ein Bild von der maroden Lage des Landes zu machen. Er spricht unter anderem mit der einstigen hohen Beamtin Julia (die von Chavez geschasst wurde und die bereit ist, Giunta Auskunft zu geben, obwohl sie als typisch venezolanischer Opernfan nicht verstehen kann, dass er nicht weiß, wer Renata Tebaldi ist). Julia spricht vom Krieg des Chavismus gegen die Unternehmer, "der ein Symbol hat: Lorenzo Mendoza, den Chef der Empresas Polar, des größten Lebensmittelkonzerns des Landes mit mehr als 30.000 Arbeitnehmern. Mendoza war eine der Zielscheiben der antikapitalistischen Kampagne von Chavez, nur dass das Bild von einem, der das Volk aushungert, das Chavez ihm aufdrücken wollte, niemanden überzeugt hat, denn Polar produziert das Bier, das alle in Venezuela trinken und das Pan-Mehl, das alle benutzen um das Nationalgericht, die 'Arepas', die typischen Maisfladen, zuzubereiten. Und Mendoza bleibt einer der beliebtesten Männer des Landes, wenn nicht sogar eine der wenigen Hoffnungen auf eine Alternative zu Maduro. Aber was die üble Nachrede von Chavez nicht vermochte, richteten dann die Gesetze an, die sich der Ideologie des Chavismus verdankten. Polar importiert wie alle venezolanischen Industrieunternehmen die meisten Rohstoffe aus dem Ausland und zahlt in Dollar. Aber die Regierung kontrolliert die Währungen, und die Regierung hat es den Unternehmen immer schwerer gemacht, Dollars auf dem Markt zu finden. Mendoza und die Oppositionschefs haben gegen diese Strangulierung der Unternehmen, wie sie es nennen, protestiert. Maduro - so hat es die Financial Times am 17. März 2017 berichtet - hat Mendozoa daraufhin geraten, seine Fabriken dem Staat zu überlassen: 'Wenn du nicht fähig bist, deine Firmen zu betreiben, dann gib sie den Leuten, die das können.'"
Archiv: Il Mulino

London Review of Books (UK), 03.04.2018

Am interessantesten ist Kleidung, wenn Frauen es nicht darauf anlegen, Männern zu gefallen, sondern gesellschaftlich zugleich hineinzupassen und herauszustechen. Das lernt man von Virginia Woolf und Isabelle Huppert, schreibt Rosemary Hill in einem sehr schönen Essay. Überhaupt war das Jahr 1925, als Woolfs "Mrs Dalloway" erschien, ein wichtiges Jahr für die Geschichte weiblicher Kleidung: "Ein anderes wichtiges Erzeugnis von 1925 war der Pullover für Frauen. Heute taugt er in keiner Garderobe mehr als besonders aufregendes Stück, doch damals war er revolutionär. Ein Pullover wird über den Kopf an- und ausgezogen, und die Person, die zieht, ist auch die, die den Pullover trägt. Klar. Aber bis dahin war es Frauen über ein Jahrhundert lang unmöglich gewesen, sich selbst an- oder ausziehen. Die reichen Frauen hatten ihre Zofen, die armen hatten sich gegenseitig, aber die Spitzen, Haken und Ösen, das Zuknöpfen am Rücken erforderte Hilfe. Das galt für Männer nicht. Ein Überbleibsel, eine archäologische Spur lässt die unterschiedliche Geschichte im Einkleiden von Männern und Frauen noch heute erkennen: Die Konvention, dass Frauenkleider die Knöpfe links haben, diente zur Erleichterung der meist rechtshändigen Ankleiderinnen, während Männer Knöpfe rechts haben, um sich selbst zu behelfen."

In einem riesigen Report untersucht James Meek das britische Gesundheitssystem NHS, das einerseits kurz vor dem Kollaps steht, andererseits vor einer echten Revolution und beide Realitäten nicht mehr ganz zusammenbringt:  "Im ersten Universum soll das NHS so umorganisiert werden, dass die meisten Menschen künftig zu Hause oder in ihrer unmittelbaren Umgebung versorgt werden, während nur noch Patienten mit schweren Traumata oder mit Krankheiten, die intensive Pflege, komplexe chirurgische Eingriffe oder biochemische Fachkenntnisse erfordern, in große Krankenhäuser aufgenommen werden. Die großen Krankenhäuser sollen indessen zu Forschungszentren mit Spitzentechnologie, raren Techniken und dramatischen lebensrettenden Interventionen umfunktioniert werden. Alles andere soll auf kommunaler Ebene behandelt werden. Unter der lockeren Führung von Simon Stevens, dem Kopf des NHS England, werden die Gelder, das Personal und neue Investitionen auf die Erstversorgung ausgerichtet - Hausärzte, Gemeindepfleger, aufgebesserte lokale Kliniken, kurz: Systeme um die chronisch Kranken daheim zu behandeln. Im zweiten Universum herrscht eine gegenteilige Wirklichkeit: Die Realität des Winters, die Realität der Not, die Realität einer stetig wachsenden Zahl gebrechlicher, älterer Menschen, die die letzten Zufluchtsstätten überschwemmt, die Notdienste."