Magazinrundschau

Kobolde des Zweifels

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
18.09.2012. In Wired singt der Science-Fiction-Autor William Gibson ein Loblied aufs Internet. Der Merkur seziert die zertifizierte Brillanz des Experten. Vanity Fair darf mit Barack Obama auf den besten Ort des Weißen Hauses. Die polnische Jugend ist tiptop, versichert Polityka, man sehe nur den wohlinformierten Protest gegen Acta. In Newsweek erklärt Ayaan Hirsi Ali, was für Ost und West die größte Blasphemie ist: die Emanzipation der Mädchen. Film Comment porträtiert den österreichischen Regisseur Peter Kubelka. Moisés Naím hofft in Letras Libres, dass Venezuela einmal so demokratisch wird wie Chile

Wired (USA), 13.09.2012

Geeta Dayal hat sich mit Science-Fiction-Autor William Gibson (@) so ausführlich unterhalten, dass das Gespräch in drei Lieferung erfolgt (hier Teil 2, hier Teil 3). Neben Gibsons Wurzeln im Punk, Herausforderungen der literarischen Futurologie und Gibsons Ansichten zu den sozialen Medien (in nuce: Twitter schlägt Facebook) dreht sich das Gespräch auch um das Internet als Wissensquelle. Anlass ist seine frühere, mittlerweile nicht mehr weiterverfolgte Begeisterung für mechanische Uhren (hier Gibsons Essay von 1999 dazu): "Ich wollte völlig ohne Anlass einfach wirklich viel über eine Sache wissen. ... Es war ein großer Spaß - ich habe damals einige ganz außergewöhnlich sonderbare Leute kennengelernt. Keine dieser Erfahrungen wäre möglich gewesen ohne das Internet. Früher musste man, wollte man auf wirklich wahnsinnige Weise etwas über eine Sache wie diese wissen, selber grundsätzlich wahnsinnig sein - du musstest die Welt bereisen, andere Leute finden, die hinreichend verrückt waren, um alles zu wissen, was es darüber zu wissen gab. Das war schwer zu bewerkstelligen, und zum Großteil reine Glückssache, weil die Anzahl solcher Leute von vornherein niedrig war. Doch heute kann man ein Jugendlicher in einer Stadt im brasilianischen Hinterland sein, der eines Morgens aufwacht und sich denkt: 'Ich möchte alles über rostfreie Sportuhren aus Stahl aus den 50er Jahren wissen.'' Und wenn man sich dann wirklich hinsetzt, im Internet, könnte man sich im Laufe eines Jahres ein Wissen aneignen, das einem Universitätsabschluss in diesem kleinen, sinnlosen Feld entspricht. Ich habe definitiv viele Leute getroffen, die sich ein Äquivalent dieses akademischen Grads angeeignet haben."
Archiv: Wired
Stichwörter: Soziale Medien, 1950er

Merkur (Deutschland), 17.09.2012

Das Doppelheft des Merkurs widmet sich dem allseits herangezogenen Experten. In der Finanzwirtschaft, erklärt der Ökonom Michael Streeck, ist ein Experte jemand, der in keiner Notregierung mehr fehlen darf - und im Dienst von Goldmann Sachs steht: Larry Summers, Robert Rubin und Hank Paulsen in den USA, in Europa Lucas Papademos, Mario Draghi und Mario Monti: "Die Böcke als Gärtner und die Brandstifter als Biedermänner? Ist das, was sie angerichtet haben, tatsächlich derart, dass nur sie es wieder entwirren können? Oder ist, was als Rettung deklariert wird, in Wirklichkeit eine Schlüsselübergabe an übermächtig gewordene Belagerer, verbunden mit ergebenen Bitten um milde Behandlung? Es trifft zu, dass die meisten nicht durchschauen, was die 'Super-Marios' treiben - ob sie uns 'retten' wollen oder die, denen sie nahestehen, und ob sie tatsächlich dem Abschöpfen abgeschworen und sich dem Wertschöpfen zugewandt haben. Da es um Geld geht - um Kredite, Zentralbanken, Leistungsbilanzen usw. -, lässt sich die Sache nur allzu leicht durch Verwissenschaftlichung mystifizieren: viel zu kompliziert für Otto Normalverbraucher, mit seiner drei minus in Mathe. So viel von Harvard, Columbia e tutti quanti zertifizierte Brillanz kann nur bewirken, dass man sich geradezu lächerlich vorkäme, wenn man gegen sie auf dem eigenen gesunden Menschenverstand bestünde."

Ekkehard Knörer denkt sehr grundsätzlich darüber nach, wie sich mit dem Medienwandel auch die Position des Kritikers verändert. Eine Demokratisierung der Kritik droht seiner Ansicht aber ebenso wenig wie ein allgemeiner Niveauverlust: "Allerdings multipliziert und fragmentiert sich die Öffentlichkeit endgültig zu Öffentlichkeiten, der Kanonkonsens zu Wertegemeinschaften mit untereinander nicht vereinbaren Urteilskoordinaten. Die Tätigkeit der Kritik wird dabei nun klarer erkennbar als das, was sie stets war: ein Sprachspiel, in dem einzelne in Expertenfunktion Urteile fällen, die klingen, als gälten sie für die Allgemeinheit."

Weiteres: Christian Demand erkennt in der Architekturkritik eine Tendenz zur "bürgerlichen Bausündenschelte" und plädiert für eine ästhetische Erziehung, die lehrt, "die Welt auch dort auszuhalten, wo sie sich den eigenen ästhetischen Präferenzen gerade nicht fügen will". Rudolf Burger befasst sich mit der Futurologie der siebziger Jahre.
Archiv: Merkur